31.08.1987

WETTERGrober Unfug

Nachruf auf einen Sommer- selten so geweint. *
Hiermit wird öffentlich Anklage gegen einen gewissen Herrn Sommer erhoben. Es werden ihm Betrug, Untreue und falsche Namensführung vorgeworfen."
So lautet die Anzeige, die letzte Woche beim Betrugsdezernat der Kriminalpolizei Bonn einging. Hauptkommissar Bernd Magunia, der Chef der Behörde, machte den Scherz mit; unter dem Aktenzeichen 22-6 So/87 ermittelt er nun gegen den "hierorts amtsbekannten Sommer wegen Unterschlagung von Hitzewerten, grobem Unfug, Pflichtverletzung und Vertrauensmißbrauch".
Humor, wie ihn der Beamte Magunia aufscheinen ließ, bringen nur noch die wenigsten der wettergeschädigten Deutschen auf - was aber auch mußten sie sich von diesem schlimmen Sommer alles bieten lassen: Kaltluftfronten, Tiefdruckrinnen, Gewitterstaffeln noch und noch, dazu Starkregen und Achtachtel-Bewölkung.
Selbst den Meteorologen, die gemeinhin dem Wetter gegenüber so tolerant sind wie liebende Eltern gegenüber ihrem einzigen Kind, kam da die Nachsicht abhanden: "Langfristiges Mittel hin, langfristiges Mittel her", so Dr. Horst Dronia vom Wetteramt Hamburg, "dieser Sommer ist eine Zumutung für den Menschen ."
Am Montag dieser Woche endet, nach Zeitrechnung der Meteorologen, der Sommer '87 - Zeit für Wetterbeschauer Bilanz zu ziehen. Juni: fünf Grad kälter, 40 Prozent mehr Regen als normal; Juli: Tropenschwüle mit bis zu 99 Prozent Luftfeuchtigkeit; August: Regen, Regen, dazwischen zum Austrocknen einige sonnige Tage, dann wieder Regen - macht unterm Strich: einen der schlechtesten Sommer dieses Jahrhunderts. "So 'n Schietwedder iss mir min Levtach nich vörkomm", bekräftigte, den ortsüblichen Elbmodder im Wortschatz, der 71jährige Hamburger Heinrich Heinson.
In der Hamburger City waren, nach Niederschlägen von bis zu 21 Litern pro Quadratmeter und Stunde, gleich zweimal hintereinander mehr als 300 Restaurants und Geschäfte überflutet worden - "das erstemal ging der Ritterrüstung das Wasser bis zum Knöchel", so die Besitzerin eines Antiquitätengeschäftes, "das zweitemal bis zum Visier".
In einer Abfertigungshalle des Münchner Flughafens, über der das Äquivalent von 19 Maß pro Metergeviert niederging, wateten die Passagiere durch knöcheltiefes Wasser. In einem vollgelaufenen Frankfurter Lagerraum dümpelten Schuhe im Wert von vier Millionen Mark, aus Nürnberg meldete dpa: "Bundesanstalt für Arbeit stand unter Wasser."
Voll waren die Kirchen im protestantischen Nordelbien, wo sich gelangweilte Strandflüchtlinge von Nord- und Ostsee die Zeit mit Kirchenbesichtigungen vertrieben - allein Lübecks Küster zählten 10000 Besucher pro Tag und mehr. Voll auch die Kirchen im katholischen Bayernland, dessen bäuerliche Bevölkerung um die am Halm faulende Ernte bangte und beim Allmächtigen um bessere Witterung nachsuchte.
Doch der Herr erhörte nicht ihr Flehen - weiterhin stand das Rindvieh auf vielen Weiden bis zum Euter im Wasser, steckten Autos und Busse auf überfluteten Straßen fest. Immer höher, bis Pegelstand 5,35, stieg der Flutsaum des Bodensees. Von gurgelnden Wassermassen herangetrieben, wälzten sich mächtige Schlammlawinen durch Ortschaften in ganz Deutschland - am schlimmsten im hessischen Wolfhagen-Ippinghausen, wo ein 70jähriger in einer meterhohen Flutwelle ertrank. Vom Blitz erschlagen wurden zwei Golf-Spieler bei Freiburg, ein Fußball-Schiedsrichter bei Nürnberg.
Je länger das Übelwetter anhielt, desto verzagter wurden die abendlichen Wetter-Verkäufer bei ARD und ZDF; wie ließ sich den Zuschauern plausibel machen, "warum es auch diese Woche regnet"? Schuld daran war wieder einmal das verflixte Azorenhoch, dessen keilförmiger Ausläufer normalerweise nach Mitteleuropa hereinragt und dort das Sommerwetter zumindest zeitweise freundlich gestaltet.
Diesmal freilich hatte sich das Azorenhoch weit in den Atlantik zurückgezogen, auch fehlte das sogenannte Skandinavien-Hoch, das Mitteleuropa sommers häufig stabile Schönwetterlagen beschert - Folge: ein kaum von der Stelle rückender, breiter Tiefdruckgürtel, der von Irland bis zu den Alpen reichte.
Als dort Ende Juni, hoch über den Gebirgsgipfeln, die feuchtkalte Luft des Tiefdruck-Komplexes mit warmfeuchten Luftmassen aus dem Mittelmeerraum zusammenprallte, barsten die Wolken - fünf Tage lang vermochte die von Menschenhand begradigte Natur die Wassermassen noch zu bewältigen, dann ging es Schlag auf Schlag.
Zum Strom angeschwollene Flüsse überschwemmten, gewaltige Geröll- und Schlammassen mit sich führend, den Campingplatz bei der französischen Alpen-Stadt Annecy (42 Tote), rissen in den engen Tälern der Lombardei zwischen Como, Bergamo und Sondrio ein halbes Dutzend Dörfer nieder (30 Tote), verwüsteten Teile des Ötztales in Tirol (7 Tote) und schnitten tagelang ganze Täler von der Umwelt ab. Dutzende von Alpenpässen wurden gesperrt, mehr als 10000 Urlauber saßen fest.
Am schlimmsten traf es das malerische Veltlinertal in der Lombardei, wo 20000 Bewohner letzte Woche vor einer drohenden Flutwelle flüchteten. Ende Juli waren riesige Geröll-Lawinen ins Bett des Flusses Adda abgegangen und hatten das Wasser zu einem künstlichen See von mittlerweile 100 Meter Tiefe und zwei Kilometer Länge aufgestaut; stündlich stieg der Wasserspiegel um zehn Zentimeter - nach weiter anhaltenden Regenfällen, so die Sorge, würde der Damm aus Schlamm- und Steinmassen brechen. "Im Veltlin", so der "Heute"-Sprecher mit gewohnter Stilsicherheit, "tickt eine Wasserbombe."
Während die verzweifelten Älpler auf ein Ende des Regens hofften, mußte der Bürgermeister des nur wenige Autostunden entfernten italienischen Dorfes Gagliato die örtliche Aussegnungshalle schließen - die sich infolge der großen Hitze (45 Grad im Schatten) entwickelnden Leichengase hatten die Särge förmlich gesprengt. In Kalabrien starben über 70 Menschen an hitzebedingten Ursachen, in Griechenland waren es fast 1500. "Achtung - Kühlboxen sind voll", warnte ein Schild an der Leichenhalle von Piräus.
In Nordschweden lag mitten im Hochsommer noch immer der Schnee des Winters, die Rentiere taperten durch vereiste Wälder. Selbst in Teilen des vom wärmenden Golfstrom umspülten Irland stob, am dritten Dienstag im August, Graupel auf die sattgrünen Wiesen - an dem Tag waren die örtlichen Pubs voll, die Iren ebenfalls.
In Deutschland verdienten derweil die Regenschirm-Hersteller (Umsatzplus: 200 Prozent), die Gas- und Stromlieferanten (ein, zwei Prozent plus) und die Reiseveranstalter (bis zu 40 Prozent plus) einen schönen Batzen an dem schlechten Wetter, dessen Auswirkungen auf Körper und Seele der Menschen auch den Ärzten und Krankenhäusern Zulauf brachte (plus zehn Prozent).
Ansonsten Kerngesunde erschienen plötzlich beim Doktor in der Praxis und klagten über Kopfschmerz, Schlappheit und Übelkeit, Menschen mit niedrigem Blutdruck klappten während der häufigen Temperaturstürze (um bis zu 13 Grad) plötzlich im Büro oder auf der Straße zusammen, die Zahl der Infarkt-Patienten stieg. An Herzversagen starben in den letzten drei Wochen Willi Weyer (Deutscher Sportbund) und Werner Blessing (Deutsche Bank).
Vor allem Trommelfeuer von aufeinanderfolgenden Warm- und Kaltlufttiefs wie in diesem Sommer belastet vorgeschädigte Organe - manchmal bis hin zum meteorogenen Exitus. Ein heranziehendes Tief mit Warmluftzufuhr und schwülem Milieu erhöht beispielsweise das Infarktrisiko von Herzpatienten, Asthmatiker leiden dann häufiger unter Luftnot, bei Hochdruck-Kranken kommt es vermehrt zu Thrombosen und Embolien. Ein Tief mit Kaltluftzufuhr hingegen kann Koliken von Darm und Gallenblase auslösen, Gicht- und Rheumapatienten reißt es bei dieser Wetterlage öfter in den Gliedern.
Zur größten Gruppe der Wetterfühligen freilich gehören die organisch Gesunden, die auf Wetterstürze mit psychosomatischen
Beschwerden ohne Krankheitswert reagieren - mit depressiven Stimmungslagen, Schlafstörungen, erhöhter Vergeßlichkeit und, für manchen am schlimmsten, reduzierter Trinkfestigkeit und verringerter Lust zur tätigen Liebe.
Ein solches Desaster seelisch-leiblicher Befindlichkeiten, bei welchen die Stimmung (wie der wetterfühlige Ire James Joyce beobachtete) "Schritt haltend mit dem Barometer über Veränderlich ins Tief" absackt, würden die Deutschen wohl ein zweites Mal nicht durchstehen. Es sei denn, sie hätten sich daran gewöhnt.
Kommentar einer KaDeWe-Verkäuferin in Berlin, die, jenseits der Neon-Waben hinter der Glastür, an einem Augusttag die Sonne kurz aufblinken sah: "Ick gloobe, ick bin blind."

DER SPIEGEL 36/1987
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