19.10.1987

OLYMPIAZu hoch gepokert

Nordkoreas Verbündete für einen Boykott der Spiele fallen um: Der Ostblock will nächstes Jahr in Südkorea teilnehmen. *
Der Olympiaboykott "ist eine moralische Verpflichtung", behauptet Kubas Staatschef Fidel Castro. Falls die an Südkoreas Hauptstadt Seoul vergebenen Olympischen Sommerspiele 1988 nicht zu einem erheblichen Teil auch in Nordkorea ausgetragen würden, "wird Kuba die Spiele boykottieren".
Castro stützt einen Gesinnungsgenossen von der anderen Seite der Weltkugel. Nordkoreas Diktator Kim II Sung findet, sein Land könne dem Prestigezuwachs des Erzfeindes Südkorea durch Olympia nicht "träge zusehen". Es sei auch keine "einfache sportliche, sondern eine ernste politische Frage", die Spiele in Seoul "zu bekämpfen und zurückzuweisen".
Die Vergabe der Spiele nach Seoul führte zu einem Politpoker, an dem sich zunächst nahezu alle Ostblockstaaten beteiligten. Die Boykottdrohungen der Verbündeten im Rücken, hatte Nordkorea vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) verlangt, die Hälfte der Wettbewerbe in seiner Hauptstadt Pjöngjang organisieren zu dürfen.
IOC-Präsident Antonio Samaranch konterte zunächst, es gebe "keine geteilten Spiele". Dann bot er an, zwei Wettbewerbe in Nordkorea austragen zu lassen, obgleich nach den Statuten die Spiele nur an eine Stadt vergeben werden dürfen. Viermal verhandelten die verfeindeten Koreaner unter IOC-Aufsicht in Lausanne: Ohne Ergebnis.
Nach einem Gespräch mit Fidel Castro, dem lautstärksten Helfer der Nordkoreaner, unterbreitete der IOC-Präsident sein "definitiv letztes Angebot": Das Bogenschießen, Straßen-Radrennen, die Turniere im Tischtennis und im Frauen-Volleyball sowie eine Vorrundengruppe im Fußball sollten im Norden ausgetragen werden.
Die Südkoreaner stimmten zu. Doch Nordkorea schob neue Forderungen nach und verlangte mindestens acht Sportarten, ein eigenes Organisationskomitee eine gesonderte Eröffnungs- und Schlußfeier, die Umbenennung in "Olympische Spiele von Seoul und Pjöngjang sowie ein Drittel
der TV-Einnahmen von 700 Millionen Mark.
Damit haben die Nordkoreaner offensichtlich überreizt. Obwohl das nordkoreanische Nationale Olympische Komitee (NOK) telegraphisch eine Verschiebung verlangte, versandte das IOC Mitte September dieses Jahres die Einladungen an alle 167 anerkannten NOKs. Die müssen bis zum 17. Januar 1988 verbindlich erklären, ob sie in Seoul starten wollen.
Die konsequente Haltung des IOC begründete der deutsche Vizepräsident Berthold Beitz lakonisch über das nordkoreanische Politspiel: "Die haben einfach zu hoch gepokert."
Andere IOC-Mitglieder vermuten gar, Nordkorea habe am Ende nur geblufft. Das Ziel sei von vornherein gewesen, mit immer neuen eigenen Forderungen die Spiele in Seoul zu verhindern. In Wahrheit hätte Nordkorea Wettbewerbe im eigenen Land nie organisieren können. Als letzte größere Sportveranstaltung hatte das Land vor acht Jahren die Tischtennis-Weltmeisterschaft ausgerichtet.
Tatsächlich hätte Nordkorea, das sich bislang fast wie Albanien von der Außenwelt abschließt, für die olympischen Wettbewerbe einen politischen Salto rückwärts schlagen müssen. Rund 30000 Athleten, Trainer, Funktionäre und Journalisten, nach IOC-Reglement alle der "olympischen Familie" zugehörig, hätten freien Zutritt in die Volksrepublik erhalten müssen. Überdies wären Arbeitsmöglichkeiten für die Medien nötig gewesen. Das kann sich etwa die "Far Eastern Economic Review" aus Hongkong nur "in einem Opiumtraum" vorstellen.
Beim möglichen Sieg eines südkoreanischen Bogenschützen "müßten in Pjöngjang die südkoreanische Flagge gehißt und die Nationalhymne gespielt werden", erkannte der kanadische IOC-Vizepräsident Richard Pound, "das ist für Nordkorea undenkbar".
Das IOC werde die Frist nicht verschieben, versprach Samaranch, "eines Tages müssen wir ja oder nein sagen. An irgendeinem Punkt wird es für Nordkorea zu spät sein". Allein Castro und mit ihm Nicaragua und Äthiopien reden noch ernsthaft von Boykott. Die sozialistischen Staaten haben sich längst von Nordkorea abgesetzt. So fürchtet der DDR-Sportchef Manfred Ewald, nach einem erneuten Olympia-Ausstieg der DDR-Athleten wie 1984 in Los Angeles wäre "unsere Spitzenstellung im Sport Geschichte".
Ohne großes Aufheben hat der Ostblock inzwischen sportliche Beziehungen zu Südkorea aufgenommen. Zu den Weltmeisterschaften 1985 im Bogenschießen und Judo erschienen erstmals auch sowjetische Teams in Seoul.
Ungarn lud südkoreanische Sportler ein, und zur Olympia-Generalprobe bei den Asien-Spielen 1986 startete in Peking erstmals ein Jet zum Direktflug nach Seoul, 428 chinesische Athleten an Bord. Am weitesten traute sich bislang der DDR-Volkskammer-Präsident Horst Sindermann vor. "Ohne Wenn und Aber" versprach er. "Wir werden nicht nur dabei sein, sondern auch eine Reihe von Medaillen mit nach Hause nehmen."
Der Boykott von Seoul, da sind die IOC-Oberen ganz sicher, ist zusammengebrochen. Statt dessen wird nun mit einem neuen Teilnehmerrekord in Südkorea gerechnet. _(Kim Chong Ha (Südkorea), Juan Antonio ) _(Samaranch und Kim Yu Sun (Nordkorea) bei ) _(Verhandlungen im Juli in Lausanne. )
Kim Chong Ha (Südkorea), Juan Antonio Samaranch und Kim Yu Sun (Nordkorea) bei Verhandlungen im Juli in Lausanne.

DER SPIEGEL 43/1987
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DER SPIEGEL 43/1987
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