11.04.1988

„Gestört und seelisch tot“

Gewalt und Gefühlsarmut verändern das Klima an den Schulen Mit Radau, Aggressivität und Clownerien machen Schüler den Unterricht zur Farce, gestört wird ohne System, Sinn und Verstand. Den Kindern des Fernseh-Zeitalters, klagen die Lehrer, fehle es an „innerer Disziplin“. Pädagogen sprechen von einer „epochalen Wende in der Schulgeschichte“. *
Vor dem Klassenzimmer der 4a drängeln sich die Schüler, zwei fallen im Gewusel über einen an der Tür abgelegten Ranzen, "die anderen 18 schieben und drücken von hinten".
Michael und Thomas "haben sofort Streit", boxen und schubsen sich. Andrea wischt mit dem Ranzen Tanjas Buntstifte vom Tisch. Tanja besteht darauf, daß Andrea die Stifte aufhebt, die weigert sich, "prompt wird auch da gerangelt".
Eigentlich soll der Religionsunterricht jetzt losgehen, doch in "der Mitte des Klassenzimmers liegen drei Jungen mit ihren Spielzeugautos auf dem Fußboden". Alexander holt eine Zeichnung heraus und erklärt allen sein Werk: "So sieht meine Tante aus."
Nach rund fünf Minuten herrscht das, was die Lehrerin "normale Arbeitsruhe" nennt: Einige tuscheln, andere scharren nervös mit den Füßen. Drei blättern im Buch einfach weiter, manche klappern mit dem Lineal.
"Plötzlich", so protokolliert sie weiter, "fängt Mike an, mit einem Plastikhubschraube zu spielen, dazu pfeift er schrill, er wird ermahnt, wir lesen sechs Sätze, bis plötzlich allgemeines Gekicher ausbricht: Dieter hat sich ein Vampir-Gebiß in den Mund geschoben und grinst mich breit an. Ich bin sauer, muß trotzdem lachen. Schon bricht Tumult aus. Ich schreie: ''Jetzt reicht''s! Habt euch genug amüsiert! Setzt euch hin!''"
"Dann nimmt Bernd Luise die neue Mütze weg, setzt sie auf und rennt durch die Klasse, Luise hinterher, alle lachen. Als Bernd bei mir vorbeiläuft, nehme ich ihm die Mütze weg, gebe sie Luise, die geht schimpfend an ihren Platz zurück. Ich lasse zu Ende lesen, dann dürfen sie gehen, zwei Minuten bevor es klingelt."
Karin Mühlfried, 47, die seit 20 Jahren an einer Haupt- und Realschule in Hamburg unterrichtet, hat eine "gewöhnliche Schulstunde" hinter sich. "Früher", sagt sie, habe sie "vielleicht zwei, drei unruhige Fälle gehabt", heute sei "die Hälfte der Schüler undiszipliniert". Sie pfeifen, singen, reden dazwischen und "merken es selbst nicht einmal".
Im Geschichtsunterricht einer Münchner Hauptschule fällt ein Fünftkläßler ohne jeden Grund und mit lautem Knall vom Stuhl. "So was", berichtet die Lehrerin Elisabeth Beierle, "passiert immer wieder, die Kinder haben sich körperlich einfach nicht mehr unter Kontrolle."
"Gerade unsere Kleinen", bestätigt ihr Stuttgarter Kollege Gerhard Schweigert, "streiten viel mehr als früher. Sie treten sich gegenseitig mit den Füßen, traktieren ihre Kameraden mit Karate-Schlägen oder lassen plötzlich das gestreckte Bein vorschnellen."
"Ganz schlimm sind die Montage", klagt Rektor Erich Braun aus dem niedersächsischen Berenbostel. Den Kindern sei "deutlich anzumerken", daß sie am Wochenende "zuviel Fernsehen und zuwenig Bewegung" gehabt haben. Sie spielen "die heißesten Szenen aus den Action-Filmen noch mal nach". An Montagen, so auch die Erfahrung des Sonderschullehrers Othmar Dörendahl aus dem rheinischen Erkelenz, "haben wir doppelt so viele Schlägereien wie an anderen Tagen".
Der Düsseldorfer Hauptschullehrer Harald Terhaag, der einen Schüler der siebten Klasse auffordert, einer Kollegin das Zuspätkommen zu erklären, bekommt zu hören: "Die ist doch sowieso beknackt. Die hat einen Riß in der Schüssel. Die tritt ich in den Arsch."
Auf den Buchener Sonderpädagogen Volker Schwender geht ein 15jähriger mit gezücktem Kuli los, um ihm "das Ding ins Fleisch zu rammen". Der Schüler hat sich auf drei zusammengestellten Stühlen von "nächtlichen Streifzügen" erholt und ist von Schwender aus dem Tiefschlaf geholt worden.
Ein Rektor einer Stuttgarter Realschule muß zweimal im Monat nach Schülerschlägereien den Notarzt rufen, in Hannover muß sich eine Gesamtschullehrerin von einem Zehnjährigen sagen lassen, sie solle sich "doch von ihrem Freund mal wieder bumsen" lassen, dann würde sie schon wieder ruhiger - Tollhaus Schule.
"Was sich Lehrer an unseren Schulen an verbalen Angriffen, an Drohungen und Beschimpfungen gefallen lassen müssen", weiß der Münchner Erziehungswissenschaftler Otto Speck, "ist für Außenstehende kaum noch tolerierbar." Doch "Unterrichtsstörungen", wie der gängige Fachbegriff verharmlosend heißt, sind mehr als nur Krawall und Randale: Gestört wird mehr beiläufig, ohne System, Sinn und Verstand.
Bei den Schülern, da sind sich Lehrer, Eltern und Psychologen einig, sinkt die Fähigkeit zur Konzentration, steigt die Angriffslust, fehlen die Geduld und die Lernbereitschaft, erlahmt das Interesse am Unterricht. In Umfragen bestätigen Pädagogen bundesweit, daß Krawalle und Clownerien, Aggression und Apathie in den Klassenzimmern kräftig zunehmen. "Ich habe nie geahnt", gesteht die Sozialpädagogin Barbara Völker aus
Hannover, "daß Kinder schon so kaputt sein können."
Wächst da eine besonders renitente Generation heran? Ist der Schulunterricht aus den Fugen geraten? Haben es die Lehrer mit einer neuen Zivilisationskrankheit zu tun? Der pädagogische Fachverlag Friedrich hat dem Thema ein Jahresheft gewidmet. _("Unterrichtsstörungen - Dokumentation, ) _(Entzifferung, produktives Gestalten". ) _(Herausgegeben vom Friedrich Verlag, ) _(Seelz; Jahresheft V, 1987. ) Und zum Kongreß "Disziplinkonflikte und Verhaltensstörungen in der Schule", der im Mai in Hamburg veranstaltet wird, haben sich bereits tausend Erzieher angemeldet. Sie alle wollen ein Phänomen ergründen, das der Sonderpädagoge Professor Herbert Goetze als "epochale Wende in der Schulgeschichte" einstuft.
Vor allem in den Ballungszentren, so Goetze, werde das Unterrichten allmählich "zur Qual". Sonderschulen in Wohngebieten mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen und Ausländern seien "geradezu hoffnungslose Fälle". Selbst in den einst ruhigen ländlichen Gymnasien herrsche schon "leichter Gegenwind, der von Tag zu Tag auffrischt".
Dieter Spichal, seit 1983 Leiter der Gesamtschule Bielefeld-Stieghorst, sieht die Unterrichtsstörungen "seit vier bis fünf Jahren zunehmen". Die "mangelnde Konzentration, starke Motorik, fehlende Stabilität der Schülerpersönlichkeit, die Verweigerungshaltungen und die Aggressionen", so seine Beobachtung,
"gehören heute zum Alltagsbild der Schule".
Die Stimmung in den Klassen ist gereizt, der Umgangston rüde. Mit den lustigen Pennälerstreichen aus Erich Kästners "Fliegendem Klassenzimmer" haben die Störungen nur noch wenig oder gar nichts mehr zu tun. Weder die harmlos-freche Schlagfertigkeit des "Feuerzangenbowlen"-Primaners Johann Pfeiffer ("Met einem oder met zwei äff?" "Mit drei, Herr Professor") noch die groben Lehrer-Lämpel-Scherze der Knaben Max und Moritz sind heutzutage angesagt.
Früher, erinnert sich die hannoversche Schulrektorin Karin Nowack, seien selbst Störenfriede "eigentlich ganz fröhliche Ruff-Buff-Typen" gewesen. Heute hat sie es zunehmend mit "psychisch gestörten Kindern" zu tun, die "überhaupt kein Urteil mehr haben über ihre Handlungen".
Nach einer Untersuchung des Mainzer Pädagogik-Professors Hans Bach, der 1984 alle 1527 Schulen in Rheinland-Pfalz zu "Verhaltensauffälligkeiten" ihrer Schüler befragte, sind Haupt- und Sonderschüler, zumal in Großstädten, besonders anfällig für Aggressionen. In Mammutschulen mit mehr als 800 Schülern werden bis zu viermal so viele Störungen registriert wie in kleineren. Lehrer bis 24 wie auch solche über 60 sind bevorzugt Opfer renitenter Schüler.
Die Bandbreite dessen, was Pädagogen als störend empfinden, ist groß: Sie reicht von Unaufmerksamkeit und Konzentrationsmängeln über Lernschwierigkeiten bis hin zu Wutausbrüchen, Tätlichkeiten und Zerstörungen des Schulmobiliars. Etwa ein Viertel aller Schüler, so eine verbreitete Schätzung, verhält sich im Unterricht störend-aggressiv.
Weitere 22 Prozent der Schüler, bilanziert Bach, lähmen den Unterricht durch "Unkonzentriertheit", 16 Prozent durch "Faulheit". 15 Prozent zeigen "motorische Unruhe", und immerhin 14 Prozent bekunden "mangelndes Interesse". Irgend etwas hat sich im Schulklima ganz wesentlich verändert. Alle Beteiligten wissen das - und selten mehr.
Ein konstant hoher Lärmpegel, Irritation statt Konzentration, Desinteresse am Lernen - das alles nährt den Verdacht mancher Soziologen, daß es sich um einen Umbruch des Schulklimas handelt, um einen kulturellen Wandel von Kindheit und Jugend.
Der Amerikaner Neil Postman erklärt die mangelhafte Schuldisziplin mit dem enormen Ansehensverlust der Erwachsenen: In einer Welt der Gewalt und Gefühlsarmut habe das "Erwachsenenalter viel von seiner Autorität und seiner Aura verloren", und die "Idee des Respekts gegenüber Älteren" wirke für die meisten Heranwachsenden "schon fast lächerlich".
Der Verfall herkömmlicher sozialer Strukturen, der Verlust fester Wertvorstellungen, Konsumrausch statt Selbstentfaltung - alles, was Kulturkritikern zum Zustand der Industriegesellschaft eingefallen ist, wird auch zur Erklärung des Erziehungsnotstandes herangezogen. Und nicht zuletzt: das Fernsehen.
Immer am Montag, berichtet der Stuttgarter Hauptschulrektor Schweigert, "wird angegeben und geprotzt, was man am Wochenende alles gesehen hat". Die Schüler seien vom TV- und Videokonsum noch derart benommen, daß den Lehrern "in den ersten Stunden oft nichts anderes übrig" bleibe, "als das Gesehene aufzugreifen und aufzuarbeiten".
Bis zum 15. Lebensjahr sieht ein junger Bundesbürger rund 16 000 Stunden fern. Und der Videoboom heizt die Zerstreuung erst noch richtig an. Unter den 450 Schülern einer Neusser Hauptschule, ergab eine Umfrage, sehen bereits 40 Prozent der elfjährigen und gar 70 Prozent der 14jährigen Jungen und Mädchen regelmäßig Videos, vor allem brutale Krimis, Horrorstreifen und Sexfilme.
Die Wirkung ist fatal. Lachend gesteht die elfjährige Sandra aus dem hannoverschen Laatzen, daß sie kürzlich das Verbot ihrer Eltern mißachtet und "heimlich ein Horror-Video" angeschaut habe. Nachts sei sie dann "schreiend aufgewacht" und am nächstens Morgen in der Schule "gar nicht mehr richtig wach geworden".
"Das Leben rauscht an denen vorbei", meint der Hamburger Schulpsychologe Hajo Sassenscheidt, dauerlaufende Fernseher führten dazu, daß "bei den Jugendlichen keine Auseinandersetzung mehr mit der Umwelt stattfindet". Der inflationäre Medienkonsum schafft eine ganz neue Wahrnehmungsform, und alles, was dieser Wahrnehmung "nicht ins Bild paßt", wird gestört.
Postman hält denn auch die TV-Wirkung für verheerend. Fernsehen sei ein "eher isolierendes Erlebnis", es erschwere die "Ausbildung des Bewußtseins von sozialem Zusammenhalt". Das atemberaubende Tempo der brutalen und katastrophalen Ereignisse, die in den TV-Nachrichten über den Bildschirm ziehen, mache es für die kindlichen und jugendlichen Zuschauer nahezu unmöglich, noch "Gedanken" und "Gefühle" zu entwickeln, also "normale menschliche Reaktionen".
Dank Video können auch Kinder indizierte Pornofilme anschauen. Schon Zwölfjährige greifen ihren Mitschülerinnen an die Brüste und zwischen die Beine. Vor allem Lehrerinnen müssen sich zuweilen entwürdigende Verbalattacken gefallen lassen: "Du Nutte", "du alte Kuhvotze" werden sie beschimpft, oder schlicht "Darauf hol'' ich mirdoch einen runter".
Vielfach spiegelt sich in der Schulmisere auch häusliches Elend wider. Jeder zehnte Schüler kommt aus einer gescheiterten Ehe. Elternstreit und Vernachlässigung belasten Kinder psychisch bis zur Lernunfähigkeit.
Von 9,5 Millionen westdeutschen Schulkindern kommen 1,3 Millionen aus Familien, die unter Langzeitarbeitslosigkeit leiden. Rund 300 000 Schulpflichtige müssen nebenher arbeiten, umdas Einkommen der Eltern aufzubessern.
Viele Schüler schwänzen oder machen krank, wenn Schulausflüge geplant sind,die zusätzlich Geld kosten. Das große Heer der von der "Neuen Armut" betroffenen Schüler, meint Albin Dannhäuser, der Präsident des Bayerischen Lehrerverbandes, sei "besonders konfliktbeladen und emotional überlastet".
Zerrüttete Ehen, fehlende Betreuung und Mißhandlungen durch die Eltern belasten vor allem Kinder im Grundschulalter - mit Folgen, wie sie jeder Lehrer kennt: Ängste, Wutausbrüche und Lernstörungen. Nur in jedem zehnten Fall, behauptet der Tübinger Kinderpsychiater Reinhard Lempp, seien Lernstörungen durch Intelligenzmängel verursacht. "In meiner achten Hauptschulklasse", berichtet der Friedberger Lehrer Gernot Lang, "sind von den 21 Schülern die meisten verhaltensgestört." Vom Elternhaus komme "keine positive Unterstützung", zumal Mutter und Vater oft beide berufstätig seien: "Die Kinder sind ab mittags alleine."
Neben den verwahrlosten Kindern aus Unterschichtfamilien fallen, in den letzten Jahren verstärkt, aber auch die "Wohlstandsverwahrlosten" als Störer aufjene Kinder, die aus äußerlich intakten Familien kommen und mit allen Insignien des Mittelstands-Prunks ausgestattet sind: teure Kleidung, Elektronikspielzeug und Heimcomputer. Doch in ihren vollgestopften Kinderzimmern sind die Luxus-Sprößlinge der "deprimierenden Einsamkeit mit lauter toten Gegenständen" überlassen, so Karin Nowack, Leiterin der "Schule auf der Bult" in Hannover, wo sich 60 Lehrer, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter in einem Modellversuch um 220 "Verhaltensgestörte" kümmern.
Den Schülern, die an anderen Schulen ausgesondert wurden, fehlt es nicht an _("Eine unangenehme Bekanntschaft", ) _(Holzschnitt nach einer Zeichnung von ) _(Theodor Hosemann. )
Intelligenz, sie sind "gemeinschaftsunfähig", machen mit ihren Eigenheiten sich und anderen das Leben schwer.
Da gibt es die Ängstlichen wie Martin, der den ganzen Vormittag den Kopf auf den Tisch legt und am Daumen nuckelt. Will die Lehrerin etwas von ihm hören, muß sie schon ihr Ohr ganz dicht an seinen Mund halten. Martin wagt sich in der Pause nicht auf den Schulhof - "einfach aus Angst", so seine Lehrerin, "vor dem ganzen Leben".
Ein anderer, Roger, hält sich die Ohren zu, wenn einer etwas von ihm will. Er macht "zwanghaft dicht", das hat er sich zu Hause so antrainiert, wenn seine Eltern ihn mit "Diskussionen" drangsalieren, die den Jungen überfordern.
Oder es gibt Krawallis wie Ralf, zwölf Jahre alt, der alle Hefte, Arbeitsbögen und Bücher zerfetzt, die ihm vorgelegt werden. Die Lehrer halten das für eine "aggressive, krasse Form von Arbeitsverweigerung", sehen die "Quelle im Elternhaus". Ralfs Vater, erklärt die Lehrerin, habe den Jungen mit Leistungsanforderungen "total überfordert", er hätte "lieber einen 20jährigen Abiturienten zeugen sollen".
Auf "ungezügelte Aggressionen", die "völlig ohne Kontrolle" über die Kinder kommen, folgen "vollendete Fassungslosigkeit und Bestürzung" über das eigene Verhalten, nicht selten Suizidabsichten. "Die haben sich nicht im Griff", sagt Rektorin Nowack, "das sind alles entmutigte, zerfallene kleine Persönlichkeiten." Ihr Fazit: Es gebe zwar insgesamt weniger Kinder, dafür aber "immer mehr gestörte und seelisch tote Schüler".
In den höheren Jahrgangsstufen der Sonder- und Hauptschulen macht sich vor allem die Aussicht auf baldige Arbeitslosigkeit negativ bemerkbar: "Das sind die schlimmsten Störungen überhaupt", beobachtet der Berliner Pädagogik-Professor Rainer Winkel, "die wissen nicht, warum sie eigentlich lernen sollen, also wird wenigstens Zoff gemacht."
An allen Schulen, auch an den weiterführenden, mangelt es den Schülern an einfachen Grundfertigkeiten: Gedächtnis, Ausdauer, Einfühlungsvermögen sind zuweilen erschreckend schwach ausgeprägt. Oder, wie es ältere Lehrer gern ausdrücken: Den Schülern fehlt die "innere Disziplin", also die feste Ordnung der Gedanken und Gefühle.
Sie reagieren zeit- und vor allem mediengemäß: auf Abwechslung und auf Kurzweil bedacht. Der hannoversche Erziehungswissenschaftler Professor Thomas Ziehe unterscheidet bei Schülern Wahrnehmungsformen, die sich im Jargon definieren: *___"Reinziehen" heißt, etwas "in sich eindringen lassen", ____ohne es zu hinterfragen oder ihm zu widerstehen. *___"Kanal wechseln" ist immer dann angesagt, wenn eine ____Situation den "Reiz des Neuen zu verlieren beginnt", ____eine Schulstunde von 45 Minuten verlangt viele ____"Kanalwechsel". *___Gleichzeitigkeit bedeutet, daß "nicht einer reden" ____soll. Vielmehr: "Da darf man währenddessen Musik hören, ____etwas essen oder trinken und herumspielen."
Diese "Organisationsform der Sinne", meint Ziehe, stürze jeden Lehrer in ein Dilemma: Entweder werde er zum "Entertainer, der ein Feuerwerk nach dem anderen abbrennt", oder er müsse mit "Hibbeligkeit und Quirligkeit" rechnen, die von Sekunde zu Sekunde in "Abgeschlafftheit, Müdigkeit und Desinteresse" umschlagen können.
Langweiliger Unterricht ist denn auch die von Schülern am häufigsten genannte Störungsquelle. Die 17jährige Gymnasiastin Carolin aus Düsseldorf attestiert einer Lehrerin gar die "Ausstrahlung einer Schlaftablette", dementsprechend "unterhalten wir uns oder kommen erst gar nicht" (siehe Seite 46).
In Tagebüchern berichten Schüler von schlecht vorbereiteten oder ungerechten Lehrern, von monotoner Paukerei und endloser Textinterpretation. Zwischenrufe, Kabbeleien und regelmäßig dudelnde Quarzuhren gelten als willkommene Abwechslung im eintönigen Stundenverlauf - Tanja, eine 16jährige Hauptschülerin aus Friedberg: "Der Krach in der Klasse stört mich nur, wenn ich nicht mitmache. Also mache ich mit."
An Realschulen und Gymnasien wird vielfach durch Desinteresse und Abwesenheit gestört. Die reizüberflutete Umwelt verleitet zu zahlreichen außerschulischen Aktivitäten, die viele Schüler weitaus wichtiger nehmen als das trockene, vermeintlich überflüssige Schulpensum.
Als äußerst lästige Begleiterscheinung empfindet der Düsseldorfer Studienrat Günter Reibel das Auto, das inzwischen zur Primaner-Grundausstattung gehört: "Weil sie Fahrschule haben, schwänzen sie den Unterricht, und weil der Führerschein heute mehr Zeit als früher beansprucht, schwänzen sie oft. Haben sie ihn schließlich, jobben sie fürs Benzingeld in der Pizzeria - und opfern dafür die Hausaufgaben."
Manche Pädagogen flüchten sich angesichts solcher Zustände in schulhistorische Exkurse und in die ewig gültige Erkenntnis, daß "alles schon mal dagewesen" sei. Als besonders erhellend gilt beispielsweise der Entwurf einer Schulordnung für ein Soester Gymnasium aus dem Jahre 1594. Schon damals war zu beklagen, daß Schüler "mutwillen und leichtfertigkeit treiben mit schwetzen, karten, wurffeln", daß sie während des Schulgottesdienstes "zur einen kirchthuer ein, zur andern stracks wieder hinaus lauffen und sich lieber im brandtenweinskruge finden" und daß sie "dolche,
bley oder eisern kugeln bey sich tragen" sowie "mit waffen und wehren auff den gassen gehen".
Freilich, wenn damals halbwüchsige Sprößlinge des wohlhabenden Bürgertums gegen die noch ziemlich neue und fremdartig anmutende Idee eines geregelten Schulwesens protestierten, so unterschied sich das doch wesentlich von der Auflehnung, die später mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht einsetzte. Erst der strengen Schulzucht des späten 19. Jahrhunderts gelang es, solche Störungen zu unterdrücken.
Autoritäre und nicht selten launenhafte Oberlehrer drangsalierten die ihnen anvertrauten Schüler bis zum widerspruchslosen Konformismus. Die Methode schien unfehlbar: Alle sechs Minuten, so haben Bildungshistoriker ausgerechnet, sauste der Rohrstock auf Kinderhintern und -hände nieder.
Eine derartig gewaltsame Ent-Störung ist heutzutage weder diskutabel noch wirkungsvoll. Zumindest die jüngeren Lehrer in der Bundesrepublik haben erkannt, daß autoritäres Gehabe und drakonische Strafen langfristig überhaupt nichts helfen.
Gleichwohl blicken viele Kollegen sehnsüchtig in die Klassenzimmer der DDR, wo die strenge Schulzucht vergangener Epochen angeblich noch Wunder wirkt. Beim geringsten Fehlverhalten wird dort schon das "Eltern-Lehrer-Kollektiv" einberufen, und das entscheidet rigide mit Verwarnungen und Verweisen - angeleitet von einer schnell wachsenden Ratgeberliteratur, die den DDR-Pädagogen klarmacht, was sie bei "Disziplinschwierigkeiten" zu tun und zu lassen haben.
Der Papierform nach haben die Lehrer "drüben" ihre Schüler also noch im Griff. Die Wirklichkeit sehe jedoch ganz anders aus, berichtet Rainer Winkel, der kürzlich Kollegen in Ost-Berlin besuchte: "Die haben zwar nicht gerade solche Probleme wie wir in Kreuzberg, aber gestört wird auch dort."
Die "Liberalisierung" der Gesellschaft mache in der DDR "deutliche Fortschritte", "Sinnverlust" und "Irritationen" bedrängten die Heranwachsenden nicht weniger als im Westen. "Und vor allem", so Winkel, "haben die dieselben schlechten Vorbilder: Die Hau-Drauf-Konfliktlösung a la Schimanski ist auch unter DDR-Schülern beliebt."
Um eine deutsche Besonderheit handelt es sich ohnehin nicht. In den USA verüben die Schüler pro Jahr mehr als 200 000 schwere Tätlichkeiten - Opfer sind vielfach die Lehrer. In New Yorker Schulen werden im Jahresdurchschnitt 1600 Waffen kassiert. Der städtische Etat weist nicht weniger als 25 Millionen Dollar für "Sicherheitsmaßnahmen in der Schule" aus.
Nicht selten sind Alarmknöpfe am Lehrerpult angebracht, in Schulen mit besonders rabiater Schülerschaft ist Polizei stationiert. Amtlichen Untersuchungen
zufolge vermeidet jeder vierte amerikanische Schüler trotz aller Sicherheitsmaßnahmen den Gang zur Schultoilette, weil dort mit Attacken aggressiver Mitschüler zu rechnen ist. Und viele bleiben inzwischen ganz zu Hause: In den New Yorker High Schools schwänzt ein Drittel der Schüler regelmäßig den Unterricht.
Nicht viel anders ist es im autoritätsbewußten Japan: 2000 Schlägereien zwischen Schülern und Lehrern werden dort im Verlauf eines Jahres gezählt, rund 1000 verletzte Lehrer müssen ambulant oder stationär behandelt werden. Und jede zehnte Schulabschlußfeier läuft in Japan unter Polizeischutz ab.
Die Horrorszenen aus den USA und Japan lassen die Verhältnisse in bundesdeutschen Schulen noch als harmlose Störfälle erscheinen. Typisch für die Bundesrepublik sind weniger die spektakulären Zwischenfälle als die schiere Masse der Bagatellstörungen, die sich zu einem pädagogischen Desaster summieren.
Der nunmehr vorherrschende, "am Leitbegriff der Emanzipation" ausgerichtete Unterricht, glaubt Rainer Winkel, habe es sogar zwangsläufig "mit mehr Störungen zu tun, als die auf ''Disziplin und Fremdsteuerung''" angelegte Paukerei von ehedem.
Tatsächlich teilen alle nachsichtigen Lehrer die leidvolle Erfahrung, daß immer dann der Unterricht chaotisch verläuft, wenn die Schüler in der vorangegangenen Stunde einen besonders strengen Lehrer hatten: Das über 45 Minuten aufgestaute Stör-Potential entlädt sich danach um so heftiger.
Andererseits werden die jüngeren Lehrer von der Anpassungsbereitschaft der neuen Schülergeneration verunsichert. Der Typ des linken Schüler-Revoluzzers scheint ausgestorben, Realschüler wie Gymnasiasten agieren zumeist kritiklos und nehmen unwidersprochen hin, was ihnen vorgesetzt wird. Konsterniert stellt der Gießener Gesamtschullehrer Jens Uwe Weibel fest: "Der Typ des autoritären Lehrers, der das Denken vorgibt, kommt bei den Schülern gut an."
Selbstkritisch gesteht Weibel allerdings, die Schule habe da "etwas angeleiert, was sie nicht durchhält". Die linken Lehrer hätten antiautoritäre "offenere Umgangsformen" eingeführt, es aber nicht geschafft, "diese freiheitlichen Normen in den Unterricht zu integrieren".
Der systemkritische Anspruch der Junglehrer aus den frühen siebziger Jahren schlägt vielfach in Larmoyanz und besondere Empfindlichkeit um. Die Lehrer, meint Pädagogik-Professor Winkel, nicht mehr so "dickfellig" wie früher, seien auf Gruppenkonflikte und -störungen geradezu "geeicht".
"Zuweilen", berichtet eine Karlsruher Gymnasiallehrerin, "sitzen die Kollegen wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange - sprich: Klasse - und warten auf die nächste Störung." Für viele sei das ein Problem der eigenen Wahrnehmung. Wer derartig "auf Störfälle fixiert" sei, könne einen störungsfreien Unterricht schon "gar nicht mehr führen".
Gerade die mit so großen Illusionen in die Schulen gezogene 68er Generation zeigt sich von Unterrichtsstörungen häufig zermürbt. "Die sind so richtig schulflüchtig", amüsiert sich Winkel, "man sieht sie immer Freitag nachmittags am Airport Düsseldorf, wenn sie sich übers Wochenende nach Mallorca retten." Auf der Flucht vor dem Schulfrust, spotten Pädagogen, seien Urlaubsziele wie Gomera, Kreta oder Bali zur "Drosselgasse linker Lehrer" geworden.
Der Reformpädagoge Hartmut von Hentig kennt Schulen, "an denen ''streunende'' Lehrer - Lehrer, die sich einfach nicht in die Klasse trauen - ein fast so großes Problem sind wie streunende Schüler".
Auch der Osnabrücker Schulpsychologe Andreas Becker spricht von einem "Lehrerproblem": Die Pädagogen hätten nämlich "nirgendwo gelernt, mit schwierigen Schülern umzugehen".
Noch vor zehn Jahren, bestätigt ein Wuppertaler Studienrat, habe man im Lehrerseminar das Thema "Störungen" überhaupt nicht zur Kenntnis genommen: "Wenn eine Klasse laut sei", erinnert er sich, "sollten wir ''Ruhe bitte'' an die Tafel schreiben."
Scharf an der Wirklichkeit vorbei zielt auch die pädagogische Ratgeberliteratur: Dem genervten Lehrer wird im Störfall nur "taktvolle Gestik" oder auch das "pädagogische Gespräch" empfohlen - er möge einfach fragen, "was den Schüler veranlaßte, gerade so zu reagieren, wie er es tat oder scheinbar tun mußte."
Was aber soll der Schüler da antworten: "Ich störe, weil ich gestern zuviel Video geguckt habe"? "Ich kann mich nicht konzentrieren, weil mein Vater arbeitslos und die Stimmung zu Hause unerträglich ist"?
Die Störer selber können ihr Verhalten nur selten logisch erklären. Deswegen
wird immer wieder die gesamte Außenwelt pauschal für Unterrichtsprobleme verantwortlich gemacht - ein Verfahren, dem Hartmut von Hentig schon 1976 die provozierende These von der "Sozialpathologie der Schule" entgegensetzte.
"Schule macht krank" lautet die schlichte Formel von Hentigs. Und er belegt sie mit den klassischen Vorwürfen aus rechter wie linker Schulkritik: Das Kurssystem zerstöre die Klassenverbände, die permanente Reform beseitige jede Sicherheit, die Stoffülle überfordere die Schüler, der Leistungsdruck gebe ihnen den Rest.
Hentigs These wurde von den Lüneburger Hochschullehrern Kurt Czerwenka und Hans Schmidt gerade wieder bestätigt. Die beiden Wissenschaftler hatten 12 000 Schüler, neben Bayern und Niedersachsen auch Schweden, Engländer und Amerikaner, Aufsätze über Schule und Lehrer schreiben lassen. Ergebnis: So ungern wie der Deutsche geht kein anderer zur Schule.
Deutsche Schüler erleben ihre Schule "überwiegend als dauernde Überprüfungs- und Zensierungsinstitution, was ihnen die Freude an der Schule verdirbt". Zensuren, Zeugnisse und Leistungsdruck lasten auf deutschen Schülern "wie ein Gebirge".
In der Bundesrepublik verfehlen pro Jahr 400 000 Schüler das "Klassenziel" und bleiben sitzen. Etwa doppelt so viele stehen jeweils auf der Kippe - die Angst geht um, die wichtigste Ursache aller Unterrichtsstörungen.
Alle Reformbemühungen der letzten 20 Jahre haben das Schlagwort vom "angstfreien Lernen" in der Praxis nicht einlösen können. Nach wie vor werden 90 Prozent aller Schulstunden im eintönigen Frontalunterricht erteilt. Aufgelockerte Unterrichtsformen sind in der pädagogischen Theorie so beliebt wie in der Praxis selten. Ein umfangreiches Stoffpensum, so die gängige Entschuldigung, setze einem abwechslungsreichen Unterricht natürliche Grenzen.
Ob die "Klassendisziplin" gewahrt und "ordnungsgemäßer Unterricht" gesichert sei, beschreibt Schulpsychologe Becker das Problem, hänge "häufig von den Beurteilungsmaßstäben" des Pädagogen ab. Objektive Kriterien gebe es dafür nicht.
So werde ein an Gruppenunterricht gewöhnter Lehrer einen hohen Lärmpegel in der Klasse für "kreative Unruhe" halten, ein konservativer, an Frontalunterricht gewöhnter Kollege hingegen für eine "massive Störung". Das "auffällige Verhalten" eines Schülers verstehen einzelne Pädagogen als "individuellen Ausdruck der Schülerpersönlichkeit", andere als "Störung des Unterrichts". Becker: "Jeder Lehrer hat ein anderes Disziplinverständnis."
Die Mehrzahl der Lehrer meistert inzwischen den Schulalltag mit Kompromissen. "Nebenszenarium" heißt ein pädagogisches Zauberwort: Während im Englisch-Unterricht ein Teil der Klasse trockene Texte interpretiert, darf der Motorradfreak Gerold das Etikett der frisch erstandenen Schmieröldose studieren und Petra die neue "Brigitte" lesen. In Anbetracht der Alternative - dauernd Streit und neue Stör-Mannöver - gilt die Duldung solcher Nebenbeschäftigungen als kleineres Übel.
Diese Methode halten viele Hochschulpädagogen wie der Hamburger Professor Wilfried Schley für "grundfalsch". Er bescheinigt den Schulpraktikern ein "gestörtes Verhältnis zu Störungen". Schley versteht Unterrichtstörungen als "Signale", ja als "eigene Sprache", die es zu entziffern gelte. Schleys Übersetzungsvorschläge für Boxhiebe, Zwischenrufe und anderes: "Ich komme nicht zurecht", "ich leide", "ich muß mich wehren" und "ich brauche Hilfe".
Störungen sollen demnach nicht bekämpft oder gar unterdrückt, sondern als hilfreiche Anstöße in den Unterricht einbezogen werden. Schleys Fazit: "Störungen sind sperrig, inspirieren, verführen zum Nach-Denken und bringen Leben in die Bude."
Der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Reinhard Voß attestiert gar der ganzen Gesellschaft einen "nahezu paranoiden Zwang, Störungen aufzuspüren und zu beseitigen". Alles, was den Status quo in Frage stelle, werde als "gestört" diskriminiert.
Voß kritisiert vor allem jene Eltern, die ihren Kindern schon bei geringen Schulstörungen Medikamente verabreichen. Umfragen zufolge ist ein Drittel der Eltern dazu bereit - und das, obwohl Schul- und Kinderpsychologen vor der gesundheitsschädigenden Wirkung einer wiederholten Ent-Störung durch Psychopharmaka und Vitaminpräparate eindringlich warnen.
Häufig werden Eltern allerdings von den Schulen mehr oder weniger unverblümt gezwungen, ihre Kinder unter Drogen zu setzen - so im Fall eines hyperaktiven, also verhaltensgestörten Jungen aus Witten: "Die Dosis", berichtet die Mutter, "mußte ständig verstärkt werden, weil das Kind immer noch störte, bis es nur noch teilnahmslos dasaß und dem Unterricht so auch nicht folgen konnte."
Der Junge gehört zur stetig wachsenden Gruppe der sogenannten Phosphatis. Das sind Kinder, die extrem zappelig und reizbar sind, weil sie an einer "Minimalen Zerebralen Dysfunktion" leiden, einer Stoffwechselkrankheit des zentralen Nervensystems.
Jedes dritte Kind, das heute dem Psychiater vorgeführt wird, leidet unter Schulproblemen. Viele Eltern suchen Hilfe bei Erziehungsberatungsstellen und schulpsychologischen Diensten. Doch die können nur im Ausnahmefall helfen. In Hamburg beispielsweise hat ein Schulpsychologe im Durchschnitt 7600 Schüler zu betreuen, er kann
sich nur auf die Extremfälle konzentrieren.
Ob ein Psychotraining der Lehrer den Umgang mit gestörten und störenden Kindern erleichtert, ist unter Experten umstritten. "Psychotherapeutische Gesprächsführung und verhaltenstherapeutische Techniken", meint der Kieler PH-Professor Karlheinz Biller, "sind zwar interessant, aber in der Schulpraxis wenig hilfreich." Es sei "wirklichkeitsfremd", die zahlreichen kleinen Störungen durch einen Unterricht beseitigen zu wollen, der mit aufwendigen Psychotherapien befrachtet sei.
Eine Konstanzer Forschungsgruppe wollte genau das nicht glauben. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, entwickelte sie innerhalb eines Jahrzehnts das "Konstanzer Trainingsmodell" (KTM), eine 800 Seiten starke Psycho-Gebrauchsanweisung für den alltäglichen Schulkampf.
Das theoriebeladene Werk gehört seit dem laufenden Schuljahr zum Regelangebot der baden-württembergischen Lehrerfortbildung. Ausgiebige Praxis-Tests sollen bewiesen haben, daß KTM dem Pädagogen zu mehr Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit verhilft - Qualitäten, die im Umgang mit renitenten Zöglingen besonders gefordert, allerdings auch ohne das ebenso aufwendige wie umständliche KTM-Verfahren zu erwerben sind.
Einen ganz anderen Weg geht seit 1985 der Kreis Aachen. Von Unterrichtsstörungen geplagte Grundschullehrer können hier das "ambulante sonderpädagogische Fördersystem" in Anspruch nehmen. Verhaltensgestörte Schüler, denen die Einweisung in die Sonderschule droht, dürfen weiter zur Grundschule gehen, nur werden sie dort zusätzlich von Sonderschullehrern und Sozialpädagogen betreut.
Die Mitarbeiter der ambulanten Hilfe können die Grundschullehrer beraten und zugleich auffällige Schüler individuell fördern. Nach 12 bis 18 Monaten sind, so zeigen erste Erfahrungen, die Probleme deutlich geringer geworden.
Das erfolgreiche Modell Aachen kostet aber viel Geld, für die große Masse der kleinen alltäglichen Unterrichtsstörungen müssen andere, billigere Therapien gefunden werden.
Prävention, daran glauben viele Schulpraktiker, hilft mehr als jeder Trick aus der Psychokiste: Freundliche, große und möglichst von den Schülern selbst gestaltete Klassenräume, dazu ein Unterricht, der auf Zensuren- und Prüfungsdruck weitgehend verzichtet, und schließlich ein Lehrplan, der nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch "soziales Lernen" verlangt - das alles gehört ins ideale Vorbeugungsprogramm.
Vor allem die Großstadtschulen müssen darauf achten, ihren Schülern jene sozialen Bezüge zu ersetzen, die nur noch auf dem Lande lebendig sind. Feuerwehr, Schützen- und Sportvereine bieten ein soziales Training, das eine weit unterdurchschnittliche Quote von Unterrichtsstörungen bewirkt.
Der "offene Unterricht", wie ihn zum Beispiel Professor Herbert Goetze von der Universität Hamburg fordert, bringt die Abkehr vom "bloß intellektuellen Lernen" zugunsten "sinnlicher, körperhafter Erfahrung": Handwerkliche und geistige Arbeit stehen gleichberechtigt nebeneinander. In Projekten, die sich nicht an den starren 45-Minuten-Takt halten, können Schüler wie Lehrer den Schulspaß wiederentdecken. Entspannungübungen,
Rollenspiele und viel Sport zählen mit zu Goetzes Konzept. Und, wenn möglich, auch das "Team-Teaching": Interessierte Eltern oder, besser noch, bislang arbeitslose Pädagogen sollen dem Lehrer beistehen und bei der Betreuung kleiner Schülergruppen helfen - alles moderne Varianten der deutschen Reform-Pädagogik, die kurz nach der Jahrhundertwende entwickelt und nur in Bruchstücken verwirklicht wurde.
Davon halten konservative Lehrer und Eltern gar nichts. Sie schwören unverdrossen auf das Rezept "Autorität". Die aber, beklagte schon 1983 der damalige bayrische Kultusminister Hans Maier vehement, sei "in Schule, Staat und Gesellschaft durch Mißtrauen und Verachtung in Frage gestellt und vielfach systematisch zerstört" worden. Maier: "Ohne mehr Autorität kann die Schule nicht erziehen."
Zahlreiche Sonderpädagogen teilen diese Ansicht. Erfahrungen mit stark verhaltensgestörten Kindern zeigen, daß "Erziehung" im uneingeschränkt antiautoritären Stil regelmäßig scheitert. Die von Traumata und Neurosen geplagten Kinder verlangen nach einer klaren Trennung von Pflichten und Freiräumen, nach Grenzen, Regeln und Hilfestellungen.
Wahrscheinlich braucht Erziehung in der Schule heute beides: Liberalität und Autorität. "Die demokratische Schule", glaubt Pädagoge Winkel, "verträgt weder den Ordnungsfanatiker noch den Chaoten; Schüler brauchen weder Dogmen noch Unverbindlichkeiten, sondern Markierungen, Regeln und deren Begründungen."
Winkels Schüler können sich darauf verlassen, daß ihnen vom Lehrer hin und wieder die gelbe oder gar die rote Karte gezeigt wird - was dann heißt: "Hier ist es verboten, zu toben, zu schlagen, andere reinzulegen, zu spät zu kommen, sich danebenzubenehmen." Wer diese Warnungen nicht beachte, müsse mit "Sanktionen" rechnen, und zwar nicht, weil er als Lehrer "herrschaftslüstern" sei, "sondern weil menschliches Zusammenleben Regeln, Rituale und Referees" benötige.
Der Lehrer als Schiedsrichter - eine Rolle, die Professor Winkel in einer Kreuzberger Schule selbst schon einmal ausprobieren durfte. Einige Rückschläge blieben ihm dabei nicht erspart: Als vor seinen Augen ein Stuhl total zertrümmert wurde, fragte er verstört nach dem Sinn des bösen Tuns und erhielt vom Schuldigen die knappe Antwort: "Weeß ick doch nich!"
"Unterrichtsstörungen - Dokumentation, Entzifferung, produktives Gestalten". Herausgegeben vom Friedrich Verlag, Seelz; Jahresheft V, 1987. "Eine unangenehme Bekanntschaft", Holzschnitt nach einer Zeichnung von Theodor Hosemann.

DER SPIEGEL 15/1988
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