26.10.1987

Gesamt-Ohrwerk

Mal transportierten sie einen tonnenschweren Hinkelstein von Großbritannien in den Himalaja (und ließen den Brocken im Vatikan von dem sichtlich irritierten Wojtyla-Papst segnen). Mal reisten sie in GI-Uniform durch Polen (und reparierten unaufgefordert den Todeszaun von Auschwitz). Mal traten sie wie auf der diesjährigen Kasseler Documenta als "Kulturpolizei" auf (und unterzogen arglose Besucher hochnotpeinlichen Verhören). Mit derartigen Beispielen der selbstgelebten Kunstprovokation spuken Angehörige der internationalen Künstlergruppe "Minus Delta T" durch den Avantgarde-Untergrund. Ihr neuester Angriff auf das gängige Kunstverständnis tarnt sich als Dreifach-Plattenalbum und ist jetzt unter dem Titel "Opera Death" beim Düsseldorfer Atatak-Label erschienen. Aus Kriegsgetöse und Swing-Singsang, hymnischen Todesklängen, Horrormeldungen und Angriffen auf Gott und die Welt brauen sie eine grelle Melange. Das Resultat ist ein gelegentlich eindringliches, oft neutönend lärmendes Gesamt-Ohrwerk, das in seinem Scheitern offenbart, was Komponist Mike Hentz vor einer mißlungenen Berliner "Todesoper"-Aufführung im Juni befürchtet hatte: "Die letzte nennenswerte Operninszenierung war der Vietnam-Krieg."

DER SPIEGEL 44/1987
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