24.08.1987

KREUZBERGLahmer Fritz

Zoff in der Berliner Szene: Die Autonomen lasten sich gegenseitig die Niederlage bei den jüngsten Krawall-Nächten an. *
In der Kreuzberger Waldemarstraße schepperte es mal wieder. "Mun-Schwein", brüllten aufgebrachte Lederjackenträger, Kleinpflaster flog durch die Luft, in einem davonfahrenden Wagen prasselten die Scheibensplitter.
Schimpf und Steine galten aber keineswegs den Jüngern des koreanischen Sektenführers San Myung Mun, die zum Mißvergnügen der Berliner Linken Anfang August im Congress Centrum einen antikommunistischen Studentenkongreß abgehalten hatten. Ziel der Attacken war ein Lokalredakteur der "Tageszeitung" ("taz").
Der Journalist hatte über ein Ereignis berichtet, das zuvor schon die bundesdeutschen Fernseher erstaunte: Als gewalttätige Mun-Anhänger am Grenzübergang Checkpoint-Charlie zur Mauer vordringen wollten, waren zu den aufmarschierten DDR-Grenzern militante linke Gegendemonstranten aus Kreuzberg gestoßen. "Autonome und Volkspolizei - eine Kampffront", kommentierte die "taz" das sonderbare Bündnis.
Die Kämpfer waren schwer beleidigt. Handgreiflichkeiten gegen die alternative Zeitung - vermummte Blattkritiker verbrannten vor den Kameras des Bürgerfernsehens "Offener Kanal" auch noch eine "taz"-Ausgabe - zeigen, wie verbiestert die Autonomen gegenwärtig auf Kritik aus der West-Berliner Szene reagieren.
Verbitterung und Zwietracht herrschen im Kreuzberger Milieu seit den Krawallnächten im Mai und seit den Auseinandersetzungen mit der Polizei beim Reagan-Besuch im Juni. Der Streit geht quer durch die Reihen der Berliner Autonomen. Eine Flut von Flugblättern ("Fluggis") und Infos schwirrt umher, die Zeitschrift "radikal" brauchte fast 30 Seiten, um nur einen Teil der Kreuzberger Dispute zu dokumentieren.
Mit Kraftausdrücken wie "Arschlöcher", "Politmacks" und "besoffene Idioten" bolzt eine gemäßigte Fraktion der Schwarzledernen, die ihre "Widerstandskultur" bedroht sieht und nicht zulassen möchte, daß der Krawall mit der Staatsmacht auf Kosten der Kreuzberger Bevölkerung geht und "Knalltütenaktionen" bezechter Plünderer die Eskalation weitertreiben. "Mit Feuer umzugehen und Steine zu schmeißen ist ''ne verantwortliche Sache", beschwören diese Autonomen ihre wildgewordenen Genossen, und sie mahnen gleichzeitig, bei der nächsten Plünderung werde "der Alk nicht gesoffen, sondern zerdeppert".
Die scharfen Totalrandalierer dagegen finden das alles "sozialarbeiterisch". Es sei falsch, "Leute daran zu hindern, Alk zu klauen und zu saufen". Kriminelle Taten "beinhalten immer die Suche nach Befreiung". Also: "Laßt die Leute machen!" Schon habe übrigens "die Klasse" beschlossen, an den lahmen "Fritzen vom Volksbefreiungsbüro e.V." einfach "vorbeizumarschieren".
Die Berliner Autonomen sind nach Zusammensetzung und Zahl ein nur vage bekanntes Gruppengeflecht, eine vorwiegend in Kreuzberg ansässige Nein-Front. Zum "ultralinken Störerpotential", dem Staatsschützer 800 Anhänger zurechnen, gehören "Kids", für die "das Steinewerfen ein Ritual ist" (so der AL-Abgeordnete Frank Kapek), vielfach auch politisch gleichgültige Jugendliche aus dem Bundesgebiet, die sehr radikal ihre "Kreuzberg-Phase" absolvieren und dann wieder "zurück in ihre bürgerliche oder kleinbürgerliche Umgebung" gehen, wie der SPD-Politiker Gerd Wartenberg, Bundestagsabgeordneter aus Kreuzberg, die Szene beschreibt.
Nach eigenem Verständnis wirken die Autonomen meist in Kleingruppen, zuletzt freilich allzuoft "ziellos", "in militantem Aktionismus" und mit "gegenseitiger Anpisse" befaßt. Mit eigener "Kiezpolizei", die bisweilen handgreiflich selbstverfügte "Kiezverbote" durchsetzte, sind die Kreuzberger in westdeutschen _(Nach der Anti-Reagan-Demonstration im ) _(11. Juni in der Straße an der Urania. )
Genossenkreisen nicht besonders gelitten, auch deshalb, weil sie den Eindruck "autoritärer Anmaßung" vermitteln.
Was in den vergangenen Krawallnächten passierte, hatten die Kreuzberg-Autoritäten jedoch nicht mehr in der Hand. In der Brandnacht des 1. Mai beschworen Plünderer und betrunkene Anwohner ein Polizeispektakel herauf, das den auf "bullenfreien Kiez" bedachten Straßenkampfstrategen überhaupt nicht ins Konzept paßte. Vergebens suchten gestandene Autonome, Tante-Emma-Läden vor Steinewerfern zu schützen, manche von ihnen ernteten bei Bemühungen um freie Fahrt für die Feuerwehr statt des gewohnten Respekts Keile von den Kids.
Als US-Präsident Ronald Reagan nach Berlin kam, scheiterten die Autonomen mit ihrem Plan, die "Präsenz von internationalen Medien" zu nutzen und "unseren Widerstand massiv nach außen zu tragen". Die Polizei erdrückte jeglichen Aufruhr.
Über die teils maßlosen amtlichen Vorbeugemaßnahmen wird jetzt vor Gericht gestritten. Beim Versuch, die Rechtsgrundlagen für die Totalabsperrung eines Teils von Kreuzberg zu erläutern, tat sich Innensenator Wilhelm Kewenig letzte Woche im Abgeordnetenhaus, zwei Monate nach dem Ereignis, immer noch schwer. Gegen seine Demonstranten-Umzingelung nach Art des Hamburger Kessels gingen die ersten sechs Verwaltungsgerichtsklagen von betroffenen Berlinern ein.
Doch die Anti-Reagan-Demonstranten rieben sich nicht nur an der polizeilichen Übermacht, sondern auch am Durcheinander in den eigenen Reihen auf. Schon beim Demo-Beginn irrten die Autonomen lange Zeit vergeblich auf der Suche nach ihrem Lautsprecherwagen umher, "der schlicht nicht da war". Später, bei der Demo, marschierten unter den 3000 Maskierten unerkannte Neonazis mit - "Ein Hammer!" (Fluggi) - und auch Autonome, "die sich tierisch mit Alk vollgepumpt haben" und mit ihren Dosenwürfen die eigenen Reihen trafen.
Auch bei der Straßenschlacht mit der Polizei lief alles ganz anders, als die Organisatoren des Protestes sich das vorgestellt hatten. Kreuzberger Hinterhöfe, als Schlupfwinkel vor uniformierten Verfolgern vorbereitet, wurden von den Polizisten schnell dichtgemacht, weil "dummerweise seitens der Szene Fluchtwege gekennzeichnet wurden" (Flugblatt-Text). Die farbigen Quadrate und Kreise an den Häuserwänden, die zur Orientierung westdeutscher Gastrandalierer gedacht waren, wiesen auch den von auswärts aufgebotenen Polizisten den Weg. Machtlos erlebten so die vermummten Strategen, wie an der Oranienstraße "Münchner Autonome mit Münchner Bullen kämpften" und die Beamten "leider über weite Strecken erfolgreich waren".
Die Bilanz der Randale, in den Fluggi-Texten formuliert, zeugt von tiefer Resignation. "Sind wir noch eine Kraft", fragen sich Autonome, andere geben schon die Antwort: Die Szene sei "echt am Arsch".
Nach der Anti-Reagan-Demonstration im 11. Juni in der Straße an der Urania.

DER SPIEGEL 35/1987
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