14.03.1988

RUDOLF AUGSTEINVom Kriege, oder Kindern die Knochen zu brechen

Eine Philosophie, in der man zwischen den Seiten nicht die Tränen, das Heulen und Zähneklappern und das furchtbare Getöse des gegenseitigen Mordens hört, ist keine Philosophie. Arthur Schopenhauer
Daß Juden keine besseren und keine schlechteren Menschen sind, daß man von ihnen nicht mehr und nicht weniger verlangen kann als von anderen Menschen: das wenigstens sollte sich herumgesprochen haben.
Deutsche, wenn sie sich heranwagen, Israel zu kritisieren, werden sich nicht wie Kohls ehemaliger Regierungssprecher Boenisch auf israelischem Boden ("Auschwitz nicht instrumentalisieren") ausdrücken dürfen, oder wie Genschers Jugendminister Möllemann, der an jedem Araberstammtisch seinen Platz fände.
Ja, wir, die wir noch Opfer des Holocaust und deren Angehörige gekannt haben, empfinden einen scharffen Schmerz, wenn wir die Israelis auf die Konsequenzen ihres Tuns hinweisen. Aber es gibt kein wie immer geartetes Ereignis der Vergangenheit, das die Heutigen - Juden, Israelis, Zionisten und Nichtjuden, Nichtisraelis, Nichtzionisten - davon dispensieren könnte, den Frieden herbeizuschaffen. Die Vergangenheit prägt Psychologien, aber sie dispensiert nicht von der Zukunft.
Außer in der Springer-presse dürfen wir Rest- und Westdeutsche den Israelis vorhalten, daß ihre derzeit enormen Schwierigkeiten auch "die dornige Frucht einer falschen israelischen Politik" sind, so Roland Mischke in der "FAZ".
Wohin sind wir gekommen, wenn der als gemäßigt geltende Erziehungsminister und frühere Staatspräsident Israels, Navon, eine Fernseh-Serie aus dem Programm nimmt, die (und offenbar weil sie) der Toleranz zwischen Juden und Arabern das Wort redet.
Es geht nicht, daß der Industrieminister Ariel Scharon, Mitverantwortlicher des Schlachtens in den Lagern Sabra und Schatila, sich wie ein ungekrönter König in der eroberten arabischen Altstadt niederläßt, gepanzert und bewacht (während wir in der Bundesrepublik noch dem letzten damals achtzehnjährigen SS-Schergen hinterherspüren, der sich 1945 an Leib und Leben diskriminierter Feinde vergangen hat).
Es geht nicht, daß die politische Führung Israels palästinensischen Gefangenen "mit Steinen die Gliedmaßen brechen" läßt, so "Die Zeit". Dies sind nicht Untaten einzelner, das ist System.
Sollte Henry Kissinger tatsächlich empfohlen haben, die Medien auszuschalten und "die Aufstände rasch zu unterdrücken. Rasch und brutal" (man darf es bezweifeln, man kann es für möglich halten): so würde derlei nur bestätigen, daß innenpolitische Zusammenhänge ihn nicht interessieren und daß er davon, wie er so oft kokettierend versichert hat, auch nichts versteht. Gibt es Unruhen, so muß man, wie in Südafrika, die Medien ausschalten, dann gibt es keine Unruhen mehr: ist das die Botschaft?
Kissinger, selbst ein von "Fundamentalisten" rassisch Verfolgter, denkt nicht in rassischen, nicht in "fundamentalistischen" Kategorien. Er würde vermutlich über das Buren-Regime in Südafrika ähnlich urteilen wie über Begin und Schamir und Rabin, hinter denen die Mehrheit der jüdischen Israelis steht.
Der Vergleich ist sehr angebracht. "Groß-Israel", dieser Eroberungsstaat von Kriegern und Siedlern, hängt wie der sich selbst konservierende Buren-Staat vom Wohlwollen der USA ab, in denen eine mächtige jüdische Lobby verständlicherweise Einfluß ausübt. In beiden Staaten, am Kap wie in Jerusalem, führen Kinder und Jugendliche den Aufstand an, nicht so sehr die "Hintermänner" und die Erwachsenen.
Beides sind "rassistische" Staaten, in denen es Bürger gibt, Bürger zweiter Klasse und Menschen gänzlich ohne Recht. Während in Südafrika die Mehrheit der Schwarzen überwältigend ist, wird es in "Groß-Israel" noch eine Weile dauern, bis besetzte und unbesetzte Araber zahlenmäßig den jüdischen Israelis gleichstehen, aber nicht mehr allzulange. Man wird dem Faschismusforscher Ernst Nolte recht geben müssen, und sei es nachträglich, der schon 1978 von einem "Scheitern" der großen Ideologie des Zionismus schrieb (wie immer bei ihm mit Vorbehalt, diesmal in Gänsefüßchen).
Die Rechtfertigungen der beiden Herrschaftssysteme am Kap und in Jerusalem ähneln einander. Unter "weißer", unter "israelisch-jüdischer" Fuchtel hätten es die Unterworfenen materiell immer noch besser, als wenn sie sich selbst regieren würden.
Aber von diesem Brot allein lebt der Mensch nicht. Er braucht ihm vertraute Strukturen, und seien es solche der Korruption, auf die er rechnen, denen er sich anpassen und die er unterlaufen kann.
Die Israelis bieten ihren eroberten Bevölkerungen nicht mehr als blanke Willkür. Die Kinder und Jugendlichen dieser Gebiete haben keinen Grund, an irgendeine ihnen verständliche, von ihnen zu akzeptierende Zukunft zu glauben. Im Haß sind sie aufgewachsen, und hassend werfen sie mit Steinen. Wie oft haben sie mit ansehen müssen, daß der Vater grundlos gedemütigt wurde.
Dabei gibt es in der israelischen Armee nennenswert viele Soldaten und Offiziere, die den Sinn des organisierten Knüppeleinsatzes immer weniger einsehen. Daß einzig "Groß-Israel" die Sicherheit des jüdischen volkes garantieren kann, glauben sie nicht mehr. Aber sie sind in der Minderheit. Ein überwiegend nicht religiöser Staat ruht und dehnt sich aus auf religiösen Fundamenten. Mal werden die Gebeine der Stammutter Sarah vorgeschoben, aber nicht nur vorgeschoben, mal geht es um Sicherheitsinteressen, auch sie nicht nur vorgeschoben.
Wie ständen die Israelis da, wenn sie sich 1967 mit der Einverleibung des arabischen Ost-Jerusalem begnügt, den Rest eroberten Gebiets aber zurückgegeben hätten, wie der fieberkranke Ben-Gurion mir 1967 zugemurmelt hat?
Besser ständen sie da. Sie hätten nicht nötig, eine gute Million Menschen Tag und Nacht zu schikanieren, willkürlich Konzessionen zu verweigern, Häuser abzureißen und Gärten zu verwüsten, auch nicht, Kindern Arme und Beine zu brechen. Sie hätten nicht nötig, sich wie die Russen 1914 und 1915 gegenüber ihren eingeschüchterten jüdischen Mitbürgern zu benehmen.
Erwiesen hat sich, daß aus dem berechtigten Verlangen nach einem eigenen Staat Großmannssucht hervorgewachsen ist, ein rassischer Überlegenheitsgestus. Über ihn wird Israel nicht gerade seine Unschuld - Staaten sind nicht unschuldig - und vielleicht auch nicht seine Seele verlieren (welcher Staat hat schon eine). Aber ob es so angenehm und bekömmlich ist, mit den weißen Südafrikanern als ein Rassenstaat in einem Topf zu schmoren?
Der vierunddreißigjährige Journalist David Grossman, selbst Israeli und gewiß kein Feind seines Staates, hat die von Israel besetzten Gebiete bereist, hat
nicht mit Politikern und Honoratioren, sondern mit Palästinensern und jüdischen Siedlern gesprochen. Folgende Botschaft eines vernünftigen Besetzten gibt er weiter: _____" Ihr solltet noch bei uns bleiben. Aber eure Haltung " _____" müßt ihr ändern. Und eure Ansichten. Ihr solltet " _____" anfangen, uns mit ganz anderen Augen zu sehen. Seht in " _____" uns nicht mehr Personen ohne Ehre, Arschlöcher, mit denen " _____" man machen kann, was man will. Fangt an, uns als eure " _____" künftigen Nachbarn zu sehen. Schließlich sind wir es, mit " _____" denen ihr zusammenleben müßt. Mit uns müßt ihr einig " _____" sein, Bande knüpfen, Geschäfte machen und anderes mehr. " _____" Was nützt euch ein Friedensabkommen mit den Japanern? "
Dieser Decknamen-Araber hat drei Jahre an der Hebräischen Universität studiert. Er ist seinen Mitpalästinensern ebenso voraus wie den Besatzungsbehörden, die ihn schikanieren: _____" Wenn ich mit einem Juden zusammensitze - und ich " _____" arbeite die ganze Zeit mit Juden zusammen -, dann " _____" überkommt mich das Gefühl, wir beide, der Jude und ich, " _____" wären gemeinsam in einem von Israelis bewachten " _____" Gefängnis. "
Grossman scheint diese Ansicht zu teilen. Der Zustand, so meint er, "den wir hier bewahren wollen" - man könnte ihn den "Scharon-Zustand" nennen -, könne nicht dauern. Wenn aber doch, werde der Preis "tödlich" sein.
Was heißt "tödlich"? Zumindest dies: eine fortwährende Herrschaft über mittlerweile anderthalb Millionen Araber werden die "jüdisch-demokratische Natur des Staates" verändern. So 96 Reserve-Offiziere bis hin zum Brigadegeneral in einer Eingabe an die Regierung.
Jüdische Intellektuelle, oft Schauspieler, Regisseure, Dichter, eine klassische Minderheit also, haben ähnlich beklemmende Gefühle.
Manch einer glaubt, der Zug sei bereits abgefahren, manch anderer, es fehle die Zeit, auf den fahrenden Zug noch aufzuspringen. Das Prinzip des sich Absonderns, des Auserwähltseins, des auf alle anderen Herabblickens, wie es schon in der alten Bibel unter dem Gesetzgeber Ezra niedergelegt worden sei, halten sie für fatal in einer sich wandelnden Welt, wo Israels Eroberungen de facto von den USA durch einen Stand-by-Kredit abgesichert werden müssen.
Es hat die Europäer lange Zeit gekostet zu begreifen, daß sie für die ausweglos erscheinende Lage kein brauchbares Rezept zur Hand haben, Deutsche und Österreicher am wenigsten. Aber der israelische Regierungsstandpunkt, der einer Mehrheit im Lande sicher sein kann, besagt eben, nur die Araber hätten ihre Denkgewohnheiten zu ändern, die Israelis aber nicht. Da wird man denn möglicherweise an Abgründe geraten, in die dann allerdings alle Länder und Völker hineingezogen würden.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 11/1988
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