19.10.1987

BOYKOTTWunder Punkt

Umweltschützer belagern bundesweit Tankstellen eines Ölkonzerns. *
Gut eine Woche lang hielt der Hamburger Tankstellenverwalter Peter Kothen, 45, einen Preisrekord. An seiner Zapfstation kostete der Liter Benzin nur 85 Pfennig - rund einen Groschen weniger als an jeder anderen Tankstelle. Doch ein Kundenansturm blieb aus.
Bei Kothen machten sogar weitaus weniger Autofahrer Station als zuvor. Der Tankwart verzeichnete einen Umsatzrückgang von bis zu achtzig Prozent.
Bewirkt hatten Kundenschwund und Preissturz ein paar Demonstranten vor der Station. Auf mannshohen Spruchbändern und Tausenden von Flugblättern hatten sie zehn Tage lang zum Boykott der Zapfstelle des Mineralölkonzerns "Texaco" aufgerufen. Ihre Forderung: "Texaco raus aus dem Wattenmeer!"
Die Protestaktion Anfang des Monats an der Max-Brauer-Allee in Hamburg ist Teil einer bundesweiten Kampagne, die Umweltschützer gegen den Ölmulti begonnen haben. Sie wollen den Konzern zwingen, Ölbohrungen im Naturschutzgebiet Wattenmeer einzustellen.
Allein in den letzten Wochen zogen Hunderte von Watt-Freunden mit Transparenten und Infozetteln vor gut zwei Dutzend Texaco-Zapfstellen zwischen Berlin und Würzburg. In konzertierten Aktionen sollen demnächst rund hundert Tankstellen für ein Wochenende oder länger belagert werden. Der erste bundesweite "Aktionstag" ist für Ende des Monats angesagt. Motto: "Mach Aktion bei Texaco".
Boykottdrohungen von Umwelt- und Naturschützern erzielten schon mehrfach Wirkung. So stoppte etwa die Frankfurter Firma Lacroix unter dem Druck von Tierschützern die Produktion von Schildkrötensuppe; der Chemiekonzern Procter & Gamble schränkte die Anwendungsempfehlungen für seinen umweltbelastenden Waschkraftverstärker "Top Job" nicht zuletzt deshalb ein, weil Umweltschützer mit Aktionen gedroht hatten.
Organisiert wird die Benzinboykott-Bewegung von der "Arbeitsgemeinschaft Hamburger Jugendverbände für Natur- und Umweltschutz". Schwerpunkte der Gruppenarbeit sind Aktionen gegen Autobahnbau durch Naturschutzgebiete,
gegen das Waldsterben und die Zerstörung des Wattenmeeres.
Tatsächlich gibt es nirgendwo auf der Erde eine Landschaft, die diesem einzigartigen Ökosystem der Nordsee gleichkäme. Rund 4000 Tier- und Pflanzenarten, mehr als sonst irgendwo in den gemäßigten Breiten des Atlantiks und seiner Randmeere, leben in der Region,
Doch ausgerechnet unter diesem Gebiet, das 1985 von der Kieler CDU-Landesregierung zum Nationalpark erklärt worden ist, liegt eines der ergiebigsten heimischen Erdölfelder (vermutete Lagermenge: 75 Millionen Tonnen). Seit 1980 bohrt dort, im Watt vor Friedrichskoog, die Hamburger Tochter des US-Multis Texaco nach Öl.
Die Bohrerlaubnis in der Elbmündung hat die schleswig-holsteinische Regierung, gegen einen einträglichen Förderzins, aufgrund alter Konzessionsrechte aus den vierziger Jahren erteilt. Die Ölsuche im Wattenmeer, spielten die Kieler Regenten damals die Ausnahmegenehmigung herunter, sei nur ein "Schönheitsfehler". Doch die Hamburger Öko-Aktivisten halten die Texaco-Bohrungen, wie Sprecher Andre Rattay, 23, sagt, für "eine ernsthafte Bedrohung des Watt".
Denn die Texaco hat ihre Bohrinsel Mittelplate I neben Trischen errichtet, einer der bedeutendsten Vogelinseln überhaupt. Dort brüten so seltene Vögel wie Seeregenpfeifer, Kampfläufer oder Wiesenpieper; im Juli und August mausern dort achtzig Prozent des Weltbestandes der bedrohten Brandgänse.
Umweltschützer wie Rattay bezeichnen die Bohrinsel, eine künstliche Hallig aus Stahl und Beton, als "krassen Eingriff in die Natur". Der Lärm des Bohrbetriebs und der Versorgungsverkehr für die Insel könnten die Tiere vertreiben. Vor allem aber fürchten die Naturschützer eine Öko-Katastrophe, falls aus dem Bohrloch unkontrolliert Öl austreten oder eines der Tankschiffe verunglücken sollte. Nirgendwo auf der Erde kann Öl mehr Schaden anrichten als im Watt.
Denn anders als von Klippen oder Sand, läßt sich Öl vom wabbeligen Schlick kaum abkratzen oder absaugen. Spezialschiffe können bei Ebbe nicht eingesetzt werden, und ölzersetzende Chemikalien würden auch alles andere Watt-Leben vernichten. "Für die Watten", sagt der Hamburger Ökologe Olav Giere, "wäre eine Ölpest der Tod."
Auf die Gefahren durch die Texaco-Bohrungen macht die Hamburger Arbeitsgemeinschaft schon seit drei Jahren aufmerksam, bislang ohne nennenswertes Echo. Nun jedoch gehen in der Hamburger Boykott-Zentrale täglich Anfragen ein. Mitmachen wollen Pfadfinderstämme ebenso wie Ortsgruppen der Grünen. Die Organisatoren hoffen, daß in den nächsten Monaten an die 200 Gruppen gezielt gegen die rund 2000 Texaco-Tankstellen vorgehen.
Ob sie damit tatsächlich einen "wunden Punkt" (Rattay) des Konzerns treffen, steht dahin. Bislang zumindest sind die Verluste der Texaco durch Preissenkungen und Umsatzeinbrüche minimal - gemessen an der "enormen wirtschaftlichen Bedeutung des Projekts", so Texaco-Sprecher Peter Schmidt.
Texaco begnügt sich vorerst damit, auf die "umfangreichen und beispiellosen Umweltschutz- und Sicherheitsvorkehrungen" wie Spezialventile am Bohrloch, Schallschutzwände auf der Arbeitsplattform oder doppelwandige Öltanker zu verweisen - und bohrt weiter. Schmidt: "Das Projekt werden wir durchziehen."

DER SPIEGEL 43/1987
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