12.10.1987

„Mensch, jetzt haste Steuern verschwendet“

SPIEGEL-Interview mit dem Schwimmer Michael Groß über die kritisierten deutschen Spitzensportler Michael Groß, 23, gewann bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles jeweils zwei Gold- und Silbermedaillen, schwamm bislang zwölf Weltrekorde und wurde viermal Weltmeister. Groß studiert in Frankfurt Germanistik. *
SPIEGEL: Herr Groß, der Sportausschuß des Deutschen Bundestages hat zu einem öffentlichen Hearing am Mittwoch nach Bonn eingeladen. Thema: "Humanität im Spitzensport". Sie haben abgesagt. Warum?
GROSS: Erstens beginnt mein neues Semester, zweitens sehe ich nicht, was Politiker an den Verhältnissen im Spitzensport ändern könnten. Ein bißchen leger ausgedrückt: Daß sie die Förderungsgelder streichen und dafür jedem Bundesbürger ein Bier ausgeben wollen, ist ja wohl kaum beabsichtigt.
SPIEGEL: Offenbar gibt es immer noch Sportmediziner, denen die Dopingbestimmungen zu eng gefaßt sind. Nach Ansicht von Professor Josef Keul bestehen unter Fachleuten große Zweifel, ob es überhaupt gerechtfertigt sei, Diuretika und Testosteron auf der Dopingliste zu führen. Diuretika werden gewöhnlich bei Herz- oder Nierenschäden verabreicht, Testosteron ist ein männliches Geschlechtshormon. Eine Freigabe dieser Mittel könnte für Sportler verheerende Folgen haben, für Zündstoff ist bei der Diskussion in Bonn also gesorgt.
GROSS: Ich bin aus medizinischen und moralischen Gründen gegen pharmakologische Leistungssteigerung in jeder Form.
SPIEGEL: Seit sechs Jahren gehören Sie zur Weltspitze, halten Sie den heutigen Leistungssport noch für human?
GROSS: Vom Grundsatz her ja, entscheidend ist die Eigenverantwortung. Daß es immer wieder und in letzter Zeit vermehrt zu Auswüchsen gekommen ist, ist nicht dem Sport an sich anzulasten, sondern den Sportlern.
SPIEGEL: Die Diskussionen, die der Fall der verstorbenen Leichtathletin Birgit Dressel ausgelöst hat, waren dem Image des Leistungssports insgesamt nicht dienlich. Doch so sind ja offenbar die Verhältnisse.
GROSS: Nein, so sind sie eben nicht und deshalb habe ich auch einige kritische Einwände gegen die Dressel-Titelgeschichte im SPIEGEL. Der Artikel war ja im Prinzip richtig, aber es wurde viel zu sehr verallgemeinert. Ich wollte schon einen Leserbrief schreiben.
SPIEGEL: Leserbriefe sind immer willkommen. Was wollten Sie denn schreiben?
GROSS: Ihr Artikel hat mögliche Auswüchse aufgezeigt ...
SPIEGEL: ... das waren sehr reale Auswüchse.
GROSS: Ja, aber doch nur in einem Fall. Ganz allgemein bin ich der Ansicht, daß 95 Prozent aller Leistungssportler keine Dopingmittel nehmen.
SPIEGEL: Diese Einschätzung erscheint uns nun doch als etwas reichlich naiv. In der Fußball-Bundesliga zum Beispiel, das behauptet Toni Schumacher, ist der Prozentsatz der Dopinggegner wesentlich geringer. Von den Radsportlern gar nicht erst zu reden.
GROSS: Die Bundesliga-Profis müssen nicht zu Dopingkontrollen. Was ich, da bin ich mit Schumacher einer Meinung, für falsch halte. Bei uns werden nach jedem Endlauf drei Schwimmer ausgelost, die zur Urinprobe müssen. Für den Sieger gilt das sowieso, auch für denjenigen, der einen Weltrekord schwimmt. Die Chancen, beim Manipulieren erwischt zu werden, sind groß.
SPIEGEL: Das Publikum interessiert sich hauptsächlich für Sieger und weniger für deren gesundheitliche Dauerschäden. So beklagt das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time", daß "die US-Athleten nicht mehr länger als die Champions der Welt" gelten.
GROSS: Sportliche Mißerfolge tun den Amis noch mehr weh als uns.
SPIEGEL: Auch hierzulande war die Reaktion hysterisch, als die Leichtathleten, Springreiter, Ruderer und so weiter nicht die erhofften Medaillen geholt hatten.
GROSS: Die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichem Anspruch und der Wirklichkeit ist abenteuerlich. Etwa 120 Millionen Mark investiert Bonn jährlich in den Hochleistungssport, und dafür werden Siege nicht nur erwartet, sondern geradezu verlangt. Wenn du mal als zweiter auf dem Treppchen stehst, hast du schon das Gefühl: Mensch, jetzt haste Steuern verschwendet.
SPIEGEL: Was hat sich denn im internationalen Sport so verändert, daß die Deutschen in so vielen Disziplinen kaum noch konkurrenzfähig sind?
GROSS: In anderen Ländern ist die Professionalisierung des Sports viel weiter als bei uns. Außer den Fußball- und Tennis-Profis, zum Teil noch den Eishockeyspielern, studieren doch unsere Leistungssportler nebenher oder gehen ihrem Beruf nach.
SPIEGEL: Wie hätten Sie es gerne?
GROSS: Die Frage an unsere Gesellschaft ist doch ganz einfach: Gehen wir die Entwicklung mit oder betrachten wir den Sport weiter als herrliche Nebensache, für die unsere Athleten ihre Freizeit opfern und dankbar zu sein haben, daß ihnen die große Welt gezeigt wird.
SPIEGEL: Ihr Jahreseinkommen wird immerhin auf über 200000 Mark geschätzt.
GROSS: Ich habe auf die Optimalförderung der Deutschen Sporthilfe verzichtet, die potentielle Medaillenkandidaten im Monat mit 2000 Mark plus Auto unterstützt. Von der Sporthilfe erhalte ich monatlich 500 Mark für persönliche Aufwendungen, meine sonstigen Kosten werden entweder von meinem Offenbacher Verein bestritten oder von mir selbst. Daß ich nebenbei Werbung mache und damit Geld verdiene, bestreite ich ja nicht. Aber gut im Geschäft sind von uns Schwimmern nur Rainer Henkel und ich.
SPIEGEL: Sie haben unlängst eine Altersversorgung für Leistungssportler gefordert.
GROSS: Das wäre eine Möglichkeit der Absicherung, staatlich finanzierte berufliche Fortbildung nach Abschluß der Laufbahn wäre eine weitere. Ich finde es absolut hysterisch, ein Gezeter anzufangen, nur weil wir zuletzt ein paar Medaillen weniger als andere gewonnen haben. Aber wenn diese Gesellschaft von ihren Athleten Höchstleistungen und Siege erwartet, dann darf sie sie auch nicht im Regen stehen lassen. Ein Leistungssportler hat den Anspruch auf die gleichen sozialen Bedingungen wie ein Elektriker oder Schreiner.
SPIEGEL: Nun arbeitet auch ein Arbeitnehmer 40 Jahre oder mehr für seine Rente, während ein Leistungssportler allenfalls zehn Jahre aktiv ist und in dieser Zeit wie Sie, durchaus die Segnungen des Marktes wahrnimmt.
GROSS: Jeder Hochleistungssportler wendet in der Woche 30 bis 40 Stunden für den Sport auf. Dadurch verzögert
sich zwangsläufig seine Eingliederung in das Berufsleben. Für jeden, der keine Werbehonorare kassiert, weil er zum Beispiel eine weniger attraktive Sportart betreibt, muß ein Ausgleich geschaffen werden.
SPIEGEL: Sie reden immer davon, was die Gesellschaft dem Sport schuldig ist. Welchen Preis zahlen Sie, wie definieren Sie den Leistungssportler?
GROSS: Wenn der Staat ihn finanziert, steht er für das Leistungsprinzip der Gesellschaft, er ist ihr größtmöglichen Einsatz und Leistungsbereitschaft schuldig. Aber er ist ein Mensch und kein Roboter. Es wird wohl noch etliche Zeit dauern, bis es bei uns den Beruf Fechter oder Schwimmer gibt, dessen Einkommen sich nach den Gesetzen des Marktes regelt. Der gesamte Sport, nicht nur Fußball, Tennis, Golf oder Autorennen, muß von der Wirtschaft in viel stärkerem Maße als Werbepartner akzeptiert werden. Ich bin mir sicher, daß es so kommen wird, ein eigener Sportkanal im Fernsehen zum Beispiel würde das Interesse der Wirtschaft schon enorm steigern.
SPIEGEL: Und bis sich dann eines Tages der Berufssportler Fechter oder Schwimmer selbst ernähren kann, soll der Staat zahlen?
GROSS: Ich bin ja gar nicht der Meinung, daß nicht gewonnene Medaillen etwas über die Leistungsfähigkeit unseres Gesellschaftssystemes aussagen. Ich betrachte das alles viel gelassener und distanzierter. Aber wenn die sportlichen Mißerfolge beinahe zu einer nationalen Schande hochstilisiert werden, dann müssen eben Konsequenzen gezogen und die Sportler in einem viel größeren Ausmaß unterstützt werden. Von allen Seiten über die Medien nur Druck auf die Sportler auszuüben ist mir zu billig.
SPIEGEL: Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß beklagt häufig die seiner Meinung nach zu kritische Berichterstattung in den Medien. Das führe, wie er sagt, zu einem zu hohen Anspruchsdenken bei den Sportkonsumenten. Teilen Sie die Ansicht, empfinden Sie es als Druck?
GROSS: Für die Boulevardblätter zählt nur das Entweder-Oder, und daran orientieren sich dann auch die anderen Zeitungen. Leider mußte ich zum Beispiel während der Europameisterschaft selbst bei der seriösen "Frankfurter Allgemeinen" feststellen, daß mein zweiter Platz über 100 Meter Schmetterling eine meiner größten Niederlagen gewesen sein soll, obwohl ich in dem Rennen die zweitschnellste Zeit meines Lebens geschwommen war.
SPIEGEL: Einerseits propagieren Sie den totalen Professionalismus, andererseits beklagen Sie sich darüber, daß Sie nach reinen Leistungskriterien bewertet werden. Da hakt''s ja wohl ein bißchen.
GROSS: Die deutschen Sportjournalisten sind zu wenig mit der Materie vertraut, das werfe ich ihnen vor. Ich habe bisher allenfalls eine Handvoll kennengelernt, die ich als kompetente Gesprächspartner für den Schwimmsport akzeptiere. Manche fragen mich, wann ich geboren bin oder so''n Stuß. Daß ich dann ziemlich schroff entgegne: Können Sie nicht wenigstens mal ins Archiv schauen, bevor Sie ein Interview mit mir machen, ist ja wohl normal.
SPIEGEL: Mal waren Sie der "Stockfisch", mal der "Flegel von Bahn vier". Stört Sie an den Sportjournalisten nicht doch am meisten, daß die nicht immer zimperlich mit Ihnen umgegangen sind?
GROSS: Das zu schreiben war in einzelnen Fällen durchaus legitim. Ich besitze eine konstruktive Kritikfähigkeit, ich habe die Bereitschaft, mein Verhalten zu überprüfen und aus Fehlern zu lernen. Aber, um es mal ein bißchen vergröbert auszudrücken: Wenn ich schlecht geschwommen habe, dem Anspruchsdenken der Gesellschaft nicht genügte, bin ich deswegen doch kein schlechter Mensch.
SPIEGEL: "Arrogant, eitel, amateurhaft, im bürgerlichen Leben gescheitert, geltungssüchtig, der sportlichen Entwicklung nicht gewachsen, erfolglos, überflüssig, den Athleten nur im Weg" - das seien, so beklagt sich Schwimmer-Präsident Harm Beyer, nur einige der Attribute, mit denen die deutschen Sportfunktionäre in den Medien pauschal bedacht würden. Er nennt das "bösartige Stimmungsmache". Beklagt sich Beyer zu Recht?
GROSS: Natürlich treffen den einen oder anderen die Vorwürfe zu Unrecht. Aber es gibt bei uns leider sehr viele Funktionäre mit einer Beamtenmentalität, die den Anforderungen eines effizienten Hochleistungssports nicht gewachsen sind und in der freien Wirtschaft längst hochkantig rausgeflogen wären.
SPIEGEL: Die meisten Funktionäre reichen den Schwarzen Peter an die Athleten weiter mit der Begründung, es werde mehr für sie getan als je zuvor.
GROSS: Das ist so, als wenn der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz argumentieren würde: Wir machen zwar leider enorme Verluste, aber der Umsatz war noch nie so groß. _(Bei der Eröffnungszeremonie der ) _(Weltmeisterschaft am 29. August in Rom. )
Bei der Eröffnungszeremonie der Weltmeisterschaft am 29. August in Rom.

DER SPIEGEL 42/1987
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