21.12.1987

„Nach Chomeini gibt es keinen Imam mehr“

Leidend war er schon lange, angeblich auch dem Tode nahe. Jetzt änderte der Revolutionsführer Ruhollah Chomeini sein politisches Testament: Sein designierter Nachfolger, Ajatollah Montaseri, wird sich wohl die Macht mit anderen Klerikern teilen müssen. Der Kampf um die Führung der Nach-Chomeini-Ära ist voll ausgebrochen - doch wer immer Chomeini beerbt, er wird den kriegerischen Oberschiiten nicht ersetzen können. *
Mitte November war seine Stimme zuletzt zu hören gewesen: In einer Rundfunkansprache forderte er sein Volk auf, dem Krieg "höchste Bedeutung" einzuräumen und den Endsieg "so rasch wie möglich herbeizuführen".
Doch zu sehen war Ajatollah Ruhollah Chomeini, 87, bei öffentlichen Auftritten schon seit Monaten kaum mehr. Und wenn das staatliche iranische Fernsehen - niemals live - rare Filmberichte über den Revolutionsführer sendete dann solche:
Chomeini, umgeben von einer Schar Leibwächter, nahm sitzend die Huldigungen seiner Anhänger entgegen. Das vom grauen Bart eingerahmte Gesicht wirkte maskenhaft. Müde und teilnahmslos streiften seine Augen über die Versammelten. Gelegentlich, als bereite es ihm viel Mühe, hob er langsam für einige Sekunden die rechte Hand zum Gruß.
Kein Zweifel: Es waren Bilder eines Greises, der an der Schwelle zum Tod stand.
Nun präsentierte sich - wenn auch nur in einer kurzen TV-Aufzeichnung - der Schiitenpapst wieder einmal seinen Iranern. Diesmal gab es Wichtiges mitzuteilen: Ajatollah Chomeini hat sein politisches Vermächtnis geändert, das er bereits vor etwa fünf Jahren abgefaßt hatte. Kernpunkt dieses Schriftstücks ist die Benennung seines Nachfolgers.
Diese Personalentscheidung, so ein Teheraner Regierungsbeamter, sei bedeutend "für die Zukunft unseres Landes, unseres Volkes - und unseres Glaubens". Doch wer aus der Ajatollah-Riege nach seinem Tod die spirituelle und politische Macht im Land übernehmen soll, wollte Chomeini auch seinen zehn engsten Vertrauten nicht preisgeben, die er vergangenes Wochenende überraschend in sein Domizil im Norden der iranischen Hauptstadt befohlen hatte.
Dafür diskutierte der schlitzohrige Imam, dessen geistige Frische im krassen Gegensatz zu seinem körperlichen Verfall stand, mit ihnen stundenlang über Nebensächliches, etwa über die Frage, wo die beiden Kuverts mit seinem Vermächtnis, die bei dem Treffen stets in Griffweite auf dem Teppich neben ihm lagen, aufbewahrt werden sollten.
Er selbst schlug vor, eine Kopie des brisanten Dokuments nach Ghom zu schaffen, die andere nach Maschhad - beide iranischen Städte gelten den Schiiten als heilig. Dort sollten die Umschläge von den ihm bedingungslos ergebenen Revolutionswächtern Pasdaran vor "falschen Händen" geschützt werden.
Der Vorschlag stieß auf sanften Widerspruch: Denn - als hätte der Iran im achten Jahr des Golfkriegs keine anderen Sorgen - die illustre Runde konnte sich nicht einigen, wie viele der versammelten geistlichen Spitzenfunktionäre das Kuvert nach Ghom begleiten sollten und wie viele das nach Maschhad. Schließlich verständigte man sich nach ausführlichem Palaver darauf, diese entscheidende Protokollfrage im Madschlis, dem Teheraner Parlament, zu klären.
Als Chomeini schließlich seine Gäste entließ, bat er nur einen zu bleiben: Hussein Ali Montaseri. Den 64jährigen dicklichen Ajatollah hatte Chomeini schon 1985 zu seinem Nachfolger als Wali Fakih (oberster religiöser Führer) bestimmt und der Öffentlichkeit vorgestellt.
Kaum war das Vieraugengespräch beendet, kursierten im Teheraner Basar, der traditionellen (und bestinformierten) persischen Gerüchtebörse, die wildesten Spekulationen. Hat Chomeini seine Personalentscheidung
revidiert und Montaseri wieder abgesetzt? Wer kommt dann nach Chomeini? Was bedeutet wirklich die lapidare Erklärung der Nachrichtenagentur Irna, die beiden hätten nur "Fragen des nationalen Interesses" erörtert?
Und vor allem: Wie schlecht ist es um den Imam bestellt? Vielleicht habe er, wie ein gläubiger Basar-Händler vermutete, von "Allah erfahren, daß es jetzt zu Ende geht".
Prompt läuteten wenige Tage nach der Testamentsänderung im Westen wieder einmal die Totenglocken für das greise Schiitenoberhaupt. Die Londoner "Times" meldete, Chomeini liege "in einem Teheraner Krankenhaus im Koma". Drei Herzspezialisten, ein Brite und zwei Österreicher, seien nach Teheran geflogen. Und: Die iranische Regierung sei durch die "plötzliche Krise" in Chomeinis Gesundheitszustand "lahmgelegt". Aber, so zitierte die "Times" einen Londoner Neurochirurgen, die Chancen des iranischen Führers, wieder zu gesunden, seien "gut".
Auch die Beiruter Zeitung "El-Dustur" wußte von einem aktuellen Herzleiden und damit verbundenen Depressionen sowie Gedächtnisschwund zu berichten. Das libanesische Blatt hatte den bevorstehenden Tod Chomeinis schon öfter angekündigt. Nur: "El-Dustur" wird seit drei Jahren von Chomeinis erbittertstem Feind, dem irakischen Staatspräsidenten Saddam Hussein, finanziell unterstützt. Vermutlich rangierte da bei den diversen Prognosen Wunschdenken vor Faktentreue.
Über den Gesundheitszustand Chomeinis wird bereits seit dessen triumphaler Rückkehr nach Teheran im Februar 1979 spekuliert. Gesichert sind medizinische Diagnosen über Herzschwäche und Prostata-Beschwerden, beides durchaus nicht unüblich bei Patienten seines hohen Alters. Außerdem soll der Imam nach einem Nierenversagen seit einem Jahr regelmäßig an ein Dialysegerät angeschlossen werden.
Aus seinem Hauptquartier im Teheraner Stadtteil Dschamaran, wo auch heute noch betuchte Günstlinge des gestürzten Schahs leben, drangen keinerlei Informationen über seinen Privatbereich: Chomeini liebte und genoß es, um seine Person Mythen wuchern zu lassen. Er pflegte das Bild des religiösen Denkers, der, abgehoben von den schmutzigen Niederungen des politischen Geschäfts, über die großen Fragen der Nation und des Islams meditiert, des strengen und weisen Lenkers, der von seinem Volk geliebt und verehrt wird.
Der Ajatollah Ruhollah Chomeini wußte immer, daß jeder Nachfolger, egal wie er heißt, von seinem mächtigen Schatten erdrückt wird. Er war die Lichtgestalt, die personifizierte islamische Revolution, die den verhaßten Schah aus dem Land warf, den großen Satan Amerika mehrmals tief demütigte und "mit der Schnauze in den Dreck" steckte; er war die Identifikationsfigur, die vor allem den über 100 Millionen Schiiten weltweit Selbstachtung und Stolz wieder gab. Am Vergleich mit solch einer historischen Figur muß jeder Nachfolger scheitern.
Außerdem: Chomeini hat es seit Revolutionsbeginn geschickt verstanden, die brutalen Übergriffe seiner Mullah-Diktatur, etwa die Verfolgung jeglicher Opposition, von seinem Ruf als Revolutionsführer und spirituellem Oberhaupt abzukoppeln. "Das Volk macht für die Sauereien im Iran die Regierung verantwortlich oder die Mullahs. Nur Chomeini steht immer außerhalb jeder Kritik", urteilt ein westlicher Diplomat in Teheran.
Auf die Frage, für wen er eigentlich in die Schlacht ziehe, antwortete ein 17jähriger Bassidschi, einer jener schlecht ausgebildeten Volkssturmfreiwilligen, die der menschenverachtenden iranischen Kriegsstrategie lediglich als Kanonenfutter dienen: "Zuerst kämpfe ich für den Imam Chomeini und dann für mein Land."
Nachfrage: "Würdest du - auch für einen anderen Imam dein Leben opfern?" Antwort: "Nach Chomeini wird es für mich keinen Imam mehr geben."
Dieses Wissen um das Ausmaß der Verehrung und Bewunderung, die ihm von weiten Teilen der Bevölkerung zuteil werden, brachte schließlich Chomeini vergangene Woche dazu, sein Testament noch einmal in einem entscheidenden Punkt abzuändern: Sein designierter Nachfolger Ajatollah Montaseri, so will es der Führer, wird bei weitem nicht mit der schier unerschöpflichen diktatorischen Machtfülle ausgestattet sein, über die er selbst verfügt.
Im Gegenteil: Montaseri wird, so schätzen Iran-Experten, nur einer unter mehreren sein - Mitglied eines vier- oder fünfköpfigen "Islamischen Führungsrats", der die Geschicke des Landes in der Nach-Chomeini-Ära lenken soll.
Die Schlappe für den ehrgeizigen, beim Volk aber nicht sonderlich beliebten Montaseri wäre ein Triumph für dessen gefährlichsten Gegenspieler um die Staatsführung: den Parlamentssprecher Haschemi Rafsandschani, 53. Zwischen den beiden Geistlichen und deren
Anhängern wurden seit Montaseris Ernennung durch Chomeini "gnadenlose Grabenkämpfe" (so ein Rafsandschani-Vertrauter) ausgefochten.
Rafsandschani, Sproß einer reichen Pistazienpflanzer-Familie und populärer Prediger bei den Teheraner Freitagsgebeten, hatte seit vergangenen Sommer, so schien es, einiges an Boden gegenüber seinem Widersacher verloren. Vor allem die orthodoxen Fundamentalisten und die fanatischen Kriegstreiber in der Mullah-Hierarchie mißtrauen dem wendigen Politiker, der westlichen Besuchern zu Unrecht als "aufgeschlossen" und sogar "liberal" erscheint.
Dabei kann sich Rafsandschani nur besser verkaufen als der plumpere Montaseri, der sich so gern mit einer Kalaschnikow photographieren läßt. Der Parlamentssprecher war von Revolutionsbeginn an engster Vertrauter des Imam und galt stets als unbarmherziger Verfolger der Mullah-Gegner.
Aber seit Rafsandschani, wenn auch nur andeutungsweise, über ein mögliches Ende des menschen- und materialvernichtenden Dauerkriegs mit dem Nachbarn Irak spricht, wird er von vielen Schiiten-Ultras als "Verräter" betrachtet.
Ohne ihn beim Namen zu nennen - das würde im Land keiner wagen -, forderte die Teheraner Tageszeitung "Dschomhuri je islami" (Islamische Republik) ihre Leser auf: "Säubert die Heimatfront!" Und im Staatsrundfunk, wie die Tageszeitung eher der Montaseri-Fraktion zugetan, hieß es gar: "Wir müssen denn Feind im Inneren den Kampf ansagen. Laßt uns die Elemente der Schwäche ausmerzen."
Rafsandschani, als cleverer Drahtzieher des Geisel-Waffen-Geschäfts mit den USA berühmt geworden, hat es sich durch seine zarten Friedensfloskeln vor allem mit der immer einflußreicher werdenden Prätorianergarde Chomeinis verdorben. Der militärische Pasdaran-Führer Mohssen Resai vermeidet es seit Monaten, dem Parlamentssprecher die Hand zu geben, wenn er ihm schon begegnen muß.
Und Pasdaran-Minister Rafigh-Dost dem einst freundschaftliche Beziehungen zu Rafsandschani nachgesagt wurden, läßt neuerdings streuen, der Parlamentspräsident, als Mitglied des Obersten Verteidigungsrats auch Befehlshaber im Golfkrieg, habe durch sein persönliches Zögern und seine "ambivalente Haltung" Mitschuld am Tode Tausender tapferer Gotteskrieger.
Den Zorn orthodoxer Kreise bekam Rafsandschani vor kurzem am eigenen Leib zu spüren. Auf einem Kongreß der "Islamischen Studentenvereinigung" mußte er sich erst wütender Kritik der einflußreichen Studentenfunktionäre erwehren. (Zu den Kongreßteilnehmern gehörten jene Studenten, die 1979 die Teheraner US-Botschaft gestürmt und 52 Geiseln 444 Tage gefangengehalten hatten.)
"Du betrügst unsere Revolution und betreibst deine eigene Geheimpolitik mit den Amerikanern", bekam Rafsandschani vom Diskussionsleiter zu hören. Als der Gescholtene sich verteidigen wollte und auf die Notwendigkeit "taktischer Kontakte auch mit unseren Feinden" zu sprechen kam, zerrten ihn die aufgebrachten Studenten vom Podium.
Empfindlicher noch als dieser kompromittierende Abtritt aber traf Rafsandschani die vom Parlament gegen seinen ausdrücklichen Rat beschlossene Generalmobilmachung.
Chomeini selbst hatte mit seiner Rundfunkrede vom vergangenen Monat abermals den Endsieg gefordert. Fazit: An der 1200 Kilometer langen Front mit dem Irak warten nach Schätzungen westlicher Militärs etwa 300000 Soldaten auf den Angriffsbefehl. Diese Großoffensive - so Rafsandschanis Bedenken - könnte die ohnehin desolate Wirtschaft des Iran in den Bankrott treiben. "Was Rafsandschani und seine Leute verhindern wollen, tritt jetzt ein", beklagte ein vor kurzem in die Türkei geflohener Luftwaffenoffizier, "wir führen nun den totalen Krieg und gehen daran zugrunde."
Doch die phantasievollen Finanzierungsmaßnahmen der Teheraner Mullahs scheinen unbegrenzt. Neuerdings können Iraner, die zu alt, zu gebrechlich oder unabkömmlich für den Fronteinsatz sind, sich von ihren Wehr-Pflichten freikaufen. Dazu müssen sie den Unterhalt für mindestens einen Bassidschi auf drei Monate in die Kriegskasse einzahlen: 20000 Tuman, etwa 2000 Mark.
Schiitenführer Chomeini ging gleich mit gutem Beispiel voran und spendete "aus eigener Tasche" den Unterhalt für 50 Frontsoldaten.
Eine weitere Einnahmequelle erschlossen die Pasdaran: Deren Spitzenfunktionäre forderten das Volk jüngst auf, bei ihren Banken ein "Sparkonto für das Jenseits" zu eröffnen. Dieser "schiitische Ablaß", so der Exil-Iraner Ahmad Taheri, soll den Gläubigen nicht nur Heil im Jenseits bringen, sondern auch Prämien hienieden.
Erster Preis: eine Pilgerreise nach Mekka.

DER SPIEGEL 52/1987
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