28.12.1987

ÖLKONZERNEFiel schwer

Ein Rechtsstreit, der die Existenz des Ölmultis Texaco bedrohte, ist beendet: Das Unternehmen kommt mit drei Milliarden Dollar Schadenersatz davon. *
Mit dem goldenen Füllfederhalter, den er zum 25jährigen Dienstjubiläum erhalten hatte, unterschrieb Texaco-Chef James W. Kinnear die Kapitulationsurkunde. Etwa zur gleichen Zeit - am Samstagmittag des vierten Advent-Wochenendes - unterzeichnete Pennzoil-Chef Hugh Liedtke, der Sieger, ein gleichlautendes Dokument in einem anderen Gebäude in Manhattan.
In dem Papier verpflichtet sich Kinnears Konzern, dem Liedtke-Unternehmen auf einen Schlag drei Milliarden Dollar zu überweisen. Im Gegenzug verzichtet Pennzoil auf gerichtlich zuerkannte, aber noch nicht höchstrichterlich bestätigte Schadenersatz-Forderungen von über zehn Milliarden Dollar gegen Texaco.
Der Friedensvertrag der beiden Ölgesellschaften hat den teuersten und erbittertsten Rechtsstreit beendet, den je zwei Unternehmen gegeneinander führten: Nie zuvor hatte eine Firma vor Gericht eine so hohe Schadenersatzsumme erstritten, wie es vor etwa zwei Jahren Pennzoil-General Liedtke gelungen war. Und nie zuvor hat ein Unternehmen einem so schmerzhaften Vergleich zugestimmt wie nun Texaco.
Mit den drei Milliarden, die nun bei Pennzoil (Jahresumsatz: 1,7 Milliarden Dollar) eingehen, hat Liedtke den Wert des von ihm geführten Unternehmens schlagartig verdoppelt. Umgekehrt verliert Texaco, mit einem Umsatz von 32 Milliarden Dollar Amerikas drittgrößter Ölkonzern, durch den finanziellen Aderlaß etwa ein Sechstel seiner Substanz.
Der Triumph des Kleinen über den Großen resultiert aus einer Niederlage, die Texaco Pennzoil Anfang 1984 beibrachte. Damals hatte Liedtke die von ihm aufgebaute Pennzoil durch die Übernahme von 43 Prozent an der wesentlich größeren Getty Oil in Amerikas Öl-Oberliga führen wollen.
Liedtke und die Gettys waren schon handelseinig, als Texaco den Deal noch durch den Einsatz schierer Finanzmacht platzen ließ. Der Konzern bot zehn Milliarden Dollar für das gesamte Getty-Imperium, und Hauptaktionär Gordon Getty konnte sich prompt nicht mehr erinnern, Liedtke jemals eine Zusage gemacht zu haben.
Texaco verleibte sich das Getty-Reich samt dessen stattlichen Ölreserven ein. Pennzoil war der Zugang zu Amerikas Energie-Elite versperrt.
Der erboste Liedtke klagte vor einem Gericht im heimatlichen Houston auf Schadenersatz. Texaco habe Getty zum Vertragsbruch verführt, argumentierte er. Pennzoil stehe daher ein finanzieller Ausgleich für jene Getty-Ölreserven zu, die der Firma zugefallen wären, hätte Texaco den Handel nicht noch nach Vertragsschluß torpediert.
Zur Überraschung der gesamten Ölbranche folgte der frühere Scheidungsrichter Solomon Casseb der Logik Liedtkes. Er verdonnerte Texaco zu einer Zahlung von mehr als 10,5 Milliarden Dollar.
Den schlagartigen Verlust einer solchen Summe hätte selbst ein Weltunternehmen wie Texaco nicht überlebt. Der vom Staat New York aus geleitete Konzern mobilisierte Heerscharen von Juristen, die für die Rücknahme oder Milderung des Urteilsspruchs kämpften.
Doch der Versuch, das Verfahren von der Pennzoil-Heimat Texas ins Texaco-Terrain New York zu verlagern, scheiterte. Der Oberste Gerichtshof in Washington hob einen für Texaco günstigen Spruch eines New Yorker Richters auf, weil der nicht befugt sei, die texanische Justiz zu korrigieren.
In Texas aber hatte der Riese trotz seines Namens (Texaco war einst in Texas gegründet worden) schlechte Karten. Selbst die Enthüllung, Richter Casseb habe von einem Pennzoil-Anwalt einmal eine Wahlkampf-Spende von 10000 Dollar erhalten, machte dort keinen Eindruck.
Außergerichtliche Friedens-Verhandlungen zwischen den beiden Unternehmen kamen nicht voran. Kinnear bot zwei Milliarden Dollar, Liedtke dagegen beharrte auf einer Forderung von 4,1 Milliarden Dollar.
Im April dieses Jahres schließlich flüchtete sich Texaco in ein gerichtliches Vergleichs-Verfahren. Um die Beschlagnahme von Raffinerien, Tankern oder Förderanlagen durch Pennzoil zu verhindern, stellte sich der Konzern unter den Schutz des Konkursrechts.
Pennzoils Liedtke war nun erst einmal abgeblockt. Aber auch das Texaco-Management konnte nur noch unter erschwerten Bedingungen handeln: Das Unternehmen durfte keine Dividende mehr ausschütten, Inhaber von Texaco-Anleihen erhielten keine Zinsen mehr, und etliche andere Geschäfte bedurften der Zustimmung der Justiz.
Der Kurs der Texaco-Aktie fiel daraufhin so tief, daß Großfinanziers wie der New Yorker Carl Icahn ein gutes Geschäft witterten. Im Vertrauen darauf, daß die Texaco-Papiere nach Ende des Streits mit Pennzoil wieder steigen würden, sicherte Icahn sich die Kontrolle über 12,3 Prozent der Aktien. Überdies stieg er mit einem Anteil von zwei Prozent bei Pennzoil ein.
Dann drängte Icahn die Kampfhähne Kinnear und Liedtke zum Friedensschluß. Der fiel insbesondere Kinnear schwer; denn Texaco muß nun wohl einen Teil des Konzerns verkaufen, um die Milliarden für Pennzoil aufbringen und um aufgelaufene Schulden von 2,5 Milliarden Dollar tilgen zu können.
Wie riesig die Summe von drei Milliarden Dollar ist, über die Pennzoil nun verfügen kann, stellten die fixen Rechner des "Wall Street Journal" anschaulich dar: Würde Liedtke sich das Geld in Hundert-Dollar-Scheinen auszahlen lassen und in seiner Arbeitszeit nachzählen, wäre der jetzt 66jährige noch an seinem 70. Geburtstag nicht damit fertig.

DER SPIEGEL 53/1987
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