04.04.1988

FALSCHGELDNur in der Bar

Banken und Polizei sind in Sorge: Neu entwickelte Farbkopierer vervielfältigen Geldscheine und Schecks nahezu perfekt. *
Die Besucher des Messestandes der Firma Canon kamen mit kleinem Koffer und großen Scheinen. Sie legten Banknoten nahezu aller europäischen Währungen und etliche US-Dollar auf den Tisch. Dann forderten sie den Firmen-Repräsentanten Wilfried Ott höflich auf: "Bitte kopieren."
Ott erfüllte die ungewöhnliche Order. Schon nach wenigen Minuten präsentierte der Canon-Werbeleiter die gewünschten Vervielfältigungen. Die Bittsteller waren von der Qualität der Falschgeld-Scheine angetan. Ott: "Die waren einfach von den Socken."
Die Herren, die von Canon Blüten aus dem Kopierer begehrten, waren Falschgeld-Fahnder des Bundeskriminalamtes (BKA), die sich vorletzte Woche auf der Büro-Fachmesse Cebit in Hannover über die Neuheiten auf dem Markt der Kopierautomaten erkundigten.
Mit den neuesten Copy-Kästen können Fälschungen, an denen sich bislang nur ausgefuchste Ganoven versucht haben, auch schon von "trainierten Laien" (Ott) im Handumdrehen nahezu "täuschend echt" produziert werden. Polizei-Experten befürchten, daß durch die Spitzenprodukte das Fälschen von Banknoten, Schecks und Dokumenten zum Massendelikt ausartet.
Die Leistungsfähigkeit der modernen Farbkopierer hat auch die Währungshüter der Deutschen Bundesbank in Frankfurt mobilisiert. Nicht aus Freude an frischen Farben und anderen Bildern werden von 1990 an neue Geldscheine eingeführt. Auch nicht deshalb, weil Blinde ertastbare Striche und Punkte fordern oder, wie die "Süddeutsche Zeitung" ironisch anmerkte, nun endlich der "bisher schmerzlich entbehrte 200-Mark-Schein" auf den Markt kommt.
Die Notendrucker sehen sich vor allem "aus vorsorglicher Anpassung" an den "raschen technischen Fortschritt in der Druck-, Vervielfältigungs- und Kopiertechnik" vor die "Notwendigkeit gestellt", an ihren Geldscheinen die "optischen Echtheitsmerkmale zu verbessern".
Zu der "Vorsichtsmaßnahme" besteht Anlaß. Der Druck von Falschgeld gehört zu den einträglichsten Sparten des organisierten Verbrechens. Weltweit sehen sich laut "Interpol" rund 30 Staaten "mit Fälschungen ihres Geldes konfrontiert". Sachverständige vermuten, daß Blüten im Wert von über 200 Millionen Mark im Umlauf sind.
Als beliebteste Währung der Fälscher gilt der US-Dollar, weil er weder durch Wasserzeichen noch durch einen Sicherheitsfaden geschützt ist. Der Dollar-Anteil auf dem Weltmarkt der Falschwährungen liegt bei 80 Prozent. Die D-Mark folgt, trotz Wasserzeichen und Sicherheitsfaden, auf Platz zwei.
Zwar ist es bisher, wie die Bundesbank behauptet, "noch keinem Fälscher gelungen, fehlerfreie Nachahmungen herzustellen". Auch verweisen die Frankfurter Bankiers darauf, daß im letzten Jahr lediglich 12 000 Noten, vorwiegend falsche Fünfziger und Hunderter, von der Bundesbank dem Zahlungsverkehr entzogen wurden. Doch das beweist gar nichts.
Kripo-Experten, die den Geldwert der bundesweit umlaufenden Falschnoten auf etwa zwei Millionen Mark schätzen, sehen darin eher eine Folge der technischen Aufrüstung in den Fälscherwerkstätten. Die Zeiten, da künstlerisch begabte Kopisten monatelang an Druckvorlagen feilten, sind passe.
Statt Stift und Stichel benutzen Fälscher heute hochentwickelte elektronische Aufnahmegeräte, sogenannte Scanner, die mit Laserstrahlen Vorlagen für Druckmaschinen produzieren.
Den High-Tech konnten sich bisher nur Verbrecher-Syndikate leisten. Eine moderne Druckerei-Ausstattung kostet leicht eine Million Mark, zudem können die komplizierten Druckmaschinen nur von Fachleuten bedient werden.
Mit der jüngsten Entwicklung in der Kopierbranche hingegen können selbst gewöhnliche Ganoven den Einstieg ins Fälschergeschäft riskieren. Die modernen Vervielfältiger sind mit ein paar Handgriffen zu bedienen und vergleichsweise preiswert (60 000 Mark). Wer die Investition scheut, geht einfach in eines der großen Copy-Center, in denen die Geräte, mitunter leicht zugänglich, aufgestellt sind.
Erste Kopierer-Scheine, mehrere falsche Hunderter, wurden im Rheinland schon sichergestellt. Das Landeskriminalamt Niedersachsen warnt vor vervielfältigten Eurocheques, die derzeit bundesweit zu Geld gemacht werden. Schadenshöhe bisher: 45 000 Mark.
Als bester Blüten-Macher in der Branche gilt der Laser-Kopierer, den der japanische Elektronikkonzern Canon in Anzeigen als "die wohl größte Leistung in der Entwicklung der Kopierertechnologie" preist. Mit diesem Gerät hatten "Stern"-Reporter vor Wochen eine angeblich "erstklassige Fälschung" des neuen Personalausweises angefertigt. Auch der für die Einführung der Identitätskarte zuständige Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Carl-Dieter Spranger (CSU), behaupten die Journalisten, habe die Kopie nicht vom Original unterscheiden können. "Das neue Supergerät", protzt Canon, gehöre "eigentlich in den Tresor".
Das BKA spielte die Laser-Leistung herunter und monierte an der Ausweiskopie "Abbildungsfehler", etwa "Farbtonverfälschungen" und eine "unscharfe Wiedergabe des Druckbildmotives". Jeder Laie, behauptet der Leiter der BKA-Abteilung Kriminaltechnik, Wolfgang Steinke, könne Kopierer-Fälschungen "mit wachem Auge wahrnehmen".
Auch die Bundesbank leugnet eine akute Gefahr. Der für den Bargeldumlauf zuständige Direktor Günter Storch schätzt die Kopiererqualität "schon sehr hoch" ein. Doch die Möglichkeit, das nachgemachte Geld unter die Leute zu bringen, sieht er allenfalls "nur in der Bar bei schlechter Beleuchtung". Bei der Weiterentwicklung der Kopierertechnik befürchtet Storch allerdings, daß Blüten aus dem Copy-Shop künftig "durchaus eine Chance haben" - allemal vorausgesetzt, der Fälscher habe, um das "besondere Knistern" echter
Noten hinzukriegen, ein hartes, klangfestes Papier zusammengemischt.
Weil das rechte Gefühl für richtiges Geld nur Kenner wie Kassierer oder Kellner in den Fingerspitzen haben, sollen die neuen Scheine und voraussichtlich auch neue Eurocheques vor allem "optisch sicherer" werden.
So werden die Scheine in verwascheneren Farben gedruckt, deren Schattierungen Kopierer nicht so fein wiedergeben können. Vor allem aber setzen die Bundesbanker auf eine Art Hologramm, ähnlich wie es auf Kreditkarten üblich ist. Das Farbwechselspiel auf einem eingewobenen Aluminiumfaden und in einem kleinen "Fenster-Kästchen" auf den Scheinen können Kopierer, die nur Momentaufnahmen einer Vorlage machen, nicht wiedergeben. Um Wechselautomaten vor Betrügern zu schützen, sollen sämtliche Scheine zusätzlich mit einem kodierten Magnetstreifen gesichert werden, der gleichfalls kopierfest ist.
Falls es Fälschern bis zur Einführung der neuen Banknoten dennoch gelingen sollte, massenweise Topblüten zu ziehen, liegen in den Kellern der Bundesbanker bereits Ersatzscheine parat: 25 Milliarden Mark einer "Notfall-Serie", die der Frankfurter Graphiker Max Bittrof kreiert hat.

DER SPIEGEL 14/1988
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