22.06.1987

„Nur noch unverständliches Grunzen“

Designer-Drogen - die gefährlichste Generation der Rauschgifte *
Das Wort stammt vom kalifornischen Hochschullehrer Gary Henderson und beschreibt, so Baden-Württembergs oberster Kriminalbeamter Kuno Bux, "das verdammteste Zeug, das überhaupt vorstellbar ist" - die sogenannten Designer-Drogen.
Sie enthalten keine natürlichen Basisstoffe mehr, etwa aus Mohnpflanzen, sondern werden rein synthetisch hergestellt. Grundsubstanzen für diese jüngste und bislang gefährlichste Generation der Rauschgifte sind Stoffe, die illegal oder legal gehandelt werden und deren Gebrauch im deutschen Betäubungsmittelgesetz geregelt ist.
Die chemische Zusammensetzung der Stoffe wird in Untergrund-Laboratorien geringfügig geändert - eine Arbeit für Profis. Der Tübinger Pharmazie-Professor Karl-Artur Kovar: "Anders als bei den herkömmlichen Drogen liegt die tödliche Dosis oft schon im Mikrogrammbereich."
Bisher sind als Designer-Drogen, die geraucht, geschnupft, geschluckt oder gespritzt werden können, chemische Abkömmlinge ("Derivate") vier verschiedener Stoffgruppen bekannt: *___Fentanyl, ein hochwirksames Analgetikum, das weltweit ____als Narkosemittel eingesetzt wird. 32 Derivate sind auf ____dem illegalen Markt, über 1000 Variationen sind ____möglich. *___Meperidin oder Pethidin, unter dem Namen Dolantin als ____Schmerzpräparat bekannt, geben nach bisherigem Wissen ____etwa zehn Varianten her. *___Amphetamin-Derivate gelten hierzulande als derzeit ____größtes Problem. Bislang sind zehn in der Szene ____aufgetaucht. *___Phencyclidin (PCP), als Beruhigungsmittel für ____Schlachtvieh im Handel, ermöglicht mehr als 30 ____Verbindungen.
Die ersten Mißbräuche von PCP wurden in den USA bereits Ende der sechziger Jahre gerichtsbekannt. Andere Designer-Drogen kamen um 1975 in Mode, seit etwa 1982 rollt drüben die Welle der superharten Gifte. Längst betrachtet die Suchtstoff-Kommission der Vereinten Nationen die Designer-Drogen als "ernsthafte Herausforderung"; sie sind Thema der ersten Weltdrogenkonferenz, die Mittwoch letzter Woche in Wien begann.
Auch in der Bundesrepublik, so das Stuttgarter Landeskriminalamt, sei "das Aufkommen" der Designer-Drogen inzwischen "nicht mehr zu übersehen". Vor allem das MDMA, das dem mittelamerikanischen Pflanzenextrakt Meskalin sehr ähnlich ist, findet "zunehmend Verbreitung in der Drogenszene", resümiert ein Bericht des Bundesgesundheitsministeriums.
Dieser Amphetamin-Abkömmling, bereits 1914 vom Darmstädter Pharmaunternehmen Merck zum Patent angemeldet, ist seit dem 1. August 1986 unter die Vorschriften des Betäubungsmittelgesetzes gestellt. Er wird als "XTC" oder "Exstasy" mittlerweile bundesweit ge-dealt, derzeitiger Schwarzhandelspreis pro Kapsel: um die 60 Mark.
Den bislang größten Fund entdeckten Beamte des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes im September vergangenen Jahres: Bei Landau nahmen sie ein Labor aus und stellten vier Kilogramm MDMA und das verwandte MDA sicher - genug, um etwa 50000 Einheiten auf den Markt zu werfen. Vorletzte Woche erst wurden in Radolfzell am Bodensee ein MDMA-Produzent und drei Dealer festgenommen.
Im schwäbischen Hildrizhausen bei Böblingen verhaftete die Kripo einen Hobbychemiker, der Tausende Trips des LSD-ähnlichen Rauschgiftes DOB hergestellt hatte - ein Stoff, der in Schülerkreisen zwischen Abziehbildern versteckt verkauft wird und "unberechenbare psychische Zustände schafft" (Frankfurts Staatsanwalt Harald Hans Körner). Auch die Substanz DOM, als "Super-LSD" oder "Acid" gedealt, wird in deutschen Labors gekocht.
Fentanyl ist in den letzten Monaten zwar gleich literweise aus Krankenhäusern gestohlen worden, Derivate aber sind bisher nur vereinzelt aufgetaucht. In den USA werden Abkömmlinge verkauft, die, so weiß Stuttgarts Rauschgift-Spezialist Klaus Mellenthin, "auf dem besten Weg sind, Heroin zu verdrängen". Dieses "Persian white", "China white" oder "World's finest heroin" ist preisgünstiger und erzielt starke Wirkung.
Die bisher gefährlichste synthetische Droge allerdings heißt "Carfentanil". Kovar über das hochgiftige US-Produkt: "Es ist 7500mal stärker als Morphin." Wegen dieser enormen Konzentration könne, vermutet der Tübinger Spezialist, schon einmaliger Mißbrauch zur Abhängigkeit führen.
Statistisch gesehen, machen andere harte Rauschgifte nicht so schnell süchtig: Heroin nach siebenmaligem Gebrauch, so Kovars Erfahrung, und Kokain gar erst nach 30 Portionen.
Zur Suchtgefahr kommt bei den synthetischen Stoffen unmittelbare Todesgefahr. Die Produzenten haben, wenn sie nicht ausgebuffte Profis sind, die Synthese kaum im Griff. Der Rauschgiftexperte der Heidelberger Polizei, Bernd Koberstädt: "Schon geringe Schwankungen der Herstellungstemperatur können neuartige Substanzen hervorbringen, die extreme Nebenwirkungen haben."
Es kommt - nach euphorischen und halluzinogenen Effekten - zu schweren Depressionen, schizophrenieähnlichen Zuständen und Atemlähmungen, der vollgepumpte Süchtige gerät zum Zombie. "Wie Roboter, deren Steuerelektronik verrückt spielt, staksen sie rast- und ziellos durch die Gegend", beschreiben Drogenfachleute die PCP-Opfer, "ihre Augäpfel quellen hervor, das Sprechvermögen reduziert sich auf ein unverständliches Grunzen."
Der Berliner Drogenspezialist Bernd Georg Thamm hält es für "eine gespenstische Vorstellung, daß sich eine illegale Pharmaindustrie dieser tödlichen Produkte annehmen könnte". Herbert Ziegler von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren sieht einen "eindeutigen Trend hin zu den Designer-Drogen".
Doch diese Stoffe sind derzeit nach Ansicht des Bundesgesundheitsministeriums "insgesamt gesehen kein Problem". Bisher seien, so der zuständige Regierungsdirektor Helmut Butke, "nur Einzelfälle bekannt, die von der Polizei geradezu als Leckerbissen verkauft werden".
Dennoch will die Regierung handeln. Alle in den USA bekannten Designer-Drogen sollen in die Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes aufgenommen werden, wahrscheinlich zu Beginn des kommenden Jahres.
Und um dem "kriminellen Spezialisten den spezialisierten Kriminalbeamten entgegenzusetzen" (Bux), wurde im Herbst vergangenen Jahres beim Stuttgarter Landeskriminalamt ein für Westeuropa einmaliges Fachressort geschaffen: das Dezernat "Synthetische Drogen" (SyDro). Es besteht aus sechs Beamten des gehobenen Dienstes, vom Kommissar an aufwärts.
Zwei Wochen lang gingen die SyDro-Fahnder bei Kovar ins Seminar, paukten mit Kollegen aus Bremen, Berlin, Hannover, Wiesbaden und der Schweiz Chemie in Grundzügen, bauten mit bunten Stäbchen Molekularstrukturen nach und kochten allerlei giftiges Zeug zusammen. Kovar: "Wir haben alles produziert, was möglich ist - vom Crack über LSD bis zu Amphetamin-Derivaten." Diese Ausbildung mit Schutzbrille und weißen kohlefaserverstärkten Wegwerf-Anzügen sei "deshalb so wichtig", sagt Mellenthin, "weil die reinen Kunstprodukte hochexplosiv und eminent toxisch sind. Man muß wissen, womit man es zu tun hat, wenn ein Labor durchsucht wird". Winzige Partikel genügten bereits, weiß er von US-Kollegen, "um tödliche Krankheiten zu initiieren", ein zu heftig geschüttelter Kolben könne "einem ganz schön um die Ohren fliegen".
Kritik, er dramatisiere alles und wolle sich nur profilieren, weist der erfahrene Kriminalist zurück. Mellenthin: "Vielleicht werden wir in ein paar Jahren nostalgisch auf die Heroinwelle der siebziger und achtziger Jahre zurückblicken."

DER SPIEGEL 26/1987
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