29.06.1987

„Natürlich kann man sich auch mal verpupsen“

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die Kunstfurzer im „Palast der Winde“ auf der Hamburger Moorweide *
Kann denn Pupsen Kunst sein? Dem Kunstfurzer Ernst-Ludwig Waldhall aus der Steiermark strafft es die Figur. Daß ihn das Publikum manchmal verlacht, wenn ihm im "Luna Luna"-Park an der Hamburger Moorweide die Körper-Zephyrn zart entweichen, damit muß er als Künstler leben. Aber er hat gedacht, daß die Fachwelt aus diesem Stadium der Diskussion heraus sei.
Waldhall ist Schauspieler und Absolvent des Salzburger Mozarteums. Er weiß, was Kunst ist. Ein gut gesetzter Furz, so sagt er, "kann künstlerische Inhalte ebenso sensibel transportieren wie jedes andere Medium der Kunst".
Die Kunstfurzerei hat eine lange circensische Tradition. Schon der heilige Augustinus berichtete in seiner Schrift "De Civitate Dei" anno 413 bis 426: "Andere geben aus ihrem Inneren ohne allen Gestank nach Belieben Laute in so großer Zahl von sich, daß man meinen könnte, sie sängen auch von dieser Seite her." Noch im 19. Jahrhundert gab es auf den deutschen Jahrmärkten mehr Furzbuden als heute Losbuden.
Barbara Schmidt, die Pressechefin von der Illustrierten "Neue Revue", die "Luna Luna" mäzenatisch betreut, fügt schnell noch die soziale Dimension hinzu: Die Bläh-Artistik auf der Bühne solle die Menschen lehren, ein entspanntes Verhältnis zu ihren Blähungen zu entwickeln. Der Volksmund sagt: Pupen ist ''ne große Not, wer nicht pupen kann, geht tot. Frau Barbara sagt, Furzen sei eine der Ureigenschaften des Körpers, die nicht unterdrückt werden dürfe.
Die von Stoffwechselstörungen entfachten unkontrollierten Abfallwinde sind natürlich keine Kunst. Sie stehen zum modulierten Kunstfurz aus dem schwarzumrahmten musikalischen Hintern des Künstlers Ernst-Ludwig Waldhall wie Belcanto zum Wirtshausgesang.
Ja, gewiß, der Virtuose wird aus jedem kakophonen Kissenpupser noch eine Musi herauskitzeln. Doch ein kunstverwendungsfähiger Furz muß swingen, er muß grazil aus dem Darm perlen, um sich dann polyphon am Anus zu brechen. Nicht gleich ex und ab mit Fortissimo in die Hose. Das ist nichts Kreatives. Das kann jeder.
Nach der Lehre der Bauch- und Darmwinde zerfällt die Gattung Furz in vier Unterfürze: 1. den geräuschvollen, gleichwohl geruchlosen und kontrollierten Preßfurz; 2. den gemeinen, lauten Stinkpups, auch vapor tonans odoratus oder "het windje", wie die Holländer ihn verniedlichend nennen, 3. den ordinären Kolonnenknaller, der häufig nach mißbräuchlichem Genuß von Hülsenfrüchten oder Apfelwein mit Bullrichsalz auftritt, 4. den nassen, gelben Färber (vapor succulentus), den man an seinem brutzelnden Begleitgeräusch erkennt (vgl. Limbach, "Der Furz". Handbuch der Flatologie, München, 1983, S. 20 ff).
Als Tonträger für den "Palast der Winde" eignet sich nur die erste Kategorie. Waldhall - von Conferencier Serge Navarra immer wieder sehr unschön zu "Waldheim" zernuschelt - ist fast noch ein Novize in der Ars farzandi. Er hat als kleiner Hosentrompeter angefangen und sich immerhin zur Nummer eins der Pup-Artisten in seiner steiermärkischen Heimat hochgearbeitet. Und er wird mit jeder Vorstellung besser.
Navarra gibt mit der Violine den Kammerton an. Die zwei Interpreten bringen ihre mattweißen Klangkörper in Stellung. Dann hört man''s mächtig lärmen aus den Därmen. Die Variationen zum ersten Satz aus Beethovens Schicksalssymphonie kommen noch etwas asthmatisch. Navarra muß mehrfach die Geige absetzen, weil es den Instrumentalisten an Atem gebricht.
Aber dann der Radetzkymarsch, das ist ein Stück, bei dem sich die ganze Tonfülle der zwei Gesäße rhythmisch entfaltet. Wer ihn als Arrangement für Violine und zwei Hinterteile erlebt hat, wird ihn wohl nie wieder in Blech hören wollen. Die Zuhörer wippen dazu mit der Hüfte. Man kann die Tonfarbe verfeinern, indem man einen Kochtopf als Resonanzfänger vor den Luftaustritt hält. Doch die Artisten von "Luna Luna" verzichten auf solche Kunstgriffe. Sie arbeiten nur mit reinen, unverfälschten Körpertönen.
Nach fünfzehn Minuten ist die Show um. Das Publikum will da capo. Monsieur Navarra wiegt sorgenvoll sein Haupt Furzen, so sagt er, sei eine anstrengende Kunst. Deswegen werde auch in zwei Schichten gefurzt. Man dürfe die Künstler nicht überfordern. Aber er wolle sehen, was sich machen lasse. Ein kurzes Gespräch hinter der Bühne, dann verkündet der Conferencier: "Ja, es ist noch ein Stück drin." Der Jubel ist beträchtlich. Nun drängt sich alles dicht vor der Bühne. Die Angst vor schwülen Düften ist gewichen.
Es kommt vor, daß Zuhörer sich furzend ins Konzert mischen, weil sie den artistischen Anspruch des Vortrags nicht begreifen. Einen jungen Burschen, der sich ihm als Nachwuchsfurzer vorstellte, hat Herr Waldhall vorfurzen lassen. Aber alles, was der Mann zuwege brachte, war ein unmelodischer _(Rudolf Conrades und Detlef Petersen ) _(vor einem Bühnenbild des ) _(österreichischen Karikaturisten Manfred ) _(Deix. )
ordinärer Bierfriedrich, wie man ihn aus dem Souterrain der Cineastik vom Genre "Liebesgrüße aus der Lederhose" kennt.
"Nein, mein Lieber", hat Ernst-Ludwig Waldhall zu dem Kandidaten gesagt, gehen Sie heim, ziehen Sie die Bettdecke über die Ohren und üben Sie tüchtig - üben, üben und nochmals üben."
Waldhall hat selbst ein Jahr lang hart trainiert, bis sein Gesäß konzertreif war. Die Leute glauben, daß sich die Künstler mit Darmol oder Zwiebeln fitmachen. Verkehrt. Eine Diät aus Körnern und ausgesuchten Gemüsen ist gewiß von Nutzen. Doch das Gas kommt nicht von innen. Der Künstler atmet die Luft a tergo ein und stößt sie geräuschvoll wieder aus. Sonst bleibt der Vorgang folgenlos. Non olet.
Für den Fall von Darminsuffizienzen steht hinter der Bühne ein Tonbandgerät. Grundsätzlich aber wird hier nur live gefurzt .
Der Furz als Kunst setzt die vollendete manipulative Beherrschung von Zwerchfell, Schließmuskel und Dickdarmkanal voraus. Die Tonmodulation erfolgt - im Prinzip sehr ähnlich wie bei klassischen Blasinstrumenten - durch Regulierung des Betriebsdrucks und gleichzeitigem Wechsel von Expansion und Kontraktion des Schließmuskels.
Die Technik stammt von dem Pariser Meisterfurzer Joseph Pujol, der um die Jahrhundertwende die Größen seiner Zeit im Moulin Rouge mit seinem Darmgesang erfreute. Maitre Pujol war zweifellos der größte Petomane (von le pet = der Furz) aller Zeiten. Er konnte Geigen, Posaunen, ein Maschinengewehr und seine keifende Schwiegermutter imitieren sowie einen Heulton von fast einer halben Minute ablassen - obwohl er am liebsten Bariton furzte.
Alfons Maria Harlander, der Jüngste im Quartett der Hamburger Funeure, hat noch Probleme mit der Scham. Er kann sich nicht daran gewöhnen, den nackten Hintern in den schwarzen Samtrahmen zu stecken, weil er, so sagt Waldhall, nicht mit dem "natürlichen Exhibitionismus des Schauspielers" gesegnet sei. Das ist ein schweres Handicap. Schon Martin Luther sprach: Aus einem verzagten Arsch fährt kein guter Furz. Die drei anderen haben als gelernte Mimen damit nun gar keine Last.
Peinlich nur, daß ausgerechnet die Premiere in die Hose ging. "Wir standen unter immensem Druck", sagt Waldhall. Und zwar psychologisch und pneumatisch. Doch die Herren vom Vorstand des Heinrich Bauer Verlags, die für das Festival der schönen neuen Dekadenz zwölf Millionen rausgetan haben, amüsierten sich prima. Sie taten so, als merkten sie gar nicht, daß einer unter den vieren, so Waldhall, "aus dem letzten Loch pfiff".
Doch eine Pups-Show ist kein Madrigalkonzert. "Wir wollen uns nichts vormachen", sagt Ernst-Ludwig Waldhall, "jeder kann sich mal verpupsen."
Rudolf Conrades und Detlef Petersen vor einem Bühnenbild des österreichischen Karikaturisten Manfred Deix.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 27/1987
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