04.04.1988

„Es riecht nach Krieg“

SPIEGEL-Reporter Hans Halter über den Mirage-Absturz beim Kernkraftwerk Ohu *
Kurze Zeit, wenige Minuten nur, stehen der schwarze und der weiße Rauch groß und gleichberechtigt nebeneinander am blauen bayrischen Firmament. Die beiden riesigen Fahnen haben sich nicht vermählt, diesmal noch nicht.
Knapp zwei Kilometer trennen die Rauchsäulen. Die weiße, hochaufstrebende Wolke kommt aus dem 165 Meter hohen Kühlturm des Kernkraftwerks Isar 2 in Ohu bei Landshut. Der pechschwarze Rauch stammt von brennendem Kerosin. Ein Düsenjäger ist abgestürzt, in einem hügeligen Waldstück direkt neben dem Kernkraftwerk.
Das Menetekel haben nur wenige sehen können. Treibstoff verbrennt furchtbar rasch. Ein sanfter Frühlingswind verweht die dunkle Drohung. Die Bäume am Unfallort kokeln noch ein bißchen und verlöschen dann. Der Wald ist naß. Seit Wochen hat es hier geregnet. Isar und Donau führen Hochwasser. Das gilt als die Katastrophe des Jahres.
Gut 150 Meter ist die Schneise lang, die der Düsenjäger in den Wald gerissen hat. Sie zeigt direkt auf den Kühlturm. Die Baumwipfel sind geknickt und abgerissen. Überall liegen kleine Aluminiumteile herum. Es riecht nach Krieg. Der Rumpf des Flugzeugs schmiegt sich an einen abfallenden Hang. Laub, Erde und Buschwerk decken ihn fast zu.
Die Baumstämme sind pechschwarz vom Kerosin und klebrig. Hoch in den Ästen hängen Kleinteile. Eines sieht aus wie ein Fallschirm aus der Spielzeugkiste. Doch der Pilot ist tot. Lieutenant Thierry Miller, 26 Jahre alt, war mit seiner "Mirage F1-CR" übungshalber grenznah in Bayern unterwegs, im Tiefflug. Was von ihm übrigblieb, deckt schon die feuchte Erde.
"Mir hoam nur ein Stückerl Fleisch gfunden", meldet der Feuerwehrmann dem Landrat Ludwig Meyer. Der ist alt, dick und ein bißchen kurzatmig - aber der erste Offizielle am Unfallort, gut eine Stunde nach der Katastrophe. Er zieht in aller Ruhe Plastikschoner über seine glänzenden Halbschuhe, dann krabbelt er bergan.
Wer dicht an einem Kernkraftwerk wohnt, den Landkreis ringsum oder die nächste größere Stadt regiert, der ist gewöhnlich kein Freund der Atomkraft (mehr), doch auch nicht ihr rabiater Gegner. Die sind längst weggezogen. In Sichtweite der immerwährenden weißen Wolke - die in Ohu, der Flieger wegen, samt ihrem Turm auch noch die ganze Nacht angestrahlt wird - hat man sich arrangiert. Ein KKW bringt viel Geld unter die Leute, sichert Arbeitsplätze ringsum, man kennt sogar die Chefs.
Der in Ohu heißt Hans-Jürgen Beuerle. Zwei Stunden nach dem Absturz ist er zur Stelle. "So was mußte ja mal passieren", sagt er in seiner ersten, der spontanen Wut. Tag für Tag donnern Tiefflieger am KKW vorbei oder fast so schnell wie der Schall darüber hinweg.
Scheinangriffe auf markante Ziele sind alltägliche Routine für die Helldriver der Hunderte von Phantoms, tornados oder Mirages, die sich den Himmel über Deutschland teilen. Theoretisch darf man ein Atomkraftwerk nicht ins Visier nehmen, denn offiziell ist es eine Industrieanlage der "ersten Gefahrenklasse". Weil die Kühltürme und ihre weißen Dampfwolken jedoch so gut sichtbar sind, im Glücksfall schon 60 Sekunden vorher, ist die Versuchung allemal groß. Auch eignet sich der hohe Turm zur Orientierung und als Wendemarke. Die Zweier-Formation der Franzosen, die am Mittwoch vormittag Ohu ins Visier nahm, plante (hieß es post festum) einen "tangentialen Vorbeiflug". Daraus wurde nichts. Ob sich die zwei Maschinen in der Luft, bei prächtiger Sicht, berührten? In einer Rotte kann es eng werden.
"Wir wollen das nicht, daß hier Düsenjäger rumfliegen", sagt KKW-Betriebsleiter Beuerle mit Blick auf den Schrotthaufen, "wir nicht." Wer dann? Als beim Bau des KKW sich einige kreuzbrave Niederbayern zu einer Bürgerinitiative zusammentaten, erläuterte den besorgten Zivilisten ein bunt herausgeputzter Oberst der Luftwaffe vor Ort, daß über Ohu ganz bestimmt und grundsätzlich keine Tiefflieger flögen. In ebendiesem Moment kamen sie angedonnert, als schnelles und lautes Dementi.
Tapfer behauptet Beuerle, daß der Jet seinem KKW nichts Ernsthaftes hätte antun können. Auf rutschigem Laub bergab gleitend, breitet er weit die Arme aus: "Haben Sie schon mal unsere Betonmauern gesehen?" So dick sind sie, meterdick, und so sicher. Was er in der Eile nicht erwähnt: In Ohu stehen mittlerweile zwei arbeitende Reaktoren und die strahlende Ruine des KKW Niederaichbach. Manche Mauern sind ziemlich dünn, alt, spröde oder alles zusammen. Was ist Beuerles Wort gegen die kinetische Energie einer zwölf Tonnen schweren, fast schallschnellen Maschine?
Im Wald nesteln Polizisten an einem Geigerzähler. Manche Mirage trägt Atomwaffen. Hatte sie eine Bombe an Bord? Niemand weiß es. Die Kommunikation klappt nicht. Hinten am Triebwerk messen die Polizisten "leicht erhöhte radioaktive Strahlung". Wie das?
Je größer die Zahl der Amtspersonen am Unfallort wird, desto konfuser scheint die Situation. Truppen treffen ein. Es sind Wehrpflichtige mit Maschinenpistolen. Man gibt scharfe Munition aus. Manche Soldaten sind sehr blaß, das will bei einem Bayern was heißen. Das Gebiet wird weiträumig abgesperrt. Uniformierte entladen große Warnschilder: "Militärischer Sicherheitsbereich. Vorsicht! Schußwaffengebrauch!" und in Rot: "Photographieren verboten!"
Die Ordnung ist wiederhergestellt, die Sicherheit auch. Nur Ruhe kehrt nicht ein: Noch am Nachmittag donnern Düsenjäger vorbei, im Tiefflug. _(Im Hintergrund: Landrat Meyer, Fahrer. )
Im Hintergrund: Landrat Meyer, Fahrer.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 14/1988
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