21.12.1987

„Stalin brauchte Bucharins Blut“

SPIEGEL-Interview mit Sowjethistoriker Roy Medwedew über die Rehabilitierung des Stalin-Genossen Bucharin *
SPIEGEL: Herr Medwedew, in seiner Festrede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution hat Generalsekretär Gorbatschow positive Worte für eines der höchstgestellten Opfer Stalins gefunden, für Nikolai Bucharin. Wird der Mitkämpfer Lenins nun, fast 50 Jahre nach seiner Hinrichtung, rehabilitiert?
MEDWEDEW: Er muß rehabilitiert werden.
SPIEGEL: Anna Larina, seine Witwe, kämpft dafür seit langem. Jetzt hat die Illustrierte "Ogonjok" ihre Forderung veröffentlicht, dabei haben die Sowjetbürger erfahren, daß Bucharin seiner Frau kurz vor seiner Verhaftung 1937 noch ein politisches Testament übergeben konnte.
MEDWEDEW: Ich kenne dieses Dokument seit langem, und ich könnte es auswendig hersagen.
SPIEGEL: Als erste hatte Bucharins Frau den Text auswendig gelernt, bevor der Verfolgte das Manuskript aus Angst vor Stalins Geheimpolizei vernichtete. So berichtet sie jetzt.
MEDWEDEW: Es ist kein politisches Testament, kein Programm, sondern ein Schrei der Verzweiflung wenige Tage vor seiner Festnahme. Bucharin behauptet darin, er habe in der Zeit von 1930 bis 1937 keinerlei Meinungsverschiedenheiten mit der Partei gehabt...
SPIEGEL: Das waren gerade die Jahre des schlimmsten Terrors.
MEDWEDEW: Bucharin versuchte zu belegen, daß er niemals zu oppositionellen Gruppen gehört und immer treu zu Stalin gestanden habe. In gewissem Sinne ist es ein hysterisches Dokument.
SPIEGEL: Bucharin sei "weich wie Wachs", urteilte Lenin, und seine Frau bestätigt nun: "Er weinte leicht." Wenn er von der Parteilinie abgewichen sein sollte, erst nach "links" und später nach "rechts", 1918 gegen Lenins Friedensvertrag mit den Deutschen oder 1929 gegen Stalins Industrialisierungstempo - immer bereute er beinahe postwendend.
MEDWEDEW: Er war eben kein typischer Bolschewik, sondern in vielem ein typisch russischer Intellektueller.
SPIEGEL: Solschenizyn charakterisiert ihn als einen hochintelligenten, aber letztlich Stalin-gläubigen Feigling.
MEDWEDEW: Nein, feige war er nicht. Lenin sah in ihm mit Recht "das goldene Kind der Revolution", den "Liebling der Partei". Bucharin war ehrlich, und er war bescheiden.
SPIEGEL: Aber eben kein durchsetzungsfähiger Politiker.
MEDWEDEW: Deswegen hat Lenin ihm ja auch nie praktische Aufträge erteilt. Bucharin war Mitglied des Politbüros und einer der Konstrukteure der neuen Parteiideologie. Aber er hat niemals Divisionen, Armeen oder Fronten während des Bürgerkriegs befehligt, niemals im Apparat gearbeitet, nie gegen die Konterrevolution gekämpft.
SPIEGEL: Er war Chefredakteur der "Prawda"...
MEDWEDEW: ... auf Vorschlag Lenins. Bucharin besorgte die theoretische Arbeit, verfaßte das zweite Parteiprogramm und jenes "Abc des Kommunismus", das damals zur Pflichtlektüre praktisch jedes Parteimitglieds wurde.
SPIEGEL: Dem Nachfolger Lenins diente er dann als Autor der sogenannten Stalinschen Verfassung der UdSSR. Lieh er seinen theoretischen Verstand immer dem, der gerade an der Macht war?
MEDWEDEW: Ja, so war es - ein theoretischer Kopf, ein schwacher Politiker, ohne Härte. Bei der entscheidenden Abstimmung im Politbüro 1927, ob Lenins "Neue Ökonomische Politik" der kleinen Freiheiten, die NEP, weitergeführt oder Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und beschleunigte Industrialisierung an ihre Stelle treten sollten, waren nur Kaganowitsch und Molotow für Stalins Pläne. Auf der Seite Bucharins dagegen befand sich die Mehrheit des Politbüros.
SPIEGEL: Im September 1936 warf er auf einer ZK-Sitzung Stalin und der Geheimpolizei eine "ungeheuerliche Verschwörung gegen die Partei und den Staat" vor. Die Mehrheit der ZK-Mitglieder stand auf seiner Seite. Warum scheiterte Bucharin trotz dieser breiten Vertrauensbasis in der Partei?
MEDWEDEW: Er schloß Kompromisse. Deshalb konnte er diese Mehrheiten nicht nutzen, um Stalin zu isolieren. Am Ende wurde er selbst isoliert, nachdem Stalin durch Manipulation und Intrigen die Mehrheit des Politbüros auf seine Seile gebrachte hatte. Und dann erklärte er Bucharins Programm zur Rechtsabweichung.
SPIEGEL: Demnach hat Bucharin selbst mitverschuldet, daß sich die Verhältnisse von 1927 auf 1937 so total änderten?
MEDWEDEW: Wenn man den Weg des praktischen Politikers wählt, muß man für seine Ziele auch zu kämpfen verstehen.
SPIEGEL: Bucharin empfahl eine vorrangige Entwicklung der Landwirtschaft ohne Kollektivierungszwang, dazu eine nur behutsame Industrialisierung. Aber lag da Stalin mit seiner Forderung, die Schwerindustrie zu forcieren, nicht richtiger - als Marxist wie als Großmacht-Politiker?
MEDWEDEW: Nein. Zunächst darf man in Bucharin keinen Feind der Industrialisierung sehen. Der erste Fünf-Jahres-Plan wurde ja unter seinem entscheidenden Einfluß ausgearbeitet. Aber Stalin war für eine Super-Industrialisierung. Genau diese Über-Industrialisierung hat sich bald als großer Fehler erwiesen und unserer Wirtschaft unermeßlichen Schaden zugefügt. _(In seiner Moskauer Wohnung mit Redakteur ) _(Jörg R. Mettke. )
SPIEGEL: Bucharins Programm dagegen hätte das Land in der Industrie ebenso wie in der Landwirtschaft binnen zehn Jahren weiter gebracht als Stalins Gewaltakt?
MEDWEDEW: Ja, was den Stand der technologischen Entwicklung, aber auch was den Lebensstandard angeht.
SPIEGEL: Wie in China unter Teng Hsiao-ping, nach Maos Tod, ein gemischtes Wirtschaftssystem mit staatlichen und privaten Elementen? Das China der siebziger Jahre aber war, anders als die Sowjet-Union der dreißiger Jahre, nicht von äußeren Feinden bedroht.
MEDWEDEW: Richtig. Doch wenn Lenins "Neue Ökonomische Politik" einer ausbalancierten Entwicklung aller Wirtschaftsbereiche, des staatlichen, des genossenschaftlichen und auch des privaten Sektors, fortgeführt worden wäre, hätte unser Staat sich schneller und besser entwickelt. Und er hätte nicht jene furchtbaren Tragödien erleben müssen - die Kollektivierung von 1930, die mörderische Hungernot von 1933 und den Terror von 1936/37, die uns durch das Verschulden Stalins 20 Millionen Menschenopfer schon vor Beginn des Krieges kosteten, darunter die fähigsten Kader aus Wirtschaft, Wissenschaft und Militär.
SPIEGEL: Bucharin war nicht der Mann, diese Katastrophen zu verhindern. Unmittelbar vor der Hinrichtung fragte er seinen "lieben Koba", Stalin, in einem letzten Brief: "Wozu hast du meinen Tod gebraucht?" Wozu?
MEDWEDEW: Tatsächlich hat Bucharin in den letzten Monaten seines Lebens fast täglich Briefe an Stalin geschrieben. _(Auf einem Kongreß in England 1930. )
Wirklich seltsam, aber irgendwann früher hielt er Stalin für seinen Freund. Und Stalin tat so, als liebte er Bucharin. Doch während Bucharin noch hoffte, Stalin würde ihm glauben, spielte der längst mit ihm Katz und Maus.
Stalin brauchte sein Blut aus dem einfachen Grunde, aus dem er das Leben aller brauchte, die sich irgendwann einmal gegen ihn aufgelehnt hatten. Er verzieh Bucharin weder seine theoretische noch seine rednerische Begabung. Als absoluter Despot konnte er keine Begabteren neben sich dulden. Der Tyrann, der Sadist, der Diktator in ihm verlangten geradezu die Vernichtung Bucharins.
SPIEGEL: Dem unter Stalin als "weißgardistischer Wicht" und "Lakai des Faschismus" geschmähten Bucharin seinen guten Namen zurückzugeben, ist auch Chruschtschow nicht gelungen, der doch Millionen Stalin-Opfer aus dem Gulag befreit hat. Woran scheiterte der Reformer Chruschtschow, woher kam der Widerstand?
MEDWEDEW: Noch als Rentner klagte Chruschtschow über dieses Versagen, dabei hatte er die Rehabilitierung Bucharins schon vorbereitet. Dafür gab es schon unter Chruschtschow eine Kommission, wie sie jetzt wieder eingesetzt wird und an deren Spitze Gorbatschow selbst stehen will. Sie hat schon damals alle relevanten Dokumente ausgewertet und festgestellt, daß die gegen Bucharin erhobenen Anschuldigungen völlig unbegründet waren. Auf Beschluß dieser Kommission sollte Bucharin nach dem 22. Parteitag rehabilitiert werden.
Aber die Mehrheit des Politbüros unter Führung von Suslow verhinderte es mit dem Argument, das würde dem Ansehen der Partei schaden.
Viele kommunistische Parteien des Westens waren übrigens auch gegen eine Rehabilitierung Bucharins. Maurice Thorez, der Chef der französischen Kommunisten, flog damals extra nach Moskau, um von einer so weitgehenden Entstalinisierung abzuraten.
SPIEGEL: Doch in den siebziger Jahren haben sich dann eurokommunistische Parteien, allen voran die Italiener sehr um eine Rehabilitierung Bucharins bemüht, obwohl der alles andere als ein Demokrat gewesen ist und kategorisch für "proletarischen Zwang" eintrat, von "Erschießungen bis zur Arbeitspflicht".
MEDWEDEW: Was Sie zitieren sind Äußerungen Bucharins aus der Zeit des Kriegskommunismus 1919/20. Als Lenin das Manuskript las, vermerkte er am Rand: "Ein schönes Kapitel". Alle Bolschewisten dachten damals so. Aber die Auffassungen änderten sich schon bald, bei Lenin ebenso wie bei Bucharin. Die spätere ökonomische Schule Bucharins zeichnet sich gerade durch einen gewissen Liberalismus aus, durch das Nebeneinander von Staatlichem und Privatem, durch Zusammenarbeit mit der kapitalistischen Welt...
SPIEGEL: ... durch manches also, was jetzt wieder gefragt ist: Besteht Aussicht, daß nicht nur der Mann, sondern gerade auch sein Konzept vom richtigen sozialistischen Wirtschaften jetzt rehabilitiert wird?
MEDWEDEW: Zunächst muß selbstverständlich Bucharin als Mensch rehabilitiert werden, voll und ganz. Doch damit einhergehen muß die Anerkennung der prinzipiellen Richtigkeit des von Bucharin weiterentwickelten NEP-Konzepts. Zwar lassen sich die wirtschaftlichen Realitäten der zwanziger kaum mit denen der achtziger Jahre vergleichen, aber viele Grundsätze der Wirtschaftswissenschaft, die in den zwanziger Jahren entwickelt worden sind, müssen heute erst einmal akzeptiert und dann entsprechend genutzt werden.
SPIEGEL: Ohne gedankliche Anleihen beim Ökonomen Bucharin kommt Gorbatschows Perestroika auf die Dauer nicht aus?
MEDWEDEW: Bucharins ökonomische Schule innerhalb der Partei, aber auch viele hervorragende Wirtschaftswissenschaftler, die keine Parteimitglieder waren - alles ist doch von Stalin liquidiert worden. Die Industrialisierung der dreißiger Jahre vollzog sich praktisch außerhalb der Wissenschaft. Es war ein Vorgang, der allein auf Willkür und Angst gründete.
SPIEGEL: Wann rechnen Sie mit Bucharins offizieller Rehabilitierung?
MEDWEDEW: Noch in diesem, spätestens zu Beginn des nächsten Jahres, denn 1988 wäre Bucharin hundert Jahre alt geworden. Und spätestens dann müssen seine Studien und ökonomischen Theorien offen in der Parteipresse dargestellt und diskutiert werden können.
Aber der Oberste Sowjet oder das Oberste Gericht der UdSSR sollte nicht nur Bucharin rehabilitieren, sondern zugleich eine ganze Reihe anderer bolschewistischer Führer wie Rykow, Tomski, Pjatakow, Radek, Sinowjew und Kamenew, um nur die wichtigsten zu nennen.
SPIEGEL: Trotzki nennen Sie nicht. Ihn zur Strecke zu bringen, hat Bucharin fleißig geholfen. Gilt er weiterhin als "antisozialistisches Element"?
MEDWEDEW: Natürlich war Trotzki kein Antisozialist. Aber seine Rehabilitierung wird durch viele Umstände erschwert: Erstens gehörte er bis 1917 zu den Menschewiki, obwohl seine nützliche Arbeit während der Revolution und des Bürgerkrieges endlich anerkannt werden muß.
SPIEGEL: Menschewik, also Sozialdemokrat, gewesen zu sein, ist doch wohl kein Makel mehr?
MEDWEDEW: Zweitens war er nicht der zweite Mann nach Lenin, wie sich die westliche Presse zu schreiben angewöhnt hat; das war in unserer Revolution eindeutig und immer Swerdlow.
SPIEGEL: Der starb schon 1919.
MEDWEDEW: Drittens trat Trotzki in den zwanziger Jahren als Linksoppositioneller auf; er forderte schon 1926, was Stalin dann in den dreißiger Jahren gemacht hat.
SPIEGEL: Die Zentralverwaltungswirtschaft, die Militarisierung der Arbeit.
MEDWEDEW: Trotzki hatte also nicht, wie Bucharin, ein alternatives Programm, sondern die Rivalität zwischen ihm und Stalin war zunächst und vor allem die Rivalität zwischen zwei autoritären Figuren.
SPIEGEL: Gorbatschow hat davon gesprochen,, daß es aktuelle Parallelen gebe zu den Linien- und Machtkämpfen nach Lenins Tod. Wer wäre demnach im derzeitigen Politbüro der Bucharin von heute?
MEDWEDEW: Einen so direkten Vergleich möchte ich nicht ziehen. Offiziell sind in unserer Partei Gruppierungen und Fraktionierungen ja verboten. Aber keine politische Partei kann in Wahrheit ohne solche Fraktionen auskommen. Die gab es in der KPdSU immer, und auch jetzt sieht jeder, daß sich die Leitung unserer Partei aus verschiedenen Gruppen zusammensetzt, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von der jeweils richtigen Politik haben.
SPIEGEL: Welche Gruppe ist am besten geeignet, das wissenschaftliche und ideologische Erbe Bucharins zu verwerten und zu entwickeln?
MEDWEDEW: Gorbatschow und seine Mannschaft.
In seiner Moskauer Wohnung mit Redakteur Jörg R. Mettke. Auf einem Kongreß in England 1930.
Von Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 52/1987
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