11.01.1988

GESTORBENWolfgang Zeidler

Wolfgang Zeidler, 63. Bis November 1987 war er höchster Richter der Republik - ein ambivalenter Jurist: konservativ in seiner Rechtsprechung, progressiv in seinen rechtspolitischen Forderungen. Der Hamburger Sozialdemokrat, ein Weggefährte Helmut Schmidts, irritierte mal die Rechten und mal die Linken im Lande. Im Bundesverfassungsgericht, dem er zuletzt als Präsident vorstand, gehörte Zeidler zum konservativen Flügel. Er hielt den, wie er meinte, staatsschwächenden "Grundrecht-Totalitarismus" für ein Übel. Zeidler votierte für die Kontaktsperre zwischen Verteidigern und mutmaßlichen Terroristen, gegen die Beschwerden grüner Parlamentarier und gegen die Interessen der Kriegsdienstverweigerer. Doch fast alles, was Zeidler als Autor und Redner von sich gab, wirkte wie ein Kontrastprogramm zu seiner Rechtsprechung. Als er die Ansicht äußerte, die befruchtete Eizelle gleiche einem "himbeerähnlichen Gebilde", fiel die katholische Kirch über den Verfassungsrichter her. Sein Vorschlag, die Gewinne aus Grundstücksspekulationen abzuschöpfen, provozierte die Kapitalisten. Der unorthodoxe Jurist, der in keine Schublade paßte, stand vor einer zweiten Karriere - als Leiter einer internationalen Forschungsgruppe im italienischen Bologna. Wolfgang Zeidler verunglückte Silvester tödlich bei einer Bergwanderung in Südtirol.

DER SPIEGEL 2/1988
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