20.07.1987

FILMManns Muse

„Francesca“. Spielfilm von Verena Rudolph. Deutschland 1987; 93 Minuten; Farbe. *
In Verena Rudolphs erstem langen Film "Francesca" spielt eine Abwesende die Hauptrolle. "Francesca" ist die fiktive Lebensgeschichte einer Schauspielerin und Mystikerin, deren Weg von einem bayrischen Kloster in ein italienisches Gebirgsnest führt, wo sie wie eine Heilige verehrt wird. Ihre Biographie wird von Freunden und Bekannten, Neidern und Exzentrikern erzählt. In diesem Porträt - einem Mosaik aus Dokumentation und Fiktion - vermischen sich Erinnerungen an Francesca mit Visionen; Religion ist allgegenwärtig, Mystizismus, Geister- und Wunderglaube sind nah. Francesca, der man wegen ihrer Engelserscheinungen auch den Beinamen "degli angeli" gab, fuhr als Heilige in den Himmel auf. In südlichen Regionen Italiens, in jenem Landstrich Carlo Levis, wohin Christus nie gelangt ist, lebt Francesca als Schutzengel der Armen und als Wundertätige fort.
Aufgezogen wurde das Findelkind von Nonnen bei Dingolfing. Sie reden von ihr jetzt noch als einer biestigen, aber auch unschuldigen Elfe. Die Erinnerungen an Francesca erheitern ihre tägliche Fron im Bügelzimmer oder im Gemüsegarten. Francescas Adoptivmutter Gräfin von Ammersberg, schwärmt von ihr als einer begnadeten Cellospielerin und herrlichen Sängerin.
Der Schauspieler Werner Krauss soll zu ihr gesagt haben:"Du bist ein Engel. Du bist ein Teufelsweib." In seiner Garderobe erinnert sich Bernhard Minetti mit Lust an ihr schauspielerisches Talent. Francesca war die Muse von Thomas Mann und Hofmannsthal. Karl Valentin habe sie, so wird berichtet, aus seiner Nummer geworfen, weil er eifersüchtig auf das bezaubernde Wesen war. Fellini schließlich hat sie in einem italienischen Irrenhaus entdeckt und im Reigen seiner monströsen und pittoresken Figuren auftreten lassen: "Stationen eines wildbewegten Lebens" (Verena Rudolph). Francesca war Varietekünstlerin, Abenteurerin und Hure, ehe sie Heilige wurde. "Francesca", sagt Verena Rudolph, sei einfach die Sehnsucht des Menschen nach dem Abnormen, Außergewöhnlichen.
"Francesca" ist ein Werk der Kontraste: Der Film setzt behutsam in kargen, fast monochromen Bildern die Gefühle mediterraner Melodien frei. Lichtkontraste prägen die Szenerie, das Gegenüber von außen und innen, warm und kalt, Pomp und Armut.
"Francesca" hat wichtige Impulse von dem großen Gaukler Fellini empfangen, der einmal gesagt hat: "Der einzige wahre Realist ist der Visionär." Da im Kino alles schon dagewesen ist, wird es nur im Glücksfall wieder neu erfunden. In diesem Sinn ist Verena Rudolph mit "Francesca" sogar ein kleines Wunder gelungen: ein deutscher Spielfilm, den man sich ohne Pein ansehen kann.
Michael Fischer
Von Michael Fischer

DER SPIEGEL 30/1987
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