28.09.1987

„Frondienst im Rosengarten“

Kasparow über sein Verhältnis zu Marina Nejolowa *
Marina Nejolowa und ich kannten uns seit über zwei Jahren, seit jenem verzauberten Abend in Moskau, als ich sie auf der Bühne die Mascha in Tschechows berühmtem Stück "Drei Schwestern" spielen sah. Im Unterschied zu Werschinin, Maschas großer Liebe, der ein älterer Mann ist, bin ich 16 Jahre jünger als Marina.
Bis heute habe ich fast nur Freundinnen gehabt, die älter waren als ich. Es war für mich schwierig, Beziehungen zu gleichaltrigen Mädchen einzugehen, weil sie meist den verständlichen Wunsch hatten zu heiraten. Das aber kam für mich zu der Zeit, da ich mich auf meine Weltmeisterschaftskämpfe vorbereitete, überhaupt nicht in Betracht.
Seit 1981, meinem 18. Lebensjahr, hatte ich nur dieses eine Ziel im Kopf. Ich war wie ein Astronaut, der sich auf einen interplanetarischen Raumflug vorbereitet. Ich durfte nur in eine Richtung denken und blicken. Alles, meine Physis, mein Training, meine Motivation, war auf dieses Ziel ausgerichtet. All meine Kraft und Konzentration brauchte ich dafür. Auf der anderen Seite war ich ein normaler junger Mann mit normalen emotionalen Bedürfnissen und Neigungen. Ich war kein Asket.
Marina war in ihrem Bereich eine gefeierte Berühmtheit, sie begriff, wofür ich kämpfte, sie bestärkte und unterstützte mich darin. Wir hatten unter den Schriftstellern und Künstlern viele gemeinsame Freunde. Marina bekam, nachdem sie in dem Film "Monolog" eine von ihrem Geliebten im Stich gelassene Frau gespielt hatte, ein Engagement beim berühmten Sowremennik-Theater.
Ein Theaterkritiker schrieb über sie: "Sie bewegt sich auf der Bühne wie eine nervöse Katze, voll von halb gezähmter Energie. Sie hat eine erotische Präsenz, die ein Publikum elektrisieren kann."
Über die private Marina Nejolowa ist gesagt worden, sie sei eine "Frau, die ihre Seele vollständig verbirgt und trotzige Worte und zornige Bemerkungen nach außen sprießen läßt wie eine Rose ihre Dornen". Weiter hieß es von ihr, sie sei ein "Antistar", weil ihr die Schauspielerei wichtiger sei als der Ruhm, der damit zu ernten ist. Die Theaterkritikerin Tatjana Choroschilowa schrieb: "Ihr Leben ist so etwas wie ein Frondienst im Rosengarten." Niemand wird es erstaunlich finden, daß ein 21jähriger von dieser ungewöhnlichen Frau fasziniert war.
Von Natur aus großzügig, genoß ich es, auf meinen Auslandsreisen Kleider und andere Geschenke für Marina zu kaufen. Geld ist für mich vor allem dazu da, anderen eine Freude zu bereiten.
In den ersten Monaten des Jahres 1986 nahmen mich die Vorbereitungen auf den Revanchekampf gegen Karpow und der vertrackte politische Kleinkrieg im Vorfeld dieses Matchs so in Anspruch, daß Marina und ich uns zu dieser Zeit kaum sahen. Ich wußte, daß sie mit einem anderen Mann Umgang hatte, und konnte ihr deswegen nicht einmal wirklich böse sein. Unsere beruflichen Wege kreuzten sich einfach zu selten. Das Ende unserer Beziehung zeichnete sich ab wir mußten uns damit abfinden.
Nach Abschluß des letzten Weltmeisterschaftskampfes gegen Karpow rief ich Marina aus Leningrad an, um ihr das Ergebnis zu sagen. Es war unser letztes Gespräch. Sie erzählte, daß sie dabei sei, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, von dem sie schon seit vielen Jahren getrennt lebte. Es hörte sich so an, als habe sie die Absicht, wieder zu heiraten.
Das Gespräch war nicht einfach, denn sie ist eine ebenso eigenwillige Person wie ich. Es war unser endgültiger Abschied. Nach all den glücklichen Zeiten, die wir miteinander verbracht hatten, wäre mir ein besserer Abschluß lieber gewesen. Das tut weh, selbst heute noch. Es war schmerzlich für uns beide. Aber das Leben geht weiter.
Marina ist Mutter eines kleinen Mädchens - dessen Vater, wie ich hinzufügen muß, nicht ich bin, trotz anderslautender Andeutungen in der westlichen Presse. (Marina hat mich nie als den Vater ihres Kindes bezeichnet.) _(Mit Schauspielern des Moskauer ) _(Sowremennik-Theaters im November 1985. )
Mit Schauspielern des Moskauer Sowremennik-Theaters im November 1985.

DER SPIEGEL 40/1987
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