11.04.1988

„Träume im Kopf, Sturm auf den Straßen“

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über Jugendrevolution und Protestbewegung der sechziger Jahre (II)
Ich stand an dieser Stelle, als der Schuß fiel. Ich habe gesehen, wie eine Schar von sechs bis acht Polizisten auf den Studenten eindrang, wie er mit Knüppeln bearbeitet wurde, wie er wehrlos und passiv in dieser Traube von Polizisten hing, und dann habe ich das Mündungsfeuer der Pistole gesehen. Das Mündungsfeuer war ungefähr in Kopfhöhe. Im nächsten Moment lag der Student am Boden und rührte sich nicht - Aussage des Musikstudenten Frank Krüger über den Todesschuß auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967.
Wer Terror produziert, muß Härte in Kauf nehmen - Das Springerblatt "BZ" am 3. Juni 1967.
Für Benno Ohnesorg, 26 Jahre, Philologiestudent vor dem Abschluß, Ehemann und angehender Vater, ist es die erste Straßendemonstration. Er hat ein kritisches Buch darüber gelesen, wie grausam es unter dem von der deutschen Regenbogenpresse gefeierten "kaiserlichen Paar" in Persien tatsächlich zugeht. Deshalb will er mitprotestieren gegen die untertänige Ehrerbietung, mit der die bundesdeutschen Politiker - der Bundeskanzler heißt Kiesinger, Außenminister ist Willy Brandt, Bundespräsident Heinrich Lübke - den Schah und späteren Krupp-Großaktionär Resa Pahlewi nebst Gemahlin als Staatsgäste empfangen.
Während drinnen in der Deutschen Oper dem Pfau vom Pfauenthron und seiner Gattin Farah Diba die "Zauberflöte" vorgespielt wird, stürmen Polizisten an diesem noch hellen, warmen Abend mit gezogenen Schlagstöcken auf die Demonstranten los, prügeln sie auseinander und machen Jagd auf die Flüchtenden. Daß ein Kriminalbeamter namens Kurras dabei die Dienstpistole gezogen und einem unbescholtenen Bürgersohn, Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde, eine Kugel in den Hinterkopf gefeuert hat - diese Nachricht trifft einen großen Teil der jungen Generation wie ein Knüppelhieb.
Die vielen Abseitsstehenden, die mit den marxistischen Thesen der linken Akteure wenig anzufangen wissen, werden von dem Todesschuß wachgeschockt. Theoriebegriffe wie "Repression" oder "Entfremdung" sagen diesen jungen Leuten nichts. Aber der auf einem Auto-Abstellplatz sterbende Student, dem eine verstörte junge Frau sanft den Kopf hält - dieser Anblick ergreift und empört sie.
Sie mögen nicht recht an den wiedergeborenen Sozialismus glauben, den Rudi Dutschke predigt. Aber sie können erkennen, daß die Springer-Blätter weder Lüge noch Verdrehung scheuen, um die widersetzlichen Studenten zu Haßobjekten für die Bevölkerung herzurichten. Auf einmal wird das böse Rätsel der Vergangenheit ein wenig durchsichtiger für die Jungen; sie bekommen eine Ahnung, wie das gewesen sein muß, als in Deutschland, vor 1933 und danach, unablässig gegen eine Minderheit gehetzt worden ist: gegen die Juden.
Viele bis dahin gleichgültige Studenten drängt es nach Ohnesorgs Tod, Partei zu ergreifen - und zwar anders als einst ihre Eltern. Soziologe Detlev Claussen, Mitglied der radikalen Avantgarde beim "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS), erinnert sich: "Du bist am Morgen nach Ohnesorgs Erschießung aufgewacht, und es sind plötzlich ganz viele Menschen ... die du noch nie gesehen hast, da ... das hat auch irgendwo diesen euphorischen Funken gesetzt." Erst von da an, meint Claussen, könne man wirklich von einer studentischen "Bewegung" in Westdeutschland sprechen.
Denn immer mehr Studenten und Schüler kamen in jenem Sommer zu dem Schluß, daß die Radikalen vom SDS recht hatten. Bewies nicht der Fall Ohnesorg, daß der Staat auf Gewalt beruhte statt auf Demokratie und Recht? Steckte in einer Polizei, die Wehrlose bewußtlos schlägt und sogar tötet, nicht die Brutalität der Diktatur? Und was war das für eine Justiz, die den Todesschützen Kurras nach seiner Tat frei herumlaufen ließ und ihn dann sogar vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freisprach?
Die Politiker sahen den "Charaktermasken" immer ähnlicher, von denen die SDSler sprachen - nur Berlins Regierender Bürgermeister Heinrich Albertz, Pastor von Haus aus, wurde nach Ohnesorgs Tod erleuchtet und bekehrt wie einst Saulus auf dem Weg nach Damaskus: Er trat drei Monate später von seinem Amt zurück und entwickelte sich zum linkschristlichen Mahner wider den Hochmut der Politikerkaste, die in Bonn gerade eine ebenso burleske wie bedrohliche Vorstellung gab.
Die großen Parteien herrschten seit 1966 gemeinsam und faktisch ohne Opposition: CDU/CSU und eine auf CDU-Kurs eingeschwenkte SPD Arm in Arm als "Große Koalition" mit dem Kanzler Kurt Georg Kiesinger, den Heinrich Böll für "untragbar und unerträglich" hielt, weil er der Nazipartei angehört hatte und im Außenministerium für Rundfunk-Propaganda zuständig war. Diesem Mann im Silberhaar zur Seite standen der ehemalige Widerstandskämpfer Willy Brandt und Franz Josef Strauß: eine Regierung der verlogenen Versöhnung und unverhüllten Opportunität. In suspekter vaterländischer Eintracht hatte sie sich vorgenommen, verfassungsändernde Gesetze für den Fall eines nationalen Notstands zu schaffen.
Da brauchte man nicht, wie es Kiesinger einmal tat, "irrationale, ja dämonische Kräfte" zu bemühen, um zu begreifen, warum sich im Land eine radikale außerparlamentarische Opposition erhob, "Apo" genannt. Enttäuschte SPD-Genossen, linke Intellektuelle, Gewerkschafter und Gewerkschaftsjugend verbanden sich in ihr mit den politischen Studenten. Das Protestpotential an den Universitäten wuchs. Um so dringender wurde die Frage, was damit geschehen sollte. Denn immer nur polizeilich genehmigte Umzüge zu veranstalten und Plakate durch die Gegend zu tragen, das war den Vorreitern der Auflehnung nicht mehr genug.
Ein Mädchen stellte sich vor einen der Soldaten. "Warum, warum nur?" fragte sie. "Wir sind wie ihr. Ihr seid wie wir. Die dort sind schuld", sagte sie und zeigte auf das Pentagon. Sie legte zwei Finger auf ihren Mund, küßte sie und berührte damit die Lippen des Soldaten.
Vier andere Soldaten packten sie und schleppten sie fort zu den anderen Festgenommenen. Der Soldat, mit dem sie gesprochen hatte, versuchte seinen Kameraden zu erklären, daß das Mädchen ihm ja nicht weh tun wollte - Aus Norman Mailers Erlebnisbericht "Heere aus der Nacht".
Samstag, 21. Oktober 1967. Das Pentagon wird belagert. Wie eine riesige lebende Flickendecke, leuchtend bunt in der Herbstsonne, liegen, sitzen und stehen nahezu 40 000 Menschen vor dem ungeheuren graugelben Fünfeck des US-Verteidigungsministeriums, vor dem Bürokoloß und Nervenzentrum der amerikanischen Kriegsmaschine.
Zum erstenmal laufen die Kriegsgegner nicht einfach nur durch Washington und hören sich die immer gleichen Reden an. Zum erstenmal sind sie über den Potomac-Fluß hinweg zum Sitz des Übels gezogen, um den Managern des Todes wenigstens symbolisch auf den Leib zu rücken.
Inmitten der Menge auf den weiten Parkflächen am Potomac-Ufer steht ein Lastwagen mit einer Rockband darauf, den "Fugs". Der rotbärtige Beat-Poet Ed Sanders tritt ans Mikrophon, doch er singt nicht, rezitiert nicht, hält keine Ansprache. Er betreibt Exorzismus. Er beschwört die bösen Geister des Pentagon, um sie zu verscheuchen. Während die Fugs mit Zimbeln, Triangeln und Glocken exotische Klänge erzeugen, fleht Sanders die heidnischen Götter um Beistand an: "Im Namen von Ra, Osiris, Horos, Isis, im Namen des lebenden Universums rufen wir den Geist auf, das Pentagon aus seinem elenden Schicksal körperlich emporzuheben und bei sich zu bewahren."
Das Pentagon erhebt sich gleichwohl nicht einen Fuß hoch in die Luft; es schwebt nicht empor, wie erhofft, und wird auch nicht rosa zum Zeichen seiner Reinigung. Doch die Exorzisten lassen sich nicht beirren. "Hinaus, Dämonen, hinaus!" schreien die Fugs nun im Chor. "Zurück in die Finsternis, ihr Satansdiener - hinaus, Dämonen, hinaus!" Der Sprechgesang breitet sich aus, bis die Teufelsaustreibungsformeln aus vielen tausend Kehlen steigen. Nicht nur Ed Sanders und die Fugs glauben, der Wahnsinn in Vietnam sei vielleicht nur damit zu erklären, daß im Pentagon der Geist der Verdammnis herrscht.
Soldaten und Militärpolizisten in festgeschlossenen Reihen schützen die samstäglich ruhige Bürofestung ihrer Befehlshaber vor den Belagerern und den pazifistischen Vibrationen, die sie verbreiten. Die GIs halten ihre Gewehre mit aufgepflanztem, aber bedecktem Bajonett vor der Brust. Auf Armeslänge vor ihnen die Frauen und langhaarigen Männer, die eine äußere Absperrung durchbrochen haben und bis vor den Haupteingang vorgedrungen sind.
Eine spannungsgeladene Konfrontation über viele Stunden, sogar die Nacht hindurch; denn die entschiedensten Gruppen in der vorderen Linie harren aus, und die GIs werden im Turnus abgelöst. Eine Konfrontation zwischen Gleichaltrigen, von der Norman Mailer meint, Karl Marx müßte noch einmal auf die Welt kommen, um dieses Paradox zu erklären: Die Söhne der Arbeiter ziehen die Uniform an und kämpfen für "die letzte wirklich kapitalistische Nation" (Mailer), wo immer sie hingeschickt werden. Die Kinder des Bürgertums aber rebellieren, und diese Rebellion hat verwirrend viele Gesichter.
Junge Frauen stecken Blumen in die Gewehrläufe der Soldaten. Exotisch gekleidete Paare umarmen sich vor dem Hintergrund von Kampfanzügen und Stahlhelmen. Sitzdemonstranten, die von GIs mit Kolbenstößen traktiert werden, singen die Sternenbanner-Hymne, um zu zeigen, daß sie ihr Land aus patriotischer Sorge vor Schande bewahren wollen: Symbolhandlungen, mit denen die Friedensbewegten über die Medien das Bewußtsein ihrer Landsleute verändern wollen. Hippie-Happenings wie das Exorzismus-Ritual sollen erheitern und provozieren.
Aber auch die Militanz steigert sich vor dem Pentagon in eine neue Dimension. Ein Trupp vom amerikanischen SDS ("Students for a Democratic Society") stürmt mit einer Vietcong-Fahne auf einen Nebeneingang des Fünfecks zu in der Absicht, das Feldzeichen der aufständischen Kommunisten auf der Zitadelle amerikanischer Macht und Herrlichkeit zu hissen. Die SDSler sind waffenlos, aber sie fühlen sich schon wie Guerillas in der eigenen Hauptstadt. Militärpolizei fängt sie vor dem Eingang ab und prügelt sie zurück.
Auf der anderen Seite des Potomac-Flusses im Weißen Haus gesteht Präsident Lyndon B. Johnson einem Vertrauten, daß Vietnam ihm Alpträume bereite. Aber nicht die verstümmelten und verschmorten Opfer suchen ihn heim, auch nicht die jungen Amerikaner, die ihn "Mörder" nennen und in Sprechchören fragen, wieviel Kinder er denn heute wieder umgebracht habe. Was den Texaner mit dem melancholischen Bluthundgesicht plagt, ist der Gedanke, die meisten seiner Landsleute könnten ihn für einen "Mann ohne Rückgrat" halten, wenn er sich aus Vietnam zurückzöge.
In seinem "jede Nacht" wiederkehrenden Traum liegt Johnson an den Boden gefesselt in einem "langen, offenen Raum". Dann hört er, noch entfernt, "die Stimmen von Tausenden von Leuten". Sie rennen alle auf ihn zu und schreien: "Feigling! Verräter! Schwächling!"
Doch auch die rollenden Einsätze seiner B-52-Bomber können seinen uramerikanischen Horror vor der Ohnmacht nicht bannen. Und nach dem Schock der kommunistischen Tet-Offensive Ende Januar 1968 hat Johnsons wichtigster Mann aufgegeben: Verteidigungsminister Robert McNamara, angewidert von der selbstverschuldeten Misere, verläßt das Pentagon Ende Februar. Bei einem Abschiedsessen erleben die Gäste bei dem sonst stets beherrschten McNamara sogar einen "emotionalen Ausbruch gegen den Krieg" (Vietnam-Historiker Stanley Karnow).
Sein Nachfolger Clark Clifford, Washingtoner Anwalt und gewiefter Makler der Macht, ist entschlossen, die "bloody mess" in Asien zu beenden. Das sagt er aber nicht laut, sondern arrangiert eine Lunchverabredung zwischen dem Präsidenten und zwölf altgedienten Außenpolitikern und Generalen, den "weisen Männern". Ihr herausragender Kopf ist der 74jährige Dean Acheson, Außenminister von 1949 bis 1953, Architekt der Nato und tiefgefrorener Kalter Krieger, der seinen Präsidenten Harry S. Truman damals dazu breitschlug, den Franzosen Geld zu geben für ihren schmutzigen Krieg gegen Ho Tschi-minhs Unabhängigkeitskämpfer - Beginn des Frevels an Vietnam. Doch dieser Mann hat seitdem dazugelernt.
Von den zwölf "wise men", die im "Familien-Eßzimmer" des Weißen Hauses familiär um Johnson herumsitzen, raten ihm acht, sich aus dem Krieg zurückzuziehen - und niemand in der erlauchten Runde rät es ihm dringender als Dean Acheson. Amerikas Intervention sei aussichtslos, weil Südvietnams Machthaber keinen Rückhalt im Volk besäßen, belehrt er den Präsidenten. Solchen Bundesgenossen sei nicht zu helfen. Aus diesem Grund habe der Krieg auch die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit verloren.
Johnson ist bestürzt, verstört, ergrimmt. "Jemand hat den Brunnen vergiftet", knurrt er argwöhnisch, als die "wise men" gegangen sind. Aber sein Durchhaltewillen ist gebrochen, sein texanisches Ego durchlöchert.
Fünf Tage nach dem geschichtsträchtigen Lunch, am 31. März, erscheint er, der Nachfolger John F. Kennedys, auf den Bildschirmen Amerikas und eröffnet seinen "fellow Americans", daß er darauf verzichte, in diesem Wahljahr 1968 für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Er wolle das Präsidentenamt aus dem "Parteienstreit" des Wahlkampfs heraushalten, erklärt er mit treuherzigem Augenaufschlag. Und er wolle Frieden in Vietnam.
Johnson kündigt an, die Bevölkerungszentren würden künftig nicht mehr bombardiert. Auch habe er seine Diplomaten angewiesen, sich mit Ho Tschi-minhs Emissären zusammenzusetzen und die Möglichkeit von Friedensverhandlungen zu erkunden.
Als Johnson am Ende seiner Verzichtserklärung mit gefurchter Stirn eine gute Nacht wünscht, rennen die Leute im New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village auf die Straße, umarmen einander und führen Freudentänze auf. Über den Campus vieler Universitäten hallen Hupkonzerte und Indianergeheul; Siegespartys werden improvisiert, weil der Mann, der für die Protestbewegung zu einem napalmspeienden Scheusal geworden ist, die weiße Fahne zeigt.
Hochstimmung auch bei der jungen Opposition in Deutschland, als sie am nächsten Morgen die Nachricht erfährt. Die linken Sturmvögel vom SDS und ihre neugewonnenen Freunde glauben, daß sie, besonders mit ihrem aufsehenerregenden Vietnam-Kongreß in West-Berlin, zur Resignation Johnsons beigetragen haben. Andererseits hätte die ganze Studentenbewegung ohne den Impetus Vietnam ins Stocken geraten und erlahmen können, wenn der Präsident den Krieg wirklich konsequent gedrosselt und die Friedensgespräche durch Konzessionen erleichtert hätte.
So hält die Geschichte nach Johnsons Verzicht für drei euphorische Tage den Atem an. Drei Tage lang besteht zumindest eine vage Möglichkeit, daß dieses Jahr 1968 nicht zu einem Hexenkessel wird, vielleicht sogar milder ausfällt als seine Vorgänger.
Doch in der Stadt Memphis am Mississippi, sangesfroher Hort der Countrymusic von Liebe und Leid, geschieht am vierten Tag eine Untat, die unkontrollierbare Kettenreaktionen bis nach Berlin und Paris in Gang setzt.
Ein Schuß aus dem Gewehr eines Heckenschützen traf King unter dem Kinn, riß ihm die Krawatte ab und schleuderte ihn rückwärts auf den Betonboden des Balkons. Blut quoll aus einer klaffenden Wunde in seinem Hals ... (Kings Mitarbeiter Jesse) Jackson rannte die Außentreppe hinauf und bettete Kings Kopf in seinen Schoß. Andrew Young fühlte nach dem Puls, Pastor Ralph Abernathy stand daneben und stöhnte "Martin, Martin ..." James Bevel fiel auf die Knie und betete - "Newsweek" über den Mord an Martin Luther King am 4. April 1968.
Er war eine Art Gandhi der schwarzen Bürgerrechtskampagne. Er und seine Protestmethoden des "zivilen Ungehorsams" inspirierten die Avantgarde der Studentenbewegung auch in Europa.
King hatte die öffentliche Rassendiskriminierung in den Südstaaten überwunden (und dafür, erst 35 Jahre alt, den Friedens-Nobelpreis 1964 erhalten). Er hatte für die entmündigten Schwarzen ein Bundesgesetz erkämpft, das ihr Wahlrecht absichern soll. Und mit einem Sarkasmus, der dem weißen Amerika weh tun mußte, hatte er sich gegen den Krieg in Vietnam gewandt: "Warum werden schwarze Boys 10 000 Meilen weit geschickt, um Freiheiten zu verteidigen, die sie selber in Süd-Georgia und in Harlem nicht gefunden haben?"
Das ließ den Furien des Rassismus keine Ruhe. James Earl Ray, wenn er denn ein Einzelgänger war, handelte im stummen Auftrag aller King-Hasser, als er den schwarzen Pastor aus dem Hinterhalt erschoß.
Kings Kampf hatte auch das Bewußtsein von Millionen Schwarzen in den Großstadt-Gettos des Nordens geschärft. Glühende Wut über das eigene Elend hatte sich ausgebreitet. Radikale Sekten waren entstanden, die sich mit Umsturz- und Gewaltphantasien aus ihrer Ohnmacht hinausträumten. Schon von 1964 bis 1967 hatte es schwere Getto-Krawalle mit Dutzenden von Toten gegeben. Aber nun, auf die Nachricht vom Mord an King hin, brechen quer durch die Vereinigten Staaten in mehr als 100 Städten gleichzeitig Unruhen aus - die größten in der US-Geschichte. "Als das weiße Amerika Dr. King getötet hat", ruft der Black-Power-Protagonist Stokely Carmichael in Washington, "hat es uns den Krieg erklärt! Geht heim und holt eure Schießeisen!"
In der Hauptstadt der freien Welt, zu über 70 Prozent von Schwarzen bewohnt, dringen jugendliche Banden aus dem weitläufigen Getto plündernd und brandstiftend bis zwei Blocks vors Weiße Haus vor, ehe sie eine Infanteristen-Schützenkette stoppt. Behelmte Kampftruppen mit aufgepflanztem Bajonett bewachen Ministerien und Hotels rund ums Weiße Haus. Auf der großen Freitreppe des Kapitols ist ein Maschinengewehr-Trupp in Stellung gegangen.
Eine Kompanie Nationalgardisten in Kriegsausrüstung liegt auf dem manikürten Rasen der Präsidenten-Residenz in Bereitschaft. Über sie hinweg zieht der ranzig riechende Rauch von 70 Großfeuern, die auf der Hälfte des Stadtgebiets durch die Nacht brennen. Als der Morgen graut, sieht Washington halb wie die belagerte Hauptstadt einer Bananenrepublik aus, halb wie Saigon in der Tet-Offensive. Es ist, als sei der Vietnamkrieg nach Hause gekommen. Allein in Chicago werden 12 500 Mann Armee und Nationalgarde aufgeboten, um den Aufruhr unter Kontrolle zu bekommen. Allein in Chicago gibt es elf Tote. "Gewalt", sagt der schwarze Radikale Rap Brown, "ist so amerikanisch wie Kirschpastete."
Bachmann: Ich ging über die Straße und bin auf ihn zugegangen und hab' gefragt, ob er Rudi Dutschke ist.
Richter: Wie stand er da?
Bachmann: Mit dem Fahrrad am Straßenrand. In Richtung Bahnhof Zoo.
Richter: Und das Fahrrad war wo?
Bachmann: Das Fahrrad war auf der Straße, und Dutschke stand auf dem Bürgersteig. Ich bin um Dutschke herumgegangen.
Richter: So, daß Sie auch auf dem Bürgersteig waren?
Bachmann: Ja.
Richter: Und Sie haben ihn gefragt?
Bachmann: Ob er Dutschke ist, und er sagte ja.
Richter: Sie kannten ihn?
Bachmann: Man kennt ihn von Bildern.
Richter: Und dann?
Bachmann: Dann sagte ich, du dreckiges Kommunistenschwein. Dutschke kam auf mich zu, und ich zog den Revolver und schoß den ersten Schuß
- Aus der Gerichtsverhandlung gegen den Dutschke-Attentäter.
Sieben Tage nach dem Mord in Memphis wird der wichtigste Wortführer der antiautoritären deutschen Studenten, Rudi Dutschke, am Kurfürstendamm von drei Revolverkugeln in Kopf, Wange und Schulter lebensgefährlich verletzt; Gründonnerstag, der 11. April.
Attentäter ist der 23jährige Hilfsarbeiter Josef Bachmann, ein schmächtiger, ruheloser, unglücklicher Mensch, der bis zu seinem zwölften Jahr in Sachsen aufgewachsen ist und nach dem Mauerbau 1961 ein fanatischer Antikommunist geworden ist. Auch liest er, neben "Bild", gläubig die "Deutsche Nationalzeitung", in der am 22. März groß die Aufforderung stand: "Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg." Den letzten Anstoß zur Tat aber hat ihm der Anschlag auf Martin Luther King gegeben.
Rudi Dutschke faszinierte die Studenten auf nicht unähnliche Weise wie Pastor King seine Anhänger. "Es war die Überzeugtheit, die Sicherheit, das Engagement, das alle spürten ... und weniger das, was er inhaltlich sagte", erinnert sich Inga Buhmann, die Dutschke persönlich kannte. Sie war nicht von dieser "Suggestionskraft", sondern "von seinem freundlichen Wesen" im mitmenschlichen Umgang "sehr angetan".
Dutschkes "Weltrevolution" hatte viel gemeinsam mit der apokalyptischen Wiederkehr Christi, von der sich zumal die schwarze Kirche das Heil verspricht. Und wenn Dutschke von der befreiten und befriedeten Gesellschaft der Zukunft schwärmte, dann klang das um ein Haar wie Martin Luther Kings "I have a dream" - wie der Traum des Predigers von einer Welt, in der alle Menschen Brüder werden.
Die Parallelen gehen noch weiter, auch wenn die Reaktion auf Bachmanns Attentat nicht heranreichen kann an die wilde Verzweiflung, mit der die Schwarzen ihre Slums in Brand steckten. Dennoch ist der Aufruhr, der nun aus den universitären Gettos in Berlin und der Bundesrepublik hervorbricht, für deutsche Verhältnisse ein subversives Großereignis: Die heftigsten und verbreitetsten Straßenkämpfe seit der Weimarer Republik entbrennen.
Wir schrien unsere Wut heraus, viele von uns warfen zum ersten Mal bedenkenlos Steine - im Amerikahaus, an dem wir vorbeikamen, blieben nicht viele Scheiben heil. Wir alle fühlten uns getroffen, und unsere Empörung war grenzenlos. Als wir beim Springer-Hochhaus angekommen waren, war der Zorn nicht mehr zu bändigen. Die Steine flogen so bedrohlich durch die Gegend, daß ich auf die Seite flüchtete - Inga Buhmann in ihren Erinnerungen*.
Es gab eine Bereitschaft zur Gewalt, die aus einer ungeheuren Wut kam. Wir waren jetzt auf Krieg aus, auf Bürgerkrieg. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätten wir nicht mit den Autos anderer Leute Barrikaden gebaut, ohne uns um die Besitzer zu scheren. Hätten wir nicht wie selbstverständlich einen Bus umgekippt und in Brand gesteckt. Ja, vom Gefühl her erklärten wir den Krieg, und zwar vor allem den Medien, die durch ihre Diffamierungen und Verleumdungen Menschen töteten - Barbara Brick, 1968 SDS-Mitglied in München**.
Als die Polizeikette diesem ersten Ansturm standhielt, zog sich der Stoßkeil der Störer etwa 20 bis 30 Meter zurück, um sich erneut zu formieren. Unter lautstarkem Johlen mit rhythmischen Rufen erfolgte der zweite Ansturm. Gleichzeitig prasselte ein Steinhagel, zum Teil salvenmäßig auf Kommandorufe geworfen, gegen den Haupteingang und die verglaste Hauswand, wurde mit brennenden Fackeln und Fahnenstöcken auf die vor dem Haupteingang eingesetzten Beamten eingeschlagen, wurden Fackeln auf das Dach des Eingangsvorbaues und gegen die Fenster geworfen ... Unter Aufbietung letzter physischer Kräfte und Schlagstockeinsatz gelang es, ein Eindringen der Störer in das Verlagsgebäude ... abzuwehren - Aus einem polizeiinternen Bericht über den Einsatz vor dem Berliner Springer-Hochhaus am 11. April.
Nicht nur bei den Studenten, auch bei den liberalen Intellektuellen herrscht Einmütigkeit: Springer-Blätter haben mitgeschossen, weil sie die jungen Linken unablässig als "Rabauken" und "rote SA" geschmäht und wahre Pogromaufrufe gegen Dutschke und seine Genossen losgelassen hatten: "Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!" ("Bild"). "Störenfriede ausmerzen" ("Berliner Morgenpost").
"Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres hat blutige Gewalt die Studenten getroffen", klagt eine Protesterklärung namhafter Wissenschaftler und Schriftsteller. Sie konstatiert, daß "die gezielte Diffamierung einer Minderheit zur Gewalttätigkeit gegen sie aufreizen muß". Der Verantwortliche, Axel Cäsar Springer, wird mehr denn je zur Inkarnation all dessen, was den "Störenfrieden" an den bundesdeutschen Zuständen zuwider ist, aber auch den Intellektuellen immer mehr Mißbehagen bereitet.
Springer, der Hamburger Gentleman, der seine geliebten "kleinen Leute" als Anti-Aufklärer in ihren urtümlichsten Vorurteilen bestärkt; sie mit Klatsch, Tratsch und Trivialität füttert; sie zu besinnungsarmen Konsum-Patrioten und Fußball-Chauvinisten macht. Springer, der Feind des Antisemitismus und große Freund Israels, der aber zuläßt, daß seine Blätter sich der Methoden des Antisemitismus bedienen, um die linken Studenten verächtlich zu machen und als "Juden des Antikommunismus" (SDS) dem Volkshaß preiszugeben.
Deshalb schreien die zornigen jungen Leute "Mörder Springer!" Deshalb scharen sie sich zusammen, wo Springer-Blätter gedruckt werden - in Hamburg, Hannover, Essen, Köln, Frankfurt, Eßlingen, München. Sie wollen nicht nur protestieren. Sie wollen "Widerstand leisten" gegen den Pressekonzern, der ihnen mächtiger erscheinen muß als alle Politiker, wenn ein Helmut Schmidt erklärt, gegen Springer etwas zu unternehmen, sei "politischer Selbstmord".
Die Demonstranten umringen die Druckhäuser wie Amerikas Friedensbewegung das Pentagon. Durch Sitzblockaden, Menschenketten und Straßensperren wollen sie die Osterausgaben der Konzernblätter an der Quelle stoppen. Dabei soll auch "Gewalt gegen Sachen", sofern sie Springer gehören (Lieferautos zum Beispiel), erlaubt sein, um des Presselords Mitschuld an der Gewalt gegen Menschen zu vergelten.
In den Nächten nach dem Anschlag auf Dutschke machen die Teilnehmer an den "Osterunruhen" zwischen Rebellionsfieber und Gefängniszelle Erfahrungen, die behüteten Bürgerkindern sonst für immer fremd geblieben wären. Und sie bekommen einen aufgerauhten Einführungskurs in die politische Wirklichkeit der Bundesrepublik, den ihnen keine Staatsbürgerkunde und kein Otto-Suhr-Institut für Politik, kein Adorno und kein Marcuse hätten bieten können.
In Eßlingen am Neckar erleben sie, wie aufgebrachte Bürger Schäferhunde auf sie hetzen. Dann rücken, den Vertrieb von "Bild" zu sichern, zwölf Polizei-Hundertschaften mit 90 Hundeführern, Wasserwerfern und zwei Panzerautos gegen 700 Demonstranten vor.
In Hannover werden passive Sitzblockierer im Namen der Pressefreiheit erst mit den atemraubenden Strahlen der Wasserkanonen eingedeckt. Als die Demonstranten nicht weichen, prügeln Bereitschaftspolizisten auf die wehrlos Hockenden ein, nehmen sie fest und sperren sie für die Nacht ins Gefängnis. Aufgewühlt, naß und frierend hauen die Verhafteten unter gewaltigem Lärm auf die Heizungsrohre und singen die "Internationale".
In Frankfurt an der Galluswarte läßt die Polizeiführung gar eine Reiterstaffel gegen sitzende Demonstranten zur Attacke traben. Unter Hufeknallen, Funkenschlag und dem Gewieher der Gäule keilen die berittenen Ordnungshüter mit langen Latten wie die Kosaken auf ihre geduckten Mitbürger ein.
Wie viele Frauen an den Unruhestätten macht die Lehrerin Christine Repp in Hamburg die erschreckende und unbegreifliche Entdeckung, daß die Polizeibeamten eines Landes, das 1945 dem Anschein nach wieder in die gesittete Welt zurückgekehrt ist, mit Frauen besonders übel umspringen. Christine Repp sagt aus, sie sei, einer Ohnmacht nahe, von mehreren Beamten ins Präsidium geschleppt worden: "Dabei drehten die vorne gehenden Beamten meinen Körper in die entgegengesetzte Richtung, in die die hinten Tragenden drehten ... Ich spürte furchtbare Schmerzen und schrie ... Die vorderen Leute traten mir mit den Hacken, die hinteren mit den Spitzen in Unterleib und Magen."
I.D. saß in der Menschenkette hinter mir. Ich sah, wie I. von Bereitschaftspolizisten an den Haaren aus der Kette herausgezerrt wurde. Sie bekam Tritte und brüllte laut. Sie verlor einen Schuh und die Handtasche. Da sie noch nicht auf die Beine gekommen war, versuchte sie, sich aufzurichten, indem sie sich an den Polizisten festhielt. Dies wurde offensichtlich als Widerstand aufgefaßt; mehrere Polizisten schleiften sie etwa 20 Meter weit mit. Sie war dann von Polizisten umringt, so daß ich sie nicht mehr sehen konnte. Dabei schrie sie plötzlich noch einmal laut auf - Aussage von Erika Hofmann, Mauerkircherstraße 10, bei der Münchner Apo-Rechtshilfe.
Als Demonstranten den Sprechchor "Gestern Dutschke, morgen wir" anstimmten, rief der Polizeihauptwachtmeister Franz M. seinen Kollegen zu: "Hoffentlich noch heute!" Bei den zirka zehn umstehenden Polizisten fand er große Zustimmung - Aussage von Peter Hamm, Redakteur beim Bayerischen Rundfunk.
Die Polizisten im Wagen ließen Bemerkungen fallen wie "Schlog'n sollt ma's, bis soacha (bis sie seichen)". Als einer der Verhafteten darauf sagte: "Am besten wäre es, wenn man uns gleich ins KZ brächte und vergasen würde", sagte einer der Polizisten: "Das sollte man tun mit euch" - Aussage von Diether Schürr, Schloßberg, bei der Münchner Apo-Rechtshilfe.
Die brodelnden Schwabinger Straßen um das Redaktions- und Druckhaus von "Bild"-München sind nur von der städtischen Beleuchtung und nervenden Blitzlichtern erhellt. Das Gedränge ohne klare Fronten wird zum frenetischen Blindekuhspiel, die adrenalinpumpende Erregung durchschlägt die Sicherungen.
Wurfgeschosse fliegen schemenhaft durchs Halbdunkel. Ein Photograph wird von einem Pflasterstein tödlich am Kopf verletzt. Einem jungen Demonstranten fliegt ein stumpfer Gegenstand aus einer von der Polizei beseitigten Straßensperre an die Schläfe und verletzt ihn so schwer, daß er Tage darauf stirbt. Keiner der Täter ist ermittelt worden.
Die Springer-Blätter kommen zum Teil mit großer Verspätung zum Verkauf. Aber sie erreichen ihre treuen Leser. Der Versuch, "durch passive Formen des Widerstandes die Auslieferungsprozedur zu verhindern", wie Rudi Dutschke es sich schon nach dem Tod Ohnesorgs gewünscht hat, ist gescheitert. Doch die Osterunruhen erschüttern die Republik - und die militante Minderheit wächst weiter.
Viele tausend junge Deutsche sind von der Polizei gründlicher radikalisiert worden als von ihren revolutionären Vorbildern, von Mao, Castro, Che Guevara. Zugleich aber müssen die Radikalisierten erkennen, wie schwach und isoliert sie trotz wachsender Zahl der Staatsmacht gegenüberstehen und wie unbeherrschbar passiver Widerstand in einem Großstadtviertel in todbringende Gewalt umkippen kann.
Schmerzhaft haben sie die haßerfüllte Abneigung zu spüren bekommen, mit der die Arbeiter- und Bauernsöhne bei der Polizei und die anderen "kleinen Leute" Springers ihnen, den privilegierten Studenten, begegnen. Die junge Avantgarde, unverstanden von den Massen, mit denen sie die Welt verändern möchte, steht vor dem Problem, an dem ihr Ehrgeiz scheitern wird.
Es gibt sie zwar, die widerspruchsvolle Klassengesellschaft, mit der sich der Marxismus herumschlägt. Aber die Lohnabhängigen im Bonner Staat werden so angenehm ausgebeutet, daß ihre sozialistischen Brüder und Schwestern in der DDR sie darum beneiden. Vietnam und das Elend der Dritten Welt - 1968 ist auch das Jahr der Hungersnot in Biafra - sind weit weg. Und Notstandsgesetze, denen auch Sozialdemokraten zustimmen, schrecken die Leute nicht.
Denn der Grundkonsens der bundesdeutschen Mehrheit, verkörpert in der Großen Koalition, hat sich aus der antikommunistischen Volksgemeinschaft der Nazis heraus entwickelt und verabscheut nichts mehr als rote Unruhestifter. Auch Rudi Dutschke bekommt eine Fülle von Briefen, in denen seine Mitmenschen bedauern, daß ihn Bachmann bei seinem Attentat nicht getötet hat.
Seit Ostersamstag ist Dutschke nach schwierigen Operationen außer Lebensgefahr. Aber als er wieder bei Bewußtsein ist, zeigt sich erst, wie die Kugel in seinem Kopf gehaust hat. Seine Sehfähigkeit ist schwer gestört, Gedächtnis und Wortschatz fast vollständig verloren. In mühseliger Therapie muß er die Sprache neu erlernen. Gretchen Dutschke-Klotz, seine amerikanische Frau:
Am Anfang, in der ersten Woche im Krankenhaus, wußte er die meisten Dinge nicht zu benennen. Nur ein paar Worte waren da, aber ganz wenige. "Tasche" oder "Messer" oder so. Er wußte nicht mehr, was "Geld" bedeutet.
Die Franzosen schien das alles nichts anzugehen. Unter dem lebenden Monument Charles de Gaulle, seit 1958 an der Macht, hatte sich die stabilste politische Ordnung etabliert, die Frankreich in diesem Jahrhundert kannte. Die bitteren inneren Kämpfe um den Algerienkrieg waren vorbei, und niemand hatte offenbar Lust, sich darüber aufzuregen, was die Amerikaner in Vietnam mit dem Chaos anfingen, das sie, die Franzosen, dort zurückgelassen hatten.
Frankreich florierte - auch wenn die rapide Wirtschaftsexpansion starke Spannungen im konservativen gallischen Gesellschaftskörper erzeugte. Die Zahl der Studenten hatte sich innerhalb von zehn Jahren auf 514 000 verdreifacht. Sie überfüllten die muffigen alten und die kahlen neugebauten Hochschulen und rieben sich an den oft als "inhuman" empfundenen Bedingungen.
Trotzdem schienen diese jungen Leute unberührt von der Gärung, die ihre Generationsgenossen in Amerika, in Deutschland, auch in Italien erfaßt hatte - sieht man ab von den paar hundert politisch Passionierten, die nach dem Dutschke-Attentat zur deutschen Botschaft in Paris liefen, um ihren Unmut mit "Sieg Heil!"-Rufen kundzutun. Ein Mitarbeiter von "Le Monde" glaubte noch am 15. März so viel Ruhe, ja "ennui" im Heimatland der Revolutionen zu verspüren, daß er seine Leser warnte: "Man hat es schon erlebt, daß Länder sich zu Tode gelangweilt haben."
Doch auf einmal explodierte dieses Frankreich wie ein gesprengtes Hochhaus, das noch Sekunden zuvor solid und verläßlich dagestanden hatte. Auf einmal schien das stabile Stilleben "Fünfte Republik" wie ein stürzendes Gemäuer in einer Staubwolke der Anarchie zu versinken. Denn die Franzosen, Studenten voran, vollbrachten aus dem Stand und zu ihrem eigenen Erstaunen ein neues Meisterwerk der Aufsässigkeit, von dem man in Berlin oder Berkeley nur träumen konnte: Sie entfesselten den größten Volksaufruhr, den es in einer kapitalistischen Demokratie jemals in Friedenszeiten gegeben hat.
Freitag, 3. Mai: Die rechtsradikale Studentengruppe "Occident" hat gedroht, sie werde den roten Wühler Daniel Cohn-Bendit am Schlafittchen zur Grenze schleifen und "der bolschewistischen Agitation in den Fakultäten mit allen Mitteln ein Ende bereiten". Als die linken Studiosi sich zu wehren gelobten, beging der amtierende Rektor der Pariser Sorbonne-Universität eine Leichtfertigkeit, zu der sich seine Vorgänger nicht einmal in den hitzigsten Auseinandersetzungen um Algerien hatten hinreißen lassen: Er rief die Polizei.
Eine reichlich bemessene Streitmacht zernierte das ehrwürdige Gemäuer der Sorbonne im Quartier Latin und drang in den bislang sakrosankten Innenhof ein - voran die ungeliebte Bereitschaftspolizei zur Aufruhrbekämpfung, "Compagnies Républicaines de Sécurité" (CRS).
Schon dies ein unerhörter Akt. Doch die CRS nahmen gleich auch noch 200 Anführer und Aktive linker Studentenbünde fest (darunter Daniel Cohn-Bendit), die sich in der Sorbonne zu einer Besprechung getroffen hatten, steckten sie in vergitterte Gefangenenwagen und karrten sie davon. Aufgescheuchte Studenten aber rannten schreiend neben den Häftlingstransportern her durch eine schmale Straße vor zum Boulevard Saint-Michel, brüllten in die Cafés hinein, aus denen die Gäste enragiert ins Freie stürzten und zusammen mit den Draußensitzenden die freiheitsraubende CRS-Kolonne mit Limonadenflaschen, Aschenbechern und Mostrichtöpfen von den Tischen bewarfen.
Im Nu rotteten sich Scharen junger Leute in den Straßen und Gassen um die Sorbonne zusammen, erklangen Sprechchöre: "Gebt unsere Genossen frei! Raus aus der Sorbonne!" Es gab erste Kampfkontakte mit der Polizei, die den Aufruhr im Keim zu ersticken versuchte - ihn aber dadurch nur schürte. Neue Chöre, dazu gedacht, die Sonderpolizisten bis aufs Blut zu reizen: "CRS-SS! CRS-SS!"
Die Lawine der Tumulte begann zu rollen, und es sah aus, als wollten die Franzosen, obwohl selber überrumpelt, der gebannt zuschauenden Umwelt vorführen, wie man die Revolution macht, mit der die anderen nicht zu Rande kamen. Und sosehr TV-Bilder von den brennenden Gettos in den USA und den Osterwirren in Deutschland die Franzosen auch angeregt haben mochten - Paris erwies sich von neuem als ein unvergleichlich aufruhrgeeignetes Pflaster:
130 000 Studenten lebten 1968 in Paris, zumeist auf dem linken Seine-Ufer, dazu Tausende Gymnasiasten aus den oberen Klassen, von denen viele nicht mehr zu halten waren, als das Getümmel begann. Dazu in Saint-Germain die dichteste Anhäufung von Malern, Theaterleuten, Literaten - von Leuten mithin, die von Berufs wegen mit der banalen Wirklichkeit im Widerstreit liegen, Rebellen gegen die Schranken der Normalität. Dazu die engen Straßen im Quartier Latin, die den Barrikadenbau begünstigen, und der Dschungel der Hinterhöfe mit seinen Schlupfwinkeln und Geheimpassagen.
Am wichtigsten aber war die Tradition der Barrikade, war die einzigartige Geschichte der Revolutionen und Erhebungen, die das französische Volk gemacht hat. Sie verband den selbstbewußten Teil dieses Volks, zumal in Paris, mit den intellektuellen Vorkämpfern gegen die Staatsautorität. Und diese Tradition vor allem hat den Franzosen (nicht allen freilich, nicht den Gaullisten) ein Gefühl dafür verliehen, daß Aufstände nichts Schreckliches sind wie für die Deutschen, keine historischen Verzweiflungstaten, sondern heroische Volksfeste, kollektive Ekstasen, ein leidenschaftlicherotisches Auftrumpfen der Körper und Seelen: die Erregungen der Revolution als höchstes Erlebnis, Revolution als spektakuläre Selbstdarstellung.
Die Bewohner waren an ihren Fenstern und boten Nahrung und Milch an. Die Atmosphäre war phantastisch. Die Leute schichteten Pflastersteine zu Barrikaden auf, weil sie sich - viele von ihnen zum ersten Mal - ganz in eine gemeinsame, spontane Arbeit stürzen wollten. Die Leute ließen alle ihre verdrängten Gefühle frei und brachten sie in einem festlichen Geist zum Ausdruck. Tausende fühlten das Bedürfnis, miteinander zu kommunizieren, einander zu lieben - Daniel Cohn-Bendit.
Ich erinnere mich, wie ich nach einer euphorischen Nacht des Kampfes mit der Polizei, Autos brannten in den Straßen, bei einer Freundin im Quartier Latin schlief. Meine Klamotten stanken nach Tränengas. Beim Aufwachen sah ich ein unbekanntes schnauzbärtiges Gesicht auf mich herunterschauen. Er bot mir Kaffee an, und wir liebten uns - Lily Metreaux, im Mai '68 Lyzeumsschülerin.
Im rigiden Ordnungsstaat de Gaulles hatten sich enorme anarchische Energien aufgestaut. Nun schäumten sie hervor wie bei einem Dammbruch und schossen, vom eigenen Elan berauscht, hinaus über das vordergründige Ziel des Aufstands, die Sorbonne von den CRS zu befreien und arretierte Kommilitonen aus den Gefängnissen zu holen. Die Eruption bäumte sich auf gegen jede Autorität und alle Regeln, die den Lebenshunger junger Menschen behindern.
"Scheiß auf Hierarchie, Autorität und auf diese Gesellschaft mit ihrer kalten rationalen elitären Logik!" So, erinnert sich die Soziologin Nelly Finkielsztejn, hätten sie und ihre Genossinnen damals gedacht. "Scheiß auf all die kleinen Chefs und die Mandarine an der Spitze!" Wonach sie sich so heiß wie verschwommen sehnten, drückte der berühmteste Slogan des Pariser Mai aus: "Die Phantasie an die Macht!"
Der Mann an der Macht im Elysee-Palast war verstummt. Konsterniert ließ de Gaulle die Chaos stiftenden Ordnungskräfte gewähren. Sein Premier Georges Pompidou, in Asien unterwegs, eilte herbei und befahl für den 13. Mai den Rückzug der Polizei aus der Sorbonne und dem Universitätsviertel. Er hoffte, der Aufstand werde, sich selbst überlassen, verpuffen.
Doch im Siegesjubel ziehen die Rebellen in das geräumte Territorium ein, als seien sie Fidel Castros Guerillakämpfer, die ins befreite Havanna einmarschieren. Unter roten und schwarzen Fahnen besetzen sie die Sorbonne, die umliegenden Institute, das "Odeon"-Theater. Das gewonnene Gebiet reicht bis zum Jardin du Luxembourg, der nach den Forderungen einiger Gruppen künftig im Dienst der sexuellen Befreiung stehen und als rund um die Uhr geöffneter Lustgarten fungieren soll. Studenten mit roten Armbinden regeln am Boulevard Saint-Michel den immer autoärmeren Verkehr.
Entgegen Pompidous Kalkül erscheint der Staat besiegt, zumindest besiegbar. Und nun ergreift die Pariser Aufruhrstimmung, die der liberale Publizist Raymond Aron für ein "Delirium" hält, auch die Arbeiter in den Fabriken vor der Hauptstadt und bis tief in die Provinz hinein. Streiks und Besetzungen überall: Am 17. Mai enden Bahn- und Flugverkehr, am nächsten Tag ruhen Busse und Metros, dann die Privatautos, weil es kein Benzin mehr gibt.
Wie in einem seltsamen surrealen Film schließen die Postämter eines nach dem anderen, dann die Kaufhäuser, dann die Banken; verschwinden die Wettbüros hinter rasselnden Rolläden; legen sich die Schiffe auf der Seine still ans Ufer. Die Fernsehbilder verlöschen, das Schnattern der Familienserien aus den offenen Fenstern hört auf. Es gibt kaum noch Zeitungen, keine Kinovorstellungen, und Fußball spielen nur noch die Streikenden auf dem Gelände besetzter Betriebe. Um den 20. Mai ist die Republik in einem unerklärten Generalstreik für mehrere Tage zum Stillstand gekommen wie noch kein moderner Staat, der mitten im Frieden unter einem strahlenden Frühlingshimmel liegt.
"Die gesegnete Stille jener Tage!" erinnert sich der aus Holland stammende amerikanische Schriftsteller Hans Koning, der die Streikruhe in Paris erlebte. "Die Luft ohne Auspuffgase roch nach Frühling und Kastanienblüten wie seit den Tagen von Maupassant nicht mehr."
Diese "impulsiven, unvorbedachten Arbeitsniederlegungen", meint Koning, seien etwas ganz anderes gewesen als "traditionelle Streiks" - weshalb die meisten Gewerkschaftsführer sich nur widerwillig auf das Wagnis einlassen. Koning sieht den Volksausstand denn auch "motiviert von einer tiefen, aber nur vage begründeten Unzufriedenheit mit dem modernen Leben schlechthin".
Mag sein. Ganz gewiß aber wollen Frankreichs Werktätige dem Staatspräsidenten ihren starken Arm zeigen - welche überzeugendere Kraftprobe könnte es geben, als die ganze Nation knirschend zum Halt zu bringen? Sie wollen dem einsam herrschenden Charles de Gaulle demonstrieren, daß er sie nicht zu Untertanen machen kann. Die meisten erwarten, daß ihre gigantische Trotz- und Verweigerungsgeste den vor aller Welt blamierten Zuchtmeister der Franzosen zum Rücktritt veranlassen wird, getreu der oft gerufenen Forderung: "De Gaulle ins Museum!"
Eine Mehrheit der Linken hofft auch auf den Sturz der autoritären Fünften Republik. Aber wollen die Arbeiter, Arm in Arm mit den Studenten, im Ernst die Macht ergreifen, wie die reichgeschmückte Legende des Mai '68 behauptet? Brauchen sie nur zuzupacken, um dem Staatsapparat die Herrschaft zu entreißen? Sind sie wirklich entschlossen und liegt es in ihren Möglichkeiten, mit Arbeiterräten anstelle der Manager und Beamten die Leitung der Betriebe und Präfekturen zu übernehmen - oder ist das von vornherein utopisch?
Hinterher verbreiten enttäuschte Rebellen die Klage, die Revolution sei überhaupt nur an der Feigheit der Kommunistischen Partei gescheitert, die den Umsturz nicht wagen wollte. Doch dieser sonnenbeschienene, ungebärdige, verrückte französische Mai '68 hat nichts vom Petrograder Oktober 1917, nichts vom Furor einer aus grimmiger Not geborenen Erhebung, nichts von einer wirklich revolutionären Situation. Denn in dem "befreiten" Universitätsviertel der Hauptstadt wie draußen im stillgelegten Land offenbart der Aufstand sich als ein Spiel mit dem Umsturz und seinen Symbolen; als Schau, Spektakel, Happening; als mitreißendes Revolutionstheater - aber als Theater.
Die fröhlich sich verbrüdernden Menschen zwischen Sorbonne und Jardin du Luxembourg machen keine Anstalten, den Elysée-Palast zu stürmen wie einst die russischen Matrosen das Winterpalais. Sie verwechseln die Besetzung öffentlicher Gebäude mit dem Besitz realer Macht - wie die deutschen Studenten, die, vom Pariser Beispiel befeuert, Ende Mai das Rektorat der Frankfurter Goethe-Universität okkupieren und die Zigarren des Rektors rauchen.
ES IST VERBOTEN ZU VERBIETEN!
ERFINDET DAS LEBEN NEU!
JE MEHR ICH LIEBE MACHE, DESTO MEHR MACHE ICH DIE REVOLUTION!
DIE MENSCHHEIT WIRD ERST GLÜCKLICH, WENN DER LETZTE KAPITALIST AN DEN GEDÄRMEN DES LETZTEN BÜROKRATEN AUF-GEHÄNGT IST!
Wie besessen malen Kunststudenten im Universitätsviertel täglich neue Plakate mit Sprüchen, die immer verwegener werden, je mehr die Aussichten der Revolte dahinschwinden. Marathondebatten bei Tag und Nacht: Eine Plethora von fast 400 "Aktionsausschüssen" kreist um die Sorbonne, außerstande, aus dem exaltierten Durcheinander irgendeine Handlungslinie zu entwickeln. Der Ausnahmezustand, der sich selbst genügt, verliert seinen Reiz. Das stagnierende Psychodrama zermürbt. Die Hochgefühle sinken in sich zusammen wie ein mißglücktes Soufflé.
"Es konnte nicht dauern. Es war überraschend, daß es überhaupt so lange dauerte", meint Hans Koning im Rückblick. In der letzten Maiwoche haben die Franzosen allenthalben genug von der alternativen Radler- und Spaziergänger-Idylle, in die sie ihr Land verwandelt haben. Pfingsten steht bevor, das Wetter ist herrlich, und ungestüm erfaßt den gallischen Menschen das Verlangen, sich wieder in seine geliebte "bagnole" zu schwingen und die langentbehrte Familienkutsche von Stau zu Stau ins Grüne zu lenken (Jean-Luc Godards Autobarbaren-Film "Weekend" läuft just in diesem Jahr in den Kinos).
Anstelle der abstrakten Worte der Studenten wartet Premier Pompidou jetzt mit konkreten Konzessionen bei den Löhnen auf. Von ihrem General mit Donnerstimme gerufen, strömen nun die Gaullisten zu Hunderttausenden in feiner Schale und mit ihren juwelengeschmückten Frauen über die Champs-Elysees. Doch die Wende bringt der Treibstoff, der gerade rechtzeitig für den Pfingstausflug wieder fließt. Der Schriftsteller Jacques Sternberg in einem satirischen Abgesang auf die Revolte:
Wie die Füße wollüstig das verlorene Gaspedal wiederfanden, die Hände das teure Lenkrad und die Köpfe die Leere des Überlandfahrens - die Straße gehört wieder den Autos, der vornehmsten Errungenschaft des Kretins ... Unser General hat begriffen, daß die nationale Parole seit zehn Jahren lautet: "Ich denke, also fahre ich." Und er entführt unsere geheiligten Automobile den Barrikaden und gibt sie den Autobahnen zurück. Shell mit uns!
Im nächsten Heft
Die Diskussion beginnt: "Einen Sturm auf die Bastille kann es nicht geben" - Prager Frühling: "Ekstatische Stimmung", ehe die Panzer kommen - Die Frauen rebellieren - Rückzug nach Woodstock, Irrfahrt in die Gewalt.
* Inga Buhmann: "Ich habe mir eine Geschichte geschrieben". Zweitausendeins, Frankfurt; 384 Seiten; 6 Mark.
**Ronald Fraser, Jochen Staadt, Annemarie Tröger u. a.: "1968 - A Student Generation in Revolt". Chatto & Windus, London; 372 Seiten; 14,95 Pfund.
Von Wilhelm Bittorf

DER SPIEGEL 15/1988
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