21.09.1987

„Der Schachverband war Karpows Firma“

Weltmeister Garri Kasparow berichtet in einer Autobiographie über seinen Weg an die Spitze Am 12. Oktober beginnt in Sevilla der vierte Titelkampf zwischen Schachweltmeister Garri Kasparow und Anatolij Karpow, seinem Vorgänger und jetzigen Herausforderer. Unmittelbar vor dem WM-Start erscheint im Westen die Autobiographie des 24jährigen Weltmeisters, in der Kasparow seine Karriere schildert und mit seinen Feinden abrechnet. Kritisch berichtet er über Moskauer Fehlentscheidungen, über Personenkult und Vetternwirtschaft sowjetischer Apparatschiks. Der SPIEGEL beginnt in diesem Heft mit einem Vorabdruck. *
Dreimal drohte Garri Kasparow auf dem Weg zur Weltmeisterschaft an einem politischen Stolperstein zu straucheln. Doch dreimal halfen ihm mächtige Männer, die heute in Gorbatschows Politbüro sitzen.
Zweimal war es sein Landsmann Gejdar Alijew aus Baku, einmal Alexander Jakowlew, den Breschnew einst auf den Posten des Botschafters in Kanada abgeschoben hatte und den Gorbatschow nach Moskau zurückgeholt und als seinen engsten Vertrauten ins Politbüro gebracht hat.
Bis heute wurden die Moskauer Ereignisse um Kasparow nicht publik. Doch nun schildert sie derjenige, der sie besser als jeder andere kennt: Kasparow selbst, in seiner Anfang Oktober erscheinenden Autobiographie "Politische Partie". _(Garri Kasparow: "Politische Partie", ) _(Droemersche Verlagsanstalt, München; 376 ) _(Seiten; 38 Mark. )
Alle drei Male ging es darum, Entscheidungen von Spitzenfunktionären des fünf Millionen Mitglieder starken sowjetischen Schachverbandes aufzuheben oder zu verhindern.
Diese Apparatschiks, angeführt von Nikolai Krogius, dem ranghöchsten hauptamtlichen Schachfunktionär, waren - und sind größtenteils noch immer - auf den langjährigen Weltmeister Anatolij Karpow eingeschworen. Und Krogius hat Kasparow offen gesagt, warum sie seine Karriere lieber bremsten als förderten: "Wir haben schon einen Weltmeister und brauchen keinen anderen."
Zur ersten Affäre kam es, als Kasparow im Frühjahr 1982, damals 19 Jahre alt, Auslandserfahrung brauchte und zu einem Spitzenturnier ins jugoslawische Bugojno reisen wollte, sich aber laut Marschbefehl der Moskauer Schachzentrale mit einem zweitrangigen Turnier in Dortmund begnügen sollte. Ein Telephonat mit Alijew genügte: Kasparow kam nach Bugojno, sah sich zwei Ex-Weltmeistern und elf weiteren Profis etwa gleicher Spielstärke gegenüber und siegte souverän.
Der zweite Fall ereignete sich, als die Schach-Genossen um Krogius im Sommer 1983 Kasparow, inzwischen WM-Kandidat, zum Match gegen den Exilrussen Wiktor Kortschnoi nicht antreten ließen. Der Weltschachbund, die Fide, hatte es in Pasadena (US-Staat Kalifornien) angesetzt. Kasparow mußte in Baku bleiben, in Pasadena wurde Kortschnoi kampflos zum Sieger erklärt.
Wieder half Alijew. Kasparow: "Ampeln, die zuvor hartnäckig Rot gezeigt hatten, standen plötzlich auf Grün." Der Kurswechsel kam Moskau teuer zu stehen, denn nur gegen insgesamt 210000 Dollar aus sowjetischen Kassen fanden sich die Fide und Kortschnoi bereit, den Sieg von Pasadena zu annullieren und das Match in London neu anzusetzen. Dort gewann Kasparow, und mit einem weiteren Sieg im Kandidatenfinale (gegen den Ex-Weltmeister Smyslow) qualifizierte er sich als Herausforderer des Weltmeisters.
Beim dritten Mal brachte ihn ein SPIEGEL-Gespräch in Gefahr. Kasparow führte es Ende Mai 1985 in Hamburg, nachdem gegen seinen Protest der Fide-Präsident und Karpow-Freund Florencio Campomanes die Weltmeisterschaft nach 48 Partien abgebrochen hatte. Kasparow sah sich um seine Chancen betrogen, denn er hatte die beiden letzten Partien gewonnen und einen 0:5-Rückstand auf 3:5 verkürzt. Nun sollte _(Im Büro des Weltschachbundes in Luzern, ) _(an der Wand dessen lateinischer ) _(Leitspruch, deutsch: "Wir sind eine ) _(Familie". )
das Match beim Stande von 0:0 neu beginnen.
Kasparow hatte sich entschlossen, "dem SPIEGEL alles zu erzählen, was ich über die skandalösen Praktiken von Campomanes und Karpow zu sagen hatte". Die Moskauer Schachfunktionäre reagierten prompt. Kasparow: "In ihren Augen hatte ich mich damit selbst ans Messer geliefert."
Sie holten zum Gegenschlag aus: Bei einer Sitzung am 9. August 1985 sollte dem Herausforderer das Recht auf den zweiten, von Campomanes schon für September angesetzten Titelkampf aberkannt, er sollte disqualifiziert werden.
Gegen die drohende "Hinrichtung" meinte Kasparow "noch mehr politische Schubkraft mobilisieren" zu müssen. Er wandte sich nicht nur an Alijew, sondern auch an Jakowlew, und der entschied: "Dieses Match wird stattfinden." Kasparow geriet nicht ins Aus, er kam am 9. August mit einem Verweis davon.
Die drei Fälle schildert der Schachweltmeister in seiner "Politischen Partie" mit vielen Details. Verfaßt hat der 24jährige Kasparow das Buch gemeinsam mit dem Londoner "Observer"-Chefredakteur Donald Trelford. Es erscheint etwa zur gleichen Zeit im Münchner Droemer-Verlag und in einem halben Dutzend Verlagen anderer Länder, aber weder in der Sowjet-Union noch sonst irgendwo im Ostblock.
Der SPIEGEL beginnt in diesem Heft mit einem Vorabdruck der wichtigsten Teile (siehe Seite 194).
"Wer nie gegen Schufte und Henkersknechte hat gekämpft, der hat verpaßt, was wichtig ist im Leben." Diese Verse des 1980 mit 42 Jahren verstorbenen Moskauer Schauspielers, Dichters und Sängers Wladimir Wyssozki, eines Idols vieler junger Sowjetbürger, stellte Kasparow als Motto voran.
Es paßt zum Buch. Dort ist von der "Schachmafia" die Rede und von "finsteren, das Licht der Wahrheit scheuenden Intriganten". Gemeint sind Campomanes und Karpow, die Kasparow hier und da zur Unperson "Karpomanes" zusammenfaßt. Die Fide wird nach seiner Meinung "von einer durch und durch korrupten Clique" beherrscht, und Karpow habe sich die sowjetische Schachwelt unterworfen wie ein Zar. Der sowjetische Schachverband sei zu seiner "Firma", zu einem "Verband gegen das sowjetische Schach" geworden. Dessen Funktionäre vergleicht er mit den "Hexen aus Shakespeares ''Macbeth'', die giftige Elixiere zusammenbrauen".
Kasparow ist nicht nur ziemlich sicher, seinen Titel in dem am 12. Oktober in Sevilla beginnenden vierten WM-Match verteidigen zu können und danach vor dem lästigen, zwölf Jahre älteren Konkurrenten Ruhe zu haben.
Er glaubt auch, "Campomanes und seine Clique" aus der Fide-Spitze vertreiben zu können: "Ich werde nicht aufhören zu kämpfen, bis die Gerechtigkeit obsiegen wird."
In seiner "Politischen Partie" nennt Kasparow seinen Vorgänger Karpow ein "Kind der Ära Breschnew", für sich nimmt er in Anspruch, "ein Kind der neuen Zeit, ein Kind des Umbruchs" zu sein.
Bislang hat sich noch kein anderer regimetreuer Sowjetbürger so kritisch und so konkret über Fehlentscheidungen Moskauer Zentralen, über Personenkult (wie in diesem Fall um Karpow) und über Vetternwirtschaft geäußert.
Es ist ein überaus egozentrisches Buch, weit stärker noch als es bei einer Autobiographie von vornherein zu vermuten ist. Wie im Schach gibt es für Kasparow auch im Leben nur schwarze und weiße Figuren: Die einen sind gegen, die anderen für ihn.
Früher zu den weißen, nun zu den schwarzen Figuren zählt Jewgenij Wladimirow, der fast sechs Jahre lang als Trainer und Sekundant zum Kasparow-Team gehörte. Als der Weltmeister im bislang letzten (dem dritten) Titelmatch drei Partien hintereinander verlor, forschte er nach den Gründen und entdeckte einen Verräter. Kasparow ist sicher, daß Wladimirow für Karpow gearbeitet und dem Rivalen geheime Spiel-Pläne überbracht hat. Er widmet dem "Spion im eigenen Lager", über den er sich bislang nur mit wenigen Sätzen in einer Pressekonferenz äußerte, ein ganzes Kapitel.
An vielen Stellen des Buches tritt Kasparows Ehrgeiz zutage, als der beste Schachspieler nicht nur der Gegenwart, sondern aller Zeiten anerkannt zu werden.
Über Bobby Fischer (den einzigen, der ihm nach gängiger Schachspieler-Meinung diesen Superlativ streitig machen kann) schreibt er völlig zu Recht, daß der einstige Weltmeister heute nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen andere Spitzenspieler chancenlos wäre.
Aber es wird immer umstritten bleiben, wer höher einzuschätzen ist, der Fischer von 1972 (seinem letzten Spiel-Jahr) oder der heutige Weltmeister.
Was auch immer für Kasparow spricht, hat Kasparow gesammelt, wie schwach die Belege auch sein mögen. Drei Beispiele:
Das erste: Für die Schlußphase einer Remis-Partie, die einst der sowjetische Ex-Weltmeister Botwinnik und Fischer spielten, fand Kasparow schon als Kind einen wichtigen Zug, auf den die beiden Weltmeister in ihren Analysen nicht gekommen waren.
Das zweite: Ein Schachproblem ("Matt in ... Zügen"), das ein Exilrusse über Jahre hinweg etlichen Weltmeistern vorlegte, vermochten lediglich Fischer und Kasparow zu lösen - Bobby brauchte dafür ein Brett nebst Figuren. Garri schaffte es "im Kopf".
Das dritte: Fischer und er wurden zwar in etwa gleich jungen Jahren Meister
und Großmeister, aber Weltmeister wurde Fischer erst mit 29, Kasparow schon mit 22 Jahren.
Väter- wie mütterlicherseits stammt Kasparow aus erfolgsorientierten Familien. Alle vier Großeltern und beide Eltern waren Akademiker.
Der jüdische Vater Kim Weinstein starb mit 39 Jahren an Lungenkrebs, als das Einzelkind Garri sieben Jahre alt war. Der Sohn hatte weder seinen todkranken Vater besuchen dürfen, noch durfte er bei der Beerdigung dabeisein. Die Familie fürchtete "ein traumatisches Erlebnis".
Die armenische Mutter Klara, wegen ihrer starken Auftritte von Freunden in Baku auch "Aida" genannt, wurde zur zentralen Figur in Kasparows Leben, und sie ist es bis heute geblieben.
Schon bald nach dem Tode des Vaters beschlossen Mutter und Sohn, Schach solle Garris Beruf werden. Zwei Jahre später fanden Verwandte, die den Jungen nach einer Blinddarmoperation im Krankenhaus besuchen wollten, sein Bett leer. Der Patient spielte ein paar Türen weiter Schach, simultan gegen zehn Ärzte.
Dem Elfiährigen prophezeiten der sowjetische Ex-Weltmeister Botwinnik und der Schachreporter des britischen "Guardian", daß er Weltmeister werde.
Damals wechselte das Schachgenie seinen Namen. Garri hieß bis dahin Weinstein wie sein Vater, von nun an Kasparow wie seine Mutter. Über die Gründe wird gerätselt, seit Kasparow berühmt geworden ist. In seinem Buch versichert er, daß seine jüdische Herkunft nicht verschleiert werden sollte, und für den neuen Namen habe es auch sonst "weder politische Motive noch politische Folgen" gegeben. Er sei in der Familie seiner Mutter groß geworden, deshalb sei es ihm "nur natürlich erschienen, ihren Namen anzunehmen".
Mutter Kasparow gab 1981 ihren Ingenieurberuf auf und arbeitet seither nur noch für ihren Sohn. Bei allen Titelkämpfen war sie dabei.
Ihre schwerste Zeit hatten Mutter und Sohn durchzustehen, als Gegner Karpow sich im ersten WM-Match einen Vorsprung von 5:0 erkämpft hatte und nur noch eine Partie zu gewinnen brauchte, um seinen Titel triumphaler als irgendein Weltmeister vor ihm zu verteidigen. Kasparow sah schon sich und sein Team "wie geprügelte Hunde" nach Baku heimkehren, seine Mutter hatte eine noch größere Sorge: daß dann auch für ihren Sohn der Leidensweg vieler Schachspieler beginnen würde, der in die Nervenklinik führt.
Kasparow: "Meine Mutter und ich rückten in dieser Zeit sehr eng zusammen, enger als es wohl sonst zwischen Müttern und Söhnen üblich ist."
Kasparows Gegner spotten gelegentlich über die enge Mutter-Sohn-Bindung. Als bei der berühmt gewordenen Pressekonferenz am 15. Februar 1985 (auf der das erste WM-Match abgebrochen wurde) Fide-Chef Campomanes ihn fragte, ob er auf die Bühne kommen wolle, hörte Kasparow aus der Ecke des Karpow-Teams den Zwischenruf: "Wenn Mammi ihn läßt."
Wer mit sieben Jahren beschließt, Schachspieler zu werden und viele Jahre lang "nur das eine Ziel, Weltmeister zu werden, im Kopf hatte" und lediglich "in eine Richtung denken und blicken durfte" (Kasparow über Kasparow), hat nicht allzu viel über sein Privatleben zu berichten.
Freunde aus der Kindheit gingen "auf Distanz", zu Gleichaltrigen fand er später kaum noch Kontakt. Schon als Jugendlicher hatte er es fast nur noch mit älteren Leuten zu tun: "In mancher Hinsicht fühle ich mich um meine Kindheit betrogen." An anderer Stelle drückt er denselben Sachverhalt etwas positiver aus: "Ich wurde gehegt und gepflegt wie eine seltene tropische Pflanze in einem vollklimatisierten Treibhaus."
Garris Freundinnen waren selten jünger, meist älter als er. Mit 21 Jahren lernte er die 16 Jahre ältere Moskauer Schauspielerin Marina Nejolowa kennen, sie wurden "enge Freunde und blieben es zwei Jahre lang". Sie trennten sich, kurz nachdem Marina das Kind eines anderen Mannes geboren hatte.
Kasparow kann nicht tanzen und hat sich nur einmal, mit 17, betrunken. Er liest viel, von Maigret-Romanen bis zu Werken der Philosophen Seneca und Montaigne, das meiste im Tempo von einhundert Seiten pro Stunde.
Zu den zwei Dutzend Lieblingsautoren, die KP-Mitglied Kasparow in seinem Buch nennt, gehören allerdings Marx, Engels und Lenin nicht.
Marxist-Leninist kann Genosse Garri kaum sein, denn kaum irgendein Aberglauben ist ihm fremd. Er hält die 13 für seine Glückszahl, empfand schon mal einen Regenbogen als "ein vom Himmel geschicktes gutes Zeichen" und neigt dazu, den einen oder anderen Bekannten oder Verwandten zum "Talisman" zu erklären, wenn seine Anwesenheit ihm "Glück gebracht" hat.
Derzeit gilt dies vor allem für "eine in der Sowjet-Union wohlbekannte Persönlichkeit, deren Namen ich aber nicht nennen kann". Die Funktion dieses großen Unbekannten: "Er ist sozusagen mein Talisman, vielleicht sogar mein Guru." Denn Kasparow glaubt nicht nur daran, daß dessen Erscheinen seine Gewinnchancen erhöht, der Unbekannte hat ihn auch schon mit der Vorhersage von Siegen hochgestimmt.
Der Schachweltmeister spielt gern Fußball und bewundert sich per Video immer wieder selbst bei seiner schönsten Szene, als er "mit dem linken Fuß ein Tor a la Maradona" schoß. _(Ende Mai 1985 im Hamburger SPIEGEL-Haus ) _(mit Redakteur Werner Harenberg. ) !
Garri Kasparow: "Politische Partie", Droemersche Verlagsanstalt, München; 376 Seiten; 38 Mark. Im Büro des Weltschachbundes in Luzern, an der Wand dessen lateinischer Leitspruch, deutsch: "Wir sind eine Familie". Ende Mai 1985 im Hamburger SPIEGEL-Haus mit Redakteur Werner Harenberg.
Von Garri Kasparow

DER SPIEGEL 39/1987
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