07.12.1987

DIPLOMATIEBlow up

Außenminister Hans-Dietrich Genscher will jetzt die Vorgänge in der berüchtigten „Colonia Dignidad“ in Chile energisch aufklären. *
Hans-Dietrich Genscher war beeindruckt. Horst Kullak-Ublick, Bonns Botschafter in Chile, den Genscher als "einen sonst eher zurückhaltenden Mann" kennt, hatte ihm am vergangenen Donnerstag sichtlich bewegt die Zustände in der "Colonia Dignidad" geschildert, jenem 3000 Hektar großen Arbeitslager am Westrand der chilenischen Kordilleren, in dem seit über 25 Jahren bis zu 300 Deutsche hinter Stacheldraht von ihrem Anführer Paul Schäfer ausgebeutet und mißhandelt werden.
Kullak-Ublick, nach einem Ortstermin im Lager Anfang November von Genscher ins Auswärtige Amt gerufen, berichtete von den jüngeren Lagerinsassen, die ihm wie "Roboter" vorgekommen seien, von einem Leben mit der Arbeit als Daseinsmitte, ohne Entgelt und freie Tage, von der dämonischen Figur des Lagerleiters Schäfer, der uneingeschränkte Macht besitze.
Der Botschafter erläuterte auch, warum sich all seine Vorgänger so viele Jahre so passiv verhalten hätten, trotz vielfacher Hinweise und Informationen über Folter, Freiheitsberaubung, Unzucht des homosexuellen Schäfer mit Abhängigen. Es sei auch jetzt noch außerordentlich schwer, gerichtsverwertbare Beweise zu erlangen.
Unerwähnt blieb jedoch, daß Bonns Diplomaten erst aufgeschreckt wurden, _(Colonia-Freizeit-Anlage bei Bulnes mit ) _(bayrischer Raute und weißblauer Fahne. )
als CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm nach seiner Chile-Reise in diesem Sommer die Mißstände in der Kolonie zum Thema offizieller Anfragen beim FDP-Kabinettskollegen Genscher gemacht hatte.
In vertraulichen Papieren der Botschaft in Santiago, nach dem Colonia-Besuch Kullak-Ublicks, seiner Ehefrau und einiger Mitarbeiter verfaßt, heißt es, die dort lebenden Landsleute würden unausgesetzt drangsaliert, Verletzungen der Menschenrechte seien an der Tagesordnung, Verstoße gegen das Grundgesetz üblich. Die Deutschen dienten als Werkzeuge des Lagerhalters Schäfer, der sie jeglicher individueller Freiheit beraube. Aufgrund rücksichtsloser Ausbeutung der Lagerinsassen sei Schäfers Kolonie ein florierendes Wirtschaftsunternehmen, die Wertschöpfung ungeheuer groß.
Weitab der Siedlung, in der Gegend um Temuco im Süden Chiles, habe Schäfer, so die Berichte, Colonia-Angehörige in einem ausgetrockneten Flußbett ganz erhebliche Mengen Gold graben lassen. Die Kolonie verfüge auch über Schürfrechte für Titan, begehrtes Metall in der Flugzeug- und Rüstungsindustrie.
In Bulnes, rund 80 Kilometer vom Hauptgelände des Lagers entfernt, arbeiten ständig 16 bis 20 Personen in einem Restaurationsbetrieb der Kolonie samt Festzelt und Freizeit-Anlage. Am Wochenende werden zusätzlich etwa 40 Lagerinsassen zur Arbeit nach Bulnes geschickt, die Frauen schaffen in der Küche, die Männer kellnern.
Bei ihrem Ortstermin interessierten sich die deutschen Behördenvertreter aus Santiago auch dafür, woher die Kolonie, in der nach Schäfers Willen die Geschlechter getrennt leben müssen, heute ihren Nachwuchs erhält.
In der Kinderabteilung des Krankenhauses, in dem Chilenen der Umgegend betreut werden stießen die Diplomaten im ersten, großen Saal auf durchweg gutgenährte Kinder, die nicht den Eindruck machten, krank zu sein. Im Gespräch habe Schäfer zugegeben, "hin und wieder" wurde ein Kind von seinen Eltern nicht abgeholt, diese Kinder würden dann in die Gemeinschaft aufgenommen.
Genscher ist zum Handeln entschlossen. Noch in diesem Jahr soll in der Kolonie ein zweiter sogenannter Konsularsprechtag abgehalten werden. Genscher: "Ich will Ereignisse schaffen", die Menschen dort sollen nicht glauben, daß sie nach der Botschafter-Visite in Vergessenheit geraten.
Sobald wie möglich soll sich auch eine vom Auswärtigen Amt berufene Untersuchungskommission mit internationaler Besetzung Zutritt zum Lager verschaffen. Zur Kommission sollen gehören: *___der pensionierte deutsche Botschafter Johannes Marre, ____der sich in Uruguay einen Namen als Verfechter von ____Demokratie und Menschenrechten gemacht hat; *___ein Beauftragter des zuständigen ____nordrhein-westfälischen Justizministeriums, der mit dem ____Stand der staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen die ____Leitung der Kolonie vertraut ist; *___ein Psychologe, der die Zustände im Lager analysieren ____und Vorschläge ausarbeiten soll, wie den jahrelang ____strikt isolierten Menschen geholfen werden kann, sich ____in der Welt draußen zurechtzufinden; *___der katholische Bischof Emil Stehle, Geschäftsführer ____von "Adveniat" und zugleich Bischof der ____ecuadorianischen Erzdiözese Quito, ein Mann mit bestem ____Renommee in der katholischen Welt Südamerikas.
Der Außenminister: "Stehle hat drüben einen Ruf wie Donnerhall." Wenn der Bischof mitkomme, könnten die chilenischen Regierungsstellen nicht argumentieren, unerwünschte Offizielle aus dem fernen Deutschland mischten sich in die inneren Angelegenheiten des Landes ein.
Danach will das Auswärtige Amt eine zweite Kommission entsenden, die sich, geleitet vom deutschen Konsul in Santiago, Dieter Haller (Genscher: "Ein sehr guter Mann"), vor allem der verworrenen Rentenlage der Lagerinsassen widmen soll. Das Bonner Arbeitsministerium wird gebeten, einen Rentenfachmann mitzuschicken. Die Botschaft hat Hinweise, daß Rentenzahlungen aus der Bundesrepublik, monatlich zwischen 30000 und 50000 Mark, die Berechtigten nicht erreichen, sondern über ein Sammelkonto der Kolonie in Schäfers Hände gelangen.
Die Kommissionsmitglieder wollen auf normalem Weg nach Chile reisen. Das chilenische Außenministerium wird lediglich informiert, daß keine hoheitlichen Akte vorgenommen wurden, es allein um fürsorgliche Tätigkeit für deutsche Staatsangehörige gehe.
Sollte sich das Regime des Diktators Augusto Pinochet, von Anfang an einer der Förderer von Colonia Dignidad, dennoch querlegen, dann, so Genscher, werde es bei der geschärften Aufmerksamkeit in aller Welt für die Vorgänge in dem Lager "einen ungeheuren Blow-up geben".
Colonia-Freizeit-Anlage bei Bulnes mit bayrischer Raute und weißblauer Fahne.

DER SPIEGEL 50/1987
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