07.03.1988

„Was haben wir uns nur angetan?“

Aids - die Entstehungsgeschichte einer Katastrophe (II) / Von Randy Shilts _(1988 by Goldmann Verlag, München. ) *
San Francisco, März 1981
Der Cryptococcus ist ein Parasit, der sich gewöhnlich in Vogelkot findet. Seit hundert Jahren gab es in San Francisco jede Menge Kot von Tauben, die mit dem Cryptococcus infiziert waren. Weshalb hatte sich nun im Frühjahr 1981 ein junger Homosexueller mit dem Cryptococcus infiziert?
Seit Wochen hatte der Mann hohes Fieber, klagte über zunehmend starke Kopfschmerzen, und nun war dieser pulsierende Schmerz in den Augen dazugekommen. Der körperliche Verfall schien unaufhaltsam. Erst zeigten sich neue Läsionen im Gesicht und am Gaumen, dann breiteten sie sich über den unteren Teil des Rückens aus. Ein Pathologe der Universitätsklinik bedeutete dem behandelnden Arzt schließlich, die Läsionen entsprächen dem Krankheitsbild eines Kaposi-Sarkoms (KS). Aber es war nicht der relativ gutartige Hautkrebs, mit dem Italiener steinalt werden konnten.
Solche Erfahrungen mußten die Ärzte in San Francisco von nun an immer wieder machen. Sie mußten erleben, wie sich das Krankheitsbild bei ihren Patienten in erschreckender Weise veränderte, bis sie schließlich eines qualvollen Todes starben. Aber bei keinem waren die Ärzte vom Krankheitsverlauf so erschüttert wie bei einem jungen Mexikaner, in dessen Gehirn sich augenscheinlich ein Krebsherd gebildet hatte.
Sein einst so schönes Gesicht war durch die Kaposi-Läsionen völlig entstellt und sein Körper als Folge der hohen Dosierung verschiedener Medikamente unförmig angeschwollen. Er bot das Bild eines schwer an Elephantiasis erkrankten Mannes. Der Arzt photographierte sein Gesicht einmal monatlich, um das Fortschreiten der Krankheit zu dokumentieren.
Außerdem litt der Patient an einer schweren chronischen Diarrhoe. Zum großen Erstaunen der Fachleute stellte sich heraus, daß sich der junge Mann mit dem Cryptosporidium infiziert hatte, einem opportunistischen Parasiten, der normalerweise die Eingeweide von Schafen befällt.
Einer der behandelnden Ärzte setzte sich mit dem erfahrensten Fachmann für Cryptosporidiosis, einem Professor an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität von Iowa, in
Verbindung. Vielleicht gab es eine wirksame Therapie. "Was tun Sie, wenn sich Schafe damit infizieren?" fragte der Arzt. "Da gibt es keine Behandlung", sagte der Professor in Iowa, "wir erschießen sie."
Los Angeles, April 1981
Nun wurde schon der vierte Patient mit Pneumocystiscarinii-Pneumonie (PCP), der ursprünglich so seltenen Form der Lungenentzündung, in die Universitätsklinik von Los Angeles eingeliefert. Diesmal war es ein Schwarzer, der, wie der Immunologe Dr. Michael Gottlieb nun mit Sicherheit sagen konnte, die typischen Symptome zeigte: geschwollene Lymphknoten, Fieber, Gewichtsverlust und eine schwer zu behandelnde Candidiasis.
Ebenso wie die anderen drei PCP-Patienten hatte auch dieser Mann, von Dr. Joel Weisman überwiesen, extrem viele Zytomegalieviren im Blut. Und bei der örtlichen Behörde für Seuchenbekämpfung lag der Bericht über einen weiteren Fall.
Fünf Fälle von PCP bei homosexuellen Männern innerhalb weniger Monate - das genügte den medizinischen Kriterien einer Epidemie. Für eine schnelle Veröffentlichung bot sich der "Morbidity and Mortality Weekly Report" ("MMWR") an, der von der bundesstaatlichen Behörde für Seuchenkontrolle, den "Centers for Disease Control" (CDC) in Atlanta, veröffentlicht wird.
Atlanta, Juni/Juli 1981
Am 5. Juni 1981 erschien im CDC-Wochenreport der erste wissenschaftliche Bericht über die Epidemie, eine Darstellung der in Los Angeles von Dr. Michael Gottlieb und Dr. Joel Weisman in den letzten Monaten beobachteten Pneumocystis-Fälle.
Der erste offizielle Bericht über die Zunahme des Kaposi-Sarkoms wurde vier Wochen später, am 4. Juli 1981, im "MMWR" veröffentlicht. Titel: "Das Kaposi-Sarkom und die Pneumocystis-Pneumonie bei homosexuellen Männern - New York und Kalifornien".
Der Bericht beschrieb mit dürren Worten die Symptome, die bei allen KS-Patienten auftraten. 20 von ihnen lebten in New York City und Kalifornien. Vier dieser Patienten hatten sich auch eine Pneumocystose zugezogen. Andere litten an einem schweren Herpes, an Candidiasis, an Kryptokokken-Meningitis und an Toxoplasmose.
"Das Auftreten einer so großen Zahl von KS-Fällen in einem Zeitraum von 30 Monaten bei jungen homosexuellen Männern wird für sehr ungewöhlich gehalten", hieß es. Und: _____" Bisher ist noch niemals über einen Zusammenhang " _____" zwischen KS und sexuellen Gewohnheiten berichtet worden. " _____" Der fulminante klinische Verlauf unterscheidet sich von " _____" dem bei älteren Personen festgestellten... " _____" Daß zehn Fälle der Pneumocystis-Pneumonie bei " _____" homosexuellen Männern diagnostiziert worden sind, läßt " _____" vermuten, daß die fünf bisher gemeldeten Fälle kein " _____" isoliertes Phänomen darstellen. Außerdem liegt ein " _____" Bericht über vier homosexuelle Männer in New York City " _____" vor, die sich mit einem schweren, progressiven perianalen " _____" Herpes infiziert haben und eine zellulare Immunschwäche " _____" zeigen. Drei von ihnen sind gestorben, einer mit einer " _____" systemischen Zytomegalievirus-Infektion... " _____" Es ist nicht klar, ob oder wie das gemeinsame " _____" Auftreten von KS, Pneumocystose und anderen schweren " _____" Infektionskrankheiten bei homosexuellen Männern mit ihrer " _____" Homosexualität im Zusammenhang steht. "
Am Tage der Veröffentlichung dieses Reports wurde in New York der Homosexuelle Jack Nau ins "St. Vincent's Hospital" von Greenwich Village eingeliefert. Er hatte seltsame Schmerzen und Krämpfe in den Beinen. Die Ärzte diagnostizierten eine seltene Form des Lymphdrüsenkrebses, die gewöhnlich nur bei Kindern vorkommt.
New York, Juli 1981
Paul Popham, bis vor kurzem der Partner von Jack Nau, hatte gerade einen Artikel über das Kaposi-Sarkom in der "New York Times" gelesen. Er vermutete gleich einen Zusammenhang zwischen Jacks Erkrankung und dem Hautkrebs, an dem Rick Wellikoff vor sechs Monaten gestorben war. Nach Rick und Nick war Jack der dritte Bewohner des Hauses am Ocean Walk auf Fire Island, bei dem eine ungewöhnliche Krankheit festgestellt worden war.
Als Paul Popham ein paar Tage später das "Trilogy"-Restaurant in Greenwich Village verließ, sah er Gaetan Dugas, den Steward der Air Canada. Himmel, sieht der Bursche gut aus, dachte Paul. Er konnte Jack Nau gut verstehen, der ihn beim letzten Halloween an Land gezogen hatte; die beiden hatten anschließend noch ein paar Wochenenden zusammen verbracht. "Jack liegt im St. Vincent's Hospital", sagte Paul.
Gaetan lächelte, sagte aber nicht, weshalb er sich in New York aufhielt: Er war wegen seines Kaposi-Sarkoms an der Universitätsklinik bei Dr. Alvin Friedman-Kien und Dr. Linda Laubenstein in chemotherapeutischer Behandlung.
Einige Tage nach der Begegnung mit Paul Popham besuchte Gaetan Dugas mit einem befreundeten Steward den erkrankten Jack Nau im "St. Vincent's Hospital". Auf dem Weg dorthin war er bester Stimmung. Doch beiden Besuchern wurde klar, daß Jack die Klinik nicht mehr verlassen würde. Auf der Rückfahrt saß Gaetan wie versteinert und wortlos im Taxi.
Er hatte sich von der Air Canada beurlauben lassen und beschloß, sich nach der Chemotherapie erst einmal zu erholen. Er reiste zwischen San Francisco, Los Angeles, Vancouver, Toronto und New York hin und her. Einmal monatlich mußte er sich in der Universitätsklinik in New York zur Behandlung einfinden.
Als ihm das Haar auszufallen begann, rasierte er sich einfach den Kopf. Die Yul-Brynner-Frisur stand ihm eigentlich ganz gut. Im gedämpften Licht der Saunen fragte ihn niemand nach diesen verräterischen purpurfarbenen Hautflecken.
Atlanta, Juli 1981
Gleich nach der "MMWR"-Veröffentlichung stellte die Behörde für Seuchenkontrolle eine neue Forschungsgruppe zusammen. Dr. James Curran, Leiter der CDC-Abteilung für Geschlechtskrankheiten, wurde Vorsitzender der Arbeitsgruppe zur Erforschung des "Kaposi-Sarkoms und opportunistischer Infektionen" (KSOI), in der ein Dutzend Fachleute aus verschiedenen Disziplinen mitarbeiteten, so Spezialisten für Immunologie, Venerologie, Parasitologie, Krebsepidemiologie, Toxikologie und Soziologie. Neben Curran gehörten noch zwei Fachleute für Geschlechtskrankheiten dazu, Dr. Harold Jaffe und Dr. Mary Guinan.
Die ganze Sache war seltsam, weil ansteckende Krankheiten im allgemeinen nicht nur bei bestimmten Gruppen auftreten.
Epidemien beschränken sich gelegentlich auf ein bestimmtes geographisches Gebiet. Andere Krankheiten können bei einer Gruppe von Personen mit bestimmten physiologischen Ähnlichkeiten auftreten, zum Beispiel bei Frauen, die auf gewisse Tampons mit einem toxischen Schocksyndrom reagieren.
Doch soweit sich Curran erinnern konnte, waren die Opfer einer Epidemie noch nie Angehörige einer Gruppe gewesen, die sich hinsichtlich ihrer sozialen Befindlichkeit oder sogar ihres Geschlechtslebens identifizieren ließ. Und doch waren diese Identifizierung und die Anfälligkeit für Geschlechtskrankheiten die einzigen Kriterien, die für alle Patienten aus den drei Großstädten New York, Los Angeles und San Francisco zuzutreffen schienen. Es mußte in diesem Milieu etwas geben, das die Gesundheit der Menschen besonders gefährdete.
Die Arbeitsgruppe kam täglich zusammen, um die Untersuchungsergebnisse zu besprechen. Für die Experten kamen zwei Ursachen für den Ausbruch der Epidemie in Frage. Erstens konnte man es in der Umwelt der Kranken mit irgendeiner besonderen Substanz zu tun haben, welche die Immunschwäche auslöste - vielleicht die auf Nitritbasis hergestellten Aufputschmittel, die sogenannten Poppers. Zweitens konnte die Krankheit Folge irgendeiner Infektion sein, und zwar entweder durch ein neues Virus oder eine Kombination schon bekannter Mikroben, die in einer bisher noch nicht bekannten Weise zusammenwirkten.
Fragen über Fragen. War das Auftreten der Pneumocystose wirklich etwas ganz Neues, oder handelte es sich doch nur um ein Phänomen, das man bisher übersehen hatte? Nach den ersten Untersuchungen über den Ausbruch der Legionärskrankheit im Jahr 1976 hatte sich zum Beispiel gezeigt, daß es diese Art der Lungenentzündung schon seit Jahren gab. Man hatte sie nur nicht beachtet, bis sie plötzlich nach dem Kongreß der "American Legion" in Philadelphia in so dramatischer Weise auftrat und 29 Menschenleben forderte.
Holten sich Homosexuelle überall in den Vereinigten Staaten diese Immunschwäche, oder trat die Krankheit nur in geographisch begrenzten Räumen auf? Die CDC-Arbeitsgruppe zog Erkundigungen aus Städten mit niedriger, mittlerer und hoher Anzahl nachgewiesener Geschlechtskrankheitsinfektionen ein. Ergebnis: In Los Angeles und besonders in New York City gab es Dutzende neuer Fälle, in Städten wie Oklahoma City oder Albany hingegen nur wenige.
Man brauchte genaue Vergleichsstudien, in denen die KS- und die PCP-Fälle den Befunden nichtinfizierter Kontrollpersonen gegenübergestellt wurden. Der Fragenkatalog dazu umfaßte 62 Fragen auf 22 Seiten, er ging auf jedes nur vorstellbare Verhalten und alle denkbaren Ansteckungsmöglichkeiten ein, bis zu den Pflanzen, Haustieren, Reinigungsmitteln und Photochemikalien in den Wohnungen der Betroffenen.
Nun mußten sich die Forscher auf den Weg machen und mit jedem einzelnen Kranken in den Vereinigten Staaten sprechen, dessen sie habhaft werden konnten. Harold Jaffe, der aus Kalifornien stammte, machte sich beispielsweise auf nach San Francisco. Die in Brooklyn geborene Mary Guinan flog nach New York. San Francisco, Juli 1981
Am Eingang zur Bar zögerte Dr. Harold Jaffe. Trotz der steifen Sommerbrise war die Luft geschwängert von einem scharfen Geruch, der an eine Mischung aus Batteriesäure und Speiseöl erinnerte. Das "Ambush" machte einen schmutzigen und verwahrlosten Eindruck, man glaubte, die Schuhsohlen könnten an dem dreckigen Fußboden festkleben.
Hier besorgten sich die Schwulen aus San Francisco die Aufputschmittel, deren Qualität sie so sehr begeisterte. Die Ambush-Bar verkaufte in einem Ledergeschäft im ersten Stock ihre eigene Marke, von der man, wie Jaffes Patienten behaupteten, keine Kopfschmerzen bekam.
Die Ambush-Lösungen waren beliebt, weil sie nicht die gewöhnlich von Homosexuellen verwendeten Isobutylnitrite, sondern Amylnitrite enthielten. Jaffe wußte, daß dieses apothekenpflichtige Amylnitrit schon seit hundert Jahren verwendet wurde, ohne daß es jemanden umgebracht hätte.
Ein Ermittlungsbeamter des Städtischen Gesundheitsamtes ging hinein und kam mit einer Flasche aus dunkelgetöntem Glas ohne Etikett wieder heraus. Jaffe steckte sie ein, um den Inhalt in Atlanta analysieren zu lassen. Aber er glaubte nicht, daß er so die Lösung des Problems finden würde. Wenn die Sache so einfach wäre, dann hätte jemand das Rätsel schon gelöst.
New York, Juli 1981 Mary Guinan hatte den Tag damit zugebracht, an Krebs erkrankte Homosexuelle zu befragen. Mit ihrer guten Figur und dem langen blonden Haar sah sie viel jünger aus als 42. Hinter ihrem harten Brooklyn-Akzent und ihrer sehr direkten Art verbarg sich eine mütterliche Empfindsamkeit, die die innere Anteilnahme noch erhöhte, die sie für die Opfer der Epidemie empfand.
Es war schrecklich: Diese Burschen waren jung, intelligent, begabt und unglaublich kooperativ. Sie gaben sich die größte Mühe, sich an jede Einzelheit zu erinnern, die irgendwie nützlich sein könnte. Und am Schluß fragte jeder: "Wie sind meine Genesungsaussichten?" Und Mary Guinan mußte immer wieder sagen, sie wisse es nicht.
Das war die niederträchtigste Krankheit, die ihr je begegnet war. Sie zermarterte sich das Hirn, um nur keine wesentliche Nuance im Leben dieser Menschen zu übersehen. Sie mußte jeder nur erdenklichen Hypothese nachgehen. War der Patient in Vietnam gewesen? Vielleicht war dies eine verspätete Nachwirkung des "Agent Orange"? Oder war seine Großmutter an Krebs gestorben? Vielleicht war es eine Erbanlage, die
sich erst jetzt auszuwirken begann? Oder war die Sache eine Folge falscher Ernährung?
Ein seltsamer Zufall wollte es, daß Mary Guinan auf einen ihrer Gesprächspartner stieß, als dieser gerade aus dem Badezimmer seiner Unterkunft in der New Yorker Universitätsklinik kam; er war dort als ambulant behandelter Patient untergebracht. Der Ärztin war diese Begegnung zunächst etwas peinlich, aber der Mann mit dem weichen französischen Akzent war so charmant gewesen, daß sie nicht länger zögerte und ihm ihre Fragen stellte. Mit einem gewissen Stolz gab Gaetan Dugas zu, sexuell sehr aktiv gewesen zu sein. Er schätzte, daß er jährlich mit etwa 250 Partnern Geschlechtsverkehr gehabt hatte, im Verlauf der zehn homosexuell aktiven Jahre also mit 2500. Gaetan Dugas sagte, einer seiner früheren Partner liege gegenwärtig mit einer eigenartigen Krankheit in einer New Yorker Klinik.
Mary Guinan erwähnte dieses Gespräch später gegenüber ihren Kollegen in der Forschungsgruppe. Sie maßen der Sache jedoch keine besondere Bedeutung bei, obwohl Gaetans Behauptung, er habe mit Jack Nau geschlafen, der erste Hinweis war, daß zwei Opfer der neuen Epidemie sexuelle Beziehungen zueinander hatten. Da Gaetan Kanadier war, wurde seine Krankengeschichte zu diesem Zeitpunkt nicht weiter verfolgt. Die Aufmerksamkeit galt Bürgern der Vereinigten Staaten.
Bei ihrer Rückkehr in die CDC-Zentrale wurden Jaffe und Mary Guinan mit der besorgniserregenden Nachricht empfangen, daß sich das Kaposi-Sarkom und die Pneumocystose weiter ausgebreitet hatten. In den folgenden Wochen wurden die CDC-Außendienstmitarbeiter in der Zentrale mit der komplizierten Schwulenszene vertraut gemacht. Jedesmal wenn ein Mitglied der Forschungsgruppe erklärte, daß einige Infizierte in ihrem Leben bis zu 2000 Sexualkontakte gehabt hatten, fiel irgendeinem Zuhörer der Unterkiefer herunter, und es kam die Frage: "Wie in aller Welt kann einer das schaffen?"
Bethesda, Juli 1981
Als das neue Zellensortiergerät, FACS genannt (Fluorescent Activated Cell Sorter), angeschafft wurde, hatten die meisten Immunologen es als das teuerste Spielzeug bezeichnet, das je erfunden wurde. Die Sortier-Maschine tat mit Hilfe eines Computers das, was bisher in mühseliger Handarbeit hatte getan werden müssen. Es trennte die T-Helferzellen von den T-Suppressorzellen und zählte sie dann aus, damit sich feststellen ließ, ob das Verhältnis stimmte. Im Blut eines gesunden Menschen kommen etwa zwei Helferzellen auf jede Suppressorzelle.
Doch jetzt war Dr. James Goedert froh, daß die Institutsverantwortlichen die halbe Million Dollar investiert hatten, um eines der ersten FACS-Geräte zu kaufen, denn er hatte einen weiteren Patienten mit Kaposi-Sarkom bekommen. Der Arzt ließ das Blut seiner beiden KS-Patienten untersuchen: Das Zahlenverhältnis zwischen Helfer- und Suppressorzellen war so weit von der Norm entfernt, daß die Labortechniker an der Richtigkeit des Ergebnisses zweifelten.
Einer Eingebung folgend, ließ der Mediziner nun das Blut von 15 augenscheinlich gesunden homosexuellen Männern aus dem Raum Washington untersuchen. Dabei stellte sich heraus, daß das Immunsystem bei der Hälfte von ihnen die gleichen von der Norm abweichenden Werte zeigte. Das löste bei dem Arzt ein Gefühl aus, wie man es beim Fernsehen hat, wenn ein Flugzeug kurz vor der Bruchlandung sanft die Nase hebt. Er wußte nun, daß die Ursache dieser Immunschwäche, was sie auch immer sein mochte, sehr weit verbreitet war.
San Francisco, August 1981
Gary Walsh und der Psychologe Joe Brewer, mit dem er sein Büro teilte, verließen gemeinsam den "Badlands Saloon" in einer Nebenstraße der Castro Street. "Siehst du den prächtigen Burschen da drüben?" sagte Gary und deutete auf einen blonden jungen Mann in Jeans, die so eng waren, daß man erkennen konnte: Er trug keine Unterwäsche. "Die nehmen nicht den ersten, der sie anspricht, mit nach Hause. Das würde aussehen, als hätten sie es dringend nötig", erklärte der 36jährige. "Es ist der zweite, der zum Schuß kommt."
Obwohl er schon sieben Jahre als Psychotherapeut in San Francisco gearbeitet hatte, war Joe erstaunt über die Feinheiten der homosexuellen Prostitution. Joe hatte stets langdauernde Beziehungen bevorzugt, während Gary der geilste Bursche war, den er kannte. Beruflich arbeiteten die beiden sehr harmonisch zusammen: Sie gehörten zu den Pionieren der homosexuellen Psychotherapie in San Francisco.
Joe kam es wie Ironie vor, daß er und Gary sich darum bemühten, schwulen Paaren über ihre Beziehungsschwierigkeiten hinweg zu helfen, denen sie im größten sexuellen Süßwarenladen konfrontiert wurden, den der liebe Gott hier hatte entstehen lassen, während sie selbst in ihrem Liebesleben mit Problemen kämpfen mußten. Joe hatte gegenwärtig keinen Partner. Gary hatte Meinungsverschiedenheiten mit seinem Freund, den es nach einer festen, eheähnlichen Bindung verlangte. Aber Gary wollte herumvögeln, und so vögelte auch dessen Freund herum, nur um es Gary zu zeigen.
Wenn sich Joe Brewer an die Zeit erinnerte, als er 1970 zum ersten Mal in die Castro Street gekommen war, dann dachte er an romantische Schaumbäder nach der Liebe. Doch die persönliche Beziehung zum Partner in der sexuellen Begegnung hatte immer mehr an Bedeutung verloren. Die Intimität verschwand.
Am Anfang schlief man mit irgend jemandem, liebkoste sich die ganze Nacht, führte Gespräche und aß zum Frühstück am nächsten Morgen gemeinsam Spiegeleier. Dann ließ man das Frühstück ausfallen, denn wenn man zu viele Spiegeleier
ißt, wird es langweilig. Dann verzichtete man darauf, die ganze Nacht mit seinem Partner zuzubringen. Wenn man in die Sauna ging, brauchte man keine Gespräche zu führen. Als nächstes kamen die Klubs in Mode, wo man nicht einmal zu sehen brauchte, mit wem man Sex hatte. Die Saunen wurden praktisch zu Selbstbedienungsläden für den schnellen Arschfick.
Etwa 3000 homosexuelle Männer strömten wöchentlich in das riesige Dampfbad in der Howard Street, in die "Club Baths", die jederzeit 800 Kunden gleichzeitig bedienen konnten. Es herrschte eine zügellose Promiskuität, denn es gab niemanden, der nein sagte - niemand übernahm die Rolle der spröden Frau im heterosexuellen Milieu.
Beim Mittagessen verabredeten Gary und Joe, das Wochenende in einem von Homosexuellen bevorzugten Erholungsgebiet am Russian River zu verbringen, eine Autostunde nördlich von San Francisco. Es überraschte Joe nicht, als Gary am nächsten Tag absagte, weil er eine unangenehme Pilzinfektion im Mund hatte. Gary schien ständig irgend etwas zu bekommen.
New York, September 1981
In der Praxis von Dr. Friedman-Kien gaben sich kranke Homosexuelle die Klinke in die Hand. Der Schriftsteller Larry Kramer, der das gewahr wurde, fragte den Arzt: "Was kann ich tun, um nicht krank zu werden?"
"Ich weiß, was ich täte, wenn ich homosexuell wäre", sagte Friedman-Kien. "Ich würde auf Sex verzichten."
Als der Arzt auf Einladung von Kramer in dessen Wohnung vor etwa 80 New Yorkern, der Creme des schwulen Nachtlebens, einen Vortrag hielt, sagte er: "Wir sehen nur die Spitze eines Eisbergs." Larry ließ die Sammelbüchse herumgehen, und die Anwesenden spendeten für die Forschungsarbeit von Friedman-Kien an der Medizinischen Fakultät der New Yorker Universität 6635 Dollar.
Auf Fire Island, der von Homosexuellen so gern frequentierten Atlantikinsel, sollte es am Labor Day mehr werden. Aber das Wochenende wurde eine Katastrophe.
Die kleine Gruppe um Paul Popham und Larry Kramer, die diese Spendenaktion organisierte, hatte damit gerechnet, daß die etwa 15 000 Homosexuellen, die sich zu der letzten großen Party der Saison von 1981 auf der Insel versammelten, einige tausend Dollar spenden würden. Aber es kamen nur ganze 124 Dollar zusammen.
"Laßt mich in Frieden", war die typische Reaktion. "Wovon redest du überhaupt?" war noch die netteste Antwort, die sie bekamen. Die Burschen sagten Paul Popham, er sei hysterisch oder beteilige sich an irgendeinem heterosexuellen Komplott, um die Schwulenszene zu unterminieren.
Wenige Tage nach dem Fiasko am Labor Day starb Jack Nau im "St. Vincent's Hospital". Paul Popham fühlte sich wie ausgehöhlt. Jack war jetzt tot, wie Rick, wie Nick.
Bethesda, September 1981
Die weitläufigen Forschungseinrichtungen der bundesstaatlichen Gesundheitsbehörde "National Institutes of Health" (NIH) liegen in den Bergen von Maryland, 16 Kilometer nordwestlich von Washington. Ohne auf irgendwelche kommerziellen Gesichtspunkte Rücksicht nehmen zu müssen, genießen die hier arbeitenden Wissenschaftler volle Freiheit der Forschung. Sie dienen der reinen Wissenschaft. Niemand kann ihnen vorschreiben, was sie tun sollen.
Die angesehenste Einrichtung ist das Nationale Krebsforschungsinstitut, das "National Cancer Institute" (NCI), das weitgehend unabhängig arbeitet. Mit einem Jahresetat von einer Milliarde Dollar verfügt das NCI über einen höheren Etat als jede andere medizinische Forschungseinrichtung in der westlichen Welt.
Von der vom NCI am 15. September veranstalteten Konferenz über "Kaposi-Sarkom und opportunistische Infektionen" hatten sich 50 führende Kliniker - Leute wie Michael Gottlieb von der Universität von Kalifornien in Los Angeles oder Linda Laubenstein und Alvin Friedman-Kien von der Universität New York - viel versprochen.
Es war ermutigend, daß sich die Behörde für Seuchenkontrolle (CDC) eingeschaltet hatte. Aber jeder wußte, daß die CDC-Zentrale zur Bekämpfung einer Epidemie nur die Stoßtrupps für die vorderste Front aufbot. Das NCI mit seinen erfahreneren Fachleuten und dem Dreifachen an finanziellen Mitteln war in der Lage, schwere Artillerie einzusetzen.
Inzwischen waren in den Vereinigten Staaten mehr als 120 Fälle gemeldet, und es gab immer noch keine Erklärung für die Immunschwäche. Deshalb wurde es den in Bethesda versammelten Klinikern immer deutlicher bewußt, daß eine Erforschung dieses neuen Phänomens lange Zeit in Anspruch nehmen und einen hohen finanziellen Aufwand bedeuten würde.
Aber das Auffallendste an der NCI-Konferenz war, daß man keine Eile zu haben schien, die anstehenden Probleme zu lösen. Man hatte den Ärzten, die an dieser Konferenz teilnehmen durften, schon vorher zu verstehen gegeben, daß dies kein Diskussionsforum sei. Es verblüffte sie aber doch, wie sie über das Kaposi-Sarkom in Afrika belehrt wurden. Das Immunsystem wurde kaum erwähnt, für die Zusammenhänge zwischen KS und Pneumocystose interessierte sich niemand, und über die Möglichkeit, daß es sich um eine Virusinfektion handeln könnte, wurde nicht gesprochen.
Dr. Gottlieb brachte das ganze Gerede über KS bei den Bantus völlig außer Fassung. Er hatte gehofft, daß hier ein Plan für die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachgebiete bei der Erforschung der neuen Krankheit entwickelt werden würde und daß man die Pharmaindustrie und die Fachärzte im ganzen Land veranlassen werde, gemeinsam wirksame Behandlungsmethoden zu entwickeln. Statt dessen war das einzige konkrete Ergebnis der Konferenz die vage Zusicherung des NCI, zu einem späteren Zeitpunkt Vorschläge für die Finanzierung der Forschung aus Bundesmitteln entgegenzunehmen.
Die Wissenschaft war offenbar nicht bereit, alle Kräfte zu mobilisieren, um eine Seuche zu bekämpfen, die nach seiner Überzeugung eine Infektionskrankheit war. Gottlieb hatte einen großen Teil des Sommers damit zugebracht, für das "New England Journal of Medicine" eine sorgfältig recherchierte wissenschaftliche Arbeit über die Pneumocystis-carinii-Pneumonie zu verfassen (wie Dr. Friedman-Kien über das Kaposi-Sarkom). Nun verstärkte sich sein Verdacht, man interessiere sich so wenig für diese Krankheit, weil es Homosexuelle waren, die daran starben.
San Francisco, Oktober 1981
Die Arbeit an der CDC-Studie geriet zu einer Geduldsprobe für alle Beteiligten. Daß die Epidemie durch einen besonderen Erreger ausgelöst wurde, war nur eine Hypothese. Doch mit jedem Tag festigte sich die Überzeugung von Dr. Guinan und Dr. Jaffe, daß sie es mit einer
neuartigen, tödlich verlaufenden Viruserkrankung zu tun hatten. Eines Abends sprach Mary Guinan mit Dr. Marc Conant über ihre Befürchtungen und war überrascht, ein so offenes Ohr bei ihm zu finden.
Gewöhnlich wurden ihre Bedenken als hysterisch abgetan, wenn sie über die Möglichkeit einer Virusinfektion und einer aufs ganze Land übergreifenden Epidemie sprach. Aber dieser Mann, ein angesehener Dermatologe in San Francisco, hatte eine ganz klare Vorstellung davon, was hier geschah. "Wenn wir nicht rasch etwas unternehmen", sagte Conant, "dann werden allein in dieser Stadt Tausende von Menschen sterben."
Auf Betreiben Conants war während des Sommers an der Universität von Kalifornien eine KS-Klinik eingerichtet worden, das erste Zentrum dieser Art. Wenn Alvin Friedman-Kien in New York recht hatte, mußte mit immer neuen KS-Fällen gerechnet werden. Conant versuchte ständig, weitere Spezialisten der Medizinischen Fakultät für die "Schwulenpest" zu interessieren, wie die homosexuelle Presse die Krankheit längst nannte.
Aber er sah die Katastrophe kommen - "eine weltweite Katastrophe", wie er später gegenüber dem Szene-Aktivisten Cleve Jones präzisierte. "Wir verlieren Zeit, und Zeit ist bei der Bekämpfung jeder Epidemie der gefährlichste Feind", sagte Conant.
Einige Wissenschaftler hatten eine neue Bezeichnung für das Syndrom kreiert. Sie nannten es "Gay Related Immuno Deficiency" (homosexuell bedingte Immunschwäche) oder Grid. Doch Conant wollte sich nicht darauf festlegen, wie lange diese Immunschwäche sich auf Homosexuelle beschränken würde. Lymphozyten waren Lymphozyten, und offenbar waren sie das gefundene Fressen für die neuen Viren, ob sie nun im Körper eines homosexuellen oder eines heterosexuellen Menschen lebten.
Paris, Dezember 1981
Als Dr. Jacques Leibowitch die von Dr. Gottlieb und Dr. Friedman-Kien verfaßten Artikel im "New England Journal of Medicine" über die Pneumocystis-carinii-Pneumonie und das Kaposi-Sarkom bei amerikanischen Homosexuellen las, erinnerte er sich sofort an den untersetzten portugiesischen Taxifahrer, den Dr. Willy Rozenbaum ihm vor drei Jahren geschickt hatte. Der Mann, der vor einem Jahr gestorben war, hatte an der gleichen Pneumonie gelitten.
Er rief Rozenbaum an, um ihn auf die Artikel aufmerksam zu machen, und erfuhr, daß der Kollege in seinem Krankenhaus jetzt mehrere solcher Patienten hatte. In den letzten Monaten seien zwei homosexuelle Männer mit einschlägigen Symptomen zu ihm gekommen, aber auch zwei Frauen, eine Schwarze aus Zaire und eine Französin, die längere Zeit in Afrika gelebt hatte. Rozenbaum erklärte, diese Krankheiten träten, was immer ihre Ursachen auch sein mochten, nicht nur bei homosexuellen Männern auf, und es müsse irgendeine Verbindung zu Afrika geben.
Leibowitch las alles, was er aus den Vereinigten Staaten über diese Epidemie bekommen konnte. Er wunderte sich darüber, daß die Krankheit als Homosexuellenseuche bezeichnet wurde. Typisch amerikanisch, dachte er, eine Krankheit als homosexuell oder heterosexuell zu bezeichnen - als seien Viren intelligente Wesen, die zwischen verschiedenen menschlichen Verhaltensweisen unterscheiden können. Diese Amerikaner sind einfach vom Sex besessen. Von Schnupperdrogen, die in den USA als mögliche Ursache diskutiert wurden, hatte er noch nie etwas gehört; der portugiesische Taxifahrer kannte sie mit Sicherheit ebensowenig wie diese beiden Frauen aus Zaire. Da eine Verbindung zu Afrika bestand, lag die Vermutung nahe, daß der Erreger ein Virus war. In Afrika herrschten die besten Voraussetzungen für die Entstehung neuer Infektionskrankheiten.
Auf die afrikanische Herkunft deutete auch, daß belgische Ärzte schon vor Jahren aus Zäire und Uganda von Pneumocystosen und Kryptokokkeninfektionen berichtet hatten. Die Spurensuche führte von Belgien und Frankreich wie von Dänemark zurück nach Zentralafrika, wo Mitte der siebziger Jahre etwas Seltsames geschehen sein mußte. Auch der Taxifahrer, der von Dr. Rozenbaum und Dr. Leibowitch in Paris behandelt wurde, war 1978 aus Angola gekommen.
Ein paar Wochen später stellten Jacques Leibowitch und Willy Rozenbaum eine französische Forschungsgruppe zusammen, um der mysteriösen und noch nicht näher bezeichneten Epidemie nachzuspüren.
Atlanta, Dezember 1981
Dr. James Curran von der CDC-Forschungsgruppe hatte schon befürchtet, er werde so etwas zu hören bekommen, aber eigentlich war es nicht verwunderlich, daß es auch solche Berichte gab, nachdem 75 Prozent der noch lebenden Opfer dieser "Schwulenpest" befragt worden waren: In einer kleinen abgelegenen Stadt lebt ein Mann zufrieden mit seinem langjährigen Partner zusammen. Sein Leben wird nicht von der Hektik bestimmt, die das Leben der Homosexuellen in den großen Städten kennzeichnet. Er verwendet keine Aufputschmittel, aber er stirbt. Nun stellt sich heraus, daß sein Partner Handelsvertreter ist, der ihm im allgemeinen die Treue hält, sich aber, wenn er nach New York kommt, an den sexuellen Exzessen in den Schwulensaunen beteiligt. Bald nachdem sein monogamer Partner erkrankt ist, wird auch der Handelsvertreter krank.
Curran wußte, daß die von dem deutschen Arzt Robert Koch beschriebenen Voraussetzungen erfüllt sein mußten, wenn man eine Infektionskrankheit nachweisen will. Nach diesem hundert Jahre alten Muster mußte man einen Erreger von einem infizierten Tier nehmen und ihn auf ein gesundes Tier übertragen, das daraufhin erkrankt. Dann mußte man den Erreger dem zweiten Tier entnehmen und ihn einem
dritten Versuchstier injizieren, bei dem die gleiche Krankheit festgestellt werden muß. Das ist die wissenschaftliche Methode für den Beweis, daß es sich um eine Infektionskrankheit handelt.
Die Geschichte von dem Handelsvertreter und seinem treuen Partner erfüllte nicht die von Koch aufgestellten Forderungen, sie verlieh aber epidemiologisch betrachtet der Auffassung der CDC-Forschungsgruppe größeres Gewicht, daß der "Schwulenkrebs" und die "Schwulenpneumonie" Manifestationen einer neuen Infektionskrankheit waren.
Im Dezember gab es nach den offiziellen Statistiken 152 Fälle in 15 Staaten. Einschließlich der Fälle, in denen nur ein Verdacht bestand und die nicht einer gründlicheren Untersuchung bedurften, lag die Zahl etwa bei 180 und nahm ständig zu.
In einem der 152 Fälle handelte es sich um eine Frau, eine Drogenabhängige, die sich das Heroin intravenös spritzte. Das ließ sich aber nicht offiziell bestätigen. Wenn die CDC-Zentrale von solchen Fällen erfuhr, waren die Drogenabhängigen häufig schon tot.
Die Beamten der Gesundheitsbehörden außerhalb der Forschungsgruppe bezeichneten diese Opfer meistens als Homosexuelle, denn sie scheuten sich eigenartigerweise davor, der Auffassung zu widersprechen, daß es sich hier um eine Schwulenkrankheit handelte. Sie behaupteten, schließlich werde es sich in all diesen Fällen herausstellen, daß diese Fixer schwul waren.
Doch Mary Guinan ließ sich davon nicht überzeugen. Wenn die Krankheiten durch gemeinsam benutzte Injektionsnadeln übertragen werden konnten, dann handelte es sich um ein enormes Problem. Sie meinte, wenn Drogensüchtige erkrankten, dann sei mit Sicherheit eine Übertragung der Krankheit durch Blut anzunehmen.
Solche Befürchtungen hatte auch Dr. Arye Rubinstein, Chef der Abteilung für Pädiatrie, Mikrobiologie und Immunologie am Albert Einstein College in New York. Er hatte während der letzten beiden Jahre unter den in ärmlichsten Verhältnissen in der Bronx aufgewachsenen Jugendlichen merkwürdige Fälle von Immunschwäche registriert, und nun keimte der Verdacht, daß sie mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten wie die modischen Homosexuellen im schicken Manhattan.
Den Ausschlag für ihn gab nun, Ende 1981, ein Junge, der in seine Praxis kam. Die Mutter, eine der vielen tausend Drogenabhängigen, die im nahe gelegenen "Jacobi Hospital" behandelt wurden, hatte geschwollene Lymphknoten und litt an hartnäckigen Infektionen. Jetzt zeigte ihr Kind die gleichen Symptome. Rubinstein wußte, daß es in diesem Fall keine angeborene Immunschwäche war.
Er brachte solche Fälle bei den regelmäßig stattfindenden Zusammenkünften der Immunologen in San Francisco zur Sprache, und im Dezember verfaßte Rubinstein auch einen kurzen Bericht für die Konferenz der amerikanischen Kinderärzte. Unter seinen Patienten hatte er mittlerweile fünf schwarze Kinder, deren Zustand das Ärgste befürchten ließ. Einige von ihnen litten an der Pneumocystis-Pneumonie, und sie alle zeigten den gleichen T-Zellenschwund, der bei den Opfern der Homosexuellen-Pneumonie zu beobachten war. Die Eltern von mindestens drei dieser Kinder waren Drogenabhängige mit häufig wechselnden Sexualpartnern.
Die Tatsache, daß auch Kinder erkrankten, war für ihn ein Indiz, daß die Krankheit nicht von Schnupperdrogen verursacht wurde und nichts mit den Lebensgewohnheiten Homosexueller zu tun hatte, sondern daß sie von einem neuen Virus ausgelöst wurde, mit dem die Mütter ihre Kinder vor der Geburt infiziert hatten, wahrscheinlich über die Placenta. Aber die Akademie der Kinderärzte verwehrte es Rubinstein, seine Arbeit auf der Konferenz vorzulegen, und bei den Immunologen sprach man hinter vorgehaltener Hand davon, daß der israelische Forscher nicht mehr ganz richtig im Kopf sei.
San Francisco, Dezember 1981
In ihrer ruhigen, methodischen Art hatte Dr. Selma Dritz im Keller des alten Gebäudes der Städtischen Gesundheitsbehörde so lange gesucht, bis sie eine geeignete Wandtafel fand. Sie durfte nicht zu groß sein, denn sonst würde sie nicht an die Wand ihres winzigen Zimmers im zweiten Stock passen, wo das Büro der Abteilung zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten untergebracht war. Sie mußte aber so groß sein, daß die Namen aller Patienten Platz darauf hatten.
Sie war auf die Idee gekommen, als sie bei den ausführlichen Gesprächen im Rahmen der CDC-Vergleichsstudie auf bestimmte Muster im Beziehungsgeflecht der Patienten gestoßen war, die an den einschlägigen Krankheiten litten - Pneumocystis-Pneumonie, Kaposi-Sarkom, Zytomegalie-Virusinfektion (ZMV). Deshalb hatte sie gewissenhaft die zwischen den Patienten bestehenden persönlichen Beziehungen in ihrem schwarzen Notizbuch und auf den Karteikarten notiert, die sie in einer alten Schuhschachtel auf ihrem Schreibtisch stehen hatte.
Nachdem sie die Wandtafel aufgestellt hatte, verband sie die mit den Buchstaben PCP, KS und ZMV markierten Kreise durch Pfeile miteinander. Daraus ergab sich ein bestimmtes Bild: Da gab es Liebhaber und Zimmergenossen, Freunde und Freunde von Freunden, und alle diese Pfeile legten eine sehr beunruhigende Schlußfolgerung nahe. Zwar verfügte sie noch nicht über unumstößliche Beweise, die aus einer Theorie harte Tatsachen werden lassen, aber Selma Dritz hatte den Eindruck, daß dieser Homosexuellenkrebs eine Infektionskrankheit war und sexuell übertragen wurde.
Los Angeles, Februar 1982
Daß es zwischen den ersten Grid-Fällen in Los Angeles und dem von vielen Homosexuellen bevorzugten Badeort Laguna Beach im benachbarten Orange County gewisse Verbindungen gab, war für die Gesundheitsbehörden offenkundig. Dave Auerbach, der für Los Angeles zuständige CDC-Mann, begann deshalb, alle Grid-Patienten im Bezirk zu befragen.
Im Verlauf dieser Gespräche hörte er zum ersten Mal den Namen des Stewards der Air Canada. Es war nicht leicht, einen Namen wie Gaetan Dugas zu vergessen.
Ein paar Wochen später, der Soziologe Bill Darrow aus der CDC-Zentrale in Atlanta war zur Verstärkung gekommen, stieß er an ein und demselben Tag gleich dreimal auf den Namen dieses Stewards. Aber die Berichte stammten von Partnern verstorbener Patienten, nicht von Leuten, die selbst mit Gaetan Dugas geschlafen hatten.
Und noch einmal tauchte der Name auf, als die CDC-Rechercheure eines Abends eine Verabredung mit einem Friseur im Orange County hatten. Der am Kaposi-Sarkom
erkrankte Mann kam gleich zur Sache. "Ich möchte wetten, ich weiß, von wem ich das habe", sagte er. "Ich hatte Verkehr mit diesem attraktiven Burschen aus der Sauna. Wir verbrachten ein paar Wochenenden zusammen, und er war auch Thanksgiving bei mir, aber seither habe ich ihn nicht wiedergesehen. Er hat mich mit Hepatitis angesteckt, und ich möchte wetten, ich habe auch diese Krankheit von ihm."
Der Mann machte eine Pause und sagte dann: "Ich muß zugeben, er gefällt mir immer noch sehr gut." Dann blätterte er in seinem Notizbuch und suchte nach der Adresse und Telephonnummer dieses Mannes. "Gaetan Dugas", sagte er. "Er ist Steward bei einer Luftfahrtgesellschaft." Bill Darrow ließ seinen Bleistift fallen. Auerbach warf ihm einen Blick zu. Der Friseur schloß aus der Art, wie sich die beiden ansahen, daß ein magisches Wort gefallen war.
Er hatte recht. Endlich hatten Auerbach und Darrow einen lebenden Zeugen gefunden, der ihnen mitteilte, er habe mit diesem Steward geschlafen. Dies war, wie Darrow später sagte, einer der wichtigsten Augenblicke bei der Erforschung der Ursachen dieser Epidemie. Jetzt kam der Stein ins Rollen.
Die Zusammenhänge ließen sich immer deutlicher erkennen. 4 der ersten 19 Grid-Patienten in Los Angeles hatten Geschlechtsverkehr mit Gaetan Dugas gehabt. Weitere 4 hatten mit Leuten geschlafen, die zuvor mit Dugas ins Bett gegangen waren, und das bedeutete sexuelle Beziehungen zwischen 9 der 19 Fälle in Los Angeles.
Alles deutete auf eine lange Latenzperiode hin. So zeigte der Mann, den Darrow und Auerbach im Orange County befragten, die ersten Symptome nicht vor August 1981, etwa zehn Monate nachdem Gaetan am Thanksgiving-Wochenende 1980 mit ihm zusammengewesen war. Ein anderer Mann aus Los Angeles stellte die ersten KS-Läsionen, 13 Monate nachdem er mit dem Kanadier während dessen Besuchs in Südkalifornien im Februar 1980 geschlafen hatte, an sich fest.
Nun lag für Darrow nahe, den Spuren von Gaetan Dugas in New York City nachzugehen. Aber zunächst suchte er Dr. Selma Dritz in San Francisco auf, um sich die Kreise und Pfeile auf ihrer Wandtafel anzusehen. Er sagte ihr, er habe "neun von ihnen gefunden", und Selma Dritz erkannte sofort die Namen von zwei anderen Personen aus dem Orange County, die zeitweilig in San Francisco gelebt hatten. Wenigstens ein KS-Patient aus San Francisco hatte sexuelle Beziehungen zu ihnen gehabt.
Am 19. März 1982 meldete die US-Seuchenbekämpfungszentrale 285 Grid-Patienten in 17 Staaten. 50 Prozent dieser Patienten lebten in New York City, etwa ein Viertel in Kalifornien. Aber auch aus fünf europäischen Ländern wurde das Auftreten der neuen Krankheit gemeldet.
New York, März 1982
Gaetan Dugas machte einen durchaus selbstzufriedenen Eindruck, als er Bill Darrow im Medical Center der Universität New York ausführlich von seinen sexuellen Abenteuern berichtete. Darrow hatte Gaetan mit Hilfe von Dr. Alvin Friedman-Kien ausfindig gemacht. Stolz berichtete der Steward von all seinen schönen Liebhabern und fragte dann in einem, wie es Darrow schien, etwas zu naiven Ton: "Warum interessieren Sie sich für alle diese Leute?"
Darrow: "Bei einigen von ihnen haben wir diese Immunschwäche festgestellt, bei anderen nicht. Wir wollen herausfinden, warum sich nicht alle angesteckt haben."
Dugas: "Sie glauben, ich hätte sie angesteckt?" Darrow: "Ja."
Darrow war überrascht, daß Gaetan nicht schon selbst daran gedacht hatte. "Vielleicht haben Sie diese Krankheit weitergegeben, vielleicht haben Sie sich aber auch bei jemand anderem angesteckt."
Gaetan entschuldigte sich, daß er sein kleines Adressenbüchlein erst kürzlich auf den neuesten Stand gebracht habe. Viele Namen seien verlorengegangen, aber man könne sie sich nicht alle merken. Es seien viel zu viele.
Aber immerhin waren noch 73 Namen und Telephonnummern seiner jüngsten Eroberungen verzeichnet. Auf diese Weise erfuhr der Epidemiologe Darrow etwas über das Schicksal von Jack Nau und Paul Popham und das Haus am Ocean Walk, wo so viele der ersten Grid-Opfer aus New York City gelebt hatten - Nick zum Beispiel und Rick Wellikoff.
Im nächsten Heft
Die Orange County Connection - Neue Risikogruppen: Fixer und Bluter - Aus Grid wird Aids - Die Sex-Serien des "Patienten Nr. Null"
Von Randy Shilts

DER SPIEGEL 10/1988
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