25.05.1987

SCHAUSPIELERAuf Nadelstreife

Krach um „Tatort“-Kommissar Heinz Drache. *
Im grauen Herbst des Jahres 1985 war er erstmals vor die "Tatort"-Gemeinde getreten, auch grau und herbstlich, dazu vornehm-steif und mit siebeckmesserhaftem Hang zur Gourmandise: "Tatort"-Kommissar H. G. Bülow, Senioren auch bekannt als Heinz Drache.
Er sollte den Anti-Schimanski spielen, den feinen Pinkel als Kontrast zum Ruhr-Proleten. Den hatte er, unvergeßlich, schon in den Wallace-Kinostücken der 60er Jahre hingestakst; und wenn der 60er Jahre gedacht wird, warum nicht auch den Drache wieder steigen lassen?
Im grauen Herbst 1985 gab es am Sender Freies Berlin, dem Bülow-Betreuer, noch einen Intendanten, der Lothar Loewe hieß. Auf sein spezielles Geheiß war Drache zum TV-Kommissar befördert und der Vorgänger geschaßt worden; über die Bestallung wird heute noch gerätselt:
Hatte Drache sich, als Ehrenmitglied einer französischen Feinschmecker-Bruderschaft, zum Dienst am Kriminellen qualifiziert? Oder war es die noch höhere Auszeichnung, daß Axel Springer seiner Silberhochzeit im August 1983 beiwohnte?
Fragen, die an letzte Dinge rühren-Drache, jedenfalls, ging dreimal im SFB"Tatort" auf Nadelstreife (vierte Folge abgedreht). Linke Lästerer, wie die "taz", hielten ihn für die "schauspielernde Ausgabe Lothar Loewes, ein absolut ausdrucksloses Nichts", Springers "Welt" lag ihm zu Füßen: "Sanft aufgesetzte Souveränität eines versierten Theatermenschen."
Noch zweimal hätte es so weitergehen können, denn sechs Drache-"Tatorte" waren abgesprochen. Doch mittlerweile hatte es im Berliner Schicksalsgefüge Verschiebungen gegeben; der eine Gönner war gestorben, und Lothar Loewe ließ im Mai 1986 ab vom SFB. Draches antiker Darstellungsform eines modernen TV-Bullen mangelte es zunehmend an Aufwind im Berliner Sender.
So empfand es dieser und jener TV-Mann als eine jener glücklichen Fügungen, daß Drache plötzlich Bewegung zeigte. Denn mit ziemlicher Empörung wies er zurück, was ihm der SFB als fünftes "Tatort"-Drehbuch zugemutet hatte. Das sei "kein Krimi, sondern bestenfalls eine Kriminalkomödie", beklagte er sich beim Kölner "Express", drohte mit Ausstieg und trat das Lawinchen der vergangenen Woche los:
"Was kann ich dazu", sagte er nämlich, "wenn der SFB keine ordentlichen Tatort-Drehbuchschreiber hat. "Und das war dem Mann zuviel, der, neben der "Schwarzwaldklinik", schon zwei Dutzend erfolgreiche "Tatort"-Krimis geschrieben hat. "Wenn Herr Drache meine Kompetenz als Krimiautor in Zweifel zieht", replizierte Herbert Lichtenfeld dann ziehe er gerne Herrn Draches Kompetenz als "Beurteiler von Drehbüchern in Zweifel".
Das war aber nur der Auftakt einer bislang nicht vorgekommenen Fehde zwischen einem Autor und einem Schauspieler. "Ich habe acht Jahre im Gründgens-Ensemble gespielt", vertraute Drache der "Bild"-Zeitung an, "und wer ist Herr Lichtenfeld?" Herr Lichtenfeld wiederum kannte "ein paar Dutzend Schauspieler, die ich höher schätze als Herrn Drache", und fügte ein paar kritische Anmerkungen bei.
Das sei "ehrabschneiderische Schmähkritik", ließ nun Drache durch seinen Rechtsanwalt den Autor Lichtenfeld wissen und winkte mit "Unterlassungsklage und/oder Klage auf Schadenersatz wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung". Außergerichtliche Einigung möglich, falls Lichtenfeld bis zum 25. Mai 1987 büßend zu Kreuze kröche.
Letzten Freitag bat der nicht um Gnade, bloß um Aufschub, und gelobte, sich kundig zu machen, "ob es ein Recht auf freie Meinungsäußerung für Schauspieler, nicht aber für Autoren gibt".

DER SPIEGEL 22/1987
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