24.08.1987

SYRIEN/IRANIn der Falle

Die amerikanische Geisel Charles Glass kam frei - weil der Iran Syrien im Golfkrieg mehr denn je braucht. *
Der späte Gast kam barfuß, in schmutziger Hose und zerfetztem Hemd. "Hello", begrüßte er den Nachtportier des West-Beiruter Luxushotels "Summerland", "ich bin Charlie Glass und brauche Schutz."
So meldete sich vergangenen Dienstag früh um halb drei der amerikanische Journalist Charles Glass, 37, in die Freiheit zurück. Nach 62tägiger Geiselhaft in den Händen der proiranischen libanesischen Terrorgruppe Hisb Allah (Partei Gottes) war es ihm Minuten vorher gelungen, seine schlafenden Bewacher zu überlisten und aus seinem Kerker im siebten Stock eines West-Beiruter Wohnhauses zu flüchten.
Vom "Summerland" fuhr Glass kurz darauf in einem von syrischen Elite-Soldaten eskortierten Konvoi in die drei Autostunden entfernte syrische Hauptstadt Damaskus. Der Tag war gerade angebrochen, als die befreite Geisel vor der US-Botschaft abgesetzt wurde.
Wenig später ließ es sich Syriens Außenminister Faruk el-Schaaraa nicht nehmen, Glass persönlich zu verabschieden. Bevor der Amerikaner in einem Privatjet nach London flog, wo Frau und fünf Kinder auf ihn warteten, bedankte er sich artig bei "der syrischen Regierung", speziell "beim Präsidenten Assad" für die "geleistete Hilfe".
Dafür hatte Glass einigen Grund. Denn seine wiedergewonnene Freiheit verdankte der Reporter - was er zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht wissen konnte - nicht etwa seiner eigenen List oder der Schlafmützigkeit seiner Aufpasser. Sein "Ausbruch" war vielmehr das Resultat wochenlanger Geheimverhandlungen zwischen den USA, Syrien und dem Iran.
Denn ausgerechnet das Teheraner Mullah-Regime, dessen Treibminen im Golf amerikanische Fregatten und umgeflaggte Tanker bedrohen und dessen fanatischer Revolutionsführer Chomeini die gesamte moslemische Welt zum Kampf gegen den "großen Satan" USA mobilisieren möchte, spielte in der Geiselbefreiung die Schlüsselrolle.
"Ohne uns", brüstete sich vergangenen Donnerstag denn auch der mächtige Teheraner Parlamentssprecher Rafsandschani, hätte "Glass seine Familie nicht wieder in die Arme schließen können".
Doch in Wirklichkeit ging es bei der "humanitären Geste" (so Rafsandschani) weniger um die Pflege des Verhältnisses zu Reagans Amerika, sondern um das zu Syrien - seit Ausbruch des Golfkrieges im September 1980 wichtigster arabischer Verbündeter der iranischen Theokraten.
Diese Allianz, deren stärkste gemeinsame Klammer der tiefe Haß auf das Regime des irakischen Staatschefs Saddam Hussein ist, kam in den vergangenen Monaten gefährlich ins Wanken. Der Streit der Bündnispartner hatte sich im Libanon entzündet.
Im bürgerkriegszerstörten Levante-Staat wollen Chomeini-treue schiitische Libanesen eine "Islamische Republik" errichten - mit ideologischer und materieller Unterstützung Teherans. Vor allem im moslemischen Westteil der Hauptstadt Beirut übernahmen die Fanatiker, größtenteils in der Gottespartei Hisb Allah organisiert, die Kontrolle und entführten in den vergangenen Jahren mindestens neun Ausländer, darunter auch im Januar 1987 die Deutschen Rudolf Cordes und Alfred Schmidt.
Syriens Präsident Hafis el-Assad, 59, der den Libanon ohnehin historisch als Teil eines "Großsyrischen Reiches" betrachtet, schickte im vergangenen Februar eine etwa 7500 Mann starke Armee nach West-Beirut. Diese Truppe - so sein Kalkül - solle weltweit Syriens Rolle als Ordnungsmacht unter Beweis stellen. Weiterer Hintergedanke der Invasion: Druck auf die Geiselnehmer und deren Teheraner Hintermänner auszuüben, um möglicherweise einige Geiseln zu befreien.
Solch einen Prestigeerfolg hat Assad bitter nötig, seit er voriges Jahr in den - nur zum Teil bewiesenen - Verdacht geriet, einer der Schutzherren des internationalen Terrorismus zu sein. Dabei traf ihn die Abkühlung der diplomatischen Beziehungen vieler westlicher Staaten zu seinem Land weit weniger als weitreichende Wirtschaftssanktionen, die seinen krisengeschüttelten Staat noch näher zum Bankrott trieben.
Doch Assads Rechnung - Geiseln gegen Image-Verbesserung - ging nicht auf, weil die Hisb-Allah-Kämpfer der syrischen Ordnungstruppe ein Blutbad androhten, falls Assads Soldaten in die Hisb-Allah-Hochburgen in den südlichen Vororten eindrängen.
Weil ihn das Bündnis mit dem Iran auch im arabischen Lager immer weiter zu isolieren drohte, traf sich der schlaue Fuchs Assad im April 1987 mit dem verfeindeten Iraker Saddam Hussein. In einem jordanischen Grenznest konferierten sie fünf Stunden über Wege zu einer Wiederversöhnung - der Gastgeber, König Hussein, hatte noch den saudiarabischen Kronprinzen Abdullah an den Verhandlungstisch gebeten. Der stellte Assad für den Fall des Bruchs mit dem Iran "großzügigste" Wirtschaftshilfe
in Aussicht. Assads Geheimvisite war von seinem engsten Verbündeten UdSSR befürwortet worden.
Teherans Reaktion auf diesen "Verrat" (so Parlamentssprecher Rafsandschani): Hisb-Allah-Milizionäre entführten im Juni auf der West-Beiruter Flughafenstraße Charles Glass - und das ausgerechnet unter den Augen eines Kontrollpostens der syrischen Ordnungsmacht. Assad, der sich wiederholt für die Sicherheit aller Ausländer verbürgt hatte, stand nun vor aller Welt blamiert da. Die Befreiung gerade dieser Geisel galt deshalb fortan als "Chefsache".
Assad schickte Geheim-Emissäre nach Teheran, die den Mullahs mit einer weiteren Verschlechterung der Allianz bis hin zum Bündnisbruch drohten, falls der Iran seinen Einfluß auf die Geiselnehmer nicht geltend mache.
Ein Ausscheren Syriens aber aus der Anti-Irak-Front würde Saddam Hussein von schwerem Druck befreien und ihm womöglich wieder das Übergewicht in der Schlacht gegen den Iran geben.
Vergangenen Monat ließ Ronald Reagan über seinen Uno-Botschafter Vernon Walters dem Syrer Assad eine schmeichelhafte Nachricht zukommen. Walters im Damaszener Präsidenten-Palast: "Reagan weiß sehr wohl, welch bedeutende Rolle Sie im Libanon spielen. Er weiß, daß Sie die Geisel freibekommen." Und: "Mein Präsident ist überzeugt, Sie schaffen es."
Dann setzte Sonder-Emissär Walters nach orientalischer Basar-Sitte noch einen drauf: Wenn Syrien Charles Glass die Freiheit verschaffen würde, garantiere Reagan, daß der im Herbst 1986 abgezogene US-Botschafter "in einer Woche, spätestens in zwei wieder in Damaskus" sein werde. Damit wäre Syriens internationale Ächtung beendet, die Wirtschaftshilfe könnte wieder üppig fließen.
Da kam Assad ein Unglück zupaß, das die gesamte islamische Welt schockte: das Blutbad unter Hunderten von Pilgern in der heiligen Stadt Mekka, provoziert von iranischen Extremisten. Syrien kondolierte öffentlich dem saudischen Herrscherhaus und setzte sich damit deutlich vom verbündeten Iran ab.
Als kurz darauf Teheraner Spitzenpolitiker Saudi-Arabien und mit dem Irak befreundeten Golfanrainern wie Kuweit militärische Gegenschläge androhten, kam die Stunde Assads, dem laut Henry Kissinger "interessantesten Politiker im Nahen Osten".
Syrien, so ließ der Präsident erklären, werde es "niemals hinnehmen", wenn die Iraner ihren Krieg auf andere arabische Länder ausdehnten. Dann, so drohte etwa sein persönlicher Freund, der syrische Geschäftsmann Umran Adham, werde Syrien notfalls "an der Seite eines arabischen Landes" gegen den Iran kämpfen.
Die Drohung zeigte bei den sonst so arroganten Mullahs Wirkung: Denn gerade nach den Ereignissen von Mekka, die Irans Isolation in der überwiegend sunnitisch orientierten Moslem-Welt noch verstärkte, hätte der Bruch mit dem einzigen Verbündeten schlimme Wirkung etwa auf die wachsende Kriegsmüdigkeit des 45-Millionen-Volkes.
Um das Bündnis wieder zu festigen, auf das der Iran mittlerweile viel stärker angewiesen ist als Syrien, befahl Teheran seinen libanesischen Hisb-Allah-Satrapen, den Amerikaner Glass freizulassen. Einzige Bedingung der Gotteskrieger: Um ihr Gesicht zu wahren, mußte Glass die Möglichkeit zur "Flucht" geschaffen werden.
Das Pokerspiel Assads gegen Teheran könnte in naher Zukunft zu weiteren syrischen Erfolgen führen. Ein enger Präsidentenberater vergangene Woche in Damaskus: "Das war nur der erste Schritt. Der Iran sitzt jetzt in der Falle. Denen holen wir so viele Geiseln heraus, wie wir nur wollen."

DER SPIEGEL 35/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SYRIEN/IRAN:
In der Falle

  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp
  • Historische Bestmarke: Marathon in unter zwei Stunden