27.07.1987

SOWJET-UNIONHieb mit dem Pickel

Gorbatschow hat erstmals den Stalin-Terror verurteilt. Trotzki, der Erzfeind des Diktators, gilt jetzt als „Held und Märtyrer“.
Nicht ein Opfer des Stalinismus rechnete da eindeutig und endgültig mit dem Tyrannen Rußlands ab, sondern der heutige Generalsekretär der KPdSU: "Ich denke, daß wir nie verzeihen oder rechtfertigen können noch dürfen, was in den Jahren 1937 und 1938 geschah. Niemals."
Parteichef Michail Gorbatschow, geboren 1931, erklärte das am 10. Juli vor Redakteuren und Publizisten seines Landes. Das Prinzip Glasnost gilt nun auch für die Sowjet-Vergangenheit - für jene 70 Jahre seit der Oktoberrevolution, von denen die Schreckens-Ära Stalins fast die Hälfte ausmacht.
Schon veröffentlichte das mutigste Reformblatt, die "Moskowskije nowosti", einen bisher unbekannten Augenzeugenbericht des Nationaldichters Michail Scholochow ("Stiller Don") aus dem Jahre 1929 über die Zwangskollektivierung: Darin erzählt Scholochow, wie den einfachen Bauern alle Habe weggenommen wurde - Vieh, Saatgut, Kleider, Bettzeug der Kinder, Samowar.
Die Illustrierte "Ogonjok" veröffentlichte einen Brief des Altbolschewiken Fjodor Raskolnikow an Stalin vom 17. August 1939. Zitat: "Mit Hilfe von Fälschungen haben Sie Gerichtsprozesse inszeniert, welche die berüchtigten Hexenprozesse aus dem Mittelalter weit übertreffen. Sie haben Ihre Genossen gezwungen, durch Pfützen vom Blut ihrer einstigen Gefährten zu waten."
Die Annäherung an die historische Wahrheit wandelt die Sowjetgesellschaft der Gegenwart. Auf einer öffentlichen Versammlung in Moskau fragte ein junger Ingenieur den Parteihistoriker Borissow: "Wie viele Opfer hätte der Stalinismus denn noch fordern müssen, damit ihr endlich einseht, daß das mit Sozialismus längst nichts mehr zu tun hat?"
Gorbatschow sucht denn auch nach einem Sinn der Sowjetgeschichte: "Die Verluste waren empfindlich und groß", beschrieb er den Journalisten die Stalin-Zeit. "Und trotzdem sind wir verpflichtet zu sehen, welche gewaltige Kraft im Sozialismus und in unserem System steckt, das all das ausgehalten hat und den Kampf gegen den Nazismus aufnahm und siegte. Daher muß man zum 70. Jahrestag mit Stolz auf unser großes Volk, seine Geschichte und seine Heldentaten sprechen."
Die Vergangenheitsbewältigung erfaßt nun auch die Anfänge nach der Oktoberrevolution von 1917, die ersten sechs Jahre unter dem bislang noch tabuisierten Lenin. Da kommen lange verdrängte Fragen wieder hoch, zum Beispiel:
Wer organisierte die Machtergreifung der Bolschewiki? Wer war der erste Außenminister des neuen Sowjetstaats, begründete die Rote Armee und siegte im Bürgerkrieg?
Wer lieferte die Theorie, man solle im unterentwickelten Rußland, das nach der Marxschen Lehre erst einmal durch den Kapitalismus hätte industrialisiert werden müssen, sofort zum Sozialismus übergehen, und empfahl dafür die bis heute praktizierte "Militarisierung der Arbeit"? Und wer analysierte den "Stalinismus" als Diktatur der Sowjetbürokratie?
Die Antworten darauf wurden über ein halbes Jahrhundert lang in der UdSSR verfälscht: Der große Revolutionär an Lenins Seite hieß Leo Trotzki. Stalin schaltete ihn aus, verwies ihn des Landes und ließ ihn 1940 im mexikanischen Exil ermorden.
Doch Trotzkis Geist irrt noch immer durch die Universitäten und Studierstuben Rußlands, in denen man sich der Ideen des Weltrevolutionärs wie einer Legende erinnert. "Sind Sie nun für die Veröffentlichung der Werke Trotzkis oder nicht?" lautete die auf einen Zettel geschriebene Frage an den Referenten Jurij Afanassjew auf einer jüngst vom Parteijugendverband "Komsomol" in Moskau einberufenen Versammlung.
Afanassjew, Direktor des Instituts für Geschichte und Archivwesen, antwortete mit Ja. "Das hat uns jetzt noch gefehlt!" rief bestürzt ein älterer Zuhörer, er kenne Trotzkis Werke. Darauf empörte Teilnehmer: "Dann ist ja klar, aus welcher Ecke Sie kommen. Sie haben Trotzki gelesen und sitzen hier bequem. Wissen Sie, wie viele Leute deshalb nach Sibirien gekommen sind?"
Parteiredner Afanassjew stimmte sogar dem Vorschlag zu, Stalins Opfern ein Denkmal zu errichten.
Die Rehabilitierung Trotzkis aber besorgten die mit Gorbatschow verbundenen Journalisten. Das Massenblatt "Sowjetskaja Rossija" veröffentlichte schon zu Jahresanfang erstmals ein Photo Trotzkis als Armeeführer, noch ohne Namensnennung. Im Juni berichtete die Zeitung über den - höchst umstrittenen - Separatfrieden mit dem kaiserlichen Deutschland von Brest-Litowsk 1918: Trotzki hatte damals mit Lenin für die Unterzeichnung gestimmt.
Zwei Tage nach Gorbatschows Anti-Stalin-Rede vor den Journalisten erschien im Regierungsblatt "Iswestija" ein Beitrag über die erste Sowjetregierung nach der Revolution - die seit Jahrzehnten erste sachliche Darstellung der Rolle des Lenin-Gefährten.
Autor Jegor Jakowlew, 57, Historiker und Chefredakteur des Glasnost-Leitblattes "Moskowskije nowosti", schilderte ausführlich die Entstehung des ersten "Rats der Volkskommissare".
Die Kandidaten dafür waren sämtlich Bolschewisten - Trotzki freilich erst seit kurzem, er war vorher ein linker Sozialdemokrat. Lenin hatte die Namen wenige Stunden nach der erfolgreichen Erstürmung des Petrograder Winterpalastes (sechs Tote) notiert: Früh am Morgen des 26. Oktober 1917, im Zimmer 36 des ehemaligen Mädchenpensionats Smolny, bedeckte er einen Zettel mit konspirativen Kürzeln, die das Moskauer Institut für Marxismus-Leninismus später als ersten Stellenplan entzifferte: Obenan setzte Lenin sich selbst, als Vorsitzenden des Rats und somit Regierungschef.
Danach folgte Alexej Rykow als Volkskommissar (Minister) für Inneres, auf dem neunten Platz Lew Dawidowitsch Bronstein (Trotzki) als Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten und ganz am Schluß Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili (Stalin) für Nationalitätenfragen.
Nicht jeder aus Lenins erster Regierungsmannschaft sei ein Spezialist auf dem Gebiet gewesen, das er nun zu verwalten hatte, aber ausnahmslos alle hätten sich in ihren Entscheidungen nur "von Arbeiter- und Bauerninteressen leiten" lassen, urteilt Jakowlew. Man habe sie damals "Helden und Märtyrer der Revolution" genannt.
Eine derart abgewogene Einschätzung Trotzkis hätte noch unter Generalsekretär Breschnew zwar nicht mehr den Kopf, aber unbedingt den Job gekostet.
Von den zwölf Alt-Bolschewisten neben Lenin, Trotzki und Stalin wurden neun in den 30er Jahren des Verrats oder umstürzlerischer Absichten bezichtigt und hingerichtet. Die übrigen drei starben eines natürlichen Todes, noch bevor der blutige Georgier fest im Sattel saß.
Doch keiner von ihnen wurde in annähernd vergleichbarem Maße zum antisowjetischen Erzfeind und Stifter einer konterrevolutionären Verschwörerbewegung dämonisiert wie Leo Trotzki. Keiner auch diente in diesem Ausmaß zum Vorwand für die massenhaften Verhaftungen und Exekutionen während der Stalin-Zeit: Ein Trotzki-Buch zu besitzen, mit einem des "Trotzkismus" Verdächtigten auf gutem Fuß zu stehen, reichte allemal als Grund für den Abtransport ins mörderische Gulag-System.
In der letzten Ausgabe der Großen Sowjet-Enzyklopädie, die manchem linientreuen Provinzbonzen eine halbe Spalte widmet, bleibt Trotzki unauffindbar. Eine Kolumne zu seinem Namen existiert nicht, kein Bild von ihm erregt historische Neugier.
Dafür gibt es einen langen Beitrag zum Stichwort "Trotzkismus", und der gilt laut diesem parteiamtlichen Attest von 1977 als "ideologisch-politische Strömung des Kleinbürgertums, die dem Marxismus-Leninismus und der internationalen kommunistischen Bewegung feindlich gegenübersteht und ihr opportunistisches Wesen hinter linksradikalen Phrasen verbirgt".
Diese Stalin-Litanei haben Moskaus Ideologie-Verweser unbeirrbar bis in die Gegenwart mitgeschleppt, und zwar um so dogmatischer, je unbedeutender der tatsächliche Einfluß der Trotzkisten weltweit wurde. Die 1938 von Trotzki im Exil begründete IV. Internationale hat nie realpolitische Bedeutung gewinnen können, zumal ihre der Weltrevolution verpflichteten Filialen sich bald in endlosen ideologischen Richtungskämpfen auseinanderspalteten.
Nur einmal, im zweiten Breschnew-Jahr 1965, erschien in der Sowjet-Union eine einbändige "Kurz-Enzyklopädie", die viele Stalin-Opfer nicht nur wieder erwähnte, sondern auch ihre Ermordung nicht länger verschwieg. In dieser raren Schrift (Auflage: 400 Exemplare) fand wenigstens eine Kurzbiographie Trotzkis Platz, die es mit der historischen Redlichkeit nicht sonderlich genau nahm ("ermordet in Mexiko von einem seiner engsten Gefolgsleute").
Der Spanier Ramon Mercader hatte 1940 den tödlichen Hieb mit dem Eispickel im Auftrag der Stalinschen Geheimpolizei geführt und durfte nach Verbußen von 20 Jahren Haft ein Gnadenbrot für die gelungene Liquidierung in einem Moskauer Institut verzehren. "Gerade was Trotzkis Tod angeht", kommentierte vorige Woche ein Moskauer Schriftsteller den aufsehenerregenden Jakowlew-Artikel, "hat unsere neue Offenheit bis zur ungeschminkten Wahrheit noch eine schwere Wegstrecke vor sich."
Es wird wacker weiter ausgeschritten: Die "Sowjetskaja Rossija" übte öffentliche Reue über die Ermordung der Zarenfamilie, in Jakowlews eigenem Blatt erschien ein Hinweis, daß die Partei den Bann von Ivar Smilga genommen hat, einem engen Kampfgenossen Lenins und Trotzkis, der als ZK-Mitglied entscheidenden Anteil am Petrograder Revolutionserfolg hatte.
Zehn Jahre später vertraute Smilga dem bereits weitgehend entmachteten Trotzki an, unter Lenin habe man sich bemüht, innerparteiliche Differenzen abzuschwächen, Gegner zu versöhnen. Jetzt aber, geschürt von Stalin, werde "jeder Riß erweitert, jede Wunde weiter aufgerissen". Bald darauf wurde Smilga als "Staatsverbrecher" verhaftet und ins Arbeitslager geschafft. Art und Datum seines Todes blieben bis heute ein Geheimnis der sowjetischen Sicherheitsbehörden.
"Fortschritt ist nur möglich", überschrieb "Moskowskije nowosti" den Beitrag, "wenn wir von der Geschichte lernen." Professor Nikolai Maslow, Chef-Historiker der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU, fügte der Erwähnung Smilgas die Bemerkung an: "Viele Parteifunktionäre verdienen eine solche staatsbürgerliche Rehabilitierung, denn sie waren keine Spione, gedungenen Mörder oder Agenten ausländischer Geheimdienste, aber sie sind exakt auf solche Anklagen hin verurteilt worden."
Damit hat Gorbatschows Unternehmen, nach mehr als 60 Jahren der Verbiegung an Leninsche Traditionen und Normen anzuknüpfen, ein entscheidendes Stadium erreicht. Jakowlew hebt in seinem Artikel hervor, daß Lenin anderen stets das Recht auf Irrtum zugestanden und weder sich selbst noch gar die Partei für unfehlbar gehalten hatte. In Andersdenkenden oder in der Sache anders Handelnden", zitiert er Lenin "darf man keine 'Intrige', nicht den 'Widerpart' sehen, sondern man muß die selbständigen Menschen schätzen."
Lenin habe auch Forderungen übernommen, die "eine andere Partei" aufgestellt hatte, und es nicht als Schande betrachtet, deren Materialien zu benutzen - das sei "sozialistische Demokratie" gewesen. Gemeint war das Programm der "Sozialrevolutionäre", die von den Bolschewiki vernichtet wurden.
Trotzki ein Held, die richtige Lösung auch bei der feindlichen Partei suchen - das ist schon mehr als eine Reformierung der UdSSR, das ist eine neue Revolution. Damit fordert Gorbatschow weiter seinen eigenen Parteiapparat heraus - gewinnt aber die Intellektuellen für sich. Nach amtlicher Zählung umfaßt diese Schicht heute 20 Millionen Personen.
"Die Intelligenzija der Sowjet-Union ist keine Zwischenschicht mehr, sondern längst eine eigene Klasse", entschied in kleinem Kreis vor kurzem ein sowjetischer Wissenschaftler: "Sie muß sich nur formieren und Organisationsformen finden; erst dann wird sie Gorbatschow wirklich wirksam unterstützen können."
Vor den Journalisten meditierte Gorbatschow aber auch unvermittelt über den Gedanken, ob Rußland ohne die regierende KPdSU auskommen könne - natürlich nicht:
"Es geht nicht ohne eine Partei, die wissenschaftlich denken und eine entsprechende Politik und die Strategie zur Lösung praktischer Aufgaben entwickeln kann." Und: "Wenn jemand anderer Meinung ist, dann irrt er zumindest."
Aber irren ist ja unter Gorbatschow erlaubt.

DER SPIEGEL 31/1987
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