25.05.1987

GORLEBENWie Schmierseife

Nach einem schweren Unfall mußte die Arbeit am Bergwerk für das geplante Atommüll-Endlager im Gorlebener Salzstock eingestellt werden. Platzt nun das Konzept der Entsorgung? *
Die Opfer hatten keine Chance. Den Blick nach unten gerichtet, betäubt vom Lärm der Preßlufthämmer, konnten die sieben Männer der Frühschicht im Schacht 1 des "Erkundungsbergwerks" Gorleben die Gefahr nicht kommen sehen.
Nur "einen lauten Knall", berichteten die Leichtverletzten, hätten sie noch gehört, als der anderthalb Tonnen schwere Stahlring schon auf sie herunterfiel. Das Stahlungetüm, das eigentlich den Schacht gegen einen befürchteten Einsturz sichern sollte, wurde drei der Kumpels zum Verhängnis. Schwerverletzt brachten Hubschrauber sie ins Krankenhaus, einer - ein erfahrener Steiger aus dem Dortmunder Kohlenpott - starb zwei Tage später in einer Hamburger Spezialklinik.
Seinen Tod wird die bundesdeutsche Atomgemeinde so schnell nicht vergessen.
Denn das Unglück vom Dienstag vorletzter Woche machte - zumindest vorläufigalle Baupläne in Gorleben, im Landkreis Lüchow-Dannenberg, zunichte: Dort soll der unterirdische Kavernen-Komplex entstehen, der für die Ewigkeit gedacht ist - das Endlager für hochradioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken.
Als erste Stufe des Milliarden-Projekts sollten, so hatte die Bundesregierung im Sommer 1983 gegen den Rat angesehener Wissenschaftler beschlossen, zwei elf Meter breite Schächte bis in 840 Meter Tiefe vorgetrieben werden.
Von diesen Einstiegsschächten aus wollten die Atommüll-Verwahrer der federführenden Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig mit zahlreichen Stollen einen jener kilometerlangen und bis zu 3000 Meter tiefen Salzstöcke unter der Norddeutschen Tiefebene erschließen, die durch Austrocknen prähistorischer Meere vor 240 Millionen Jahren entstanden sind. Für mindestens 100000 Jahre soll in den Salzkavernen das ewig strahlende Erbe der Atomindustrie von jeglichem Kontakt mit dem Grundwasser und der lebenden Welt abgeschlossen werden.
Ursprünglich sollte schon bis zum Januar dieses Jahres der erste Schacht bis zu seinem 840 Meter tiefen Fußpunkt gegraben sein. Statt dessen gelangten die rund um die Uhr arbeitenden Endlager-Schürfer gerade bis auf 239 Meter Tiefe - bis an den Rand eines auf dem Salz sitzenden "Gipshutes".
Dort erreichte das gesamte Unternehmen seinen vorläufigen Tiefpunkt: Weil der unterste Teil des Schachtes vom Einsturz bedroht war, mußte er Anfang letzter Woche 14 Meter hoch mit Beton aufgefüllt werden. Falls es, unterstützt durch neue Sicherheitsmaßnahmen überhaupt zu einem neuen Vorstoß ins Salz kommen sollte, stünde den Bergleuten ein hartes Stück Arbeit bevor. Mit Preßlufthämmern müßten sie sich durch die Betonsäule graben.
Ursache für die nicht endenden Probleme des weltweit ersten Unternehmens seiner Art sind die geologischen Eigenheiten des rund 250 Meter starken Deckgebirges über dem Salzstock. Es ist aus verschiedenen Schichten mit zum Teil losen Gesteinen zusammengesetzt und deshalb nicht "standfest". Um überhaupt einen Schacht hindurchtreiben zu können, mußte die auszugrabende Erdsäule zunächst tiefgefroren werden.
Im Umkreis von 18 Metern um den geplanten Schachtmittelpunkt ließ die vom Bund und den Stromkonzernen gegründete "Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern" (DBE) 43 "Gefrierlöcher" bohren. Angeschlossen an eine gigantische Kühlmaschine (mit einer Leistung entsprechend 50000 Gefriertruhen), sorgt die darin zirkulierende
Kühlflüssigkeit bis in 265 Meter Tiefe für Temperaturen unter minus 20 Grad Celsius. Erst als damit ein riesiger tiefgefrorener Gesteinsblock hergestellt war, konnten die Arbeiter der beauftragten Firmen Thyssen Schachtbau und Deilmann-Haniel mit dem Abteufen des Schachtes beginnen.
Die Eiseskälte, so glaubten die Deilmann-Ingenieure, würde die Schachtwand stabil halten. Nur gegen Steinschlag sicherten sie die Innenwand mit einer einfachen Mauer aus Betonsteinen. Das Konzept schien aufzugehen - bis vor sieben Wochen. Angekommen bei Tiefenmeter 237, bemerkten Arbeiter, daß die Schachtwand einige Meter über ihnen anfing nachzugeben.
Welche Kräfte da wirkten, davon hatten die leitenden Ingenieure offensichtlich keine rechte Vorstellung. Denn sie begnügten sich mit einer Notmaßnahme: Eine Woche nachdem Bewegung in die Schachtwand gekommen war, begannen sie die unteren zwölf Meter des Schachtes mit 34 Ringen aus Stahlträgern auszukleiden, deren einzelne Segmente unter Spannung verschraubt wurden.
Doch der Druck von über 200 Meter Gestein und Eis war größer. Ring Nummer 20 hielt kaum vier Wochen, bis er einen der Arbeiter erschlug.
Selbst dann mochten die Verantwortlichen der DBE und des aufsichtführenden Bergamtes in Celle noch nicht an einen Fehler im Konzept glauben, obwohl drei der Stahlringe, so berichtete der Grünen-Abgeordnete Hannes Kempmann nach einer Besichtigung "eine richtige Delle" hatten. Erst als am vorletzten Sonntag das rutschende Gestein die umliegenden Kühlrohre zu zerreißen drohte, zogen Bergamtsleiter Hans-Karl Moritz und DBE-Geschäftsführer Hans Jürgen Krug die Notbremse und verpaßten dem bröckelnden Endlager-Eingang den Betonpropfen.
Daß die Gefahr in dieser Zone des Deckgebirges besonders groß war, hätten die Schachtgräber im Dienst des Atomstroms vorher wissen können. "Ich habe", sagt der Kieler Geologe Professor Klaus Duphorn, "schon 1982 ganz klar davor gewarnt." Duphorn, der jahrelang als Gutachter für das Endlagerprojekt tätig war, hatte seinerzeit gegen den Standort Gorleben plädiert. Gemeinsam mit dem Göttinger Salzstock-Experten Professor Albert Günter Herrmann war er zu dem Schluß gekommen, daß gerade der Gorlebener Salzstock am wenigsten für die Aufnahme des über 200 Grad heißen Atommülls geeignet sei. Duphorns Empfehlung damals: "Erkundung anderer Lagerstätten."
Doch das Votum brachte ihm die bittere Feindschaft seiner Auftraggeber ein. Sie strichen seine Forschungsgelder. Vermerke aus dem Bonner Forschungsministerium brandmarkten sein Fazit, mit dem er "weit über sein Fachgebiet hinausgegangen" sei, als teilweise "unwissenschaftlich".
Besonders ergrimmt hatte die Gorleben-Fans Duphorns Feststellung, daß die Ansatzpunkte für die Zugangsschächte falsch gewählt seien.
Diese liegen, so Duphorn, in sogenannten Bruchzonen, die ein Abteufen besonders gefährlich machten. Die einzelnen Gesteinsschichten seien "wie vielfach schräg durchgeschnitten" dort gelagert. Zugleich sei das Wasser in großen Tiefen warm und stark salzhaltig und gefriere deshalb nur schwer. Zwischen den schräg aufeinanderliegenden Schollen könne es deshalb trotz Kühlung unter Umständen bis zum Schachtrand vordringen. Duphorn: "Das wirkt dann wie Schmierseife." Das Gestein kommt in Bewegung.
Man brauche, meint Duphorn, ihm nur zu sagen, wo genau die Schwachstelle aufgetreten sei. Dann könnte er aus alten Bohrprofilen sehen, ob dort eine Bruchstelle zu erwarten gewesen wäre. Doch das werden der ungeliebte Kritiker des Gorleben-Projekts und die Öffentlichkeit vielleicht niemals erfahren. "Zu den geologischen Einzelheiten", so ein DBE-Sprecher, "darf ich nichts sagen." Das sei noch Gegenstand der staatsanwaltlichen Ermittlungen.
Die jedoch führt - hilfsweise - das Celler Bergamt, das selbst für die Sicherheitsaufsicht im Schacht zuständig ist. Amtsleiter Moritz hatte Duphorns Einwände seinerzeit als "gebirgsmechanischen Unsinn" bezeichnet. Auch sein Vorgesetzter, Bergdirektor Jürgen Schubert, hält noch immer an dieser Ansicht fest. Dazu, so Schubert, hätte der Kieler Professor "gar nichts zu sagen gehabt".
Im übrigen könne ein Gebirge anders sein, als man es sich von oben vorstellt, das sage schon die Bergmannsweisheit "Vor der Hacke ist es duster".
Dunkel, meint der Hamburger Geologie-Professor Eckhard Grimmel, ist möglicherweise auch das Informationsgebaren der Bauherren des Atommüll-Grabs. So seien einige Untersuchungsergebnisse, die beim Bohren der "Frostlöcher" gewonnen wurden, bis heute nicht veröffentlicht. Er vermute, daß "unter normalen Bedingungen die Arbeiten schon damals hätten abgebrochen werden müssen". Grimmel forderte deshalb vom Bonner Forschungsministerium eine sofortige und "lückenlose" Veröffentlichung aller verfügbaren Daten. Dann, so Professor Grimmel, würde sich wahrscheinlich herausstellen, daß die Lage in Schacht 1 "kaum noch beherrschbar" sei.
So deutlich mochte das PTB-Chefgeologe Horst Schneider Ende letzter Woche noch nicht zugeben. Zwar sei der Abbruch der Salzstock-Expedition in Gorleben nicht völlig auszuschließen, "im Prinzip" halte er aber "die technischen Probleme für lösbar".
Bei dieser Annahme müssen er und seine Bonner Auftraggeber bleiben - denn mit dem Gorlebener Hoffnungs-Bauwerk steht und fällt das sogenannte
Entsorgungskonzept, mit dem alle Bundesregierungen seit 1979 den Betrieb von Atomkraftwerken genehmigungsfähig machten. Es sieht vor, daß etwa bis zum Jahr 2000 ein sicherer Platz für Tausende Tonnen todbringenden Strahlenmülls gefunden wird. Bis dahin soll er noch in den Wasserbecken der Atommeiler und der Plutoniumfabriken in Frankreich und England versteckt bleiben.
Gut möglich deshalb, daß die Atommüll-Verwalter unter dem Druck ihrer Versprechen mit noch größerem technischen Aufwand ihren Weg in den Salz-Untergrund fortsetzen. Bei ursprünglich angesetzten Kosten von rund 1,2 Milliarden Mark kommt es auf einige hundert Millionen Mark zusätzlich nicht an. Bezahlen müssen ohnehin die Stromkunden. Die anfallenden Kosten werden jeweils zum Jahresende von der PTB bei den Elektrizitätsunternehmen eingetrieben.
Bleibt es beim Standort Gorleben, warnt Professor Duphorn, werden "noch viel größere Gefahren auf das Projekt zukommen". Denn vieles deute darauf hin, daß auch der eigentliche, in 300 Meter Tiefe beginnende Salzstock nicht so wasserdicht und homogen sei, wie ursprünglich angenommen: *___Inmitten der stabilen Steinsalzmasse muß mit starken ____Carnallit-(Kalisalz-) Flözen gerechnet werden. Sie ____enthalten Wasser und könnten deshalb dem heißen ____Atommüll nicht standhalten. *___Im Steinsalz sind auch Schichten aus sogenanntem ____Hauptanhydrit zu erwarten, eines mit Klüften ____durchzogenen Gesteins. Die Hohlräume sind mit Salzlauge ____gefüllt; Stolleneinstürze sind nicht auszuschließen.
Diese Schichten, so Duphorn, müßten deshalb beim Bau einer Lagerstätte gemieden werden - aber das werde den Bergwerkern "schwerfallen". Am schlimmsten sei jedoch, mahnt Duphorn, daß Tiefenwasser an vielen Stellen bis weit in den Salzstock vorgedrungen sei und daß dort nun statt Kalisalz wasserführende Sandrinnen liegen.
Auf diese Erkenntnis sei man allerdings erst mit einer Probebohrung gestoßen, nachdem die politische Entscheidung für den Standort Gorleben längst gefallen war. Bei dieser Bohrung sei noch in 92 Meter Tiefe unter der Salz-Oberfläche Sand gefunden worden, mindestens 300 Meter Sicherheitsabstand zur nächsten grundwasserleitenden Schicht sind aber im Endlager-Konzept vorgesehen.
Niemand, so der Kieler Experte, könne garantieren, daß der Sand nicht an anderer Stelle noch weit tiefer reiche. Dann aber, so Duphorn, sei "das ganze Sicherheitskonzept zum Teufel".
Behält er auch diesmal recht dann hat die Atomgemeinde wieder mal Pech gehabt: Milliarden sind in den Sand gesetzt.
[Grafiktext]
TOD IM SCHACHT Das Unglück im Gorlebener Atommüll-Bergwerk Am Morgen des 12. Mai sprengte starker Druck des umliegenden Gesteins den Stahlring Nummer 20 bei Tiefenmeter 234 im Schacht 1 des Gorlebener Bergwerks. 34 der je 30 Zentimeter starken Stahlringe waren eingezogen worden, weil der Außendruck zunahm, obwohl die Ingenieure mit Hilfe von tiefreichenden Kühlrohren das umgebende Gestein auf minus 26 Grad Celsius eingefroren hatten. Bei dem Unfall löste sich der anderthalb Tonnen schwere Stahlring aus dem Verbund und stürzte auf die an der Schachtwand arbeitenden Bergleute. Zwei Bergleute wurden schwer verletzt, ein dritter starb. Die Schachtsohle - Durchmesser: 11 Meter - wurde später 14 Meter hoch mit Beton aufgefüllt.
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 22/1987
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