24.08.1987

„Unsere Völker sind verrückt geworden“

Wie Indien vor 40 Jahren seine Unabhängigkeit erhielt und was daraus wurde (III) / Von Siegfried Kogelfranz *
Im House of Lords zu London gingen die Gesetze, die das Parlament bereits gebilligt hatte, über den Tisch. Es war der 18. Juli 1947. Zuerst bestätigte der Vertreter der Krone ein Gesetz über die Süd-Londoner Gaswerke, dann eines betreffend eine Fischerei-Pier.
Die dritte Vorlage des Tages war "The Indian Independence Bill", das Unabhängigkeitsgesetz für Indien.
Seine Billigung durch die Krone war Routine. Damit war Gesetz, was noch wenige Wochen zuvor völlig unmöglich schien. Indien, das Herzstück des britischen Empire, würde frei werden - und das in weniger als einem Monat.
Einen letzten Einwand des alten Empire-Hüters Winston Churchill hatte die sozialistische Regierung Attlee abgeschmettert. Churchill fand es, wie er in einem beschwörenden Brief an Attlee schrieb, ganz und gar falsch, daß dieses Gesetz "The Indian Independence Bill" heißen sollte. Es ginge ja nicht um Unabhängigkeit, sondern um einen Dominion-Status Indiens im Britischen Commonwealth. Deshalb sollte es "The Indian Dominions Bill" heißen. Allenfalls könne er akzeptieren, wenn man es "The India Bill, 1947", zur Not auch noch "The India Self-Government Bill", Selbstregierungsgesetz, nennen würde.
Attlee beschied seinen konservativen Vorgänger handschriftlich, daß er diese Meinung keineswegs teile. Außerdem sei es zu spät für jedwede Änderung. Die Auflösung des Empire, für das Winston Churchill sein Leben lang gekämpft hatte, war nicht mehr aufzuhalten. Symbolisch dafür war, daß der König seinen Titel "Emperor" - die Kaiserwürde von Indien - ablegte.
Indien würde am 15. August 1947 frei werden, das war nun klar. Fest stand nach der Einigung des Vizekönigs Mountbatten mit Indiens Parteiführern am 3. Juni aber nur, daß es nicht bloß ein Indien geben würde. Indien bezahlte seine Unabhängigkeit mit dem hohen Preis der Teilung des Landes. Die Moslems würden ihr eigenes Pakistan erhalten: im Osten wie im Westen Indiens durch eine "Vivisektion des Mutterlandes", wie der Freiheitsapostel Gandhi klagte, herausgeschnitten. Und einige Maharadschas hofften noch immer darauf, ihre Reiche in die Unabhängigkeit hinüberretten zu können.
Wie diese künftigen Staatsgebilde auf dem Boden der Kronkolonie aussehen
sollten, darüber gab es, einen Monat vor dem öffentlich verkündeten Unabhängigkeitsdatum, noch keinen Plan, weder bei der Regierung in London noch beim Vizekönig in Delhi, schon gar nicht bei den direkt Betroffenen.
Moslem-Führer Dschinnah, der sich den Titel "Kaid-i-Asam" zugelegt hatte und damit faktisch "Kaiser, Erzbischof, Premier und Sprecher" seines künftigen Staates in einer Person war, so Mountbattens Presse-Attache Alan Campbell-Johnson in seinen Erinnerungen, bestritt den Hindus sogar vehement das Recht, ihren Staat "India" zu nennen. "Hindustan" müsse der Hindu-Staat vielmehr Rechtens heißen - und so nennt das offizielle Pakistan den Nachbarn zu dessen Ärger bis heute.
Dschinnah wollte möglichst große Stücke der wegen ihrer gemischten Bevölkerung aufzuteilenden Provinzen Bengalen und Pandschab für Pakistan haben, dazu einen neutralen Korridor zwischen den beiden 1500 Kilometer auseinanderliegenden Teilen seines künftigen Landes - nach dem Beispiel des Danziger Korridors durch Polen.
Die Hindus hatten nicht weniger kühne Wünsche. Sie hegten insgeheim die Hoffnung, daß sich Pakistan ohnedies nicht lange halten und "spätestens in fünf Jahren wieder an Indien zurückfallen werde", so der Nehru-Vertraute Patel. Aber, sicher ist sicher, bis dahin wollten sie möglichst viel aus dem Erbe des Empire grabschen.
Nehru reklamierte sein Heimatland Kaschmir, obgleich dort über neun Zehntel der Bevölkerung Moslems waren. Er meinte, es sei "absurd zu glauben, daß Pakistan deswegen Schwierigkeiten machen würde". Indien machte sich sogar Hoffnungen auf die Nordwest-Grenzprovinz, NWFP, weil dort eine Kongreß-Clique über eine Moslem-Mehrheit herrschte. Britanniens Navy wiederum wollte die Andamanen-Inseln fürs Empire behalten - die seien ein strategisch wichtiger Stützpunkt für Marine und Luftwaffe im Indischen Ozean.
Alle diese Fragen waren noch offen, als London, allein von dem Gedanken geleitet, möglichst schnell aus Indien rauszukommen, die Unabhängigkeit des Subkontinents gesetzlich sanktionierte. Viele Millionen Menschen in Indien wußten deshalb wenige Wochen vor dem Tag X noch nicht, wessen Bürger sie werden würden.
"Die Briten sind gerechte Leute", kommentierte ein indischer Beamter das wirre Treiben der Engländer. "Sie verlassen Indien in genau demselben chaotischen Zustand, in dem sie es vor 300 Jahren vorgefunden haben."
Zwei Zankäpfel zwischen den künftigen Staaten Indien und Pakistan konnten mittels Volksabstimmungen ohne Blutvergießen gelöst werden. Die Stämme der NWFP beschlossen den Anschluß ihres Grenzlandes an Pakistan.
Auch der Distrikt Sylhet in Assam entschied sich mehrheitlich dafür, Ostpakistan zugeschlagen zu werden - obgleich Moslem-Führer Dschinnah vorsorglich Einspruch gegen den Wahlleiter erhoben hatte - der Brite Stork war im Ersten Weltkrieg bei den Türken gefangen gewesen und könnte deshalb, so sorgte sich Dschinnah, antiislamisch vorbelastet sein.
Eine Aufgabe aber, die schwerste und undankbarste, blieb an den Engländern hängen. Da Hindus und Moslems sich naturgemäß nicht selber über die Aufteilung des Pandschab und Bengalens einigen konnten, aber auch die Vereinten Nationen für ungeeignet hielten (Nehru: "Soll irgendein Pole oder Schwede Indien teilen?"), kam nur ein Brite für diese schmerzhafte Operation in Frage.
London verfiel dafür auf einen Mann, der als Jurist im Königreich einen glänzenden Namen hatte, aber noch nie in Indien gewesen war und von Indien nichts wußte. Gerade das aber, so die vorherrschende Meinung, war ein besonderer Befähigungsnachweis für die heikle Aufgabe: Ein Indien-Kenner könnte ja voreingenommen an das Problem herangehen.
Als der brillante Anwalt Sir Cyril Radcliffe Anfang Juli nach Indien flog, wußte er nur, daß er ein Gebiet von über 450000 Quadratkilometern mit rund 90 Millionen Menschen auseinanderreißen sollte, aber er hatte keine blasse Ahnung davon, welche Tragödie er damit heraufbeschwören würde.
Jene, die ihn schickten, schienen die möglichen Konsequenzen seiner Arbeit kaum zu interessieren. Sie machten sich in vertraulichen Briefen (Viscount Jowitt an den Indien-Minister Earl of Listowel am 13. Juni 1947) Gedanken darüber, wieviel Geld Radcliffe kriegen ("Ich schlage 5000 Pfund vor") und daß er "standesgemäß untergebracht" werden sollte.
Als Radcliffe am 8. Juli 1947 in Delhi ankam und der Vizekönig ihm sagte, er müsse seine Grenzlinien bis zum 15. August ziehen, konnte der Jurist dies nicht glauben. Er fragte Nehru und Dschinnah, ob dies denn ernst gemeint sei. Beide bejahten.
Im Osten, in Bengalen, war die Vorgabe in dem von beiden Seiten gebilligten Teilungsplan bereits so absurd, daß Radcliffe nicht mehr viel verderben konnte, wo immer er seine Grenze zog.
In der Provinz, die als erste von den Briten kolonisiert worden war, lebten 35 Millionen Moslems neben 30 Millionen Hindus. Im Marschland von Ganges und Brahmaputra wuchsen vor allem Reis und Jute - aber: Der Reis, Grundnahrung aller Bengalen, gedieh im überwiegend _(Bei der Unabhängigkeitsfeier Pakistans. )
hinduistischen Westen, die Jute, Grundlage der Industrie, im moslemischen Osten. Die Jute-Mühlen wiederum standen ausnahmslos im Westen.
Kalkutta war nicht nur das industrielle Zentrum und der Haupthafen Bengalens, dort liefen auch alle Verkehrswege, Straßen und Eisenbahnen, zusammen. Kalkutta aber ging an Indien. Der von seinem Zentrum abgetrennte Osten war, wie Bengalens letzter englischer Gouverneur, Sir Frederick Burrows, leicht prophezeien konnte, dazu verdammt, "der größte ländliche Slum in der Geschichte" zu werden.
Genau das ist dann daraus auch geworden. Bangladesch, der Nachfolgestaat des 1971 abgefallenen Ostpakistan, ist ein heute mit über hundert Millionen Menschen übervölkertes Armenhaus der Welt, lebensunfähig ohne Hilfe von außen. Sir Cyril Radcliffe, der mit Hilfe zweier Moslem- und zweier Hindu-Richter anno 1947 die Grenzen quer durch Schwemmland und Dschungel zog, kann wenig dafür.
Im Westen, im Pandschab, ging es zwar um viel weniger Menschen, aber um ein Herzland des Subkontinents seit grauer Vorzeit.
Wenn Indien das Kronjuwel des Empire war, war das Fünfstromland - dies bedeutet "Pandschab" - das Juwel Indiens. Etwas größer als die Bundesrepublik, reichte es vom Indus bis vor die Tore Delhis. Jahrtausendelang waren alle Eroberer Indiens durch den Pandschab gezogen: Darius, Alexander der Große, die Mongolen, Moslems und zuletzt die Briten.
Über den Pandschab kamen die heiligen Mythen der Indo-Arier auf den Subkontinent. Seine Hauptstadt Lahore war das prächtigste Erbe der islamischen Mogulkaiser Indiens. Das nahe Amritsar mit seinem Goldenen Tempel bedeutete für die Sikh-Sekte, die eine Abspaltung vom Hinduismus ist, ebensoviel wie der Vatikan für gläubige Katholiken.
Mit einem kunstvollen System von Bewässerungskanälen, die die Flüsse des Pandschabs verbanden, hatten die Briten aus der Provinz die Kornkammer des Subkontinents gemacht. In den 18000 Städten und Dörfern des Musterlandes lebten 1947 über 16 Millionen Moslems. 15 Millionen Hindus und 5 Millionen Sikhs nebeneinander - seit Generationen in Frieden.
Die drohende Teilung verwandelte den Pandschab in einen brodelnden Vulkan. Alle Kanäle, Straßen, Eisenbahnen der Provinz liefen in ost-westlicher Richtung. Die Teilungslinie aber mußte das Land von Norden nach Süden zerschneiden. Moslems, Sikhs und Hindus lebten beiderseits der mutmaßlichen Grenze gleichermaßen gemischt zusammen. Zumindest im Pandschab war zwingend vorbestimmt, was Mountbatten auch nur
als Möglichkeit noch wenige Wochen zuvor scheinbar naiv abgestritten hatte: eine Massenumsiedlung von Millionen Menschen.
Der Vizekönig hielt sich demonstrativ von Radcliffe und dessen "fürchterlicher Verantwortung", so ein Zeitzeuge, fern. Er, der sie als erster verantwortlicher Brite akzeptiert und dann auch in London durchgeboxt hatte, tat so, als ginge ihn nun die Teilung (die er selbst als "hellen Wahnsinn" ansah) nichts mehr an. Mountbatten nahm Vorschläge Nehrus und des Moslemfunktionärs Liakat Ali Khan zur Teilung im Pandschab gar nicht erst entgegen und weigerte sich auch, den Maharadscha von Patiala zu empfangen, der für die Sikhs intervenieren wollte.
Er widmete sich vielmehr mit Hingabe dem Problem, die Prinzen mit ihren Staaten der Indischen Union zuzutreiben. Auf einer Konferenz von 75 Maharadschas und Vertretern von 74 anderen Prinzenstaaten am 25. Juli 1947 machte er den Herrschern klar, daß sie gar keine andere Wahl hätten, als sich Indien - einige wenige auch Pakistan - anzuschließen.
Wenn sie es jetzt nicht freiwillig täten, würden sie später mit Gewalt dazu gezwungen werden. Dann werde es Chaos und Blutvergießen geben. Mountbattens Appell: "Heiratet das neue Indien."
Die meisten Maharadschas gaben auf und unterschrieben eine Anschlußerklärung an Indien. Ein Radscha aus Zentralindien starb nach der Unterschrift an gebrochenem Herzen. Andere, wie der Gaekwad von Baroda, weinten hemmungslos. Der Nawab von Bhopal, Vorsitzender der Prinzenkammer und Duzfreund Mountbattens, der in Dutzenden Briefen "My dear Dickie" bestürmt hatte, die Prinzen, diese treuesten Verbündeten der Krone, nicht fallenzulassen, da sonst der Kommunismus über Indien kommen würde, trat zurück. Er sprach nie mehr ein Wort mit dem treulosen Freund. Der Fürst von Trawankore gab erst nach, nachdem sein Premier bei einem Attentat verletzt worden war.
Am Ende blieben drei Potentaten übrig, die den Gehorsam verweigerten: der Nawab von Dschunagadh, ein Moslem-Fürst, der seine Hindu-Domäne nach Pakistan einbringen wollte, obgleich er keine gemeinsame Grenze mit dem Moslemstaat hatte, sowie die Herrscher der zwei größten Prinzenstaaten: der moslemische Nisam von Haiderabad, von dessen 16 Millionen Untertanen 85 Prozent zu Hindu-Göttern beteten, und der Hindu-Maharadscha Hari Singh von Kaschmir, von dessen Vier-Millionen-Volk neun Zehntel in Allah den Größten sahen.
Der Nisam erließ einen "Firman", einen hoheitlichen Ukas, in dem er verkündete, "politische Weisheit und das Wohlergehen der Bevölkerung" erforderten es, daß Haiderabad unabhängig bleibe und gute Beziehungen zu beiden künftigen Staaten auf dem Subkontinent unterhalte. Moslems und Hindus seien "zwei Augen des Staates".
Seine Sache wurde in Delhi von seinem britischen Ratgeber Sir Walter Monckton vertreten, dem er dafür täglich 1000 Pfund Sterling bezahlte. Die USA und Frankreich ließen erkennen, daß sie einen selbständigen Staat Haiderabad anerkennen würden, obwohl Nehru so etwas als "unfreundlichen Akt gegenüber Indien" geißelte.
Hari Singh von Kaschmir ließ sich auch von Mountbatten persönlich nicht zwingen, seinen strategisch wichtigen Himalaja-Staat, der an China, Tibet und Afghanistan grenzte, nach Pakistan oder Indien einzubringen.
"Ich will unabhängig bleiben", beharrte der Maharadscha und entzog sich weiterem vizeköniglichen Drängen durch eine Magenverstimmung. Er wehrte sich auch gegen einen Besuch Mahatma Gandhis in Kaschmir. Sein Sohn Karan Singh, später Minister in
Delhi, erinnert sich: "Mein Vater glaubte bis zuletzt nicht daran, daß die Briten Indien tatsächlich verlassen würden."
So war am Ende doch noch eingetreten, was Nehru und sein Kongreß unter allen Umständen hatten verhindern wollen: Indien wurde nicht nur zweigeteilt, sondern balkanisiert. Im Norden blieb Kaschmir ungelöstes Problem an der Grenze zwischen den beiden neuen Dominien. Im Süden entzog sich ein Fürstenstaat von der Größe Frankreichs, obwohl an allen Seiten von Indien eingeschlossen, der Souveränität der Union.
Doch den Indern blieb gar keine Zeit, sich um obstinate Fürsten zu kümmern. Denn inzwischen, in den Tagen und Stunden vor der Unabhängigkeit, "bebten Himmel und Erde im Pandschab", wie es Philip Mason in seinem Buch "The Men Who Ruled India" umschrieb.
Im Fünfstromland hatte das Morden zwischen Fanatikern der verschiedenen Religionen bereits im März begonnen. Bis Anfang August waren schon fast 5000 Menschen Massakern zum Opfer gefallen. Pandschab-Gouverneur Sir Evan Jenkins listete die Opfer in Berichten an den Vizekönig genau auf: Lahore, getötet 382, schwer verletzt 823; Bezirk Rawalpindi, getötet 2164, schwer verletzt 167 - und so fort.
Die Ankunft Radcliffes und tägliche Gerüchte in den Zeitungen über angebliche Fortschritte seiner Grenzziehung brachten die Stimmung in den betroffenen Bezirken zum Siedepunkt.
Aus der Pandschab-Hauptstadt Lahore, die mit Sicherheit an Pakistan fallen würde, flohen schon vor der Teilung über 100000 Sikhs und Hindus. Noch immer aber verblieben zusammengedrängt in der Altstadt 300000 Moslems und 100000 Andersgläubige.
Die Polizei, fast ausschließlich Moslems, sah weg, wenn Moslemhorden ein Hindu- oder Sikh-Haus plünderten, brandschatzten und seine Bewohner niedermetzelten. Seit Anfang August hingen ständig schwarze Rauchwolken über der Stadt. Moslems hatten ihre Häuser mit grünen Halbmonden markiert, um die Mordbrenner abzuhalten.
Sikh-Terroristen fielen mit ihren Schwertern über Moslems her und hackten sie in Stücke. Ein Sikh-Radfahrer warf einen Kupferkessel in ein Lokal, das als Hauptquartier von Moslemfanatikern galt. Die Gäste dachten, es sei eine Bombe, und suchten Deckung. Als der Kessel nicht explodierte, schauten sie hinein. Er war gefüllt mit abgehackten Penissen - beschnittenen, also von moslemischen Männern.
Am 13. August, zwei Tage vor dem Termin, lieferte Radcliffe seine Landkarten mit den von ihm markierten künftigen Grenzen der Nachfolgestaaten Britisch-Indiens beim Vizekönig ab. Er selbst sah sein überhastetes Werk kritisch
als "die Operation eines Schlachters, nicht eines Chirurgen".
Mountbatten traf damals eine bis heute heftig umstrittene Entscheidung, die möglicherweise Hunderttausende von Menschen das Leben kostete: Er zeigte das brisante Dokument niemandem, weder seinem Armee-Oberkommandierenden Feldmarschall Auchinleck noch Nehru oder Dschinnah.
Die hatten ja schon vorher zugesagt, sie würden Radcliffes Entscheidung ohne Widerspruch akzeptieren. Mountbatten wollte ihnen, vor allem aber wohl sich selbst, das Feiern nicht verderben "die Stunden seines Ruhmes nicht trüben", meint sein Biograph Ziegler. "Lassen wir den Indern doch die Freude an ihrem Unabhängigkeitstag", sagte er selbst dazu. Er sperrte die markierten Landkarten in seinen Safe - bis zum Tag nach der Unabhängigkeit.
Der Pakistaner General Hamid, damals Adjutant des Feldmarschalls Auchinleck, sagt es plumper: "Mountbatten wollte, daß es erst nach dem Unabhängigkeitsdatum zum Blutbad kommt, damit es nicht mehr in die Zeit seiner Verantwortlichkeit fällt."
Hamid beschuldigt den Vizekönig auch, Radcliffes Teilungsplan zugunsten der Inder nachgebessert zu haben. Kopien von Radcliffes ursprünglicher Grenzziehung, die über den Pandschab-Gouverneur in pakistanische Hände gerieten, bewiesen, daß Mountbatten nachträglich die Kanalwehren von Ferosepur, die Schaltstelle des Bewässerungssystems sowie einen Landkorridor nach Kaschmir bei Gurdaspur an Indien gegeben hatte, obwohl dort eine Moslem-Mehrheit wohnte.
Dieses Geschenk versetzte Indien später in die Lage, große Teile des umstrittenen Kaschmir zu besetzen. "Eine Gabe für Nehru", resümierte General Hamid bitter. Wahrscheinlich hat er recht: Radcliffes angebliche Originale sind unter den einschlägigen britischen Dokumenten nicht mehr zu finden.
Pakistan war, als Mountbatten dann am 16. August die endgültige Grenzziehung bekanntgab, empört über den Korridor. Aber da Indien über angebliche Benachteiligungen - etwa den Anschluß des Berglands von Tschittagong an Ostpakistan - genauso lauthals klagte, konnte Mountbatten die "offenbar echt unparteiische Entscheidung" preisen.
Ob das Blutbad im Pandschab durch eine sofortige Bekanntgabe der Grenzziehung hätte verhindert werden können, darüber streiten Historiker bis heute. Mountbatten-Biograph Ziegler meint, vielleicht hätten die drei Extra-Tage es der vom Vizekönig aufgestellten "Punjab Boundary Force", einer Schutztruppe aus Briten und Gurkhas, erlaubt, sich an Schwerpunkten erwarteter Unruhen zu konzentrieren und das Schlimmste zu verhindern.
So aber brach das Inferno genau am großen Feiertag der beiden neuen Nationen los - zunächst freilich weitgehend unbemerkt von der Außenwelt. Denn die Prominenz, aber auch Reporter und Kameraleute versammelten sich am 14. August in Karatschi und am 15. August in Neu-Delhi, um Zeugen einer als historisch gepriesenen Wende in der Geschichte der Menschheit zu werden.
In Karatschi schlug Mohammed Ali Dschinnah die Stunde, von der er gestand, daß er nie geglaubt hatte, sie wirklich einmal erleben zu können. Er bekam sein Pakistan, und das als unumschränkter Alleinherrscher.
Denn der Kaid-i-Asam hatte es dem ehrgeizigen Mountbatten glatt abgeschlagen, daß der Vizekönig erster Generalgouverneur sowohl Indiens wie auch Pakistans werden solle, wie London, das damit den gemeinsamen Dominion-Status der beiden Länder dokumentieren wollte, und Mountbatten es wünschten. Zum ohnmächtigen Zorn "Dickies" bestand Dschinnah darauf selbst Generalgouverneur in seinem Pakistan zu werden. Mountbatten mußte sich mit dem Titel eines Generalgouverneurs von Indien bescheiden - den er wohl auch sehr viel mehr verdient hatte.
Auch andere Wünsche konnte der Vizekönig nicht durchsetzen: Er hatte beide neuen Staaten ersucht, als Zeichen der fortdauernden Verbundenheit mit dem britischen Mutterland einen kleinen "Union Jack" in ihren Fahnen zu belassen. "Nur ein Neuntel der Fläche" wollte er für die britischen Farben in den neuen Nationalflaggen haben, doch Pakistan wie Indien lehnten das Ansinnen ab. Immerhin
suchte der Vizekönig noch am 6. August für Dschinnah einen britischen Gouverneur für den Ostteil Pakistans - der Moslemführer traute offenbar keinem Bengalen. Er heuerte den bisherigen Gouverneur der indischen Zentralprovinz, Sir Frederick Bourne, für den Job an - nicht ohne ihm zu sagen daß er erst dritte Wahl war. Aber für "72000 Rupien p. a. plus Spesen" nahm Sir Frederick dankend an und blieb bis 1950.
Mountbattens Anteilnahme an der feierlichen Geburt Pakistans am 14. August 1947 in Karatschi geriet eher kühl. Er amüsierte sich darüber, daß die Pakistaner sich über den Aberglauben der Inder mokierten, die ihre Unabhängigkeitsstunde auf den Rat der Astrologen hin auf Mitternacht verlegt hatten - während Dschinnah doch selbst sein Festbankett für den neuen Staat auf den späten Abend verschieben mußte, weil er, der allzu weltliche Moslem, vergessen hatte daß man noch im islamischen Fastenmonat Ramadan war. Mountbatten verkniff sich in der Geburtsstunde Pakistans auch nicht die Bemerkung, daß die Teilung für viele Anlaß zu tiefer Trauer sei. Dschinnah revanchierte sich mit einem Hinweis auf die "schmerzliche" heißt britische, Vergangenheit der Nation.
Am Nachmittag des 14. August flog Mountbatten nach Delhi zurück. Um 23.58 Uhr vollzog er seine allerletzte Amtshandlung als Vizekönig: Er verlieh der australischen Gattin des ihm befreundeten Nawab von Palanpur den ihr bislang zum Leidwesen des Maharadschas vorenthaltenen Titel "Hoheit".
Um zwölf Uhr verkündete Indiens Ministerpräsident Nehru im Parlament der Nation die Unabhängigkeit: "Beim Schlag der Mitternacht, während die Welt im Schlummer liegt, erwacht Indien zu Leben und Freiheit."
Anderntags blieben die Mountbattens, nunmehr Generalgouverneurs-Paar eines unabhängigen Indien, im Gedränge Hunderttausender jubelnder Inder stecken und waren, wie die britische Wochenschau "Movietone" (nach Szenen eines Grubenunglücks und einer Hitzewelle in England sowie eines Kricketspiels) zeigte, in ihrer Kutsche blockiert.
Alles war Jubel, Trubel, Heiterkeit ein großes Fest unter alten und neuen Freunden. "Niemand in der ganzen Welt außer Ihnen hätte das schaffen können" gratulierte Lord Ismay seinem Ex-Vizekönig zum vollzogenen "Transfer of Power". Der König erhob Mountbatten vom "Viscount" zum "Earl", also in den Grafenstand.
In Wahrheit aber war Indien keineswegs zu neuem Leben erwacht. Zehntausendfaches grausames Sterben suchte den neuen Staat von seiner ersten Stunde an heim.
Schon vor seiner Ansprache im Parlament hatte Nehru einen Anruf aus Lahore erhalten, die Stadt brenne. Moslemhorden verbrannten Hindus und Sikhs in Häusern und Tempeln bei lebendigem Leib. Wer aus dem Inferno zu fliehen versuchte, starb unter Beilen und Messern der Fanatiker.
Als der britische Hauptmann Atkins mit seinen Gurkhas von der "Punjab Boundary Force" in Lahore einrückte, bekam er etwas zu sehen, was er bis dahin für ein literarisches Wortspiel gehalten hatte: Durch die offenen Abwässerkanäle der Stadt floß das Blut Hingemetzelter in Strömen.
Bei Amritsar, jenseits der Grenze, wo am 15. August ein aus Pakistan kommender Zug voller zerstückelter Hindus als "Unabhängigkeitsgeschenk für Nehru" eintraf, verstopften Leichen Hingemordeter die Kanäle. Sikh-Horden spießten Moslembabys auf ihre Speere und rösteten sie lebendig über offenen Feuern. Moslemfrauen, die, ihr Leben lang verschleiert, ihr Gesicht nie einem Mann außer ihrem Gatten gezeigt hatten, wurden von Massen von Sikhs vergewaltigt, die ihnen die Brüste abschnitten, ihnen Stöcke in die Genitalien rammten. Unzählige Frauen begingen Selbstmord, sprangen mit ihren Kindern in das Feuer der brennenden Häuser.
"Die Greuel hatten keine bestimmte Rasse oder Religion", erinnert sich Aschwini Kumar, der damals Polizist im Pandschab war, die Augen heute noch feucht, wenn er an jene Schreckenstage denkt. "Nichts war damals leichter, als jemanden zu töten. Diese Schmach wird bis in alle Ewigkeit an unseren Völkern hängenbleiben."
"In Indien fließt in diesen Tagen mehr Blut, als Regen fällt", schrieb Robert Trumbull in der "New York Times". "Ich habe Hunderte Tote gesehen, aber, noch viel schlimmer, Tausende Inder ohne Augen, ohne Füße, ohne Hände. Tod durch Erschießen ist ungewöhnliche Gnade."
Wie die Pest überzog schierer Blutrausch den ganzen Pandschab. Opfer gab es ohne Zahl. Denn Radcliffes fatale Grenze hatte fünf Millionen Hindus und Sikhs in Pakistans Pandschab fünf Millionen Moslems in Indiens Pandschab hinterlassen.
Die brachen nun, von Todesfurcht getrieben, auf zur jeweils anderen, wie sie wähnten, rettenden Seite der grausamen Grenze. Binnen weniger Wochen, im August und September 1947, kreuzten sich im Fünfstromland die Flüchtlingstrecks.
Es waren Kolonnen des Elends, bis zu 100 Kilometer lang. "Sie zogen aneinander vorbei, die einen nach Osten, die anderen nach Westen, lautlos, ohne sich anzuschauen", erzählt der Polizist Aschwini Kumar. Nur mit allernötigster Habe, ohne Essen, ohne Wasser, ohne Futter für die mitgeführten Tiere, stolperten Millionen ohne Ziel dahin, mit dem einzigen Wunsch, den Mördern zu entkommen, die bis vor Tagen ihre Nachbarn gewesen waren.
"Die Szene gleicht einem Schlachtfeld", berichtete ein Augenzeuge: "Tote Menschen und Tierkadaver übersäen das
Land, das buchstäblich kahlgefressen ist, am Boden kein Grashalm mehr, an den Bäumen keine Rinde, an den Ästen keine Blätter."
Die Aasgeier im Pandschab waren damals zu fett zum Fliegen, streunende Hunde fraßen nur noch die Lebern der Leichen. 3000 Flüchtlinge ertranken in einer Nacht, als sie eine Flut im vorher trockenen Flußbett des Beas überraschte.
Das danteske Treiben im Pandschab steigerte sich zu Auswüchsen jenseits menschlichen Vorstellungsvermögens. Zehntausende junger Frauen und Mädchen wurden gewaltsam entführt, mißbraucht, zur Heirat mit Andersgläubigen gezwungen. Vorher mußten sie zum anderen Glauben konvertieren. Hindus zwang man, das Fleisch der ihnen heiligen Kühe zu essen.
Aus der Tuberkulose-Klinik von Kasauli warfen Hindu-Doktoren todkranke Moslem-Patienten aus ihren Betten, trieben sie zum Tor und forderten sie auf, zu Fuß nach Pakistan zu gehen.
Aus dem einzigen Irrenhaus der Provinz, das an Pakistan gefallen war, wollten Hindu- und Sikh-Patienten, die offenbar gar nicht so blöde waren, nach Indien. Doch die Ärzte versicherten ihnen, alles sei in Ordnung, sie könnten bleiben. Später mußten die Nicht-Moslems unter ihnen selbst fliehen.
Bei männlichen Flüchtenden, die Andersgläubigen in die Hände fielen, entschied ihr Penis über Leben oder Tod. War er beschnitten, bedeutete dies das Todesurteil in Hindu-beherrschtem Gebiet. Unbeschnitten kostete er beim Moslem-Mob das Leben.
Sikh-Banden der Akali-Sekte besetzten die Bahnhöfe im Ostpandschab. "Die Beine gekreuzt, saßen sie, mit blauen Turbanen und langen Bärten, auf den Bahnsteigen", erinnerte sich die "Life"-Photographin Margaret Bourke-White, "jeder hatte einen langen Krummsäbel über seinen Knien liegen - so warteten sie schweigend auf den nächsten Zug".
Wenn der kam, stürmten sie durch die Waggons und köpften alle Moslem-Passagiere. Einmal entging ihnen ein Zug mit 3000 Moslem-Flüchtlingen dank der Geistesgegenwart eines englischen Leutnants. Der Hindu-Lokführer hatte sich von Sikhs bestechen lassen, den Flüchtlingszug in Amritsar anzuhalten. Der Leutnant, der davon erfuhr, sprang über die Waggondächer nach vorn auf die Lokomotive, schlug den Lokführer nieder und beschleunigte den Zug wieder. Mit 100 Stundenkilometern donnerte er an der Station vorbei, auf der Hunderte von Sikhs mit Schwertern und Speeren darauf gewartet hatten, die Moslems zu massakrieren.
Niemand schien mehr in der Lage, das Massenmorden, "diese größte Tragödie des Jahrhunderts", so der "Statesman" in Delhi, zu stoppen. "Was für eine Hölle hat uns diese Teilung gebracht", klagte Nehru seinem pakistanischen Kollegen Liakat Ali Khan, als sie gemeinsam Stätten der Massaker abfuhren. "Wir waren doch Brüder. Wie konnte das geschehen?" Liakats Antwort: "Unsere Völker sind verrückt geworden."
Als das Morden, angeheizt durch die Horrorgeschichten der Flüchtlinge, für die riesige Lager errichtet wurden, bis in die Hauptstadt Delhi übergriff und dort in wenigen Tagen Tausende Opfer forderte, fiel Indiens Führern nur noch ein verzweifelter Ausweg ein: Sie baten Mountbatten, der, fern von den Greueln, sich in der Himalaja-Residenz Simla auf den Lorbeeren seines historischen Verdienstes ausruhte, um Hilfe.
Nehru zu seinem Freund: "Als Sie das höchste Kommando im Krieg innehatten, saßen wir in einem britischen Gefängnis. Sie besitzen die Erfahrung und das Wissen, das uns der Kolonialismus vorenthalten hat. Ihr Engländer könnt jetzt nicht einfach davonlaufen."
Am 6. September 1947, ganze drei Wochen nach dem Ende seiner Amtszeit als Vizekönig, übernahm Mountbatten den Vorsitz eines Notstandskomitees der indischen Regierung. So kommandierte wieder ein Brite über das Land, und das Volk war''s zufrieden. Hatten doch Flüchtlinge im Pandschab schon verzweifelt gerufen: "Bring back the
raj" - bringt die britische Herrschaft zurück.
Mountbatten beschlagnahmte Lastwagen für den Flüchtlingstransport, requirierte Armee-Zelte für Lager, organisierte das Verbrennen von Leichen und die Massenimpfung von Überlebenden, ließ den Botschafter von Pakistan, der aus Delhi flüchten wollte, aus dem startbereiten Flugzeug holen und stellte für Nehru, bei dem Attentatsdrohungen eingingen, eine britische Leibwache ab.
Seine Frau Edwina, die schon während des Weltkrieges an der Front Verwundete gepflegt hatte, war Tag Nacht in Flüchtlingslagern und Krankenhäusern unterwegs. Sie, die sich im Hermelinmantel der Vizekönigin "wie eine echte Monarchin" gefühlt hatte, zog nun ihre Khakiuniform kaum noch aus. Sie fütterte Babys, tröstete Mütter und hob eigenhändig Tote von der Straße auf.
Für Nehru war die Fürsorge, die seine geliebte Freundin seinen Landsleuten erwies, überwältigend. Er pries Edwina in geradezu hymnischen Tönen: "Die Götter oder eine gute Fee haben Dir Schönheit, Intelligenz, Charme, Grazie und überragende Stärke gegeben, aber auch noch größere, noch seltenere Gaben - Menschlichkeit, Barmherzigkeit, das Streben, jenen zu helfen, die leiden. Du verfügst über eine wahrhaft heilende Hand."
Mountbatten ließ die Flüchtlingstrecks aus der Luft beobachten, Lebensmittel aus Flugzeugen abwerfen. Bei einem Flug sah der Presse-Attache Campbell-Johnson "eine halbe Million Flüchtlinge auf einmal auf den Straßen". Die größte Kolonne, die je geortet wurde, zählte 800000 Flüchtlinge.
Der Notstandsherrscher mobilisierte alles, was es im Land gab - nur keine britischen Truppen. Die sollten sich nicht mehr in Indien beschmutzen.
Dafür befahl er, Wachen in den Zügen, die nicht sofort das Feuer auf Attentäter eröffneten, welcher Religion auch immer die sein mochten, sofort zu erschießen, wenn sie nicht verwundet waren.
Als der Direktor für Zivilluftfahrt ein Flugzeug für den Transport dringend benötigter Medikamente in den Pandschab nicht gleich bereitstellen konnte, brüllte Mountbatten den Mann vor Versammeltem Notstandskabinett an: "Herr Direktor, Sie werden diesen Raum verlassen. Sie werden auf schnellstem Weg zum Flugplatz fahren. Sie werden ihn nicht verlassen, nicht essen, nicht schlafen, bis Sie persönlich gesehen haben daß dieses Flugzeug startet, und dann werden Sie zurückkommen und mir dies melden!"
In Delhi selbst drohte die Hölle loszubrechen. Hunderttausende Hindu-Flüchtlinge aus dem Pandschab drängten in die Stadt - deren Hunderttausende Moslem-Einwohner in Panik nach Pakistan flüchten wollten.
Zwischen beiden Gruppen brach Mord und Totschlag aus. Mountbatten befahl, die Lager für Flüchtlinge Weg aus der Stadt zu verlegen. Die Moslems wurden in den Ruinen der Mogulzeit, wie dem Mausoleum des Kaisers Humajun, zusammengepfercht. Bald brach dort Cholera aus, weil die Moslems die Latrinen nicht reinigten. Unter Polizeischutz mußten jene ins Lager gebracht werden, die das immer erledigt hatten - unberührbare Hindus.
In der Pakistan-Hauptstadt Karatschi passierte das gleiche den Hindus und Sikhs in Sammellagern - sie hatten keine Unberührbaren dabei. So mußten Moslems unberührbare Hindus herbeischaffen, die sie ohnedies schon für die städtischen Latrinen rekrutiert und zu deren Schutz vor Moslem-Attacken mit grünen Armbinden versehen hatten. Buchstäblich erst bei der Scheiße hörte das Totschlagen auf.
Wie viele Opfer der furchtbare Sommer und Herbst 1947 im Pandschab verschlungen hatte, wird wohl nie genau bekannt werden. Eine halbe Million Tote gilt als vorsichtige Schätzung. Elf Millionen Menschen flüchteten.
Der Pakistani Sadik Ali Gill beziffert in einer noch unveröffentlichten Dissertation die Toten und Vermißten auf zwei Millionen, die Flüchtlinge auf zwölf Millionen - "in der Tat eines der größten Massaker der Weltgeschichte".
Daß es nicht noch viel mehr Tote und Vertriebene wurden, verdankt Indien seinem Gewaltlosigkeits-Propheten Mahatma Gandhi. Der verbrachte die kritischen Wochen in Kalkutta und erstickte in der Stadt, wo 1946 das große Morden angefangen hatte, die wiederaufflammende Gewalt mit seinem Fasten, das er bis zum Tod fortzuführen drohte. Nach fünf Tagen hörte das Töten auf - in Bengalen hatte Gandhi den Frieden gerettet.
In London fragte sich Premier Attlee ob Großbritannien "nicht falsch gehandelt und die Dinge überstürzt vorangetrieben" hätte. Der alte Churchill konnte es sich nicht verkneifen, mit zynischer Befriedigung anzumerken, daß Menschen, "die unter der toleranten und unparteiischen Herrschaft der Britischen
Krone" Generationen in Frieden gelebt hätten, sich nun "mit der Wildheit von Kannibalen" gegenseitig an die Kehle fuhren.
Bis Oktober hatten die Regierungen auf dem Subkontinent das Massenmorden weitgehend unter Kontrolle gebracht. Doch schon drohte ein neues Unheil: eine direkte Konfrontation zwischen den neuen Staatswesen.
Es ging um Kaschmir. Pakistan-Führer Dschinnah wollte sich wegen seines Lungenleidens zwei Wochen in der heilenden Gebirgsluft von Kaschmir erholen. Daß Kaschmir mit seiner Moslem-Mehrheit früher oder später an Pakistan würde, stand für ihn außer Frage. Doch Hindu-Fürst Hari Singh ließ Dschinnah wissen, er wolle ihn nicht in Kaschmir sehen, nicht einmal als Kurgast.
Dschinnah war außer sich. Er schickte Agenten nach Kaschmir, die berichteten, Hari Singh denke nicht daran, sein Land Pakistan anzuschließen. Die Führer Pakistans beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
Eine direkte militärische Aktion war ausgeschlossen - die eben von der Indien-Armee abgetrennte Truppe war noch nicht einsatzbereit. Sie stand außerdem unter dem Kommando britischer Offiziere, die nicht mitmachen würden.
Also mobilisierte Pakistan insgeheim die traditionell kriegerischen Pathanen seiner Nordwestprovinz, stiftete sie zum Heiligen Krieg gegen den ungläubigen Maharadscha an, der Millionen Moslems an Indien verkaufen wolle - und versprach reiche Beute.
In der Nacht zum 24. Oktober 1947 fielen Horden von Pathanenkriegern unter dem Kommando eines Jugendfunktionärs der Moslem-Liga bei der Stadt Musaffarabad in Kaschmir ein.
Meuternde moslemische Soldaten des Maharadschas schlossen sich ihnen an. Der Weg in die Hauptstadt Srinagar war offen - eine 200 Kilometer lange asphaltierte Straße führte direkt dorthin. Kaschmir, schien es, gehörte Pakistan.
Die pakistanischen Planer hätten ihre Pathanen besser kennen sollen. Die hatten den Heiligen Krieg vergessen, sobald sie des reichgefüllten Basars von Musaffarabad ansichtig wurden. Sie taten, was sie immer am allerliebsten getan hatten: plündern.
Unterdessen bewirkte alte Briten-Kameraderie, daß die Nachricht vom Einfall in Kaschmir nach Delhi gelangte. Aus dem Hauptquartier der pakistanischen Armee in Rawalpindi rief ein britischer Major über eine direkte Telephonlinie, die das Ende der Kolonialzeit überlebt hatte, das Hauptquartier der indischen Armee in Delhi an.
Generalleutnant Sir Rob Lockhart meldete den Angriff sofort dem Generalgouverneur Mountbatten und Feldmarschall Auchinleck. Der Marschall wollte eine britische Brigade auf dem Luftweg nach Kaschmir schicken, um die dort lebenden Engländer zu beschützen. Mountbatten lehnte dies strikt ab.
Aber er schickte sofort ein Flugzeug mit seinem indischen Vertreter V. P. Menon, der den Maharadscha überzeugte, daß Indien nur helfen könne, wenn der Herrscher seinen Anschluß an die Indische Union erkläre. Hari Singh, der schon aus der Hauptstadt in seinen Winterpalast nach Dschammu geflüchtet war, unterschrieb.
Zu dieser Stunde waren die Pathanen nur noch 60 Kilometer von Srinagar entfernt. Mountbatten übernahm selbst das Kommando über die indische Militäraktion. Er beschlagnahmte sofort alle Flugzeuge in Indien. Am 27. Oktober landeten in neun DC-3-Maschinen Teile des Ersten Sikh-Regiments auf dem verlassenen Flugfeld der kaschmirischen Hauptstadt. Die Pathanen waren immer noch nicht da. Nur eine Autostunde entfernt, waren sie wieder der Verlockung von Beute und Frauen erlegen - diesmal beim katholischen Konvent von Baramullah.
Die Inder hatten unterdessen den Flughafen befestigt. Verstärkungen trafen über Land, durch jenen Korridor von Gurdaspur ein, den Mountbatten Indien in letzter Minute geschenkt hatte. Die Armee, bald auf 100000 Mann verstärkt, warf die Stammeskrieger zurück.
Eine enttäuschte pakistanische Führung schickte nun ihrerseits Militäreinheiten. Drei Monate nachdem sie unabhängig geworden waren, führten die beiden Erben des Empire auf dem Subkontinent ihren ersten Krieg gegeneinander dem später noch zwei große Kriege und ein Grenzgeplänkel in der Wüste von Katsch folgten.
Kaschmir blieb, dank der Briten, zum größeren Teil bei Indien, den Nordwesten behielt Pakistan. Das Problem gilt bis heute als ungelöst, die Waffenstillstandslinie wird von beiden Seiten nicht als Grenze anerkannt.
Ein knappes Jahr später - Mountbatten hatte Indien im Juni 1948 verlassen - überschritt Indiens Armee erneut eine Grenze. Der Nisam von Haiderabad hatte im August 1947 von Delhi einen Aufschub von einem Jahr erhalten, sich den Anschluß an Indien zu überlegen. Selbst wenn er gewollt hätte, konnte er diesen Schritt nun nicht mehr tun. Moslemische "Rasakar", eine extremistische Miliz, hatten das Kommando im Staat übernommen und zum Heiligen Krieg gegen Verräter gerufen, die Haiderabad Indien ausliefern wollten. _(Ein Soldat der Ehrengarde der Armee Sri ) _(Lankas schlägt mit dem Gewehrkolben auf ) _(Ghandi ein. )
Im September 1948 gab Nehru Befehl, die lange vorbereitete "Operation Polo" zu starten. Als "Polizeiaktion" getarnt, marschierten starke indische Armeeeinheiten in Haiderabad ein. Es gab kurze blutige Kämpfe, über die alle Beteiligten heute am liebsten schweigen.
Der letzte Prinzenstaat war angeschlossen. Der Nawab von Dschunagadh hatte sich längst mit Harem und Hunden nach Pakistan abgesetzt, auch sein Fürstentum war indisch geworden.
Frieden gab es dennoch nicht auf dem Subkontinent. Indien marschierte 1961 in das portugiesische Goa ein, bezog eine schwere Niederlage, als es sich im Himalaja um die Grenzen mit China schoß, und spaltete 1971 Pakistans Ostteil ab, daraus entstand der neue Staat Bangladesch. 1975 annektierte Indien das Himalaja-Fürstentum Sikkim. Im vorigen Monat schickte es Tausende Soldaten nach Sri Lanka und degradierte die Nachbarinsel zum Protektorat. Ein Soldat einer Sri-Lanka-Ehrengarde schlug dafür mit dem Gewehrkolben auf den Staatsbesucher Gandhi ein.
Als Delhi am vorletzten Wochenende das 40jährige Jubiläum seiner Unabhängigkeit beging, herrschte in der Hauptstadt höchste Alarmstufe. Aus Furcht vor Sikh-Terroristen, die schon seine Mutter ermordet hatten, mußte Premier Gandhi in einer Panzerweste hinter Panzerglas zum Volk sprechen. Auslandsreisen, darunter einen Besuch in der Bundesrepublik, hat er abgesagt.
Die Pakistaner begingen ihren Jahrestag in einer Zeit, in der hundert Menschen durch Bombenanschläge ums Leben gekommen waren. Der amtierende Militärdiktator hat seinen Vorgänger hinrichten lassen.
In Bangladesch wurden zwei Präsidenten ermordet. Im Südosten des Landes tobt ein Bürgerkrieg, in den Städten sterben fast täglich Menschen bei Demonstrationen. Bangladesch rangiert unter den zehn ärmsten Ländern der Welt (Indien liegt an 17. Stelle bei den Armen, als Militärmacht freilich rechnet es sich unter die ersten fünf auf der Welt).
Auf Sri Lanka versuchte vorige Woche ein Attentäter, die gesamte Regierung mit Handgranaten in die Luft zu sprengen. Von der Pax britannica ist auf dem Subkontinent schon lange nichts mehr übriggeblieben.
"Wir haben", schrieb die "Times of India" zum Jubeltag, "die Institutionen, die uns die Briten hinterlassen haben, auf einen Punkt heruntergewirtschaftet, wo sie nur noch wie Karikaturen des Originals aussehen."
Ende
[Grafiktext]
DIE TEILUNG INDIENS Westpakistan Ostpakistan Pandschab Bengalen Teilung von Bengalen 1947
[GrafiktextEnde]
Bei der Unabhängigkeitsfeier Pakistans. Ein Soldat der Ehrengarde der Armee Sri Lankas schlägt mit dem Gewehrkolben auf Ghandi ein.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 35/1987
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