18.01.1988

STRATEGIEHöllische Mehrkosten

Kampfeinsätze in der Dritten Welt, Vorstöße tief nach Osteuropa, begrenzte Atomkriege - die Amerikaner denken über eine neue Militärdoktrin nach. *
Großer Bahnhof im Weißen Haus: Zum Empfang seiner "Kommission für integrierte Langzeitstrategie" hatte Ronald Reagan seinen Vize George Bush, Verteidigungsminister Frank Carlucci und Sicherheitsberater Colin Powell aufmarschieren lassen. Nach 15monatiger Arbeit überreichten die 13 Kommissionsmitglieder, allesamt hochkarätige Verteidigungsexperten, dem Präsidenten am vorigen Dienstag ihren Bericht über eine "abgestufte Abschreckung" (Discriminate Deterrence).
Die Thesen gerieten prompt in die Schlagzeilen. "Neue Raketenstrategie gefordert", berichtete etwa die "International Herald Tribune", und das Nachrichten-Magazin "Newsweek" sah in dem Werk schon einen Entwurf für die "Verteidigungspolitik nach Reagan".
Offiziere der Bonner Hardthöhe, Sitz des designierten Nato-Generalsekretärs
Manfred Wörner, wiegelten dagegen ab. Der 69-Seiten-Report enthalte "keine grundsätzlich neuen oder gar revolutionären Gedankengänge", versicherte Wörners Führungsstab in einer ersten handschriftlichen "Kurzbewertung".
Damit wenigstens hatten die Bonner recht. In ihren Leitlinien, die nach den Vorstellungen der Kommission Amerikas Militär- und Sicherheitspolitik mindestens für die nächsten 20 Jahre bestimmen sollen, haben die US-Fachleute so ziemlich alle Ideen aufgegriffen, die schon in den vergangenen sieben Reagan-Jahren die Bündnispartner immer mal wieder verschreckt hatten.
Gedanken aus der umstrittenen US-Führungsvorschrift "AirLand Battle" finden sich in dem Papier ebenso wie Optionen für den begrenzten Nuklearkrieg. Da wird ein Militäreinsatz der Nato auch außerhalb des vertraglich festgelegten Bündnisgebietes gefordert und die Ausweitung regionaler Konflikte auf andere Weltregionen vorgeschlagen. Weiteren Abrüstungsschritten werden enge Grenzen gezogen, und Entspannung als politisches Prinzip wird gar zum "Rezept für Desaster" deklariert.
Die Brüsseler Nato-Zentrale, so ein ranghoher Offizier, geriet denn auch in "hellen Aufruhr" über den Report. Nach außen gab man sich jedoch gelassen - wie in Bonn. Dort verließen sich Wörners Experten auf die alte Erfahrung, daß die Suppe schon nicht so heiß gelöffelt werde, wie sie gekocht worden sei.
Obwohl die Auffassung der US-Regierung zu der von ihr in Auftrag gegebenen Studie noch nicht bekannt ist, stellten die Bonner erst mal erleichtert fest: "Es ist kein Papier mit offiziellem Charakter." Vielmehr handele es sich um "eine Meinungsäußerung in der amerikanischen strategischen Debatte".
Für politische Durchschlagskraft ist gleichwohl gesorgt: Mit Henry Kissinger, Zbigniew Brzezinski und William Clark hatte 1986 der damalige Verteidigungsminister Caspar Weinberger gleich drei ehemalige Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates in die Arbeitsgruppe berufen. Zusammen mit Spitzenmilitärs und anderen Experten sollten sie ein Strategie-Konzept liefern für Reagans ungebrochenen Aufrüstungsdrang.
Den Vorsitz der Kommission übernahmen zwei erprobte Prediger militärischer Stärke: die graue Eminenz der amerikanischen "Defense Community", Albert Wohlstetter, und der ultrakonservative Weinberger-Vize Fred Ikle. Ihre Empfehlungen stoßen gleich reihenweise Allianz-Dogmen um.
"Die Nato braucht eine zusammenhängende Strategie, die auf lange Sicht lebensfähig ist", rät die Expertise - und gibt damit indirekt zu, daß die geltende Doktrin der flexiblen Erwiderung überholt ist. Glaubenssätze, an die man sich im Bündnis seit Jahrzehnten klammert, stellen die Autoren rhetorisch in Frage: "Kann sich die Nato auf Eskalationsdrohungen verlassen, die, würden sie ausgeführt, zur eigenen Vernichtung führten?"
Kann sie nicht, denn "die Drohung mit einem Atomwaffeneinsatz, der sowohl die USA als auch die Sowjet-Union verwüsten würde, ist keine verläßliche Abschreckung", sondern "selbstmörderische Politik" (Wohlstetter). Wenn es um begrenzte Konflikte gehe, etwa den Angriff auf nur einen Bündnispartner der Allianz, ergänzte Ikle, sei die Vernichtungsdrohung für die USA "nicht mehr akzeptabel".
Um letzte Zweifel über das ihrer Meinung nach überfällige Ende der Abschreckung als Schutzgarantie für alle zu beseitigen, stellt die Studie klar: "Die Allianz sollte Atomwaffen nicht benutzen, um damit ausgedehnte Vernichtung anzudrohen, sondern hauptsächlich als ein Instrument, um den angreifenden Sowjet-Truppen den Erfolg zu verwehren."
Atomsprengköpfe als Kriegführungsmittel also - für das potentielle Schlachtfeld Deutschland ein fatales Konzept. Dazu sollen kleinere Atomwaffen angeschafft werden, die sich in "abgestuften Nuklearschlägen" auch wirklich einsetzen ließen.
Besser aber noch wäre nach Kommissionsmeinung ein Waffengang ohne nukleare Eskalation, ein Krieg, in dem "High-Tech"-Waffen und "konventionelle Gegenoffensiven tief ins feindliche Territorium" der Nato den Sieg bringen sollen. Daß Moskau in seinem westlichen Vorfeld statt leistungsstarker Bündnispartner nur unsichere Kantonisten unter der Knute halte, müsse die West-Allianz auf jeden Fall ausnutzen.
Amerikas Fähigkeit zum Kriegführen wird laut Studie auch dadurch vergrößert,
daß wegen der immer besseren Zielgenauigkeit schon 1995 konventionell bestückte Fernraketen all jene Raketensilos und Kommandobunker ausschalten könnten, für deren Zerstörung heute noch Atomsprengköpfe nötig seien.
Um große Kriege, glaubt die Kommission, werde es in Zukunft kaum gehen. Die Szenarien jedenfalls, auf die sich Bündnismilitärs seit Jahren vorbereiten, ein massiver konventioneller Angriff der Sowjets in Europa oder ein Atomschlag gegen die USA, gelten als "äußerst unwahrscheinlich". Realistischer erscheinen den Top-Strategen Konflikte in der Dritten Welt oder sowjetische Übergriffe an den Nato-Flanken.
Bei der Bewältigung derartiger Krisen sollten die USA nicht allzuviel Rücksicht auf die Bedenken der Partner nehmen: "Die Planer haben das Problem der Uneinigkeit im Bündnis bei begrenzten Teilangriffen vernachlässigt", rügt die Studie, als gelte es, durch beherzte militärische Führung das Zaudern einzelner Nato-Regierungen zu überwinden.
Da die "Unsicherheit von Alliierten und Freunden bei der Gewährung von Stützpunkten und Überflugrechten" sich nachteilig auf die amerikanische Schlagkraft auswirken könne, plädieren die Experten für mobile US-Streitkräfte mit großer Reichweite, die nur "minimal von Überseestützpunkten abhängig sind".
Voraussetzung für die Verwirklichung der "Discriminate Deterrence" sei "die Überprüfung der amerikanischen Verpflichtung, in Europa umfangreiche Streitkräfte zu unterhalten". Bereits einen Tag nach der Berichtsübergabe setzte sich mit Reagans Marineminister James Webb ein weiteres Regierungsmitglied für einen Abzug von US-Truppen aus Europa ein. Käme es bei der Truppenpräsenz zu keinen Abstrichen, würde nach Meinung eines Kommissionsmitarbeiters die neue Globalstrategie "höllische Mehrkosten" verursachen.
Den Europäern bleibt trotzdem ein Trost: Der zuverlässigste Schutz gegen die Planspiele aus USA liegt darin, daß sie wohl so oder so unbezahlbar bleiben.
Eine von der Kommission in Auftrag gegebene Vorausschätzung des Militäretats ergab ein derart horrendes Defizit, daß diese Passage vorsichtshalber gleich wieder aus dem Berichtsentwurf gestrichen wurde:
Falls das Pentagon bei seinen derzeitigen Beschaffungsplänen bleibt, ergäbe sich selbst ohne jede Umrüstung auf neue Waffen bis zum Jahr 2010 eine Finanzierungslücke von 3600 Milliarden Dollar - weit mehr, als Reagans Hochrüstung bislang gekostet hat.
Da versteht es sich fast von selbst, daß auch die Denkarbeit der Kommission nicht ganz billig ausfiel: Ihr Etat betrug 1,6 Millionen Dollar, das macht pro Berichtsseite mehr als 20 000 Dollar.

DER SPIEGEL 3/1988
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