29.06.1987

„Können Sie mir helfen, Dr. Freud?“

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den amerikanischen Musiker Leonard Bernstein *
Steht da, zieht hastig den Rauch seiner Carlton ein und fährt sich mit dem Handrücken über die triefende Stirn. "Oh my God", hat ihn der Schubert ins Schwitzen gebracht.
Ungestüm reißt er den völlig durchnäßten Rolli über den Kopf, streift die roten Hosenträger über die Schultern und wischt mit einem Frotteetuch vom graumelierten Kräuselpelz seines Brustkorbs bis knapp unter die stattliche Wölbung des Altherrenbauches. Eine falsche Bewegung, und die rutschenden Jeans gäben den ganzen Maestro frei.
So also sieht er aus, wenn er vom Malochen kommt: der "Sonnenkönig der Musik" ("Die Welt"), der Münchner Honorarprofessor, der Offizier der französischen Ehrenlegion, der Träger der Mahler-Medaille und, seit vorletzter Woche, auch des Ernst-von-Siemens-Musikpreises - Leonard Bernstein, 68, Fünfkämpfer der Tonkunst und Tausendsassa unter den Tonkünstlern.
"Kein Musiker des 20. Jahrhunderts", schreibt die amerikanische Autorin Joan Peyser in der jüngsten Bernstein-Biographie, "hat es so weit gebracht" - Komponist, Dirigent, Pianist, Autor und Pädagoge zu sein, alles in einem und alles in einem vibrierenden Kraftpaket, ein Rentner im Unruhestand.
Wie er so dasteht, der Lenny, kommt einem der Schmus des indischen Mystikers Sri Tschinmoi in Erinnerung: "Leonard Bernstein, Leonard / Singender Vogel der Ewigkeit / Schönheit Wahrheit, Wahrheit Schönheit / Nektar Einzigartigkeit Eure Göttlichkeit." Wie bitte?
Unter vernehmlichem Stöhnen läßt sich der singende Vogel der Ewigkeit mit nackter Wampe und einer neuen Carlton in seinen Sessel fallen. Die Schauspielerin Maria Schell, eine gute alte Bekannte unter tausend ähnlich guten alten Bekannten in Bernsteins globalem Gefolge, versucht, mit krallig gespreizten Fingern die Verspannungen aus der Schulter des Dirigenten zu kneten.
Bernsteins privater Famulus Craig Urquard träufelt dem Maestro eine Tinktur in die Augen. Der Manager Harry Kraut spricht mit ihm ein Manuskript über Charles Ives durch. Der TV-Regisseur Humphrey Burton mischt sich ein: Zuviel Schweiß im Gesicht wirke auf dem Bildschirm unvorteilhaft.
Der Chordirektor des Münchner Senders läßt sich kurz blicken, ein paar Orchestermusiker nicken oder winken vom Flur aus in den Budenzauber, die Schell massiert immer noch, und Bernstein qualmt die vierte. Die Tür zu diesem Taubenschlag steht weit offen der halbnackte Dirigent gleichsam zur Besichtigung frei.
Frage in all dem Trubel: Warum gerade er, der scheinbar so aufgekratzte Genußmensch, sich bei der Neuaufnahme von Tschaikowskis "Pathetique" derart hemmungslos in die schluchzende Morbidität der Musik hängen lasse, das Werk sage und schreibe zwölf Minuten langsamer dirigiere als der ja auch nicht gerade draufgängerische Carlo Maria Giulini und auf diese fatale Weise ein zusammenhängendes Stück in lauter larmoyante Bruchstücke zerbrösele.
Weil gerade er Tschaikowskis Weltschmerz als "intimes Leid und private Katastrophe" nachempfinde, weil er wenn er sich dem "Adagio lamentoso" des Finales aussetze, "musikalisch bis an den Rand eines Grabes" gehe, "fasziniert" hineinsehe und "eigentlich kaum mehr davon zurück" könne.
So ist er: zu Tode gerührt, wenn ihn der Gram in der Musik qualvoll berauscht; in Seligkeit high, sobald das Jubel-Finale einer klassischen Symphonie ihn in den siebten Himmel abheben läßt.
Er saugt Musik so gierig ein wie seine 100 Zigaretten täglich. Tiefsinn und eine depressive Lust zu leiden kreuzt
er mit dem tingeltangelnden Gehabe eines Entertainers. Ein Extremist.
Seine Neuaufnahme von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" ist eine emphatische Liebeserklärung an paradiesische Zustände, aber der da den lieben Gott in klassischem Wohllaut walten läßt, hält sich zugleich viel auf die evergreene "West Side Story" zugute, in der er - gekonnt, gekonnt - vor allem Puccini Gershwin und südamerikanisches Kolorit gemixt und mit whipped cream verziert hat.
Dieser Bernstein kann bei einem Adagio von Brahms wie Wilhelm Furtwängler in den melancholischen Schönklang eintauchen und eine Partiturseite weiter, beim Scherzo, wie einst Fred Astaire auf den Beinen sein.
Ist er so, oder spielt er nur so und sich so auf? Hat er, was der Kritiker Gottfried Kraus kommen sah, den Punkt erreicht, "wo er nicht sich mit der Musik, sondern die Musik mit sich identifiziert"? Geht alles - Inbrunst und Glamour, die Emphase auf dem Podium und die sperrangelweite Volksurtümlichkeit im Münchner Dirigentenzimmer und andernorts - auf ein und dieselbe Dreistigkeit namens Chuzpe hinaus, wie das Nachrichtenmagazin "Time" schon vor 30 Jahren in einem Bernstein-Titel vermutet hat?
Im Frühsommer 1985 baute sich Bernstein in braunem Samtanzug, mit Sonnenbrille und Zigarette vor dem Haus Nummer 19 in der Wiener Berggasse auf, dem einstigen Wohnsitz von Sigmund Freud. Ein skurriler Auftritt: Da hatte er in der Wiener Staatsoper einen Wagner-Abend geleitet und glaubte nun sich und mittels TV, auch der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen zu müssen, warum er Musik des Antisemiten Wagner aufgeführt habe, er, der Sohn eines jüdischen Friseurbedarfshändlers und engagierte Propagandist des Staates Israel - und das ausgerechnet in der Hauptstadt von Hitlers Heimatland.
Der "Tristan" sei ja himmlisch, aber sein Schöpfer ein egomanisches Ekel. "Ich hasse ihn auf Knien", beschrieb der Dirigent vor laufender Kamera seine Seelenpein und legte sich dann mit gespaltenem Bewußtsein auf die berühmte Couch: "Können Sie mir helfen, das zu überwinden, Dr. Freud?"
Was immer die theatralische Szene sollte: Bernstein hatte geflunkert. Die Staatsoper wollte nämlich seine jüngste Oper, das durchweg gnadenlos verrissene Rührstück "A Quiet Place", nur unter der Bedingung aufführen, daß Bernstein sich vorher mit einem Wagner-Abend erkenntlich zeige. Deshalb war er auf den Deal eingegangen. Ist das Chuzpe, Dr. Freud?
Natürlich ist Bernstein ein Filou, wie er noch aus der halben Wahrheit eine ganze Inszenierung macht. Aber selbst wenn er schwindelt, schwindelt er mit viel Charme, und sollte er wirklich, was die "Stuttgarter Zeitung" ihm einmal nachgesagt hat, ein "moderner Rattenfänger" sein, dann aber einer mit multimedialer Zauberflöte - die Leute jedenfalls sind närrisch auf ihn.
Vor dem Deutschen Museum in München, wo Bernstein mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks geprobt hat, steht wieder die alte, mit faltigem Charme lächelnde Dame, die ihrem Idol seit Jahren nachreist und deren Anhänglichkeit jedesmal mit Küssen und Umarmungen honoriert wird. Für Bernstein ist sie vermutlich die Überlebende einer Zeit, als alle Mädchen auf dem Schulhof seine Muskelpakete fühlen wollten und als ihm, dem Sonnyboy, die Backfische auf dem Broadway die Klamotten vom Körper rissen.
Vorigen Sommer, beim ersten "Schleswig-Holstein Musik Festival", stürmte Bernstein, verschwitzt und zerzaust vom Segeltörn, in kurzen Hosen in die Staatskanzlei des Kieler Ministerpräsidenten Barschel, "hello, Uwe". Nach der abendlichen "Schöpfung" in der Ostseehalle ging er nebenan ins Bierzelt und becherte zwischen den Jensens und Hansens.
In New York hat kürzlich ein Häuflein Sympathisanten den Kettenraucher mit freundlichen Warntafeln empfangen: "We love you - stop smoking!" Jüngst bat ihn eine Frau telephonisch und kategorisch für morgens halb acht ins Hotelfoyer: Dort müsse er sie küssen, sonst nehme sie sich das Leben. In der Verehrerpost finden sich regelmäßig eindeutig pornographische Angebote und Wünsche, sie sucht ihn, und er sucht ihn. Die Zuneigung geht also bis unter die Gürtellinie und dort über die Geschlechtertrennung hinweg.
Sicher, Bernstein wirkt selten zugeknöpft. Die Hälfte seiner Gage überweist er an Amnesty International. Das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert er gratis. Beim Schleswig-Holstein Festival hat er voriges Jahr auf die Gage verzichtet. Die 150000 Mark des Siemens-Musikpreises stiftete er zwei amerikanischen Universitäten zur Förderung des musikalischen Nachwuchses.
Auch mit Gefühlen geizt er nie. Er ist gern und leutselig in Gesellschaft, nicht nur bei der Society und ganz high. Andererseits rücken ihm die Fans, und auch da nicht nur die mit Namen und Geld, ohne Skrupel auf die Pelle. Bernstein als Musiker zum Anfassen zu bezeichnen, ist immer noch die treffendste Platitüde, um diesen Ausnahmefall in der eitlen Kaste der Starinterpreten zu charakterisieren.
Diese Woche fliegt er mit dem Concertgebouw Orchester von Amsterdam via Stockholm nach Kiel, zur Gala für jedermann, billigste Karte: zehn Mark. Dann verkriecht er sich ein paar Tage ins Herrenhaus Salzau nahe dem Selenter See, ackert dort mit jungen Musikern aus aller Welt symphonische Literatur durch und demonstriert anschließend in schleswig-holsteinischen Konzertsälen, wie er in kurzer Zeit aus einem polyglotten
Haufen unerfahrener Draufgänger einen respektablen Klangkörper machen kann.
Nichts markiert seine Popularität allerdings griffiger als die Nonchalance, mit der alle - Konzert- wie Partygängerwie selbstverständlich von Lenny reden: eine saloppe Kumpanei im Vergleich zu der ehrerbietigen Artigkeit, mit der die Musikwelt Herbert von Karajan Herbert von Karajan nennt und nicht Herbie oder Bert.
Karajan oben ohne. Schweiß auf dem Körper, die Schell als Masseuse, die Tür weit auf, so daß, wer vorbeikommt, auch reinsehen oder gar reinkommen kann - ein Unding. Karajan hat sich - etepetete und unnahbar - immer gegen jede Schulterklopferei verwahrt und lange bevor ihn seine Krankheit zwang, kürzer zu treten, der Öffentlichkeit entzogen.
Als Diener einer höheren Offenbarung namens Musik gibt er sich erhaben und entrückt. Image und Inkasso besorgen ihm andere. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Vermutlich schließt er die Augen beim Dirigieren nicht nur, weil das vergeistigt aussieht, sondern weil er, der Feingeist, die schnöde Welt nicht sehen will.
Seit seinem auffallend frühen gleich zweifachen Eintritt in die NSDAP ist keine politisch relevante Geste von ihm aktenkundig, kein politisches Bekenntnis in Umlauf, kein Engagement publik. Selbst bei dem großen Krach mit dem Berliner Philharmonischen Orchester ließ er stets grollend verlauten und verlautbaren, anstatt vor Ort einmal die Klingen zu kreuzen. Was er braucht, ist die andächtige Gemeinde, die stumm zu ihm aufblickt und danach seine Platten kauft. In der erhabenen Exklusivität seiner Salzburger Osterfestspiele, wo die Seinen zum Gral der Erbauung schreiten, erfüllt sich sein Lebenstraum.
Bernstein hingegen läuft zur Bestform auf, wenn er, wie letzten August im New Yorker Central Park, von 200000 ausgeflippten Klassik-Freaks umgrölt wird wie Michael Jackson oder auf irgendeinem Campus mit Studenten über enharmonische Verwechslungen diskutiert.
Während Karajan an jeder Plattenproduktion mit technokratischer Verbissenheit tüftelt und die Musik dabei nicht selten studioreif mumifiziert, macht Bernstein fast nur noch Liveaufnahmen, mit Hustern aus dem Parkett, gelegentlichem Gepolter vom Podium, wenn er mal wieder nicht zu halten ist, und mit all der spannungsgeladenen Risikofreude einer lebendigen Aufführung.
Karajan hat vor allem mit sich zu tun, Bernstein macht sich mit allem zu schaffen. Sein erster Beitrag für die "New York Times" 1947 behandelte unter dem Titel "The Negro in Music" die landeseigene Apartheid im Reich der Töne. Für seinen Auftritt im Vatikan war, nicht ohne demonstrativen Hintersinn, der Newark Boys'' Choir eingeflogen worden, ein weitgehend von Farbigen gebildetes Ensemble.
Bei seinem Moskauer Debüt 1959 dirigierte er den "Sacre du printemps" des in der UdSSR tabuisierten Igor Strawinski, eröffnete den Zuhörern, daß "dieses geniale Stück ihres Landsmannes bedauerlicherweise" in Acht und Bann sei, und war damit bei den sowjetischen Kulturbürokraten unten durch.
Im Oktober 1984, bei einer Berlin-Visite mit den Wiener Philharmonikern, wurde kurzfristig ein Konzert auch im Ostteil der Stadt angesetzt. Als Bernstein hörte, daß Tausende junger Fans keine Karten erhalten hatten, dehnte er die kurze Akustikprobe zu einer regelrechten und öffentlichen Generalprobe aus und ließ noch musizieren, als draußen bereits die Offiziellen ungeduldig auf pünktlichen Kunstgenuß pochten.
Aber ähnlich unberechenbar, wie Bernstein früher oft Mahler dirigierte, als wäre es Tschaikowski, und schlichte klassische Partituren mit hysterischem Pomp aufdonnerte, so ging auch mancher seiner politisch motivierten Auftritte peinlich daneben und die eine oder andere private Eskapade reichlich weit.
Mit der Party, die das Ehepaar Bernstein 1970 zum Wohle der radikalen "Black Panthers" gab, vergrätzte der Dirigent nicht nur viele jüdische Glaubensbilder, sondern rief auch undurchsichtige Mächte auf den Plan, die ihm danach mit "dreckigen Tricks" jahrelang die Hölle heiß machten. Bernsteins Aufruf an alle global verstreuten Musikfreunde, zu seinem 65. Geburtstag im August 1983 blaue Bänder als Zeichen atomarer Rüstungsgegnerschaft anzulegen, war nicht mehr als der gutgemeinte Spleen eines naiven Humanisten. Und die musikalische Feierstunde _(1947, bei der Ankündigung ihrer ) _(Hochzeit. )
in Hiroschima 1985, wo Bernstein zum 40. Jahrestag des Atombombenabwurfs das Weltgewissen mit Sang und Klang aufrütteln wollte, empfand der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer als "Nonplusultra an geradezu obszöner Geschmacklosigkeit".
Nicht so recht koscher soll sich Bernstein, wenn es nach den Recherchen seiner Biographin Peyser geht, auch im Intimbereich aufgeführt haben. Daß er homosexuell oder, im Hinblick auf seine 27jährige Ehe mit der schönen, 1978 verstorbenen Schauspielerin Felicia Montealegre und auf seine dreifache Vaterschaft, bisexuell war, wußten Branche und Szene. Da konnte Frau Peyser ruhig nachplappern, was die Spatzen von den Gay Bars pfiffen. Aber ganz so weit hätte sie ihre Nase nicht unter fremde Bettdecken zu stecken brauchen.
Denn die genüßliche Aufzählung, wer mit wem auf Schwulen-Partys ging, bei wem Lenny ex und hopp ins Lotterbett stieg und daß er Felicia gleich mit einer ganzen "Parade gutaussehender Männer" brüskierte, enthüllt letztlich weniger über Bernsteins Geschmack als über Frau Peysers Geschmacklosigkeit.
Daß Bernstein seine Fleischeslust, die schließlich nicht nach jedermanns Gusto sein muß, auslebt, werden ihm höchstens die Prüden verargen. Daß er es mit den Kennedys gut konnte, die Reagans aber bis heute geschnitten hat, dürften ihm ebenfalls ein paar rechtslastige Kleinkrämer ankreiden, genau wie seine Anhänglichkeit an die Friedensbewegung und die Freundschaft mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt. Nein, an seinem Status als Everybody''s Darling gibt es nicht viel zu rütteln, in den Charts der philharmonischen Sympathieträger ist er Spitze. Doch wenn es darum geht, wessen Beethoven sich der deutsche Plattenspieler ins Regal stellt, dann liegt der Lenny aus Lawrence im US-Staat Massachusetts weit abgeschlagen hinter dem Herbert von Karajan aus der Mozart-Stadt Salzburg.
Bei aller Zuneigung zu dem Buddy aus der Neuen Welt - der Dirigent Bernstein ist im Vorurteil der Karajan-Gemeinde immer noch ein bißchen der Traumtänzer zwischen U- und E-Musik, zwischen Musical und "Fidelio", mit dem Spielbein auf dem Broadway, mit dem Standbein im Concertgebouw.
Heute sind Bernsteins Aufführungen und Schallplatten durchweg vitaler, spannender und im anregenden Sinne unberechenbarer als Karajans symphonische Hochämter mit ihrer ritualisierten Makellosigkeit. Aber Bernstein hat von seiner großartigen Wiener Aufnahme der neun Beethoven-Symphonien seit 1980 weltweit nur 88982 Exemplare abgesetzt - ein Klacks, verglichen mit dem Beethoven-Millionär Karajan, ein bescheidenes Häuflein auch, wenn man es an Bernsteins "West Side Story" unter Bernstein mißt: 1152533 Tonträger in nur zwei Jahren.
An interpretatorischer Könnerschaft und charismatischer Strahlkraft mögen sich die beiden Antipoden wenig nachstehen. An intellektuellem Schliff und bekennerhafter Zivilcourage macht Bernstein die bessere Figur. Aber hinter Karajans Aufstieg auf den Olymp der Tonkunst steht ein Werdegang, mit dem sich ein Großteil des klassischen Musikpublikums hierzulande identifizieren kann, und dieser Bonus wiegt schwer.
Karajan, von klein auf am Born abendländischer Tradition genährt, mußte wie die meisten Deutschen nach dem letzten Krieg wieder ganz klein anfangen. Als dann die deutschen Metzger ihren Mercedes bestiegen, bestieg er Bayreuths Grünen Hügel. Als die Deutschen in ihr Reihenhaus einzogen, hielt er Einzug in die Berliner Philharmonie. Als wir wieder wer waren, war er schon ganz oben. Das "Wunder Karajan", Titel einer frühen Biographie, korrespondierte mit dem Wirtschaftswunder in der profanen Welt. Und erst dann landete ein Mr. Bernstein in der Wiener Staatsoper, erlaubte sich, dort die Einsätze per Handkuß zu geben und blieb genau wegen derlei Schnickschnack dem philharmonischen Establishment als Risikofaktor verdächtig.
1953 haben sich die beiden Herren erstmals getroffen. Vermutlich mochten sie sich schon damals nicht, obwohl Bernstein sich als "Bewunderer" seines "Freundes" ausgab. Karajan jedenfalls kehrte der Wiener Staatsoper beleidigt den Rücken, als diese Bernstein einen Tristan" überließ. Im September 1975 tafelten beide in Salzburg. "Es war gut", so Bernstein hinterher, "diesen ganzen Unsinn einmal loszuwerden."
Doch wie bei Gipfeltreffen üblich - gebracht hat es nichts. Als Bernstein 1979 erstmals mit dem Berliner Philharmonischen Orchester auftrat und Mahlers neunte Symphonie dirigierte, wurde das eine Sternstunde mit wahrhaft interkontinentalem Zulauf. Bernstein wollte eine öffentliche Generalprobe oder eine Rundfunkübertragung, nachher wenigstens einen Mitschnitt auf Platte. Aber Karajan, der Über-Philharmoniker, legte sich quer.
Noch heute schwärmt das Orchester von jenem Konzert und weint dem nach, der es leitete. Die Philharmoniker würden ihn jederzeit mit offenen Armen empfangen. Aber Bernstein ist nie wieder eingeladen worden.
1947, bei der Ankündigung ihrer Hochzeit.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 27/1987
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