27.07.1987

MOLKEDreck weg

Der hessische Ministerpräsident Walter Wallmann hat das verstrahlte Molke-Pulver wieder. *
In seiner bayrischen Sommerfrische entspannte sich der hessische CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann beim Anblick wiederkäuender Kühe. Dort brachte ihn eine Nachricht aus der Ruhe, die ausgerechnet mit dem Milchvieh zu tun hatte.
Das verstrahlte Molke-Pulver, in Bayern nach dem Super-Gau von Tschernobyl voriges Jahr erzeugt und dann quer durch die Republik geschoben, soll nun in seinem Hessenland entsorgt werden.
Die mißliche Botschaft kam von Bundesumweltminister Klaus Töpfer, Wallmanns Nachfolger im Bonner Amt. Der verkündete letzte Woche mit Erleichterung, er habe einen Betrieb gefunden, in dem die 5000 Tonnen radioaktives Pulver dekontaminiert werden: in der Molkerei Moha im mittelhessischen Hungen.
Den Standort hatte Töpfer über Wallmanns Kopf hinweg ausgesucht. Der Regierungschef sei, betont Alexander Gauland, Leiter der Wiesbadener Staatskanzlei, mit "keinerlei Vermittlungstätigkeit" betraut und "erst in der Endphase der Entscheidung informiert" worden.
Der Umweltminister mußte nicht befürchten, daß der Parteifreund aufmucken würde. Denn Wallmann war es, der in seiner Bonner Amtszeit das vagabundierende Molke-Pulver in Bundesbesitz genommen und forsch versichert hatte, er werde es "unschädlich machen".
Doch Wallmann, den Spötter "Marschall Molke" rufen, schaffte nichts weiter, als die 242 Bundesbahnwaggons mit dem verstrahlten Futtermittel bei der Bundeswehr zu parken, teils in der niederbayrischen Garnison Feldkirchen teils auf einem Schießgelände im niedersächsischen Meppen.
Daß die Molke, dank Töpfer, den Ministerpräsidenten jetzt wieder eingeholt hat, wird ihm im Lande Ärger bereiten. Schon formiert sich die Bevölkerung von Hungen und Umgebung zum Widerstand gegen "die Molke-Sauerei". Der Grünen-Abgeordnete Chris Boppel findet "keine rationale Erklärung dafür, daß wir hier die Becquerel-Suppe von Walter Wallmann auslöffeln sollen". Und Ex-Minister Armin Clauss (SPD) ist empört, daß "nun die Steuerzahler Kosten in Millionenhöhe" aufbringen müßten.
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die damalige rot-grüne Koalition in Wiesbaden gründlicher als andere Bundesländer etwaigen Folgeschäden vorgebeugt. Statt wie auf bayrischen Almen die Kühe einfach weiter grasen zu lassen, förderten die Hessen mit Landesmitteln den Import von unverstrahltem Viehfutter. Milchprodukte von Moha waren bundesweit ein Renner.
In Bayern dagegen hätte Umweltminister Alfred Dick damals nichts dagegen
gehabt, die Fuhren des strahlenbelasteten Produkts aus der Wasserburger Molkerei Meggle ans Vieh zu verfüttern. Demonstrativ schluckte Dick, um die Harmlosigkeit des Stoffs zu beweisen, gar einen Löffel voll radioaktiver Molke (bis zu 8000 Becquerel). Wenn die Bayern so furchtlos sind, schlägt Boppel vor, dann "sollen sie ihr Zeug doch auch bei sich verarbeiten".
Doch Töpfer dachte zunächst daran, Wallmanns Altlast im Osten zu entsorgen. Molke-Fabriken in der Tschechoslowakei, Bulgarien und Polen, die sich den lukrativen Auftrag schnappen wollten, schienen aber nicht verläßlich genug. "Die hätten", befürchtet der CDU-Bundestagsabgeordnete Richard Bayha, "die Molke womöglich verfüttert oder in die Dritte Welt verkauft."
Bayha war es, der Töpfer eindringlich zur hessischen Lösung riet - nicht ohne Eigeninteresse. Der Landwirt aus dem hessischen Altenhaßlau ist Aufsichtsratsvorsitzender der "Moha und Zentra Vereinigte Milchwerke", zu denen auch die Molkerei in Hungen gehört.
Da das Unternehmen schrumpfte und der Betrieb in Frankfurt-Sossenheim bereits stillgelegt werden mußte, war der Bundesauftrag mit einem Volumen von 13 Millionen Mark höchst willkommen. Weil das Projekt allerdings den Ruf anderer Produkte des Unternehmens schädigen kann, räumt Bayha ein, "hab' ich natürlich auch Bammel, aber irgendwann muß der Dreck ja weg".
Die hessischen Grünen sind überzeugt, daß die Molke-Entgiftung dem finanzschwachen Betrieb den endgültigen, aber durchaus wohlkalkulierten Garaus machen wird. Jetzt werden "mit dem Arbeitsplatz-Argument alle Bedenken hinweggefegt", rechnet Boppel vor, "doch mit dem Gewinn wird quasi schon der Sozialplan finanziert".
Zunächst aber macht den Bürgern im Umkreis von Hungen vor allem Sorge, bei der mindestens zwei Jahre dauernden Molke-Wäsche könnte die Umgebung radioaktiv belastet werden. Die Entsorgung soll nach der "Ionenaustausch"-Methode, entwickelt von dem Hannoveraner Professor Franz Roiner, betrieben werden. Bei dem Verfahren, bisher nur in Laborversuchen erprobt, wird das radioaktive Pulver in Flüssigkeit aufgelöst und dann gefiltert.
Aus dem salzhaltigen Anteil der Molke-Brühe wird durch Ionenaustausch das Cäsium herausgefischt. Übrig bleiben fast saubere Molke und rund 100 Kilogramm hochgradig kontaminierter Rest. Der soll im Karlsruher Kernforschungszentrum zwischengelagert werden. Der Staatssekretär im hessischen Sozialministerium, Gerald Weiss, beeilte sich am vergangenen Freitag zu beteuern, daß man auf einem "geordneten Genehmigungsverfahren" nach der Strahlenschutzverordnung bestehen werde.
Gegner der Entgiftungsaktion bei Moha bezweifeln, daß der Prozeß so sauber wie behauptet ablaufen wird - nicht ohne Grund. Erst letztes Jahr mußte das Trockenwerk des größten hessischen Magermilchpulver-Herstellers dichtmachen, nachdem in der Produktion Salmonellen entdeckt worden waren.
Auch hygienische Mängel bei Moha sind für Wallmann offenbar kein Grund, das riskante Entsorgungsprogramm in seinem Land zu unterbinden. So wie Verteidigungsminister Manfred Wörner mit der Zwischenlagerung des Pulvers auf Militärgelände seinerzeit dem Kollegen Wallmann aus der Patsche geholfen habe, so müsse sich Wallmann jetzt auch, sagt Staatskanzlei-Chef Gauland, Töpfer gegenüber "solidarisch verhalten". Er könne nicht sagen: "Bitte schön, allen anderen, aber tue mir nicht weh."

DER SPIEGEL 31/1987
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