16.11.1987

TUNESIENArgwohn des Alters

Nach dem Sturz des greisen Staatschefs Burgiba verspricht der neue Präsident Demokratie. *
Nichts liebt der alte Herr mehr als die Begeisterung der ihm zujubelnden Menge. Weil er sich nur noch tastend bewegen konnte, mit unsicheren Trippelschritten, waren erst vor drei Wochen einige tausend Claqueure zu ihm in den mosaikgeschmückten Arkadenhof seines Palastes gebracht worden, um "die ewige Dankbarkeit des Volkes für eine geringfügige Erhöhung des Mindestlohns von 100 Dinar pro Monat zu bekunden.
Da stand er, halbblind zwar und auf einen Krückstock gestützt, aber kerzengerade und das Kinn nach Cäsaren-Art emporgestreckt.
Doch als Habib Burgiba, mindestens 84, dienstältester Staatschef des afrikanischen Kontinents und Präsident auf Lebenszeit, am vorletzten Samstag durch einen ebenso skurrilen wie meisterlichen Coup entmachtet wurde, führte das undankbare Volk auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt Tunis Freudentänze auf.
Im Fernsehen konnte der greise "Combattant supreme", der Tunesien 30 Jahre als Alleinherrscher regiert hatte, die Vereidigung seines Nachfolgers mitansehen: Die Abgeordneten seiner regierenden Sozialistischen Destur-Partei sangen die Revolutionshymne, die Minister umarmten sich, und alle zeigten jene ausgelassene Erleichterung, wie sie Menschen eigen ist, die sich gerade aus schwerer Gefahr gerettet wähnen.
Die Brutus-Tat vollbrachte ein Mann, der seit anderthalb Jahren zur ständigen Umgebung des Präsidenten gehörte: General Sein el-Abidin Ben Ali, 51, lange Zeit Chef des militärischen Sicherheitsdienstes, schon als Innenminister ab April 1986 starker Mann des Regimes und von Burgiba erst am 2. Oktober zum Ministerpräsidenten - und damit zu seinem designierten Nachfolger - ernannt.
Mit seinem kalten Staatsstreich bereicherte der öffentlichkeitsscheue Ben Ali, nach eigener Einschätzung ein lautloser Law-and-order-Techniker, die Geschichte zeitgenössischer Putsche um eine humane Variante. Kurz nachdem am 7. November um vier Uhr früh Militär den Palast von Karthago umstellt hatte, erschienen auf Antrag des Generalstaatsanwalts der Republik sieben Medizinprofessoren am Bett des Präsidenten und stellten nach kurzer Begutachtung die erbetene - gleichwohl korrekte - Diagnose: Wegen schwindender physischer und geistiger Kräfte sei Seine Exzellenz nicht länger in der Lage, die schweren Amtsgeschäfte auszuüben.
Zweifel, ob dem Obersten Kämpfer überhaupt bewußt geworden sei, was ihm widerfuhr zerstreute Informationsminister Abdelwahab Abdallah mit der herzlosen Bemerkung: "Warum sollte er es nicht wissen? Er hört Radio und schaut fern - wie jedermann."
Sicher hätte der greise Staatschef einen würdigeren Abgang verdient gehabt. Jahrzehntelang hatte Burgiba, der nach monatelangen Verhandlungen mit der französischen Protektoratsmacht am 1. Juni 1955 als Befreier auf einem Schimmel in Tunis eingeritten war, seinem Land politische Stabilität und wachsenden Wohlstand garantiert.
Der kleinste Staat Nordafrikas erwirtschaftet eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen
des Kontinents (1068 Dollar im vergangenen Jahr); die Regierung steckte - eine Rarität in der Dritten Welt - mehr Geld ins Erziehungswesen als in die Armee.
Dieser am Lycee Carnot und an der Sorbonne ausgebildete Araber, der im Grunde seines Herzens wohl immer ein Agnostiker war, verblüffte seine frommen Untertanen mit der Erklärung, der Heilige Krieg der Moslems richte sich "nicht mehr gegen die Ungläubigen, sondern gegen die Unterentwicklung". Den Tunesierinnen gab er schon 1956 im "Code du statut personnel" eine rechtliche Gleichstellung, wie sie in der islamischen Welt damals einmalig war.
Doch mit zunehmendem Alter wurde der aufgeklärte Diktator immer exzentrischer. Fragen nach seiner Nachfolge fand er ungezogen. Er liebte es Minister vor ausländischen Staatsgästen verächtlich zu machen. In seiner Geburtsstadt Monastir ließ er sich ein prachtvolles Mausoleum mit vergoldeter Kuppel bauen und gab zur Feier seines Geburtstages am 3. August vier Millionen Dollar aus. Das Staatsfernsehen sendete jeden Tag vor den Abendnachrichten ausgewählte Zitate aus alten Reden des Präsidenten.
Im Empfangssaal des Palastes von Karthago stellte er neben seiner eigenen Statue die Büsten von Hannibal, Jugurtha (dem Numidier-König, der sich gegen die Römer erhob), dem heiligen Augustinus und dem großen arabischen Gelehrten Ibn Chaldun auf - eine Ahnengalerie, die den wachsenden Größenwahn des Despoten belegte. "Wenn man einen Burgiba hat, warum sollte man ihm dann widersprechen?" pflegte er die Unterwürfigkeit seiner Hofschranzen zu rechtfertigen.
Getrieben vom Argwohn des Alters, feuerte er seine Ministerpräsidenten immer schneller. Den legalen Oppositionsparteien gestand er bei den Parlamentswahlen nicht einen einzigen Sitz zu; die einst starke Gewerkschaftsbewegung ließ er zerschlagen. Doch in letzter Zeit bekam er es mit einer Herausforderung zu tun, die ihn um sein Lebenswerk fürchten ließ: dem islamischen Fundamentalismus, vor dessen Wiedererstarken auch das scheinbar so verwestlichte Tunesien - mit über zwei Millionen Touristen pro Jahr - nicht sicher ist.
Der verbotene MTI (Mouvement de la tendance islamique), gegründet von dem Philosophie-Professor Raschid Gannuschi und dem Anwalt Abdelfatah Muru fand Zulauf vor allem bei den 30000 Studenten der Universität Tunis und dem Lumpenproletariat der Städte, das unterhalb der Armutsgrenze von 100 Dinar (etwa 220 Mark) im Monat lebt und fast ein Drittel der Bevölkerung ausmacht.
An der Uni, die Jahr für Jahr Tausende von diplomierten Arbeitslosen her vorbringt, lähmten im vergangenen Jahr abwechselnd linke und islamische Studenten den Lehrbetrieb mit Streikaufrufen. Da die Prüfungen stattfanden wie gewohnt, kletterte die Durchfallquote in manchen Fakultäten auf nahe 100 Prozent.
Wirtschaftskrise, sozialer Frust und das unwürdige Schauspiel der Cliquenkämpfe am Hof mehrten Gannuschis Anhängerschaft so bedrohlich, daß Burgiba die endgültige Zerschlagung des MTI anordnete. Bewaffnete Milizen der Staatspartei machten Jagd auf bärtige Strenggläubige in den Straßen und rissen Frauen das Kopftuch ab. Ben Alis Polizei sperrte an die 3000 Integristen ein. Nach einem Schauprozeß gegen 90 MTI-Führer im September verhängte der Staatssicherheitsgerichtshof sieben Todesurteile, davon fünf in Abwesenheit Gannuschi kam mit einer lebenslangen Haftstrafe davon.
Diese unerwartete Milde, erzählen tunesische Regierungsmitglieder, habe den Präsidenten erbittert; angeblich hatte er 30 Hinrichtungen gewünscht. Als einige der Flüchtigen nach Prozeßende gefaßt wurden, verlangte Burgiba die Wiederaufnahme des Verfahrens - mit dem Ziel, Gannuschi, einen sanften, der Gewaltlosigkeit verschriebenen Gelehrten, henken zu lassen.
Ben Ali weigerte sich; als Fachmann für innere Sicherheit wußte er genau, daß der Tod des MTI-Führers eine womöglich unkontrollierbare Protestwelle auslösen könnte. Burgiba drohte dem General, den er als einzigen seiner Minister anderthalb Jahre lang jeden Morgen um 7.30 Uhr zum Lagevortrag empfangen hatte, mit Liebesentzug - aber Ben Ali war schneller.
Schon am Tag der Absetzung verkündete der neue Staatschef das Ende der Präsidentenschaft auf Lebenszeit, versprach, alsbald ein neues Parteiengesetz vorzulegen, die Freiheit der Presse wiederherzustellen und Tunesien, bisher faktisch ein Ein-Parteienstaat, in eine pluralistische Gesellschaft umzuwandeln. Der Hausarrest gegen den früheren Gewerkschaftschef Habib Aschur, 74, wurde aufgehoben.
Auch wenn Ben Ali "die fundamentalistische Gefahr für überschätzt hält" (so der frühere französische Botschafter in Tunis, Eric Rouleau), für den MTI scheint es auch unter dem neuen Herrn wenig Platz zu geben. "Der Islam darf nicht das Monopol einer Gruppe sein", sagt Ben Alis neuer Regierungschef Hedi Bakusch. Und der Präsident bekräftigt: "Integrist sein, das bedeutet, sich in einer versteinerten Vergangenheit einzuschließen und jeden Gedanken an Evolution zu verwerfen."
Dennoch erwägt die Regierung, Gannuschis Anhänger unter anderer Bezeichnung als Partei zuzulassen. In einem offenen System, hoffen Ben Ali und Bakusch, würden die Islamisten bald jene Faszination verlieren, die sie so lange ausstrahlten, wie alle anderen Protestkanäle verstopft waren.

DER SPIEGEL 47/1987
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