27.07.1987

Transit eines Fliegenden Holländers

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den Violinvirtuosen Gidon Kremer *
Nein, der Portier des New Yorker Hauses 155 West 68. Straße kennt ihn nicht. Mr. Kremer? Nie gehört. In der internen Bewohnerkartei ist der Allerweltsname des prominenten Unbekannten allerdings doch registriert: Okay, Gidon Kremer, Apartment 25 F.
Ein Bild, wie es zum Image eines Star-Geigers paßt - noble Adresse, diskret verschleierte Besitzverhältnisse. Sieht ganz so aus, als habe einer der fähigsten, vielseitigsten und meistgefeierten Violinvirtuosen mitten in Manhattan seine standesgemäße Residenz.
Tatsächlich aber ist 25 F nur ein Stützpunkt im interkontinentalen Durchgangsverkehr, spartanisch und ungastlich eingerichtet, eine Bleibe, in der Kremer nie bleibt. Als der Musiker jüngst wirklich einmal zwischen mehreren US-Auftritten hier verschnaufen wollte, war er schon wenige Stunden nach seiner Ankunft und ein paar Übersee-Telephonaten wieder im Fluge, richtiger: auf der Flucht "zu Freunden" in Europa.
In Paris besitzt Gidon Kremer, 40, ein zweites Apartment, in Luzern ein Studio, in Heidelberg, wo seine Mutter lebt, allemal einen nestwarmen Unterschlupf. Immer mal wieder hält sich der Künstler hier und da auf. Aber nichts hält ihn. Die Domizile dienen dem weltläufigen Flüchtling nur als Transit-Räume.
Er kann nicht mal, wie die gestandenen Kollegen vom Fach, seelenruhig dastehen und in feierlicher Würde den Bogen führen. Statt dessen geht er, sobald er den Ton anschwellen läßt, mit dem Crescendo tief in die Knie, und wenn die Musik in Schwung kommt, schlendert und tänzelt auch er, "eins mit den Tönen". Früher mußten ihm die Tontechniker im Studio mit Kreide einen Sperrbezirk auf den Boden malen, damit sein Geigenklang auf der Platte nicht allzu befremdlich herumgeisterte. Heute lassen ihm Decken- und Bodenmikrophone mehr Bewegungsfreiheit.
Kremer ist ein glühender Unruheherd. Innerhalb von sechs Wochen hastet er - nach dem straffen Zeitplan seiner Management-Zentralen in Hamburg, London, New York - eine Strecke von globalem Ausmaß ab: Lissabon, Madeira, Wien, Rom, London, wieder Rom, Florenz, Palermo, noch mal Wien, noch mal London, München, New York - eine Tournee de force, als könnte dieser Künstler den Hals nicht voll kriegen.
Dabei spielt er die abendländischen Evergreens und, wie nebenbei, den Solopart bei der Uraufführung eines neuen Violinkonzerts seines Freundes Alfred Schnittke. Sprunghaft wechselt er zwischen großen symphonischen Klangkörpern und intimsten musikalischen Zweierbeziehungen. Über Nacht tauscht er Vivaldi und Paganini gegen Arvo Pärt und Karlheinz Stockhausen. Und hat er sein Publikum erst einmal durch eine volle Breitseite an Zeitgenössischem verschreckt, wirft er ihm als Zugabe gern ein paar Zuckerln von Fritz Kreisler nach.
Zwischen all dem Live-Betrieb macht er rasch einige Korrekturen an einer fast fertigen Plattenproduktion, nimmt, als ließe sich derlei aus dem Frackärmel schütteln, drei Sonaten von Beethoven auf und spielt schließlich auch noch zwei Konzerte von Mozart ein, für die Platte und fürs Fernsehen.
Obwohl diesem auf das Publikum geradezu fixierten Geiger das lupenreine Musizieren im menschenleeren Studio gegen den Strich geht, hat er schon über 50 Produktionen hinter sich und diese, unstet auch hier, auf eine Vielzahl von Labels verteilt.
Exklusivkünstler einer Firma wollte er, der "schon immer" und fast "in jedem Bereich des Lebens gegen Exklusivität war", nie werden und ist Anfang dieses Jahres ausgerechnet mit der Deutschen Grammophon, mit der er vor Jahren noch wegen angeblicher Vertragsverletzungen im Clinch lag, eine exklusive Bindung eingegangen - "ein Versuch nach all den Jahren des Kämpfens", wie er den Sinneswandel motiviert, "und ob auch der am Ende scheitert, weil ich wieder zuviel davon erwarte, kann ich nur später sagen".
Es ist sein Leidmotiv, daß er fast immer zuviel erwartet, vor allem von sich, und daß ihm selbst das Zuviel selten genug und gut genug ist. Wenn er sich, wie neulich in der Kölner Philharmonie, an einem Abend gleich fünf Violinkonzerte von Mozart zumutet, treibt er die Ausbeutung seiner künstlerischen Ressourcen bis zum Raubbau. Wenn er mit Kollegen ein vertracktes zeitgenössisches Stück paukt oder mit der Jungen Deutschen Philharmonie eine ausgewachsene Orchesterpartitur büffelt, schlägt seine Arbeitswut fast in Selbstkasteiung um.
Eigentlich ist er immer kurz davor, den Bogen zu überspannen, auch den, der seine unstete Existenz in der Fassung hält. Dann sieht er aus, "als ginge er mit einer schwarzen Wolke über dem Kopf herum", wie sein Geiger-Kollege Daniel Phillips beobachtet - ein Mann, der kaum aushält, was er sich aufhalst. Täter und Opfer in einem.
"Trotz meiner enormen Aktivitäten", resigniert dieser rastlose Friedenssucher, "habe ich in all den Jahren kein Zuhause finden können, ein Zuhause, wie es für jeden Menschen lebenswichtig ist, in einem Ort oder in einem Menschen."
Seit Kremer - in Riga geboren, in Moskau künstlerisch herangereift - 1980 dem Ostblock den Rücken kehrte, vagabundiert er durch die westliche Welt, hat "das meiste gesehen und erlebt, wovon ich als Schüler, Student und junger Musiker nur träumen konnte", und nun schwimmt er "immer noch in einem Ozean der menschlichen Beziehungen".
Seine beiden Ehen - die erste mit der Geigerin Tatjana Grindenko, die zweite mit der Pianistin Elena Baschkirowa - scheiterten. Eine längere Affäre in den USA ist inzwischen auch passe.
Seine Freunde sind Legion, darunter viele Instrumentaiisten, die erst auf halber Laufbahn und deshalb noch mit jener frischen Entdeckerfreude bei der Sache sind, die Kremer bei sich bereits bedroht fühlt und die er durch seine flatterhafte Ruhelosigkeit glaubt retten zu können. Aber "wie soll man diese Freundschaften pflegen und erhalten, wenn man wie ich ständig unterwegs ist, sozusagen überall und nirgends?"
Kein Zweifel, Gidon Kremer tut sich schwer mit Gidon Kremer. Aber er wehrt sich vehement gegen den Verdacht, er leide gern. Sicher rennt er nicht aus freien Stücken in das Unglück, das er anschließend bejammert. Er ist vielmehr ein Seiltänzer von Natur aus, einer, der sein Leben aufs (Geigen-)Spiel setzt und aller Welt die Gefahren vor Augen und Ohren führt. Er versteht sich und verhält sich als Risikofaktor.
Einmal, im Sommer 1981, hat er den Versuch unternommen, aus dem unheilvollen Accelerando von immer mehr Engagements unter immer mehr Zeitdruck auszubrechen. Da gründete er mit dem burgenländischen Weiler Lockenhaus ein kleines Privatfestival und ging dort, unter seinesgleichen und im lockeren
Stil einer zweiwöchigen Klassik-Session, auch richtig aus sich heraus: Er, der "abenteuertraurige" Künstler, wie ihn sein Produzent Hanno Rinke beschreibt, lachte sogar.
Am vorletzten Sonntag endete nun das siebte Lockenhauser Festspiel, und noch immer ist Kremers österreichische Spielwiese ein bißchen der ruhende Pol in einer rotierenden Karriere, trotz 25 Konzerten in 15 Tagen, trotz öffentlicher Proben, improvisierter Programme, Meisterkursen und trotz des obligatorischen Fußballspiels der Dur-Locker gegen die Moll-Locker, diesmal 11 : 10.
Wieder machten Stars und Newcomer gemeinsame Sache, wieder reisten Komponisten mit neuen Werken an, wieder bot man Musik auch zum und mit Spaß, und wieder war Kremer, wie anders, der Motor, der in entspannter Hochspannung rundlief.
Doch gleichsam mit dem Schlußackord in Lockenhaus kam er auch schon wieder gefährlich auf Touren, brach auf zum Schleswig-Holstein Musik Festival, geht weiter nach Ludwigsburg, zu den Salzburger Festspielen nach Italien, in die Schweiz, zu den Berliner Festwochen, quer durch Japan. Für mehr als ein tiefes Ausatmen läßt Lockenhaus seinem Initiator keine Zeit.
In der Lust am Schock, dem Sticheln gegen alle Routine, dem Haß auf Glamour und Gefallsucht hat Kremer viel mit dem kanadischen Pianisten Glenn Gould gemein: beide radikale Abweichler vom musikalischen Museumsdienst, beide Bilderstürmer gegen ihr Publikum und sich selbst, beide genau deshalb auch Kultfiguren der Branche.
Doch während Gould in seinem Abscheu vor dem geleckten Kunst-Gewerbe Eremit wurde, sich in die Abgeschiedenheit seiner Heimat zurückzog und bis zu seinem Tode 1982 nur noch Platte, Radio oder TV als Medium seiner Kunst benutzte, wurde Kremer zum Fliegenden Holländer, der ruhelos durch die Musikwelt rast und nicht genug kriegen kann von jenem Kampf zwischen missionarischer Künstlerseele und der stumpfen Genußsucht des Publikums, der gemeinhin Konzert heißt: "Mein Spiel", sagt Kremer, "ist eine Art von Sender, eine Möglichkeit für meine innere Welt, mit der Welt draußen Kontakt aufzunehmen."
Bloße Gefälligkeiten hat dieser Sender nicht im Programm. Als Kremer 1977 bei den Salzburger Festspielen aufspielte, brachte er die feinen Herrschaften aus der Fassung, indem er das Violinkonzert von Beethoven, eine Hostie des Repertoires, mit Kadenzen des Zeitgenossen Schnittke aufrauhte. Die Ehre, schon ein Jahr nach seinem Westdebüt das Brahms-Konzert unter Herbert von Karajan aufnehmen zu dürfen und von diesem als "bester Geiger, den wir haben" geadelt zu werden, war ihm viel weniger wichtig als eine weitaus lebendigere und innigere Einspielung des Werkes, die er acht Jahre später unter Leonard Bernstein nachreichte.
Während seine Kollegen, die geigenden Ästheten vom Schlage Itzhak Perlman, Shlomo Mintz oder Pinchas Zukerman, am liebsten edle Kantilenen durchs antiquarische Tongut des Abendlandes streichen, sträubt sich Kremer gegen den nur schönen Ton, der so leicht schluchzt und schmachtet. Statt dessen läßt er lieber gelegentlich den Stahl mitschwingen, aus dem die Saiien gemacht sind, und erzeugt so die "heisere Intensität", die die britische Violin-Expertin Margaret Campbell ihm nachsagt.
Im November 1984, als Kremer in Rom Mozarts G-Dur-Konzert gespielt hatte, stürmte mit dem letzten Ton der Kollege Uto Ughi ans Podium und schrie dem Solisten entgegen: "Sei un gran buffone!" - Sie sind ein großer Schwindler. Ughi als Lautsprecher aller Schmecklecker im Parkett: Ihnen ist der ganze Kremer nicht geheuer.
Sie wollen keine Recitals mit Stücken von Arvo Pärt, Vytautas Barkauskas oder Sofia Gubaidulina, deren Oktett "Hommage a T. S. Eliot" Kremer angeregt und kürzlich uraufgeführt hat, sie wollen das schiere D-Dur von Beethoven bis Tschaikowski. Sie wollen auch keinen Geiger voller Denkanstöße, sondern den Himmel voller Geigen.
Daß sie meutern, kann Kremer nur recht sein. Denn er "will unbequem sein" und ist es "voller Genugtuung": Denn "das Unbequeme bestätigt mir und dem Publikum meine Kreativität".
Angesichts dieses selbstbewußten Geständnisses ist die Frage, die Mutter Marianne Kremer ihrem Sohn gestellt hat, so unberechtigt nicht: "Warum bist du unglücklich? Sieh mal, du hast es doch weit gebracht." Dem setzt der Geiger ein bitteres Bonmot entgegen: "Sie versteht nicht, daß es ihre Erwartungen sind, die ich erfüllt habe." Ist er also nicht seines Unglücks Schmied?
Kremers Großvater mütterlicherseits der in Leipzig und München geschulte Karl Brückner, war in seiner Zeit ein gefeierter Violinvirtuose und hinterließ eine "Psychologie des Geigenspiels" in 28 Heften. Marianne Kremer geborene Brückner saß 27 Jahre lang als Geigerin im Symphonieorchester Riga. Gidons Vater war Geigenpädagoge. Geiger wie David Oistrach und Leonid Kogan waren bei den Kremers gern gesehene Hausgäste. Der Junge hatte keine Chancen, in seinem Leben andere Saiten aufzuziehen.
Er wuchs unter Experten auf, durchlief sämtliche Stationen einer standesgemäßen Ausbildung, gewann lokale, dann nationale Preise, wurde Oistrachs Schüler, holte sich 1970 als Sieger beim Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb die höheren Weihen des staatlichen Musikbetriebs und wurde, laut "FAZ", ein "kulturpolitischer Prestigeerzeuger". Als solchen hat ihn der Westen mit offenen Armen empfangen.
Kremer wird nie zugeben, womöglich nicht einmal einsehen, daß sein kostbares Instrument, die 450000 Mark teure Stradivari von 1734, ihn womöglich längst mehr belastet als beglückt. Seine Flucht mit der Geige kann durchaus eine Flucht vor der Geige sein.
Schon in Moskau, daran erinnert er sich noch heute, litt er unter der "Diskrepanz zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich in den Vorstellungen anderer zu sein hatte".
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 31/1987
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