11.04.1988

„Gebrabbel, Lachen, unbestimmte Geschäfte“

Unterrichtsprotokolle des Kreuzberger Hauptschullehrers Jochen Köhler *
Vertretungsstunde Deutsch, 9. Klasse. Als ich reinkomme, sitzt eine große Blonde auf der Heizung. Die Jalousien sind runtergelassen. Ein Sitzenbleiber, der mich von früher kennt, ruft: "Ach, du Scheiße!", trotzdem ist's eigentlich friedlich.
Drei sitzen manierlich auf einem Sofa hinten: "Ham wer jetzt bei dem?" - "Ja, bei mir", die Schüler sollen sich nun an ihre Tische setzen.
Das tun sie nicht. Zwei, die am Tisch gesessen haben, gehen zum Sofa. Ich nicke der Blonden freundlich zu und sage, sie solle sich doch bitte an ihren Tisch setzen. Sie antwortet, während jemand zur Tür reinkommt, ihr sei kalt, und als sich der Hereingekommene auf einen Stuhl setzt, schreit sie ihn an, das sei ihr Platz. Der wiederum antwortet: "Du spinnst wohl." Ein anderer fragt: "Was machen wir heute?" Lars ruft wieder "Ach, du Scheiße!" Einer in meiner Nähe empfiehlt, man solle den Hausmeister holen, um die Jalousien hochziehen zu lassen.
Ich gehe zum Schalter und knipse die Neonlichter an. An den zu einem Kreis zusammengestellten Tischen sitzen etwa 15 bis 20 Jugendliche in pastellfarbenen, weiten Sachen oder Jeans, dazwischen auch Mädchen mit türkischen Kopftüchern. Kaum auf meinem Platz, geht das Licht wieder aus.
Der Junge, der es ausgeknipst hat, schlendert in Turnschuhen und Jogginghosen zum hinteren Platz zurück, alle Schüler sehen zu ihm hin. Für einen Augenblick ist es still, es geschieht nichts.
Wieder knipse ich das Licht an und frage, ob jemand wisse, was ein Filmexpose sei. Der Inhalt eines Films, den wir uns gemeinsam ausdächten, solle aufgeschrieben werden, nur die Handlung, knapp. Sofort allgemeines Palaver: Sie seien Filmstars; der und der sei natürlich Rambo; ein Porno müsse gedreht werden. Ich entgegne, es gehe erst mal ums Aufschreiben, und male das Wort "Expose" an die Tafel, dabei prallt ein Tennisball an die Wand. Zwei Sekunden später fällt ein Schüler vom Stuhl: Alle grölen, und der Hingefallene klettert theatralisch umständlich wieder auf seinen Platz.
Als ich blöderweise die Blonde noch einmal anspreche, sie solle sich doch endlich hinsetzen, schreit sie mich an, ob ich taub sei, ihr sei kalt.
Alles Weitere geht wie am Schnürchen. Einen Schüler werfe ich wegen irgend etwas raus, er soll sich beim Rektor melden. Eine Türkin ruft: "Leise, leise!", eine andere macht sich über sie her, beschimpft sie ganz unverschämt und will damit nicht aufhören. Worauf ich mit dem Schreihals zur Tür hinausgehe und den anderen, der dort grinsend herumsteht, gleich mit ins Rektorzimmer nehme. Es ist aber nur die Sekretärin unten. Also muß die Bestrafung improvisiert werden, und unter peinlichem Geschrei verlange ich von beiden, die Inhalte der zuletzt betrachteten Fernsehfilme aufzuschreiben. Frage: "Wie lang?" - "So lange, bis es klingelt!"
In der Zwischenzeit sind zwei Schülerinnen aus dem Klassenzimmer heruntergekommen und berichten, oben seien sie so frech, der Rektor solle hochkommen. Atemlos im dritten Stock wieder angekommen, ist mir jetzt heiß, ich öffne ein Fenster und muß sprachlos mit ansehen, wie ein Schüler es wieder schließt. Danach fängt er ein Geschrei mit mir darüber an, wie kalt oder wie heiß es sei. Meine Antwort ist nur noch Gebrüll: "Was für eine Unverschämtheit", warum sie sich nicht benehmen können, ich sei "auch nur ein Mensch". Dann fängt auch die Blonde an zu schreien, für mich nicht zu verstehen, weil mehrere rumbrüllen und mir die Ohren schon voll sind vom eigenen Geschrei.
Als in einer Atempause die Blonde schließlich sagt: "Mann, jetzt wird mir richtig warm", und sich lachend an den Tisch setzt, platzt mir der Kragen, und ich gehe einfach raus. Bei der Sekretärin gibt's einen Kaffee, während ich die Zettel der beiden aus der Klasse verwiesenen Schüler einsammele. Der Junge hat Pornofilme beschrieben. Einer heißt: "Die Fickinger". Demnach hätten die alle, "die ihnen auf dem Meer begegneten, vergenußferkelt".
Doppelstunde Weltkunde, 10. Klasse. Wir lesen ein Kapitel aus Neil Postmans "Wir amüsieren uns zu Tode". In der letzten Zeit gab es Konferenzen und Elterngespräche zur Disziplinierung der Klasse, Strafen wurden angedroht. Heute herrscht eine gespannte Atmosphäre. Zehn Schüler holen den Ordner mit den Texten aus den Taschen. Einige haben ihn nicht dabei, anderen fehlen einzelne Seiten. Sie kriegen von mir, was sie brauchen: "Kann jemand wiederholen, was wir das letzte Mal besprochen haben?" Eine heftige Wortmeldung: Klaus will aber nur sagen, daß er auch kein Blatt habe. Also schnell ins Lehrerzimmer nebenan und noch eines kopieren.
Zurück, stehen sie wieder alle im Raum herum. Diesmal folgen sie meiner Bitte und setzen sich sofort. Ich frage erneut, was wir beim letzten Mal besprochen haben, und wiederhole selbst, weil sich niemand meldet. Denn gerade, wenn äußerlich alles in Ordnung ist, verhindern komplizierte Schamgefühle,
daß jemand den Anfang macht, daß ein Gespräch oder eine Gruppenarbeit in Gang kommt.
Ich will unbedingt den Anfang retten, aber da kommen die Mädchen rein, die sich vom Sport verspätet haben, prusten, als wenn sie gerannt wären, setzen sich allerdings gleich und nehmen die Texte vor. Also kein großes Theater machen, weiterreden. Da beschwert sich einer: "Und bei denen sagen Sie nichts!" Während ich ihn energisch anfahre, gibt es gleichzeitig an zwei, drei anderen Orten Gebrabbel, Lachen und unbestimmte Geschäfte.
Es ist aber doch irgendwie Arbeit entstanden: "Bitte sei leise, bitte mach weiter, bitte hör zu, bitte hör damit jetzt auf" - dazwischen ackern sich alle mühsam von Satz zu Satz, einige sagen sogar was, man kann zufrieden sein: "Das hast du genau richtig formuliert, jawoll, so ist es richtig wiedergegeben, das schaffst du, ihr seid ja Klasse, hört mal alle her, was Michael aufgeschrieben hat!"
Dann passiert wieder was, und einige rufen, man solle die vom vorderen Gruppentisch rausschmeißen, dann wäre endlich Ruhe. Dort sitzen lauter starke Jungs. Die haben's jetzt drauf, daß sie alles zu "kindisch" finden, und die Mädchen seien zu blöde. Dann spielen sie Spielchen, die einen zum Ausrasten bringen sollen. Als ich sie ermahne, geht's erst richtig los: "Der war's!" - "Nein, der, ich schwöre!" - "Der hat Kameltreiber zu mir gesagt!" - "Du bist ein Jude!" - "Nuretin ist ein Kurde, das stimmt doch, Herr Köhler, oder?" - "Araber, sei still!" ... Kein Grund, sich groß aufzuregen.
Plötzlich rennt Ayse auf Feysel zu wie eine Furie. Weil sie das Spielchen entweder nicht versteht oder weil sie plötzlich irgendein Elend satt hat, stellt sie sich vor ihn hin und schreit in ihrer Sprache. Ich bringe sie an ihren Platz und lasse weiterlesen.
Mit mir ist nicht mehr viel los. Nach der Mittagspause geht es noch in die türkische 10 b, Geschichte. Neben denen, die krank sind, schwänzen noch einige. Es sind nur Mädchen anwesend, die müde sind wie ich. Sie wollen gern ein Antikriegsgedicht ins Türkische übertragen. Das ist zwar kaum zu kontrollieren, aber wegen der sprachlichen Übung scheint es nicht sinnlos. Zwischen Chipstüten und Bonbons machen sich die Mädchen ganz eifrig an die Arbeit. Es ist richtig entspannend. Nach zehn Minuten gehen mit ziemlichem Krach plötzlich die beiden Türen des Stahlschranks auf: Hassan hat sich da drinnen die ganze Zeit klein und still gemacht, geht jetzt, ohne ein Wort zu sagen, an seinen Tisch und schlägt grinsend das Buch auf.

DER SPIEGEL 15/1988
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