20.07.1987

ZEITGEISTLenin am Po

Hammer und Sichel erobern den Westen - als Mode-Gag auf Badehosen und T-Shirts wie auf Werbeplakaten für"verliebte Balalaiken“. *
Die Inserate in "Tempo" und "Bravo" versprachen wahrhaft Revolutionäres: "Kleider in Bewegung" offerierte ein weithin unbekanntes Hamburger Modehaus namens "Marks & Mao".
Zu Hunderten melden sich seit Wochen Interessenten bei Wolfgang Stach, 41, dem Inhaber des alternativen Hinterzimmer-Versandes. Viele sind durch die Annonce "neugierig gemacht" worden, andere bestellen die Ware spontan und unbesehen: "Das ist'n geiles Stück."
Die Sortiment-Idee, die den Nachfrage-Boom ausgelöst hat und Unternehmern wie Stach ungeahnten Aufschwung beschert, ist ausgerechnet der Sowjet-Union entlehnt: Hammer und Sichel, roter Stern und Lenin-Konterfei sind in dieser Saison heiß begehrt bei Jugendlichen und in der Schickeria - auf Jacken und Badehosen, Hemdchen und Halstüchern, auf Busen und Po.
Auch in der Werbe- und Musikbranche gilt Sowjetisches als umsatzfördernd - nicht erst seit Michail Gorbatschow, wie Umfragen ergaben, bei Westdeutschen populärer ist als Ronald Reagan (SPIEGEL 18/1987).
Seit Jahren schon ist auf dem westdeutschen Spirituosenmarkt ein Wodka namens "Gorbatschow" placiert. Auf Video-Clips, etwa von Elton John, paradieren nun Sowjetarmisten zu Rock-Klängen, und eine neue Pop-Formation mit dem Namen "Slava trudu" (Es lebe die Arbeit) wirbt für "verliebte Balalaiken" mit Postern, die der "Prawda"-Titelseite nachempfunden sind.
Russenzeug ist, wie Uwe Ohlrogge, 39, von der Berliner Boutique "run for fun" weiß, "plötzlich absolut in". Auf Umhängetaschen und Hosenträgern prangt, gelb auf rotem Grund, das kyrillische Sowjet-Kürzel CCCP, auf Lacktäschchen und Portemonnaies leuchten Hammer und Sichel. Das offizielle
Emblem verziert auch, als Brosche oder Button Jackenärmel und Hemdbrüste. Als besonderer Hit gelten Boxer-Shorts mit dem Staatssymbol: "Die sozialistischen Liebestöter", sagt Modehändler Stach, "gehen ganz heiß."
Renner sind, bei "Marks & Mao", beim konkurrierenden Hamburger "Outline"-Versand wie auch im Nürnberger "Public Tricot", T-Shirts mit Sowjet-Aufdrucken. Der Run auf Baumwollhemden mit halbem Arm und Lenin-Porträt oder Arbeiter-Parolen ("Du bist noch nicht Mitglied der Genossenschaft, trage dich sofort ein!") markiert den vorläufigen Endpunkt einer T-Shirt-Kultur, die während der fünfziger Jahre in den USA ihren Anfang nahm.
Nachdem Marlon Brando 1951 im Armee-Unterhemd vor die Filmkameras getreten war, machten Youngsters bald auch in Europa Brust und Rücken frei für politische und kulturelle Bekenntnisse, dem Zeitgeist stets angepaßt. Die amerikanischen "Stars & Stripes" wichen "Coke", "Uncle Sam" machte dem Konterfei von Che Guevara Platz. Auf "Join the army" folgte "Fuck the army".
Warum jetzt ausgerechnet Symbole des real existierenden Sozialismus einen neuen Boom auslösen, können sich auch die Händler kaum erklären. Ingo Freytag, 36, vom "Outline"-Versand bedauert, daß der rote Trend eine "rein modische Geschichte" geworden ist, und auch Anja Jäger, 23, von der Hamburger Boutique "Futura" sieht darin "kein politisches Geschäft". Mancher Kunde betont gar vorsorglich, daß er, so ein Manuel aus Kirchberg, "kein Freund der Sowjet-Union" sei.
Zunächst hatten sich Modemacher von den exotisch anmutenden kyrillischen Schriftzeichen animiert gefühlt. Dann drängten vorübergehend die kargen, klaren Schnitte des sogenannten Kosaken-Looks auf den klassischen Modemarkt. Daß darauf nun die neuen Sowjet-Accessoires folgen, erklären Marktkenner damit, daß die Embleme im westlichen Modeeinerlei zwischen Jeans und Jackett "zumindest originell" wirken und manchmal auch, wie ein Kunde im Hamburger "Sacco" sagt, "ein bißchen provokativ".
Der rote Schnickschnack kommt an bei Punkern wie bei Bankern, bei Kiddies wie bei Schickies. Die Kundschaft des Kreuzberger "run for fun" etwa reicht, wie Mitinhaber Ohlrogge sagt, "bis zu Leuten vom Tennisklub Rot-Weiß"-, für den auch Steffi Graf lopt. In die Läden des Hamburger Karolinenviertels, Heimat von Autonomen und, Alternativen, schleichen sich "auch ganz normale Popper" (Stach).
Das Berliner Modegeschäft "Molotow" bietet sogar Designer-Krawatten an, rot und schwarz. "mit Hammer und Sichel handbemalt". Ein Rechtsanwalt um die Ecke hat jüngst ein weißes Unikat bestellt: "Weil man im Gerichtssaal nur weiße Krawatten tragen darf."

DER SPIEGEL 30/1987
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