11.01.1988

KAUFHÄUSERGründlich vergriffen

Der Bericht eines Unternehmensberaters hat Management und Aufsichtsrat aufgeschreckt - das Kaufhaus Horten wird neu geordnet. *
Die Geschäftsleitung des Kaufhauses Horten glaubte zu wissen, wofür die Bürger in der Stahlstadt Duisburg ihr Geld ausgeben: Smokings und Nerzmäntel kamen vor dem Jahreswechsel in die Auslage, Champagner der feinsten Marken in die Regale. Wertvolle alte Möbel sind auf der fünften Etage zu kaufen.
Doch die Kundschaft drängelt sich nur an den Grabbeltischen mit den Ramschartikeln. Seit die Stahlarbeiter von Rheinhausen um ihre Arbeitsplätze bangen, geht nichts mehr, was viel kostet.
Fehlplanungen wie in Duisburg sind nach Erkenntnissen des Münchner Unternehmensberaters Roland Berger Alltag bei Horten. Bei etlichen der 57 Filialen des nach Karstadt, Kaufhof und Hertie viertgrößten Warenhauskonzerns stimmt das Sortiment nicht mit den Kaufgewohnheiten der örtlichen Kundschaft überein. Für "Problemhäuser" mit chronischen Verlusten müssen radikale Lösungen gefunden werden.
Die Studie hatte der Horten-Vorstand auf Verlangen der Großaktionäre Batig und Deutsche Bank angefordert. Die in Hamburg ansässige Deutschland-Tochter des britischen Mischkonzerns BAT besitzt 51 Prozent des Horten-Kapitals. Die Deutsche Bank hält mit der Commerzbank über die Gemeinschaftsfirma Degav ein gutes Viertel. Der Rest verteilt sich auf 30 000 Kleinaktionäre.
Am Freitag dieser Woche will Vorstandschef Heinz Garsoffky seine Aufsichtsräte über die Konsequenzen aus dem Berger-Bericht informieren. Der 61jährige Warenhausmanager wird vor allem die Arbeitnehmervertreter überzeugen müssen. Den Betriebsräten dürfte die Zusimmung zum geplanten Personalabbau in der Zentrale am Düsseldorfer Seestern und in manchen Filialen schwerfallen.
Seit Jahren versucht der Vorstand, mit laufend wechselnden Konzepten dem Warenhauskonzern eine existenzsichernde Struktur zu verpassen. Nun sollen etliche der mit hohem Kostenaufwand durchgeboxten Maßnahmen auf Bergers Rat wieder rückgängig gemacht werden.
Nicht alle Fehler sind Garsoffky und seinen Leuten anzulasten. Vieles geht auf seinen Vorgänger Bernd Hebbering zurück, der vor zwei Jahren als stellvertretender Vorstandsvorsitzender zu Karstadt gegangen war.
Hebbering hatte sich mit Neuerwerbungen mehrfach gründlich vergriffen. Das Versandhaus Peter Hahn sowie die Dogmoch-Ladenkette - beide von Hebbering gekauft - mußten nach Verlusten wieder abgegeben werden.
In Etappen soll nach Vorschlägen Roland Bergers und seiner Experten auch die von Hebbering eingeführte Managementstruktur teilweise wieder abgeschafft werden. In hartem Ringen über Jahre hatte er eine Sparten-Organisation durchgesetzt. Die Leiter der neugebildeten Sparten mit Sitz in der Zentrale bestimmten seitdem, was der Kundschaft angeboten wurde.
Mehrere der entmachteten Manager in den Filialen wanderten zur Konkurrenz
ab. Jetzt sollen, rät Berger, die Manager vor Ort wieder mehr Befugnisse bekommen. Sie würden die Wünsche der Käufer in ihrer Umgebung viel besser kennen als die Herren am Seestern.
Komplette Einkaufsabteilungen könnten geschlossen werden, weil künftig einige Produktgruppen aus dem Sortiment gestrichen werden. Artikel, die viel Raum der teuren Verkaufsfläche benötigen und bei den Discountern auf der grünen Wiese weit billiger zu haben sind, sollen weitgehend ausgemustert werden. Darunter fallen etwa Autozubehör und Waschmittel, Möbel und Heimwerkerbedarf.
Das "Neue Horten-Haus" mit deutlich abgespecktem Sortiment soll im kaufkräftigen Münster getestet werden. Für Produktgruppen, die Erträge bringen, soll viel Verkaufsfläche bereitgestellt werden.
Eine andere Fehlentscheidung kann erst 1990 ausgebügelt werden. Um die dürftigen Bilanzen aufzubessern, hatte Horten seine verlustreichen Lebensmittel-Abteilungen an die Edeka vermietet. Der auf zehn Jahre laufende Vertrag bekam beiden nicht.
Horten kassierte zwar jährlich rund 20 Millionen Mark Miete. Doch mancher Stammkunde wurde vergrault. Die Lebensmittel-Abteilungen in Warenhäusern wie Karstadt und Hertie locken dagegen mit attraktiven Angeboten, von der Sektbar bis zum Delikatessenstand, Kunden in die Häuser. Der Kaufhof entwickelt ein Markthallen-Konzept mit vielen Frischwaren wie Fisch, Fleisch und Gemüse. Bei Horten dagegen bietet die Edeka von Norden bis Süden eine Hausmannskost an, die keine Rücksicht auf unterschiedliche Geschmäcker oder Geldbeutel nimmt.
Die Fehlerquote an der Konzernspitze wäre nach Meinung der Experten nicht so hoch ausgefallen, wenn die Eigentümer besser aufgepaßt hätten. Doch auch noch nach der Beförderung Garsoffkys wurde die Firmenleitung irritiert durch ständige Querelen im Kreis der Großaktionäre. Aufsichtsratschef Harald Erichsen änderte dabei laufend seine Haltung.
Zunächst wollte der Batig-Mann seinen Mehrheitsbesitz auf 100 Prozent aufstocken. Er war bereit, der Degav einen guten Kurs für das Horten-Viertel zu zahlen, die Kleinaktionäre dagegen sollten mit dem Tageskurs abgespeist werden. Der Deal scheiterte.
Dann kam Erichsen die Idee, die rund 45 Horten-Häuser im Firmenbesitz zu verkaufen, um sie dann wieder anzumieten. Der Erlös von mehr als einer halben Milliarde Mark sollte zinsbringend angelegt werden. Auch daraus wurde nichts.
Erichsens Wankelmut hat bereits Spuren im Horten-Vorstand hinterlassen. Vorstandsmitglied Michael Goebel, den Insider als möglichen Nachfolger des 1991 in Pension gehenden Garsoffky handelten, kündigte zu Ende 1988. Er wird Chef des Reisegiganten Touristik Union International. Auch Garsoffky ließ durchblicken, er werde womöglich früher aufs Altenteil gehen, falls BAT und Tochter Batig sich nicht eindeutig zu Horten bekennen würden.
Nach der Abgabe des Berger-Berichts und den neuen Umbauplänen des Horten-Managements will Erichsen nun doch seinen Warenhausbesitz behalten. Er beauftragte den Hamburger Personalberater Olaf Mummert, Führungskräfte für den Horten-Vorstand zu suchen. Mummert will in Kürze drei Kandidaten vorstellen. Ein Spitzenmann aus dem Handel ist nicht dabei.

DER SPIEGEL 2/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KAUFHÄUSER:
Gründlich vergriffen

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug