07.03.1988

Mickey Mouse - der ewige Optimist wird Rentner

Vor 60 Jahren schuf Walt Disney die Maus mit der intakten Mittelstands-Moral *
Mögen die Amerikaner noch so gern die Freiheitsstatue und Abraham Lincoln als ihre nationalen Symbole, als Merkzeichen ihrer Identität darbieten. Die Welt weiß es besser: Mickey Mouse, Jeans, Coca-Cola. Gestritten werden kann allenfalls über die Reihenfolge.
Die kleine Maus kommt dieses Jahr mit ihrem 60. Geburtstag ins Rentenalter. Aber in ihrer Heimat spielt das Alter keine Rolle: Sie entstammt, wie der Ästhetik-Professor Bazon Brock schrieb, "dem mächtigsten Imperium auf Erden, dem Geisterreich".
Und nur dort ist das mit Erfolg zu verwirklichen, was Thomas Jefferson und seine Mitstreiter so unbekümmert der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten mit auf den Weg gaben: "the Pursuit of Happiness" - das Streben nach Glück.
Was die Menschen immer wieder vergebens versuchen, ist für Mickey Mouse ein überwindbares Problem. Sie fällt in Schluchten, wird von Straßenwalzen geplättet und balanciert auf Krokodilszähnen: Am Ende sind alle Reinfälle vergessen, alle Blessuren verschwunden, der Mäuserich reckt die Vierfinger-Hand und hat gewonnen - alles ist wieder gut.
Mickey Mouse - der Vollstrecker der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung? Schon möglich. Die Verpflichtung zum Glück, so der Kulturanalytiker Robert Warshow, verurteile Amerika, "die Wirklichkeit unter einem optimistischen Blickwinkel zu betrachten".
Und nicht nur Amerika. Der Siegeslauf der Maus rund um den Globus - mehr Menschen, als heute auf der Erde leben, haben ein Mickey-Mouse-Heft gelesen oder einen -Film gesehen - ist nur dadurch zu erklären, daß sie weltweit als Hoffnungsträger angesehen wird. Längst hat der Mickey-Mouse-Virus nach Europa auch Japan und den näheren wie ferneren Osten ergriffen.
Das Kindchen-Schema mit runden Ohren, der Pflaumennase und den Knopfaugen mag der Verbreitung helfen. Aber letztlich ist es der nicht totzukriegende Optimismus, der die Maus offenbar unsterblich macht. Dieser Wesenszug, so Warshow, sei für "moderne Gesellschaften, die auf dem Gleichheitsprinzip beruhen", zum Überleben wichtig. Denn sie "begründen sich selbst immer in dem Anspruch, daß sie das Leben glücklicher gestalten ... Glück wird in ihnen Hauptziel der Politik".
Was der kluge Analytiker schrieb, hatte Walt Disney schlicht im Bauch. Er war nahezu pleite, als ihm auf einer Bahnfahrt die Erfolgsfigur einfiel: "Ich mußte irgend etwas unternehmen ... irgendwo im Hinterkopf hatte ich da eine Maus." Er wollte sie "Mortimer" nennen; Ehefrau Lillian fand das zu pompös und plädierte für "Mickey".
Disneys Zeichner Ub Iwerks gab der Maus für den ersten Film 1928 die Gestalt. Sie wurde bis heute kaum verändert: Die Handschuhe kamen schon bald an die vier Finger; den schwarzen Knopfaugen, die heute siegesgewiß in die Welt blicken, fehlte zu Beginn ein schmaler Schlitz zur vollen Rundung. Das volle Auge verstärkte den beabsichtigten Eindruck, daß die Maus in Wahrheit ein Mensch ist, wenn auch ein besonders guter.
In den ersten Filmen neigte Mickey zuweilen zu allzu menschlichen Verhaltensweisen:
Manchmal schlug er zynisch und gewalttätig anderen ein Schnippchen. Disney, der in den ersten Filmen der Maus seine Stimme lieh, korrigierte den Charakter: Mickey wurde brav und gerecht, ein Retter von schwächeren und gebeutelten Kreaturen, ein Sieger über das Böse in der Welt.
Die Maus steht seit jeher für eine ordnungsgemäße Mittelstands-Moral. Barmherzige Taten und harte Arbeit, ganz wie es die herbe protestantische Ethik verlangt, sind ihre Leitlinien.
Zwischen Mickey und den dunkleren menschlichen Trieben verläuft ein klarer Strich. Die Panzerknackerbande, der ewig böse Kater Karlo markieren die feindliche Welt. Damit Mickey völlig sauber bleiben konnte, kam Vetter Donald Duck aufs Zeichenbrett, jener chaotische Choleriker, der zwar auch einen guten Kern, aber daneben ein paar Wesenszüge hat, die in die Anarchie statt in "Gottes eigenes Land" führen könnten.
Mickeys Symbolkraft nutzten die Guten wie die Bösen dieser Erde: 1933 wurde der Wicht mit den Segelfliegerohren zum Emblem eines Luftwaffengeschwaders der US-Marine; die Nazi-Propagandisten zeigten seine Filme 1936 während der Berliner Olympiade pausenlos im Kinotheater "Kamera" Unter den Linden, um zu belegen, welchen liberalen Geistes sie waren. Während des Krieges wurde die Maus von Hitler freilich ganz schnell als "dekadent" verboten. Doch Mickey siegte: 1944 war ihr Name das Codewort bei der Landung der Alliierten in der Normandie.
Sie überstand am Ende alles. Sie wurde Nippesfigur, ziert Fahrradklingeln, Taschenrechner, Aschenbecher, Büstenhalter und Präservative und läuft in Dutzend-Kopien durch Walt Disneys Traumland in Florida. Charlie Chaplin erhob sie zum Kumpel. Elisabeth II. orderte mäusebemaltes Geschirr für Waisenkinder, und Japans Tenno bestellte sich klammheimlich eine Uhr mit Mickeys Konterfei.
Mickey Mouse gewann vier Oscars und war die wahre Gründerin des Disney-Milliarden-Imperiums. Und sie hat, obwohl Symbol einer Mittelstands-Moral, ein kleines Geheimnis bis in ihr sechstes Jahrzehnt gerettet: Noch immer lebt sie mit Minnie in wilder Ehe zusammen, und keiner hat's gemerkt.

DER SPIEGEL 10/1988
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