04.01.1988

Ist die sexuelle Freiheit am Ende?

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über den neuen Streit um die Pornographie SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über den neuen Streit um die Pornographie Nimmt die Gewalt in der Pornographie rapide zu? Braucht man Gesetze, um die Flut von Schund und Frauendemütigung einzudämmen, wie die Zeitschrift „Emma“ und ihre Herausgeberin Alice Schwarzer es fordern? Bestärkt durch das Buch der amerikanischen Feministin Andrea Dworkin, das Pornographie als frauenfeindlich analysiert, haben die Kölner Feministinnen eine neue Debatte um das Obszöne in Gang gesetzt. *
Der Richter nahm eine der beschlagnahmten erotischen Zeichnungen und zündete sie über dem Richtertisch an. Es war ein Blatt von Egon Schiele, der angeklagt war, erotische Zeichnungen in einem Kindern zugänglichen Raum aufgehängt zu haben. Im Österreich des Jahres 1912 machte die Staatsgewalt mit einem pornographischen Werk schon mal Feuer. Keine Kunstsanktionierung half dem Künstler, dessen Aktzeichnungen zu den kühnsten Menschenerkundungen des Wiener Jugendstils zählen.
1856 in Frankreich stand Gustave Flaubert vor Gericht. Angeklagt wegen seines Ehebruch-Romans "Madame Bovary" (unstreitig einer der größten Romane der Weltliteratur). Der Grund, warum das Werk als anstößig, obszön, pornographisch angeklagt war: eine Episode, in der sich die Heldin Emma zusammen mit ihrem Liebhaber stundenlang in einer Kutsche mit geschlossenen Vorhängen durch die Stadt fahren ließ.
Obwohl Flaubert mit keinem Wort schilderte, was denn nun so Schreckliches in der Kutsche passierte, nahm die Zensur, nahm die Moral Anstoß.
1921 in Berlin. Vor Gericht stand Arthur Schnitzlers Theaterstück "Der Reigen". Als pornographisch empfunden wurden Szenen, die in der Buchausgabe nur durch Gedankenstriche angedeutet sind, Szenen, bei denen in der Berliner Theateraufführung der Vorhang fiel.
Auch hier wieder wurde (mit wechselnden Partnern und ohne Trauschein) nur in der Phantasie der Zuschauer kopuliert. Die Pornographie des Beischlafs fand nur im Kopf statt.
In den verheuchelten sittenstrengen fünfziger Jahren genügte ein verhuschter, nur Filmsekunden dauernder Nacktauftritt der Hildegard Knef ("Die Sünderin", 1951), um die Adenauer-Republik in Aufregung und Entrüstung zu versetzen. Und Ingmar Bergmans "Das Schweigen" provozierte 1963 Anstoß wegen einer offenkundig masturbierenden Frau und einer schemenhaften sexuellen Vereinigungsszene in einer Kirche.
Was heute nach bigotten Märchen aus finsterer Vorzeit klingt, ist noch gar nicht so lange her. Noch 1976 beschlagnahmte der Staatsanwalt auf der Berlinale Nagisa Oshimas Meisterstück "Im Reich der Sinne": Er zog den Film mittels zweier Kriminalbeamter nach der Vorstellung als "harten Porno" ein.
Im selben Jahr hatten mehrere Staatsanwälte deutsche Kinos von Pier Paolo Pasolinis "Salo oder die 120 Tage von
Sodom" freigekämmt. Der Vorwurf lautete auch hier: Gewaltpornographie. Beide Filme, sowohl Pasolinis "Salo" wie Oshimas "Reich der Sinne", wurden kurz darauf gerichtlich freigesprochen.
Das waren, nach der Neufassung und Liberalisierung des Sexualstrafrechts, sicherlich Rückzugsgefechte der Justiz, die mit der Lust nie ihre reine Freude hatte. Die Juristen, so schrieb Ludwig Marcuse vor 25 Jahren ("Obszön"), würden seufzen, daß es keine Definitionen für das Obszöne, Unzüchtige, Pornographische gebe, "mit denen man Gesetze machen kann ... und machen sie dennoch".
Für die Auseinandersetzung des Staates mit der Sexualität galt und gilt abgewandelt der Karl-Kraus-Satz, daß der Sittlichkeitsskandal meist dann anfange, wenn ihm die Polizei ein Ende setze.
War damit, im großen und ganzen, 1975 Schluß? Soll damit, unter neuen Vorzeichen, nach dem Willen von "Emma" und Alice Schwarzer wieder angefangen werden? Deutschlands bekannteste Feministin will mit Boykott-Aufrufen ("PorNO!") und einer Gesetzesinitiative der frauenfeindlichen Pornographie (und Pornographie sei so gut wie immer frauenfeindlich) ans Leder gehen.
Seit "Emma" den Streit um die Pornographie vom Zaun gebrochen hat, wird das Obszöne wieder heftig diskutiert. Zu einer Kölner Veranstaltung im Dezember, an der auch Gesundheitsministerin Rita Süssmuth teilnahm, kamen über 1000 Zuhörer(innen). 2000 mußten abgewiesen werden. Zeitschriften und TV-Runden diskutierten das Thema, Politiker, Verleger und Schriftsteller gaben Erklärungen ab, die Sexualforschung erhob pflichtgemäß ihre Stimme. Was war Neues geschehen?
Bis zur Mitte der siebziger Jahre war es das Prinzip Unzucht, mit dem der Knüppel des Strafgesetzbuchparagraphen 184 seit Kaisers Zeiten gegen das Obszöne geschwungen wurde. Unzucht war ein Begriff, mit dem die Kirche sich den Staat zum Büttel gemacht hatte: Denn die christliche Lustfeindlichkeit, die Geschlechtsverkehr nur zur Zeugung und nur innerhalb der Ehe für propagierungswürdig erachtete (was sich ja bis heute in die Abtreibungsdebatte fortsetzt), duldete keine Darstellung von Geschlechtlichkeit als Selbstzweck.
Im Laufe der Zeit hatte sich ein Kunstvorbehalt in dieses bigotte Bollwerk geschlichen: Da die Kunst frei sei und eine Zensur nicht stattfinde, konnten "unzüchtige Darstellungen" in gewissen Fällen mit den Weihen der Kunst geadelt und damit dem Zugriff des Sittenrichters entzogen werden.
Mit der Reform des Paragraphen 184 wurde der Begriff "Unzucht" durch den der "Pornographie" ersetzt. Pornographie sei, was "ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes" beim Betrachter abziele, so der Kommentar zum Gesetz.
Da Gesetze auch Symbole herrschender Wertvorstellungen und Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsensus sind oder sein sollten und da der Geist der Sittengesetze längst keinen Rückhalt mehr im gesellschaftlichen Selbstverständnis fand, war die Unzucht- und Pornographie-Hatz der fünfziger und sechziger Jahre so lächerlich geworden. Die Dessous-Schnüffler und Aufspürer von "Stellen" in Büchern, an denen Kirche und provinzielles Muckertum Anstoß genommen hatten, waren komische Figuren in einer Zeit, die längst die Kirche im Dorf gelassen hatte und deren sexuelle Ängste nicht zuletzt dank der Antibabypille und der (so gut wie) besiegten Geschlechtskrankheiten im Schwinden begriffen waren.
So war die Reform der Sittlichkeitsgesetze in der sozialliberalen Ära (nicht anders als in den übrigen Industrienationen, denen die aufgeklärten skandinavischen Länder als Avantgarde vorausmarschierten) von einem optimistischen Fortschrittsglauben begleitet. Man sah
das Ende der Doppelmoral heraufdämmern, die heimlich mit Lust dem frönte, was sie öffentlich an den Pranger stellte. Man hoffte auf eine frisch gelüftete Moral, auf das Ende von Verklemmungen und Verdrängungen.
Waren es nicht die Verbote und Sittlichkeitsgebote, die zu den Perversionen der in das Dunkel gestoßenen Sexualität geführt hatten? Waren Sadismus und Masochismus, waren die Phantasieorgien sexueller Gewalt nicht Ausdruck der Tatsache, daß sich der Sex nicht offen hatte entfalten dürfen und deshalb, gefesselt, deformierte?
Man mußte also nur die Repression (so das neue Zauberwort jener Jahre) von der Sexualität nehmen, und schon würde sie sich frei und schön entfalten.
Was versprach man sich nicht alles von der neuen sexuellen Liberalität! Zum Beispiel die Abnahme der Sexualdelikte, der Vergewaltigungen und der anderen Sexualverbrechen. Der Triebtäter würde seine Triebabfuhr jetzt anders erledigen können; wenn es zu keinem Verkehrsstau im Hirn käme, würde es auch zu weniger sexuellen Karambolagen kommen.
Man versprach sich einen liberaleren Umgang der Geschlechter, ob gleich, ob ungleich, miteinander: eine sexuell offene Gesellschaft ohne Heuchelei, Krampf und Unterdrückung.
Inzwischen, nach rund eineinhalb Jahrzehnten sexuellem Liberalismus, ist von der ursprünglichen Begeisterung, vom Aufbruch zu neuen Ufern nicht mehr die Rede. Und wenn in einer Diskussion (wie in der Fernsehsendung "Berliner Platz" am 16. Dezember des vergangenen Jahres) eine Vertreterin jenes 68er-Geistes auftritt und von der Freigabe der Pornographie schwärmt wie die Sozialwissenschaftlerin Gerburg Treusch-Dieter, dann tut sie das mit einer ähnlichen psychischen Verbiesterung und einem Fanatismus, der damals in den Jahren des Aufbruchs die Vertreter der Kirchen und die Moralapostel des Spießertums kennzeichnete.
Kein Wunder, denn die Hoffnungen, die man in die Liberalisierung setzte, haben sich nicht erfüllt.
Was zum Beispiel die Vergewaltigung betrifft, so ist ihre Häufigkeitszahl in der Bundesrepublik während der letzten 20 Jahre relativ konstant geblieben: elf Vergewaltigungen im Jahr pro 100 000 Einwohner. Die Zahl der sexuellen Nötigungen hat gar zugenommen. 1971 wurden 2051 Fälle erfaßt, 1986 waren es 3786 Fälle. Bei aller Fragwürdigkeit statistischer Erfassung gerade bei Sexualdelikten: Eine Trendwende im Zeichen der Freiheit läßt sich daran beim besten Willen nicht ablesen.
Statt dessen läßt sich individuell und außerhalb der Statistik zeigen, daß bestimmte Straftaten, zumindest was ihre spezifische Form anlangt, sich nach dem Muster von Gewaltpornographie vollzogen haben. Und nicht nur nach dem von Gewaltpornographie. Die amerikanische Feministin Andrea Dworkin führt an, daß es in den USA Morde gegeben habe, deren Täter sich die Oralverkehrshymne "Deep Throat", einen als befreiend gefeierten Porno-Film der frühen siebziger Jahre, zum Muster genommen hätten, während sie ihre weiblichen Opfer gewaltsam erstickten.
Während lange darüber gestritten und geredet wurde, ob Darstellung von Gewalt, also auch sexueller Gewalt, als Ventil oder Anreiz fungiere, ob sie zur Gewalt stimuliere oder Gewaltenergien harmlos abführe, ist inzwischen durch gründliche Untersuchungen und Feldstudien klar, daß es einen Zusammenhang zwischen Brutalitätskonsum und aggressivem Verhalten gibt.
Und außerdem, so hat der Wissenschaftsreporter Dieter E. Zimmer neue Forschungserkenntnisse referiert, weiß man inzwischen, wie sehr Sexualität und Gewalttätigkeit zusammenhängen. "Szenen", so Zimmer, "in denen Frauen gefoltert und getötet werden, auch wenn sie frei sind von jedem offen sexuellen Inhalt, erregen jeden dritten Mann sexuell. Von Mal zu Mal sehen Männer wie Frauen solche Szenen mit geringerem
Widerwillen und größerem Wohlgefallen, von Mal zu Mal neigen beide Geschlechter stärker zu der Ansicht, daß Frauen vergewaltigt werden wollen."
Mit anderen Worten: Der wiederholte, der ständige Konsum von Gewalt führt (auch) zur sexuellen Verrohung und Abstumpfung.
Ein Fluch der Porno-Industrie und ihrer immensen Ausbreitung ist es, daß sie den Kitzel angesichts dieser Abstumpfung immer mehr verstärken muß; die Pornographie, das ist in ihrer Entwicklung wesenhaft angelegt, muß, will sie ihre Konsumenten bei der Stange und an der Leine halten, zulegen, muß nachheizen. Sie muß der Abstumpfung immer stärkere Reize bieten.
Und die Porno-Industrie wächst seit der Liberalisierung enorm. Sie wächst auch, weil zu den gewohnten Medien Buch und Film längst auch die Videokassette gekommen ist, die den Vorteil hat, dem noch immer auf Heimlichkeit bedachten und verklemmten Kunden seinen Weg ins Schmuddelkino zu ersparen.
Pornovideos kann er sozusagen im Schutz des Kunstfilms ausleihen, der in ein und derselben Videothek angeboten wird. In Deutschland gibt es rund 1000 Sexshops und rund 4500 Videotheken, die rund 850 Millionen Umsatz machen. 1985 wurden etwa 500 000 Porno-Videos zu Preisen zwischen 50 und 200 Mark verkauft.
Beate Uhse, die von der Sexualhygiene nach der weitgehenden Freigabe der Pornographie voller Kraft und Saft ins Pornogeschäft einstieg, machte 1984 einen Umsatz von 64 Millionen Mark; 1982 allein mit Filmen 50 Millionen. 1983 stieg sie auch steil ins Videogeschäft ein. Ihre Devise: "Der Wurm, der an der Angel hängt, muß nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch."
Mit dieser Devise hat sie es inzwischen zu einem Umsatz von 100 Millionen Mark gebracht. Das ist, seit 1984, eine Steigerung um fast 40 Millionen.
Die gesamte Pornobranche soll rund 1,1 Milliarden Mark pro Jahr umsetzen. Pro Monat werden eine halbe Million Pornokassetten ausgeliehen, darunter schätzungsweise 200 000 besonders gewalttätige. Kinos, die sexuellen Entsorgungsparks des Mannes, in denen die Phantasie und die rechte Hand angeregt werden, brauchen deshalb nicht zu darben: es gibt davon 350.
Pornos gibt es in Hotels, wo sie manuell zur Nachtruhe herbeigedrückt werden können. Es gibt sie, anders als in Italien, noch nicht im Fernsehen. Da steckt Deutschland noch in den Kinderschuhen oder besser: im Schutzgehege der öffentlich-rechtlichen Gewohnheit.
Dennoch kann man verallgemeinernd sagen: Die neuen technischen Medien haben der Pornographie ungeahnte neue Möglichkeiten gebahnt, ihre Vervielfältigung im Zeitalter der technischen, filmischen und elektronischen Reproduzierbarkeit hat den Markt der Lüste schier grenzenlos gemacht. Neben der Pornographie, die ja, wörtlich genommen, "Huren beschreibt", gibt es visuell auch den richtigen Hurenmarkt via Bildschirm in den USA ebenso wie beispielsweise in Frankreich (Minitel).
Die neue Freiheit hat also vor allem zu einem Wirtschaftsboom der Pornoindustrie geführt. In den USA ist die Pornoindustrie, laut Dworkin, größer als die Schallplatten- und Filmindustrie zusammen, wobei sich allerdings fragen läßt, bei der Überschneidung der drei Branchen, wie man das überhaupt auseinanderfalten und säuberlich trennen kann.
In Dänemark, dem Land der pornographischen Verheißung, das Deutschland mit dem Nötigsten versorgte, als unsere Gesetze noch straff und stramm waren, in Legoland also ist die Pornographie ein wichtiger Wirtschaftszweig und ein Exportschlager.
War es also das, was die begeistert akklamierte sexuelle Revolution erbracht hatte - eine Flut von Schriften und stillen wie bewegten Bildern, auf denen es immer nur um das eine ging? Und sonst nichts? Sicher hat die Liberalisierung im bis dahin ungelüfteten Schlafzimmer zu Reformen geführt: Homosexuelle waren nicht mehr nur Geächtete, die Scheidungsgesetzgebung machte den nach schmuddeligen Indizien schnüffelnden Detektiv mitsamt "Schuld"frage und "Ehebruch" überflüssig, das strikte Verbot der Abtreibung wurde aufgehoben, die illegale Engelmacherin wurde nahezu abgeschafft.
Aber vom neuen Bewußtsein, von neuer Partnerschaft, von repressionsfreier Sexgesellschaft konnte nicht die Rede sein. Wie hätte auch in einer Welt, die nach wie vor auf Macht, Aggression und Geld gestellt war, ausgerechnet die Sexualität als freier Garten Eden der Lüste, als heiter progressiv bepflanzte Spielwiese entstehen sollen?
So tummelte sich die freie Partnerwahl in spießigen Sexsaunen, wo die aufgeklärten Bierbäuche mal kurz des Nachbars Weib begehren durften. So regten sich die kitzligen Sonderwünsche in Partner-Annoncen, ob grün, ob grau, ob Mann ob Frau.
Sexualität rückte in die Nähe des Leistungssports, an dessen Verbesserung viele theoretische Trainer herumdokterten. 1984 schrieb die Münchner Filmpäpstin "Ponkie" der Beate Uhse zwar noch, ganz im Geiste von 1968, Verdienste "um die Geburtenregelung im Vorpillen-Zeitalter" und "um die Auslüftung der Betten" zu, bemerkte aber schon mit Skepsis: "Der Pendelschlag aller Befreiungen freilich, von
einem Extrem ins andere schwingend und Freiheit mit Sexleistungswahn verwechselnd", führte zu Beate Uhses "albernen Video-Pornos".
Aber die Einsicht, daß der Sex zur neuen Zwangsvorstellung einer im Bett sich austobenden Gesellschaft von Hochleistungssportlern wurde, zeigt nur die erste Phase der Pendelbewegung.
Schon dem sportiv vollstreckten Sex diente die (softe) Pornographie als Propaganda: ist sie doch das Feld, auf dem jeder alles kann und will, nimmersatt und unermüdlich, wie die Jungen Pioniere immer bereit und, wie die Pfadfinder zur täglichen, ja stündlichen guten Tat entschlossen.
Wo Sport ist, hat die Psyche Ruh. Oder? Das "Weh und Ach" der Welt, war, wie Mephisto es einstens verheißen hatte, aus einem Punkte der Weiber zu kurieren. Dieser eine Punkt jedoch verbreitete sich als Fläche über den ganzen Körper, der von den Sexualtopographen zu einer einzigen erogenen Zone erweitert wurde. Der Partner wurde zur "Sache", zum Lustobjekt, beim Hochleistungssport gibt es als Gegenüber nur Geräte und Gegner.
Inzwischen ist das Pendel der Begeisterung über die sexuelle Freiheit noch weiter zur Ernüchterung ausgeschlagen.
Der Autor eindringlicher Zeitgeist-Reportagen Cordt Schnibben hat diese Ernüchterung exakt aus Anlaß einer "Hasenjagd" des "Playboy", also im Zusammenhang mit der softesten Pornographie, beschrieben: "Die Illusion, daß die Abbildung von Brust und Penis subversiv sei, zerplatzte schnell, doch bis heute hält sich der Irrglaube, in den letzten beiden Jahrzehnten habe sich das deutsche Volk sexuell befreit."
In Wahrheit, so Schnibben, seien lediglich drei Dinge passiert: *___"Die Nackte wurde hoffähig", *___"die Herrschaft über den Sex entglitt der Kirche", sie ____liege "nun in den Händen des Kommerzes", und *___"die Masturbation hat zugenommen und wird nicht mehr so ____häufig mit Rückenmarkschwund in Verbindung gebracht".
In allen drei Punkten wird die "sexuelle Revolution" relativiert, berühren sich ihre mageren Ergebnisse mit der Pornographie, sie verhalten sich wie Torschuß und Vorlage - Wichsvorlage, um genauer zu sein.
Der Sex total unter die Herrschaft des Kommerzes; kein Wunder, daß da mit Vokabeln wie Freiheit und Selbstbestimmung operiert wurde, daß die Fetzen nur so flogen. Aber die Vokabeln, die einst Waffen gegen das kirchliche Duckmäusertum, gegen die christliche Repression waren, diese Waffen erwiesen sich (auch) als neue Nötigungsinstrumente.
Im Strom der neuen sexuellen Freiheit war es schwer, als "Spielverderber" aufzutreten. Schauspielerinnen, beispielsweise, die sich auf der Bühne oder im Film nicht ausziehen wollten, mußten auch gegen die Vorstellung (in sich und in anderen) kämpfen, sie seien altmodisch, verklemmt, prüde, vorgestrig.
Die neue Freiheit gebar neue Zwänge. Anstelle der früheren Lustfeindlichkeit trat die eiserne Pflicht zur Lust. Prüderie wurde Sünde: Bloß kein Spielverderber sein! Es waren die Feministinnen, die auf die Nötigung zur Verfügbarkeit hingewiesen haben: Auch das Diktat zur Lust war ein moralisches Diktat.
Und die Feministinnen der "Emma", allen voran die kampfvergnügte Herausgeberin Alice Schwarzer, sind es jetzt, die der Vorherrschaft des Kommerzes über den Sex, also der Pornographie den Kampf angesagt haben. Ein Kampf gegen Windmühlen? Gegen Gespenster? Einer, der gar zurück zur alten Bigotterie von Priesterkragen und Soutane führt? Wojtyla mit uns?
Zunächst: Mit Argumenten von auflagensteigender Kampagne, von einem Werbegag für "Emma" et cetera, sollten Journalisten nicht kommen. Alle Journalisten wollen, hoffentlich, auch Auflage machen, Aufmerksamkeit erregen. Wenn sie Glück haben, auch noch um einer guten Sache willen.
So ist die griesgrämig-bornierte Bemerkung des "Zeit"-Feuilleton-Chefs Ulrich Greiner, "Emma" "zwinge" uns eine Diskussion auf, nur das Feigenblatt für einen Artikel, in dem man ein paar verquere Männerphantasien lesen kann. Zum Beispiel: Frauen brauchten und wollten keine Macht, weil sie die Söhne im zarten Alter aufzogen und formten, und das sei wahrlich Macht genug!
Und Pornographie sei vielleicht die Sehnsucht der erwachsenen Männer nach dieser symbiotischen Nähe zwischen Knaben und Mutter. Mama als Onaniervorlage für den großgewordenen Ödipus, nein danke!
Richtig ist, läßt man solchen Schnickschnack aus der stickigen Feuilletonküche beiseite, daß Alice Schwarzer ihren Vorschlag, die Pornographie durch eine _(Älteres Phantasieporträt. )
neue Gesetzgebung zu bekämpfen, parallel zum deutschen Erscheinen des Buches "Pornographie" von Andrea Dworkin im "Emma"-Verlag gemacht hat: also eine Buch-Promotion _(Andrea Dworkin: "Pornographie. Männer ) _(beherrschen Frauen". Emma Frauenverlag, ) _(Köln 1987; 304 Seiten; 24,80 Mark. ) . Ebenso richtig aber ist, daß die Öffentlichkeit sich diese Debatte nur zu gern hat "aufzwingen" lassen. Das heißt, Promotion hin oder her, daß die Auseinandersetzung um die Pornographie in der Luft lag. Sie war fällig, überfällig. Grundlage der neuen Diskussion ist die radikal feministische Definition und Feldbeschreibung, die Andrea Dworkin, die Gloria Steinem, die "Ms"-Herausgeberin, als "alttestamentarische Prophetin" der Frauenbewegung bezeichnet hat.
In der Tat ist das Buch der 43jährigen Dworkin von einem nahezu biblischen Zorn getragen: Pornographie ist für die Autorin des bereits 1979 in den USA erschienenen Buchs das, was Männer mit Frauen anstellen (wollen), Pornographie ist ein Mittel der Herrschaft und ein Instrument der Erniedrigung.
Der altgriechische Wortsinn macht das deutlich: Pornographie heißt Beschreibung von Prostituierten. Andrea Dworkin macht darauf aufmerksam, daß die "Porne" die im wörtlichen Sinn billigste, am wenigsten respektierte und am wenigsten geschützte Hure war. Pornographie also ist "die schriftliche und bildliche Darstellung von Frauen als wertlose Huren". Das gilt heute unverändert: Die Pornographie stelle "Schlampen, Säue (im Sinne sexueller Schweine, sexuellen beweglichen Eigentums), Votzen" dar.
Das Buch, das in der Pornographie mit Grausen die endlose Wiederholung, eine Art Psychoterror, registriert, beschreibt die Schrecken der modernen Pornographie, die auch dann von latenter Gewalt spricht, wenn es sich nicht um Gewaltpornographie handelt. "Hauptthema der Pornographie als Genre ist die männliche Macht, sind ihre Merkmale, ihre Dimension, ihre Anwendung, ihre Bedeutung."
Was auf den ersten Blick wie ein radikal feministisches Verdikt aus einem willentlich verengten Blickwinkel wirkt, erweist sich als erhellender, das Wesen der Pornographie beleuchtender Gesichtspunkt.
Pornographie, da hat Dworkin schon recht, ist Männersache.
Männersache, weil (erstens) die Konsumenten von Pornographie fast ausschließlich Männer sind. In einer Reportage über "Die neue Lust auf Pornos" für den "Stern" notierte Sabine Rosenbladt, daß "gängige Pornographie vor allem für Männerphantasien und Männeraugen gemacht" sei. "Ein Koitus in Großaufnahme, bei dem sich der Penis mit der Mechanik eines Maschinenkolbens hebt und senkt", werde von "Frauen", wie Untersuchungen zeigen, "fast nie als erregend empfunden".
Das Institut für Interdisziplinäre Sexualforschung (Ifis) in Hamburg fand heraus, daß 60 Prozent der Frauen, die Pornos gesehen hätten, sie als ekelerregend und abstoßend empfanden. Von den Männern, die Pornofilme gesehen hatten, delektierten sich 79 Prozent. 18 Prozent der befragten Männer plagten sich mit Schuldgefühlen.
Daß Frauen Pornos eher als abstoßend empfinden, verwundert wenig: Sie sind Objekte der pornographischen Begierde, in den Darstellungen Opfer und nie Täter. Kein Wunder auch, daß manche sich gegen die Propagierung der Pornographie zu wehren beginnen: Die Verbindung zwischen sexueller Befreiung und Befreiung der Pornographie hat (auch darüber gibt es Untersuchungen) zum Abbau der Schuldgefühle beim Konsum geführt.
Die Untersuchung von Ifis brachte zutage, daß die Lieblingsszene, die Idee fixe der männlichen Porno-Voyeure, der Oralverkehr in allen Varianten sei, während weibliche Betrachter, durch romantische Verführung, wenn schon, und das zärtliche Erforschen des weiblichen Körpers erregt würden.
Für Frauen also stellt sich, so darf man vereinfachen, die handelsübliche Pornographie als lustfeindlich, als lusttötend dar. Für Männer (da muß Dworkin gar nicht vergröbern) geht es darum, daß die Frau aus Öffnungen und Löchern besteht, die nur eines wirklich wollen: nämlich penetriert zu werden.
Die Pornographie stellt über die sexuellen Beziehungen Behauptungen auf,
die allesamt auf eine Erniedrigung der Frau, auf ihre Degradierung zur Sexmaschine hinauslaufen: Frauen wollen im Grunde immer und in Wahrheit immer nur eins. Selbst wenn man Frauen quält, empfinden sie dabei schließlich Lust; Frauen wollen Sklavinnen des Penis sein. Die Pornographie gipfelt im Sadismus, wo höchste Lust aus der Folterung, ja aus der Tötung des Sexualobjekts "Frau" gezogen wird.
Aber, so könnte man einwenden, es gibt doch auch die Knaben als Sexualobjekte der homosexuellen und sadistischen Pornographie, und es gibt die lesbische Pornographie? Und, so läßt sich weiter einwenden, wenn der Sadismus die Erfindung des Marquis de Sade ist (der ihn übrigens nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Wirklichkeit mit käuflichen Frauen praktizierte), ist nicht auch der Masochismus eine männliche Erfindung: Und der ist doch die (männliche) Selbsterniedrigung zum gequälten Objekt schlechthin?
Was die Knaben als Sexualobjekte anlangt, so analysiert Dworkins Buch sehr schlüssig die pornographische Umwandlung des männlichen Sexualobjekts zur Hure; auch er wird willenlos, total verfügbar. Lesbische Szenen spielen in der Pornographie die Rolle von "Aufführungen", die, von einem männlichen Spielleiter befohlen und in Gang gesetzt, meistens seiner Aufstachlung dienen, also nur Vorspiel für die spätere Absamung sind. Sie sind Teil eines männlichen Machtplans.
Schließlich der Masochismus: Auch er ist eine Inszenierung des männlichen Willens. Sein Pionier, Leopold Ritter von Sacher-Masoch, der im Österreich des 19. Jahrhunderts seine "Venus im Pelz" (um 1870), die Bibel der Selbstquäler, schrieb, brachte Teile seines Lebens damit zu, sich von Frauen in Pelzmänteln ein bißchen auspeitschen zu lassen. In sein Tagebuch notierte er: "Meine grausame Idealfrau ist einfach das Instrument, mit dem ich mich selbst terrorisiere."
Man sieht: Selbst bei der passivsten männlichen Sexualerfahrung bleibt die Frau Instrument. Es ist analysiert worden, wie der Betrachter von Pornographie die Erniedrigung nachvollzieht, indem er sich in seiner Phantasie in die Rolle des Photographen zurückverstetzt, der das Sexualobjekt vor der Kamera in die Posen der Erniedrigung drängte - wie Pier Paolo Pasolini, der in seinem Film "Salo", um das Wesen pornographischen Denkens zu enthüllen, Frauen und Männer mit Hundehalsbändern in die Knie zwang und auf allen vieren herumkriechen ließ, machte das mehr als wünschenswert deutlich. Es ging Pasolini um den Zusammenhang zwischen Faschismus und sexueller Perversion.
Angesichts dieses Wesensmerkmals der Pornographie kommt es einem kaum wie übertriebenes feministisches Symboldenken vor, wenn Dworkin die Kamera und ihr Objektiv als ein penisartiges Penetrationsinstrument empfindet.
Wer auch immer den pornographischen Park der Lüste, seine zahllos reproduzierten Bilder und Abziehbilder beschreibt, kommt auf ein paar stets gleichbleibende Elemente.
Ein Gutachter der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, der Münsteraner Anglistik-Professor Herbert Mainusch, nennt drei elementare Wesensmerkmale der "neueren Pornographie": erstens die Instrumentalisierung, zweitens das Leidensverbot und drittens die Propaganda.
Instrumentalisierung heißt, daß das Sexualobjekt hier kein Partner, sondern bestenfalls noch ein Genußmittel ist. In Norman Singers Roman "Der Pornograph" (1969): "Er verbrauchte ihren hübschen, aufgespießten Körper." "Sexualität", so folgert Mainusch, ist nur ein "Instrument, um einen Herrschaftsanspruch durchzusetzen", dessen Schlüsselworte "demütigen" und "erniedrigen" heißen. "O kam sich abgeschätzt vor, begutachtet auf ihre Eignung als Instrument, das sie, wie sie sehr wohl wußte, auch war", heißt es in der "Geschichte der O" der Pauline Reage, einem Klassiker der modernen Pornographie.
Leidensverbot heißt, daß alle Qualen körperlicher und geistiger Art seltsam spurenlos an den Opfern abprallen. Die Lust ist ohne Folgen, die Qualen werden von den Opfern genossen, die Prostitution wird als Wohltat empfunden. Das Leiden, das die sexuelle Gewalt über die Opfer bringt, wird total negiert, absolut geleugnet.
Die Propaganda der Pornographie hat, wieder laut Mainusch, drei Schwerpunkte. Sie empfiehlt den Drogengenuß, weil er Hemmungen aufhebe, Genußfähigkeit steigere. Sie preist die Prostitution:
In dem Roman "Rosa Autostop" von Jose Pierre sagt der Vater seiner elfjährigen Tochter, sie sei eine tolle kleine Nutte. Daraufhin das gelehrige Kind: "Es ist das schönste Kompliment, das mir je gemacht wurde." Verfügbar zu sein, das ist die Ehre, die sich die Frau als Hure mit Genuß erarbeiten kann.
Die Herrschaftsideologie der Pornographie zeigt sich am deutlichsten in den sadistischen Wahngebäuden, bei denen das Recht zum Töten des Sexualobjekts und das Lustempfinden dabei als höchste Freiheit gefeiert wird. Kein Wunder, daß der Sexualwissenschaftler Professor Gunter Schmidt Pornographie als eine "erotische Form des Hasses" definiert, gleichzeitig allerdings davor warnt, in ihr ausschließlich männlichen Wahn- und Machtanspruch zu erblicken.
Das genau will die "Emma"-Kampagne mit ihrer Gesetzesinitiative gegen die Pornographie. "PorNO" heißt das (werbewirksame, auf Poster- und Aufklebereffekte abgestellte) Schlagwort, mit dem "Emma" der Pornographie auf den entblößten, geschlagenen, gequälten Leib rücken will - dabei sollen (ausgerechnet!) die Gerichte helfen? "Vater" Staat als Patron der Frauen?
Bei der "Berliner Platz"-Diskussion hielt Gerburg Treusch-Dieter ihrer Kontrahentin Alice Schwarzer genau das vor: Ob sie denn, nach dem Motto: "Bitte, bitte, lieber Papa, setz das für uns durch!", ausgerechnet den Superpatriarchen für die Sache der Frauen einspannen wolle - den Bock als Gärtner im Garten der Lüste.
In der Tat hat sich der Staat als Schnüffler und Büttel im Kampf gegen das Obszöne nicht gerade mit Erfolg und Ruhm bekleckert. Er besorgte als Elefant im erotischen Porzellanladen die Geschäfte der Spießer und Pfaffen, war oft genug überfordert, wenn er Kunst von Pornographie säuberlich scheiden sollte, und, per Gesetz, seine Nase ins Private steckte - dort, wo er am wenigsten zu suchen hat.
Wie überfordert der Staat in Sachen Schweinkram ist, hat die kanadische Feministin Myrna Kostasha an einem abstrusen Beispiel klargemacht, aus dem sie ihre Ablehnung eines Anti-Porno-Gesetzes ableitete: Während die kanadischen Zensurbehörden bei Aktdarstellungen sorgsam darauf geachtet hätten, daß jedes erigierte Glied, jede bloßgestellte Vagina in anstößigen Magazinen mit Balken unkenntlich gemacht waren, habe ein Cartoon unbehelligt alle Gesetzesschranken passiert, auf dem folgendes zu sehen war: Ein Mann penetriert eine Frau in "Hundeposition", während er ihr gleichzeitig eine Pistole an den Kopf hält. Bildunterschrift: "Du brauchst wirklich keine Angst vor Schwangerschaft zu haben, ich habe auf jede Weise vorgesorgt."
Der Staat war, das lehrt die Historie der sogenannten Unsittlichkeit, hoffnungslos überfordert, wenn er gegen das
Obszöne zu Felde zog. Was er produzierte, war eine verklemmte Welt der Doppelmoral, die für den wahren Pornographen ein Quell neuen perversen Lustgewinns war: Was verboten ist, das macht uns scharf.
Mit Recht wird von Gegnern einer Anti-Porno-Gesetzgebung auf das Beispiel der Prohibition verwiesen. Die habe, bei ihrem Kampf gegen den Suff, nicht etwa den Schnaps besiegt, sondern auch noch die US-Mafia ins Leben gerufen: Zwei Übel anstelle des einen.
Nun waren "Emma"-Chefin Alice Schwarzer und die Weggefährtinnen gewitzt genug, den Staat nicht direkt zur Hilfe gegen die Pornographie zu rufen. Das "Emma"-Gesetz will keine weiteren strafrechtlichen Verbote, statt dessen die Möglichkeit einer Privatklage:
Denn so lautet die "Generalklausel" des Entwurfs: "Wer Frauen oder Mädchen durch Herstellung, Verbreitung oder Öffentlichmachung von Pornographie in ihrem Recht auf Würde und Freiheit, körperliche Unversehrtheit oder Leben" verletze, der solle "zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens" und zur "Unterlassung verpflichtet" werden können.
Klagen dürfen soll "jede Frau (jedes Mädchen), die mit einer pornographischen Darstellung konfrontiert ist". Sie soll berechtigt sein, "ihre Rechte im eigenen Namen" geltend zu machen.
Familienministerin Rita Süssmuth lobte die Gesetzesinitiative als eine "pfiffige Idee", den "völlig unzureichenden" Strafrechtsparagraphen 184 durch das Bürgerliche Gesetzbuch zu ergänzen.
So viele Befürworter(innen) die "Emma"-Initiative inzwischen, von der Schriftstellerin Elfriede Jelinek bis zur Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, gefunden hat: ob ein solches Gesetz zu handhaben wäre - daran zweifeln die meisten.
"Der Staatsanwalt als Friedensstifter?" fragt die "Süddeutsche Zeitung". Sie meldet gleich, obwohl sie die "Erniedrigung" und "Demütigung" von Frauen durch eine "immer skrupelloser werdene Porno-Industrie" nicht anders als "Emma" beklagt, Zweifel an:
"Wird irgend etwas besser, wenn ganze Polizisten-Kolonnen durch die Buchläden und Videoshops streifen müssen, um dort amtlichen Anstoß zu nehmen? Weder der Strafrichter wird gewisse Männerphantasien ausrotten können noch gar der Zivilrichter, wie sich Alice Schwarzer das erhofft, die jeder von der Pornographie ''betroffenen'' Frau einen Schadensersatz zubilligen will. Allein die Beantwortung der Frage, wer betroffen ist und warum und wie groß der Schaden wäre, würde ein Heer von Gutachtern und Juristen beschäftigen bis ins nächste Jahrtausend."
Auch die feministische Redakteurin Margrit Gerste, die der Gesetzesinitiative alle Sympathien entgegenbringt, sieht "wahre Gutachterschlachten" entstehen, die "möglicherweise eher groteske Unterhaltung bieten als notwendige Aufklärung".
Aber gegen das Gesetz ließe sich nicht nur einwenden, daß es kaum praktikabel wäre, sondern auch, daß es nur an Symptomen dessen herumkurieren wolle, was nur in der Ursache zu heilen ist: Mit den Worten des Bremer Soziologie-Professors Rüdiger Lautmann: "So unsäglich jene Produkte (der Pornographie) ästhetisch, sexualethisch und geschlechterpolitisch auch sind - das verfahrene Geschlechterverhältnis beruht auf anderen Ursachen als Bildern, Texten." Das ist ebenso professoral gesagt wie richtig gedacht.
Aber man darf Alice Schwarzer, gewitzt wie sie ist, auch zutrauen, daß sie das alles selber längst weiß - daß es ihr also auf etwas anderes als auf ein verabschiedetes Gesetz ankommt: auf die öffentliche Diskussion. Dabei soll die stillschweigende Übereinkunft Pornographie gleich Liberalität, wie sie sich im Kampf gegen den Sittenrichter Staat hergestellt hat, zerschlagen werden.
Das sagt auch die Schauspielerin Senta Berger ("Kir Royal"), wenn sie an dem Gesetzesvorschlag gut findet, daß er "auf die Frauenfeindlichkeit der Pornographie aufmerksam" mache. Und das die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die in ihrem (als pornographisch mißzudeutenden) Roman "Die Klavierspielerin" (1983) eine durch Erziehung sadistisch-masochistisch verbogene Frau schilderte: "Das beste Mittel gegen Pornographie wäre ihre gesellschaftliche Tabuisierung. Allgemeine Übereinkunft müßte sein, den Konsumenten von Pornographie lächerlich zu machen, ihn dazu zu bringen, sich zu schämen."
Schön wär''s, und selbst die Jelinek hält das für unmöglich. So plädiert sie für das Gesetz, um "das männliche Wertesystem", auf dem die Pornographie beruht, wenigstens zu denunzieren.
In den vielen öffentlichen Diskussionen zeigte sich auch Alice Schwarzer als Realistin: "Der Haupteffekt des Vorschlages ist, daß wir darüber reden." Ob Reden helfen wird, während die Aids-Angst umgeht, ist sehr die Frage. Denn einen Vorteil hat Pornographie: Sie steckt, sofern man(n) sich nur gründlich die Hände wäscht, garantiert nicht an.
Wie tückisch andererseits Gesetze sein können, hat "Emma" am eigenen Leib erfahren. Die Nummer, in der das Feministenblatt Gewaltpornos zwecks abschreckender Illustration publizierte, wurde von den Grossisten nicht an die Kioske ausgeliefert.
Der Zeitschriftenhandel, der aufgrund einer Privatinitiative agierte, berief sich dabei auf ein "generelles Vertriebsverbot nach $ 184 Absatz drei". Der Paragraph verbietet, nach schon geltendem Recht, die Verbreitung sogenannter harter Pornographie.
Älteres Phantasieporträt. Andrea Dworkin: "Pornographie. Männer beherrschen Frauen". Emma Frauenverlag, Köln 1987; 304 Seiten; 24,80 Mark.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 1/1988
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