26.10.1987

„Hör mal, Doc, ich hab' so 'n Durchhänger“

SPIEGEL-Interview mit Klaus Steinbach über ärztliche Versorgung, Brutalität und Doping in der Bundesliga Der frühere Weltklasse-Schwimmer Dr. Klaus Steinbach, 33, arbeitet als Orthopäde am Winterbergkrankenhaus in Saarbrücken. *
SPIEGEL: Herr Steinbach, in der vergangenen Saison waren Sie medizinischer Betreuer der Bundesliga-Fußballer des FC Homburg. Warum haben Sie diesen Nebenjob aufgegeben?
STEINBACH: Einerseits aus privaten Gründen, die nichts mit dem Klub zu tun haben. Andererseits mußte ich erkennen, daß es sehr schwer ist, bei einem Bundesligaverein die ärztliche Tätigkeit so auszuüben, wie ich es gewohnt bin. Da gelten ganz andere Spielregeln.
SPIEGEL: Und welche?
STEINBACH: Der Arbeitgeber steht dem Arzt ständig auf den Füßen, verlangt von ihm, daß er Wunder vollbringt. Wichtige Spieler sollen ganz schnell fitgemacht werden, unwichtige Spieler möglichst langsam.
SPIEGEL: Warum sollte ein Arzt die Genesung hinauszögern?
STEINBACH: Spieler, die im Moment sowieso nicht gebraucht werden, liegen dann nicht dem Verein auf der Tasche. Für sie zahlt eine Versicherung.
SPIEGEL: Schnell fitmachen heißt ja wohl in der Praxis, daß Verletzungen oft nicht richtig auskuriert werden.
STEINBACH: Natürlich sagt der Präsident oder Trainer schon mal: Doktor können Sie dem nicht einen Schuß Cortison reinhauen, wir brauchen den Mann am Samstag unbedingt.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich in solchen Fällen verhalten?
STEINBACH: Am Anfang wird man überrumpelt, die Situation ist so völlig neu. Die Interessen des Vereins sind nicht immer identisch mit denen des Arztes und des Patienten. Da muß man als Mediziner konsequent sein, auch wenn es deshalb zur Kontroverse mit der Vereinsführung kommen sollte.
SPIEGEL: Der Bremer Libero Gunnar Sauer sagte am vorletzten Samstag im "Aktuellen Sport-Studio", sein Trainer Otto Rehhagel lehne grundsätzlich den Einsatz eines nicht gesunden Spielers ab. Ist Rehhagel eine Ausnahme wie sind da Ihre Erfahrungen?
STEINBACH: Rehhagel ist ein anerkannter Fachmann, der läßt sich sicher nicht vom Präsidenten oder von Sponsoren unter Druck setzen. Das gilt auch für Jupp Heynckes oder galt für Udo Lattek, als er noch Trainer war. In vielen Klubs ist das leider anders.
SPIEGEL: Nun sind es nicht immer nur die Präsidenten oder Geldgeber, die Druck auf den Arzt oder verletzte Spieler ausüben. Unlängst erst erklärte der Schalker Torhüter Toni Schumacher: Er und der Kollege Olaf Thon seien zwar verletzt, doch "im nächsten Spiel müssen wir wieder ran". Es gehe schließlich um die Existenz des Vereins.
STEINBACH: Was der Toni da gesagt hat, war schlimm, absolut kurzsichtig und beweist, welche Aufklärungsarbeit in dieser Hinsicht noch zu leisten ist.
SPIEGEL: Daß sie gesundheitliche Risiken eingehen, wissen die Spieler selbst wahrscheinlich auch, zumindest die meisten. Sie tun es trotzdem, hauptsächlich aus finanziellen Zwängen. So erhält ein Profi zum Beispiel nur dann seine volle Jahresprämie, wenn er mindestens 31 Pflichtspiele in der Saison absolviert hat.
STEINBACH: Gewiß verstärkt das die Existenzängste vor allem bei jenen Profis, die nicht zu den Stars in der Branche gehören. Außenstehende machen sich überhaupt kein Bild von dem Druck, dem sie ausgesetzt sind.
SPIEGEL: Nun werden sie dafür allerdings auch ganz gut bezahlt.
STEINBACH: Das schon, aber für ihr Geld müssen sie sich Dinge gefallen lassen, da würde jeder normale Arbeitnehmer vor Gericht gehen. Meinen Sie denn etwa, die meisten Trainer würden zur Halbzeit in der Kabine mit den Spielern sachlich über Fehler diskutieren? Im Gegenteil, da findet nicht selten persönliche Diffamierung statt. "Du Arschloch, du hast nur Scheiße im Kopf" oder "du dumme Sau, du bist dein Geld nicht wert" sind noch vergleichsweise harmlose Beschimpfungen.
SPIEGEL: Treten die Spieler deswegen in der zweiten Halbzeit womöglich - ein bißchen fester zu? _(Peter Hobday von Hannover 96 am 8. ) _(August beim Bundesligaspiel in Schalke. )
STEINBACH: So ist es. Vom Trainer, vom Präsidenten, vom Sponsor werden die Spieler in der Pause ausdrücklich zur Härte aufgefordert, zum, wie es so schön heißt, "Drauf- und Gegenhalten". Ganz gezielt wird eine Aggressivität aufgebaut, die die Spieler selber gar nicht haben. "Foul so geschickt, daß dir selbst nichts passiert" ist in dieser Beziehung einer der verbreitetsten Sprüche. Mein Eindruck ist, daß es Fairplay, die Loyalität mit dem Gegenspieler, im bezahlten Fußball nicht mehr gibt.
SPIEGEL: So etwa jeder sechste der rund 370 Bundesliga-Profis ist derzeit verletzt. Sehen Sie da einen Zusammenhang mit dem etwas eigenartigen Motivationsschub in der Halbzeitpause?
STEINBACH: Auch. Die allermeisten Bundesliga-Profis sind in einer körperlich nicht optimalen Verfassung. In der letzten halben Stunde, wenn die Kondition nicht mehr ausreicht, die Konzentration nachläßt, werden die Fouls der in der Kabine heißgemachten Spieler unbeholfener, damit brutaler, und das Verletzungsrisiko steigt ganz automatisch .
SPIEGEL: Der Holländer Arie Haan, seit Saisonbeginn Trainer des VfB Stuttgart, warf den deutschen Profis vor, sie würden zu wenig arbeiten. Täglich zweieinhalb Stunden reichen seiner Meinung nach nicht, er will den Trainingsumfang verdoppeln.
STEINBACH: Ich gebe Haan ohne jede Einschränkung recht. Mich hat es erstaunt, wie schlecht die Spieler trainiert sind und wie wenig sie trainieren.
SPIEGEL: Die denken natürlich ganz anders darüber. Bei fünf Stunden Training täglich werde er "des Fußballs überdrüssig" sagt der für Eintracht Frankfurt spielende Pole Wlodzimierz Smolarek, und Mönchengladbachs Nationalspieler Uwe Rahn behauptet: "Aus Ackergäulen kann man sowieso keine Rennpferde machen."
STEINBACH: Wenn ich die schon reden höre. Jeden Samstag müssen die Armen ran und manchmal sogar mittwochs auch noch. Die sollen sich doch mal das Pensum anschauen das die Eishockeyspieler zu bewältigen haben.
SPIEGEL: Wie war das zu Ihrer aktiven Zeit?
STEINBACH: Ich habe täglich etwa drei bis vier Stunden trainiert und nebenher studiert. Der Michael Groß hat einmal ein Training beim SV Waldhof mitgemacht. Hernach haben ihn die Profis ganz erwartungsvoll gefragt, wie er sich denn jetzt fühle. Er hat geantwortet: Das sei so ungefähr das Pensum seines Aufwärmtrainings gewesen, jetzt würde er erst richtig anfangen.
SPIEGEL: Was werfen Sie Spielern und Klubs konkret vor?
STEINBACH: Es wird zu wenig und zu unqualifiziert trainiert, es fehlt an trainingsbegleitenden Maßnahmen. Verletzungen im Adduktorenbereich, Muskelfaserrisse, Zerrungen wären zum größten Teil vermeidbar, wenn mehr Wert auf Dehnübungen, Stretching, gelegt würde. So aber werden Verletzungen geradezu provoziert. Und weil die oft nicht ausgeheilt werden, multipliziert sich das Risiko zwangsläufig.
SPIEGEL: Haben die Profis in anderen Sportarten inzwischen mehr kapiert?
STEINBACH: Ich denke schon. Martina Navratilova zum Beispiel hat immer ihren Masseur dabei, sie hat einen Ernährungsberater und steht in ständigem Kontakt mit ihrem Arzt.
SPIEGEL: Es ist schwer vorstellbar, daß außer Ihnen in der Bundesliga niemand den Wert einer umfassenden medizinischen Betreuung einzusehen vermag.
STEINBACH: Jürgen Friedrich, der Präsident des 1. FC Kaiserslautern, hat mir einmal gesagt, die Medizin sei "immer noch ein Stiefkind in der Bundesliga". Diese Erkenntnis ist wohl da, aber es ändert sich halt nichts.
SPIEGEL: Was müßte sich ändern?
STEINBACH: Der Arzt muß ständig präsent sein, und seine Entscheidung, ob ein Spieler nun einsatzfähig ist oder nicht, muß am Ende ausschlaggebend sein. Langfristig betrachtet, fahren Spieler und Vereine dabei am besten. Die Profis sind sich doch überhaupt nicht darüber im klaren, welche Spätfolgen sie sich einhandeln können, wenn sie eine Verletzung nicht auskurieren.
SPIEGEL: Toni Schumacher hat behauptet, daß in der Bundesliga etwa mit Captagon oder Ephedrin gedopt werde. Wie sind Ihre Erfahrungen?
STEINBACH: Zu mir sind Spieler gekommen, die sagten: "Hör mal Doc ich hab'' so ''n Durchhänger, haste nicht was, was mich so richtig anmacht, wo ich so richtig die Sau rauslassen kann?"
SPIEGEL: Was haben Sie geantwortet?
STEINBACH: Ja, bist du denn wahnsinnig, du kannst dir doch nicht jeden Samstag die Dinger reinschmeißen, welche Vorstellung hast du denn von deinem Beruf?
SPIEGEL: Wie waren die Reaktionen?
STEINBACH: Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Spieler überzeugt habe. Wenn der Deutsche Fußball-Bund einmal Kontrollen einführen sollte die ich übrigens für dringend notwendig halte, dann rauscht''s in der Bundesliga. Es gibt reichlich Spieler, die mit Aufputschmitteln ihre mangelhafte körperliche Verfassung kaschieren.
Peter Hobday von Hannover 96 am 8. August beim Bundesligaspiel in Schalke.

DER SPIEGEL 44/1987
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