19.10.1987

BNDFarbe bekennen

Mit feudalem Gehabe und politischen Vorurteilen gerät BND-Chef Wieck ins Zwielicht. *
Es war noch schummrig in Bonn am Rhein, als der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Hans-Georg Wieck, am vorigen Freitag gegen acht Uhr das Abgeordneten-Hochhaus betrat. Dort traf er sich mit einer erlesenen Schar von Abgeordneten aus Union, SPD und FDP, den fünf Mitgliedern des sogenannten Vertrauensgremiums des Haushaltsausschusses. Diese Unterhaltungen sind traditionell geheim. Mitarbeiter nicht zugelassen: Auch die Dienstaufsicht des BND aus dem Kanzleramt bleibt außen vor. Dabei muß der Chef der westdeutschen Spionagezentrale den Parlamentariern Auskunft geben über die oft kostspieligen Operationen in der großen weiten Welt.
Am Freitag verlangten die Volksvertreter Aufklärung über die ungewöhnlichen Reisegepflogenheiten des Präsidenten. Wieck war standesgemäß in der Lufthansa-First-Class dienstlich für rund 10000 Mark nach Südamerika gejettet. Hinter der Lufthansa-Boeing folgte die dreistrahlige BND-eigene Düsenmaschine vom Typ Falcon 50 (Anschaffungskosten: 7,3 Millionen Dollar), die Wieck in der Regel für schnelle Sprints zwischen Pullach und Bonn braucht.
Wozu denn dieser Aufwand nötig sei, wollten die Volksvertreter wissen. Wieck, geschniegelt und selbstbewußt wie stets, gab Antwort: Er habe den zweiten Jet im fernen Kontinent für Besuche in insgesamt fünf Ländern gebraucht. Das sei kein Luxus, sondern operative Notwendigkeit gewesen. Und überhaupt, konterte der BND-Chef: Für so lange Distanzen seien zwei Besatzungen vorgeschrieben, er und seine Begleiter hätten dann keinen Platz mehr gehabt. Außerdem habe er, so berichtete Wieck, dem Kanzleramt einen ausführlichen Bericht zu der Flugreise und zu anderen Vorwürfen zum Amtsstil seiner Präsidentschaft gegeben.
Die Kontrolleure in Parlament und Kanzleramt haben - nicht erst seit letztem Freitag - einen Mann im Visier, der wie kaum ein zweiter in der Republik von Amts wegen im verborgenen wirken müßte. Doch dem früheren Diplomaten Wieck, 59 - er war Botschafter in Teheran, Moskau und zuletzt bei der Nato in Brüssel -, liegt es nicht, sich hinter hohen Mauern der Pullacher BND-Kommune zu verstecken.
Er braucht das zuweilen feudale Ambiente, das ihn im Ausland umgab. Er genießt es, wie BND-Mitarbeiter voller Neid registrieren, Gäste unter teuren Kristallüstern zu bewirten. Er gefällt sich mit gescheiten, aber oft bombastischen Formulierungen, wenn er die Weltläufte auf seinen Nenner bringt.
Er sei einer, "der niemand außer sich zur Kenntnis nimmt", schildert ihn ein Bonner FDP-Abgeordneter. Er sei halt nicht der Typ "graue Eminenz" oder "großer Unbekannter" - Rollen, hinter denen sich der Gründer des Dienstes, Reinhard Gehlen, einst Schutz und Macht zu verschaffen wußte.
Wieck brüstet sich gern damit, wie sehr ihn einst SPD-Verteidigungsminister Helmut Schmidt als Planer auf der Hardthöhe geschätzt habe. Er fühlt sich zu Höherem berufen, mindestens zum Staatssekretär des Äußeren oder der Verteidigung. Und diesen Anspruch läßt er immer mal wieder in Gesprächen mit seinen Bonner Vorleuten einfließen.
Nach der Wahl im Januar wurde er eine Zeitlang als Nachfolger von Verteidigungsstaatssekretär Günter Ermisch gehandelt. Wieck wollte jedoch nur dann auf die Hardthöhe wechseln, wenn er mehr Kompetenzen als der Vorgänger erhalten hätte: Neben der Zuständigkeit für die Verwaltung des Ministeriums beanspruchte er die Kompetenz für Planung und Strategie.
Kohl und Wörner lehnten ab und reagierten auch nicht, als der Mann aus Pullach durchblicken ließ, er halte sich für den geeigneten Nato-Generalsekretär, einen Job, um den sich jetzt Minister Manfred Wörner bewirbt.
Seinen Bonner Vorgesetzten, den für die Koordinierung der Geheimdienste zuständigen Staatssekretär Waldemar Schreckenberger, ließ Wieck von Anfang an spüren, daß er diese Hierarchie nicht zu akzeptieren gedenke. Lange sträubte er sich, die Perlen seiner Erkenntnisse und Analysen Kohls "Schrecki" oder gar dem für Sicherheit zuständigen Abteilungsleiter im Kanzleramt, Hermann Jung, vorzuwerfen. Er wollte dem Kanzler, Bundespräsidenten oder Außenminister berichten - ohne Filter.
Immer wieder stellten die Bonner Dienstherren düpiert fest, daß der Oberspion auf eigene Faust dienstliches Wissen verstreut hatte, ohne im Kanzleramt Meldung zu machen. Auf Wiecks Verteiler standen nicht nur Regierungsstellen; am Manna aus Pullach labten sich Verbände, Bundesbank und Kirchen, registrierten die Bonner Aufseher wütend. Beschwerden beim Kanzler über den Mann "mit den großen Loyalitätsproblemen" (ein Kanzlerhelfer) halfen ebensowenig
wie Abmahnungen. Daraufhin zog Schreckenberger die Notbremse. Per Verordnung ("Richtlinien für die Informationstätigkeit des BND") schrieb er dem BND-Chef detailliert vor, wer wann und wie mit Nachrichten des Dienstes zu versorgen ist. Mehr noch: Sämtliche politisch relevanten Infos samt ihrer Adressaten müssen seither der Bonner Dienstaufsicht bekanntgegeben werden. "Das ist ein Mann, bei dem man Farbe bekennen muß", begründete Schreckenberger den Disziplin-Erlaß. Die Berichterstattung des BND sei "schließlich ein Teil der Informationspolitik, und die ist Sache der Regierung".
Vor einigen Monaten zeigte Schreckenberger dem Mann aus Pullach abermals die Grenzen auf. Wieck war im vorgesetzten Kanzleramt, aber auch bei Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher gegen die Ernennung des Kapitäns zur See Güllich (SPD) zum BND-Abteilungsleiter Technik vorstellig geworden, aber unterlegen. In Kohls Amt machte damals der Satz die Runde: "Den müßte man eigentlich in einer ordentlichen Behörde rausschmeißen."
Daß der engagierte und kenntnisreiche Außenpolitiker, der seinen Dienst in Pullach als lästige Warteschleife der Karriere ansieht, neuerdings auch mit seinen ost- und sicherheitspolitischen Analysen im Kanzleramt aneckt, liegt allerdings weniger an Wieck. Der konservative Geheimdienstler, der im Osten grundsätzlich nichts Gutes zu erkennen vermag, sah sich außerstande, Helmut Kohls unerwarteten Salto vom Nachrüster zum Abrüster mitzuvollziehen. Solange Kohl die doppelte Null-Lösung bei den Mittelstreckenwaffen abgelehnt hatte, waren Wiecks Analysen über sowjetische Aggressionsabsichten gern gehört. Seit der Kanzler aber auf Druck der US-Administration und der Argumentation seines Parteigenerals Heiner Geißler und des FDP-Außenministers Hans-Dietrich Genscher der Verschrottung der Pershing-1A-Raketen der Bundeswehr zustimmte, sind Wiecks Horrorgemälde nicht mehr gefragt. Wiecks Bonner Kontrolleure halten sich inzwischen sogar zugute, daß sie gegen den Rat des eigenen Dienstes die Kanzler-Entscheidung gefördert und gestützt haben.
Gelangweilt hörten sich die Staatssekretäre und Geheimdienstexperten kürzlich mal wieder an einem Dienstag um zehn in Schreckenbergers "Sicherheitslage" die Berichte des mit der hauseigenen Düse eingeflogenen Präsidenten an. Wiecks Szenario trieb, nichts Neues für die Runde, dem bekannten Höhepunkt zu: Trotz des Techtelmechtels zwischen amerikanischem Präsident und sowjetischem Generalsekretär sei die Gefahr aus dem Osten nicht gebannt, höchstes Mißtrauen gegen Michail Gorbatschows neuen Kurs sei geboten.
Da platzte Teilnehmern der Runde, die vom Präsidenten immer wieder Informationen statt Empfehlungen verlangt hatten, die Geduld: Wieck möge in der nächsten Lage gefälligst alle wichtigen Anzeichen für eine positive Einschätzung Gorbatschows vortragen. So erfuhr der Zirkel eine Woche später, daß - ausweislich der BND-Infos - Gorbatschow die Bundesrepublik neuerdings als den wichtigsten europäischen Staat neben der Sowjet-Union bezeichnet.
Auch im eigenen Bericht, in der Spionage-Community der Pullacher Zentrale und der Bonner BND-Dependance, hat der forsche Karrierist einen schweren Stand. Stöhnten Mitarbeiter anfangs über das scharfe Arbeitstempo ihres Präsidenten, so häufen sich neuerdings die Klagen über dessen - wie manche meinen - großzügigen Umgang mit öffentlichen Geldern. Beschwerden gelangen auf konspirativ-verschlungenen Pfaden zu Abgeordneten, ins Kanzleramt und auch zu Journalisten.
So erfuhren einige jener Abgeordneten, die im Haushaltsausschuß des Parlaments die geheimen Etats der Dienste einsehen dürfen, von einem teuren Bauprojekt, noch ehe es Planungsreife erlangte: Für 1,5 Millionen Mark will Wieck für sich und seinen Vize Paul Münstermann auf dem Gelände der Tag und Nacht bewachten "Zentralstelle für das Chiffrierwesen" in Bonn-Mehlem aufwendige Wohntrakte für die gelegentlichen Übernachtungen in der Bundeshauptstadt einrichten. Und das, obwohl Wiecks bisherige Bonner Dienstbleibe gerade für mehr als eine halbe Million Mark komfortabler und sicherer gemacht worden sei, klagen Experten.
Was Mitglieder seines dienstinternen Feind-Klubs auf die Palme treibt, nötigt dem Chef der Geheimnisträger nur müden Spott ab. Als er sich etwa dafür rechtfertigen sollte, daß sein Sohn von
Papas Bonner Diensttelephon Ferngespräche geführt habe, erwiderte der Vater, er wolle ja gerne die Gespräche nachträglich selbst bezahlen. Als er merkte, daß ihn ein Mitarbeiter in Bonn angeschwärzt hatte, weil in Pullach zu häufig der Rasen gemäht würde, der "PR" (Amtskürzel) ein Ziergartenfex sei und keine blühende Wiese ertragen könne, antwortete er diplomatisch: Blühende Wiesen seien ihm ebenso lieb wie ein gepflegter Garten, ließ er den Prüfern ausrichten.
Weiteres Reizobjekt für Wiecks Kritiker sind die beiden gepanzerten Mercedes-Limousinen, die jeweils 250000 Mark kosteten und dem Präsidenten in München und in Bonn zur Verfügung stehen. Was ihm als Prestigesucht angekreidet wird, erfährt freilich eine einfache Erklärung: Während seiner Tätigkeit als Nato-Botschafter in Brüssel kletterte Wieck in die höchste Gefährdungsstufe. Deshalb bewilligte der Haushaltsausschuß des Bundestags im Vorjahr beide Limousinen, die er besonders gefährdeten Ministern auch zugesteht.
Die kleinen und die großen Klagen über den Mann von Welt, derzeit Pullach, werden in Bonn allmählich ernst genommen. Die zuständigen Aufseher irritieren dabei weniger die Details, auch wenn die teuer zu stehen kommen. Es geht darum, so ein Geheimdienstfachmann, daß "hier einer mit Egozentrik und forschem Gehabe das Arbeitsklima des Dienstes gefährdet".

DER SPIEGEL 43/1987
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