28.12.1987

DIPLOMESchlechte Karten

Deutschen Fachhochschul-Absolventen droht im Ausland die Aberkennung ihrer Diplome: Bildungspolitiker haben die Anpassung der Studiengänge an europäische Maßstäbe verschlafen. *
Bundesbildungsminister Jürgen W. Möllemann, 42, hat den Schuldigen schon ausgemacht: "Ein kommunistischer Studentenbund", der "Spartakus", sei's gewesen, der kürzlich die "gezielte Fehlinformation" verbreitet habe, deutsche Fachhochschuldiplome seien international reif für den Papierkorb.
In Wahrheit hatte niemand Geringerer als der Präsident der Fachhochschule (FH) Hamburg, Professor Rolf Dalheimer, 47, bereits im September die Hiobsbotschaft verbreitet, daß "die Anerkennung
der deutschen Ingenieurdiplome im Ausland ... wegen ablaufender Fristen bei den Verhandlungen der EG in Brüssel" zu Silvester dieses Jahres "sofortiger Behandlung" bedürfe.
Dalheimer war, was den ultimativen Termin betrifft, einer Falschmeldung aus Brüssel aufgesessen. "Aber", sagt der FH-Präsident heute, "das Datum hatte zündende Wirkung. Dieses Problem, das jahrelang nur in Schubladen verwaltet wurde, kommt endlich in die Schlagzeilen."
Täglich erhält Dalheimer Anrufe von besorgten Studenteneltern, die wissen wollen, ob es denn überhaupt noch Sinn habe, daß der Filius oder die Filia an der Fachhochschule Maschinenbau studiere. Studentische Vollversammlungen von Flensburg bis Rosenheim verfassen Resolutionen zum Schutz der FH-Diplome, es wird demonstriert und gestreikt. Die Westdeutsche Rektorenkonferenz erklärte sich solidarisch mit den Studenten.
Betroffen sind immerhin 200000 Fachhochschüler der Ingenieur-Berufe sowie 33000 Architektur-Studenten. Bereits seit 17 Jahren wird um die Anerkennung ihrer Abschlüsse bei der Europäischen Kommission in Brüssel gestritten.
Erstmals bemühte sich die Euro-Bürokratie 1970 um eine Richtlinie zur gegenseitigen Anerkennung der Ingenieurdiplome. Seither gibt es Probleme mit den deutschen Fachhochschulen, einer Ausbildungsstätte, die europaweit beispiellos ist. Alle übrigen EG-Staaten verfügen über Techniker-Schulen und Berufsakademien, die den Universitäten nachgeordnet sind und die bisher - anders als die deutschen Fachhochschulen - keine "Gleichwertigkeit" ihrer Diplome
beanspruchen. Mit der Ingenieur-Richtlinie ist es seit 1968 kaum vorangegangen. Dafür beschränkte sich die Kommission auf das überschaubare Berufsfeld der Architekten - und ausgerechnet da kam es im vergangenen Juli zum Eklat: Mit 33 gegen drei (deutsche) Stimmen sprach sich der Beratende Ausschuß der Europäischen Kommission gegen eine Anerkennung deutscher FH-Architektendiplome aus.
"Das haben die in Bonn und Brüssel sanft verschlafen", meint Thomas Fiedler, Asta-Vorsitzender der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, "die hätten die deutschen FH-Studiengänge schon längst den europäischen Uni-Normen anpassen müssen." In der Tat gilt in den meisten Bundesländern noch eine FH-Regelstudienzeit von nur sechs Semestern, an den Universitäten müssen mindestens acht absolviert werden; zudem haben Fachhochschulen nach wie vor kein Promotionsrecht.
In Brüssel jedoch wurde nicht nur geschlafen, sondern auch intrigiert. Rafael de la Hoz Arderius, Präsident der spanischen Architektenkammer und Mitglied des Beratenden Ausschusses in Brüssel, erhielt Post von Wilhelm Kücker, damals Präsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA). "My dear Rafael", schrieb Kücker, der offizielle deutsche Verhandlungsstandpunkt werde vom BDA keineswegs geteilt; ein deutsches Fachhochschuldiplom könne einem Universitätsabschluß unmöglich gleichgesetzt werden.
Die Stellungnahme der Architekten-Lobby hielten die Europäer dem deutschen Fachhochschulvertreter im Beratenden Ausschuß, Dietrich Kruppa, vor. Der Bremer FH-Professor wehrte sich und schrieb zornige Briefe an die BDA-Führung. Die "querelle allemande" nahm ihren Lauf - ein Streit, der den übrigen EG-Staaten deutlich machte, daß die FH-Diplome vielfach auch in der Bundesrepublik als zweitklassig angesehen werden.
"Unsere Verhandlungsposition war damit total ausgehöhlt", erinnert sich Martin Seidel, der Vertreter der Bundesregierung im Ausschuß. Nur notdürftig gelang es der Bonner Delegation, das drohende Niederlassungsverbot abzuwenden: FH-Architektendiplome gelten nun zwar europaweit, aber nur mit einer Gnadenfrist bis 1995.
Zufrieden verkündete daraufhin Helmut Engler, der Präsident der Kultusministerkonferenz der Länder, weder "Panikmache" noch die Verbreitung "wenig durchdachter Halbwahrheiten" hätten sich ausgezahlt: "Die Befürchtungen der Fachhochschulstudenten sind unbegründet" - eine Einschätzung, die FH-Präsident Dalheimer wiederum für "falsch und riskant" hält.
Denn in Brüssel wird bereits in einem neuen Anlauf an der Ingenieur-Richtlinie gearbeitet. "Der Streit um den Wert deutscher FH-Diplome", befürchtet Dalheimer, "bekommt da eine Neuauflage, und keiner weiß, wie es diesmal ausgeht."
Der gelernte Ingenieur Dalheimer beobachtet seit Jahren, daß eine wachsende Zahl von Ländern der Dritten Welt den deutschen Fachhochschulabsolventen die Niederlassung verweigert. Wenn sich dieser Trend in der Europäischen Gemeinschaft fortsetze, dann "nicht deswegen, weil Belgier oder Franzosen wirklich glauben, daß deutsche FH-Ingenieure nichts taugen, sondern weil die ihren Akademiker-Arbeitsmarkt schützen wollen".
Der Hamburger FH-Präsident hat durchaus Verständnis dafür, daß gerade in den EG-Nachbarländern die "Angst vor der Flut deutscher Fachhochschulingenieure umgeht": "Niemand glaubt uns, daß wir 200000 Studenten in der Bundesrepublik unterbringen können." Erschwerend kommt hinzu, daß westdeutsche Behörden die Lehramtsprüfungen anderer EG-Staaten grundsätzlich nicht anerkennen.
Frank Mausch, Asta-Vorsitzender an der Hamburger FH, meint, der Brüsseler Streit sei nur von "sekundärer Bedeutung". Der Widerstand der Europäer, glaubt der angehende Bio-Ingenieur, komme gewissen westdeutschen Fachhochschulgegnern, vor allem im Uni-Bereich, "sehr gelegen".
Mittlerweile nämlich besucht bereits jeder dritte Studienanfänger eine Fachhochschule. Die kurzen, stark verschulten Studiengänge sind bei Abiturienten genauso beliebt wie bei den Absolventen des Zweiten Bildungsweges, für die sie einst gedacht waren. "Das Theater um die Diplome", fürchtet Cornelius Steffan vom "Aktionsbüro Diplom-Anerkennung" der FH Rosenheim, "hat da eine fatale psychologische Wirkung: Bei uns sind schon die ersten abgesprungen - der Zug fährt wieder in Richtung Universität."
Neben universitärem Neid auf das erfolgreiche FH-Angebot steht immer noch ein verbreitetes Mißtrauen in die Qualität dieser Ausbildung. Jost Schramm, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer, will von "zum Teil katastrophalen Zuständen und einem enormen Leistungsgefälle" wissen. "Einige Fachhochschulen", sagt Schramm, "hätten ziemlich schlechte Karten, wenn da mal eine Delegation aus Brüssel vorbeischauen würde."
Eine Fortsetzung der europäischen Streitereien um das Thema "Ingenieur-Richtlinie" wollen die Landesregierungen durch die formale Aufwertung der Fachhochschulen unterbinden. Nach bayrischem und baden-württembergischem Vorbild wurde bereits vor vier Wochen die Regelstudienzeit an den Fachhochschulen Nordrhein-Westfalens auf acht Semester erhöht. In Hamburg hat Wissenschaftssenator Ingo von Münch (FDP) dasselbe versprochen, in den übrigen Ländern wird die Frage derzeit geprüft.
Ob mit zwei zusätzlichen Semestern irgend jemand in Brüssel vom Wert deutscher Fachhochschulen überzeugt werden kann, steht dahin. Unverdrossen optimistisch gibt sich nur Jürgen W. Möllemann. Wenn im neuen Jahr die Bundesrepublik die EG-Präsidentschaft übernehme, verspricht der Bundesbildungsminister, werde er das Problem der deutschen FH-Diplome erfolgreich in Angriff nehmen.

DER SPIEGEL 53/1987
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