21.09.1987

USATiefe Wurzeln

Weil der japanische Toshiba-Konzern Technologie an die Sowjet-Union geliefert hatte, sollte er vom US-Markt verbannt werden. Jetzt protestieren amerikanische Firmen. *
Toshiba Corporation", so hatten die Manager des japanischen Unternehmens im Juli in den Anzeigenspalten großer Tageszeitungen mitgeteilt. "spricht dem amerikanischen Volk tiefstes Bedauern aus." Unterschrift: Joichi Aoi, Präsident der Toshiba Corporation.
Grund für das Bedauern des Präsidenten waren Toshibas kleine Geschäfte mit der großen Sowjet-Union. Die Firma hatte den Sowjets Technologie geliefert, mit deren Hilfe U-Boote geräuschlos durch die Meere fahren können - unhörbar für die Horchapparate der Amerikaner.
Politiker in Washington waren entrüstet. Demonstrativ wurde vor dem Capitol ein Toshiba-Gerät zertrümmert. Der US-Senat arbeitete einen Zusatz in den Entwurf eines neuen Handelsgesetzes ein, durch den Toshiba-Einfuhren mit einer mindestens zweijährigen Sperre belegt würden. Den Zusatz aber bedauert nun plötzlich jene Gruppe, die davon den Vorteil haben sollte: Amerikas Big Business.
"Milliarden Dollar und Dutzende von Firmen", entsetzte sich Vergangene Woche Paul Freedenberg vom US-Handelsministerium, "stecken in Verträgen mit Toshiba." Beim Nachblättern in der Liste von Lobbyisten wider den Toshiba-Boykott fiel einem Kongreß-Mitarbeiter sogar auf: "Toshiba hat offenbar mit jeder Firma in den USA irgendeinen Deal."
Die Deals mit Toshiba berühren den Nerv von Elektronik-Giganten wie IBM und AT & T. Sie sind fester Bestandteil der Produktplanung bei Technologiekonzernen wie General Electric und Rockwell International. Sie bereiten den Managern von Computerfirmen wie Hewlett-Packard und Honeywell Kopfschmerzen. Sie haben Geschäftserfolge von Unternehmen wie Apple und Motorola möglich gemacht.
Toshiba ist indes nur ein Teil des Problems: Japan Incorporated - Amerikas Ausdruck für das zentralgesteuerte Industriesystem der Japaner - hat in den USA so tiefe Wurzeln geschlagen, daß Boykotte und protektionistische Gesetze den Amerikanern mehr schaden als nützen.
Japan Inc. verwöhnt den Kunden mit perfekter Unterhaltungselektronik und mit strapazierfähigen Automobilen. Sie liefert ihm preiswerte Fernsehgeräte und modernste Photoausrüstungen. Sie bedient aber auch zuverlässig die US-Industrie mit Teilen für ihre Produktion.
Der Auto-Konzern Chrysler etwa produziert selbst nur 35 Prozent der für seine Automobile benötigten Teile, bei Ford sind es knapp 50 Prozent. Der Rest kommt von Zulieferern, oft jenseits der Grenzen. Das Feinere davon stammt aus Japan.
Warenhäuser wie Montgomery Ward oder Sears Roebuck beziehen Elektronikgeräte aus Japan und verkaufen sie unter eigener Marke. Die Sears-Fernsehgeräte beispielsweise liefert Toshiba.
Toshiba - Jahresumsatz fast 21 Milliarden US-Dollar - verschaffte der gerade wieder aufgestiegenen Computer-Firma Apple die Lasertechnik für die Drucker seiner neuen Bürocomputer. Die Motorola Inc. verdankt ihren Wiedereinstieg in den Markt für Memory-Halbleiter einem Exklusivvertrag mit Toshiba.
Bis zum Jahr 2000, so die Unternehmensberatung Diebold, werde in den USA eine ganz neue Gruppe von Elektronikprodukten entwickelt - von "denkenden" Computern bis zu kompletten _(Am 1. Juli zertrümmern US-Parlamentarier ) _(vor dem Capitol in Washington einen ) _(Toshiba-Radiorecorder. )
elektronischen Bausätzen für Autos und Maschinen. US-Konzerne allein werden das nicht schaffen.
Besonders die Standardware des Computerzeitalters - Speicherchips. Halbleiter - wird immer mehr von asiatischen Herstellern geliefert: Japan Inc. ist billiger und zuverlässiger, seine Fabriken arbeiten mit weit weniger Ausschußware als die amerikanischen.
Die meisten US-Konzerne achten bislang zwar noch darauf, daß nicht mehr als etwa ein Drittel wichtiger Komponenten aus Japan stammt. Aber jeder protektionistische Schlag gegen die Japaner macht ihnen schon jetzt zu schaffen.
"Keiner von den Großen hier würde zwar untergehen, wenn die Sanktionen gegen Toshiba durchkämen", sagt Edward J. Black vom Interessenverband der Computer- und Kommunikationsindustrie, "aber ganze Produktlinien könnten vom Markt verschwinden."
Selbst IBM, mit Abstand größtes Elektronikunternehmen der Welt, verbirgt wegen seiner langfristigen Verträge mit Toshiba und anderen Japanern nur mühsam eine gewisse Nervosität. "Wir werden", so die offizielle Stellungnahme des Unternehmens, "ein Auge auf die Sanktionsgesetze haben."
Besonders ärgerlich findet es die amerikanische Computerbranche, daß die europäische Konkurrenz von einem Verbot der Toshiba-Einfuhren begünstigt sein könnte. "Was passiert denn", fragt ein Vertreter der Computer-Industrie, "wenn europäische Firmen Produkte mit Toshiba-Teilen in die USA einführen? Sollen wir deswegen einen Handelskrieg beginnen?"
Nachdem im Mai die Untaten des Toshiba-Konzerns ruchbar geworden waren, zeigten sich die Protektionisten in Senat und Repräsentantenhaus dazu noch bereit. Nun aber - rechtzeitig zum Ende der Parlamentsferien - hat die Industrie den Fall Toshiba umgedreht.
"Die Verbindung von Handels- und Sicherheitspolitik", zürnt Funktionär Black, "kann verheerend für die Sicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit der USA sein."
Am 1. Juli zertrümmern US-Parlamentarier vor dem Capitol in Washington einen Toshiba-Radiorecorder.

DER SPIEGEL 39/1987
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