30.11.1987

PRESSEStopp für den Flop

Herber Rückschlag für die „Hamburger Morgenpost": Der Bremer Ableger des ehrgeizigen Gruner + Jahr-Projektes mußte aufgeben. *
Bis Mitte November konnten sich die Teetrinker und Grünkohlesser in der Hafen- und Hansestadt Bremen aus reichhaltigen Tagesvorräten an aktuellem Lesestoff bedienen.
Zwei heimische Zeitungen, der "Weser-Kurier" und die "Bremer Nachrichten", lieferten den Hanseaten das Neueste aus der weiten Welt und dem nahen Rathaus. Und mit kräftigen Tupfern einer politisch unterschiedlichen Farbgebung mischten drei Hamburger Nachbarblätter bei den Bremer Lokalnachrichten mit: Springers konservatives Volksblatt "Bild", die liberale "Bremer Morgenpost" vom "Stern"-Verlag Gruner + Jahr und die linksalternative "Tageszeitung" ("taz").
Doch fast unmerklich trocknete die Vielfalt aus, die von Hafenkrisen und Senatsschulden heimgesuchten Bremer hatten wohl nicht den rechten Sinn dafür. Die Leser bevorzugten immer mehr vom Gleichen, und dann ging''s mit dem Bremer Zeitungsparadies plötzlich Schlag auf Schlag zu Ende: *___Der führende "Weser-Kurier" (Auflage: rund 175000) und ____die traditionsreichen "Bremer Nachrichten" (etwa 30000) ____legten ihre Berichterstattung über Kommunal- und ____Landespolitik _(Chefredakteur Clement (r.) am Dienstag ) _(letzter Woche bei der Verkündung des ) _(Einstellungsbescheids. )
zusammen und erscheinen jetzt mit den gleichen Lokalseiten. *___Die "Bremer Morgenpost" (Auflage: 11000) zog am ____Dienstag letzter Woche ihren roten Kopf ein und ____erscheint nun wieder, wie vorher schon, unter dem Titel ____der Stammausgabe "Hamburger Morgenpost" - künftig ohne ____Bremer Lokalteil. *___Die "taz" (Auflage: 5500) bettelt seit Wochen das ____Bremer Publikum an vor allem die rund 60000 ____Grünen-Wähler im Bundesland Bremen, die Lokalausgabe ____stärker zu kaufen sonst sei um Weihnachten das Ende der ____"taz-Bremen" abzusehen.
Am erstaunlichsten ist der Rückzug des Gruner + Jahr-Konzerns mit der "Bremer Morgenpost". Im August 1986 hatte der Zeitschriftenverlag (Jahresumsatz: 2,6 Milliarden Mark) das wacklige Nachbarunternehmen, die bankrottreife "Hamburger Morgenpost", samt Schuldenberg gekauft und 50 Millionen Mark eingeplant, um aus dem muffigen Blatt mit miesem Ruf eine "liberale Stimme" im von Springer-Blättern dominierten Hamburg zu machen.
Die frühere SPD-Zeitung wurde völlig umgekrempelt. Das neue Kleinstformat, fast wie die "Bäckerblume", zielte auf U-Bahn-Fahrer und eilige Leser in der Großstadt und findet in Marktumfragen auch Anklang. Doch die vergleichsweise moderate Mischung (Slogan: "Echt fair") mit kritisch-liberaler politischer Gangart, versachlichtem Lokalteil und Star-Kolumnisten von Peter Scholl-Latour bis Werner Höfer kommt nur langsam gegen die aggressive "Bild"-Machart auf.
Mit der Bremer Lokalausgabe wollte der Konzern, eine Bertelsmann-Tochter das "Morgenpost"-Wachstum in der Region beschleunigen. "Zeitungmachen", klärte Chefredakteur Wolfgang Clement, 47, früher SPD-Sprecher in Bonn seine Leser auf, "ist eine Sache auf Gegenseitigkeit."
Doch die Bremer haben die Botschaft wohl nicht recht verstanden. Statt mehr Leser hatte die im Dezember letzten Jahres eingeführte "Bremer Morgenpost" mit ihrer Auflage von 11000 schließlich weniger als die zuvor nach Bremen expedierte "Hamburger Morgenpost" (13000). Der Flop endete mit dem Stopp.
Die Verantwortung für den Fehlschlag übernahm Chefredakteur Clement. Der Bremer Ableger sei ein "halbherziger Versuch" gewesen, der "zweifellos kein Erfolg werden konnte". Das Blatt habe in Bremen "keine Funktion gewonnen" - was Zeitungsleser nur bestätigen können.
Selbst Clement hält, im nachhinein, die Bremer "Mopo" für "die schlechteste Ausgabe, die wir hatten" - was etwas heißen will, denn neben dem Hamburger Schwerpunkt der journalistischen Arbeit (61 Redakteure) wird für den schleswigholsteinischen Regionalteil noch weniger getan als bislang in Bremen (vier Redakteure).
Die Bremer waren mit dem Blatt nie warm geworden. Sie mußten sich durch zuviel Hamburger Lektüre quälen, etwa im Termin- und Kulturteil, bevor sie auf die eher kümmerliche Berichterstattung aus Bremen stießen. Auch die Sportseiten aus Bremen waren dürftig - ein tödlicher Fehler für ein Boulevardblatt.
Nach ihrem Exitus hat die "Mopo" in Bremen, so scheint es, mehr Freunde als zu Lebzeiten. "Ganz furchtbar" findet Senatssprecher Reinhold Ostendorf das Aus. Finanzsenator Claus Grobecker (SPD) möchte sich "am liebsten die Haare raufen", sogar Boulevard-Konkurrent Gerhard Buzzi, Lokalchef von "Bild" Bremen, mußte, um die Stimmung zu treffen, "Betroffenheit" äußern.
Die "Schlacht um die ''Hamburger Morgenpost''", verteidigte Gruner + Jahr-Vorstandsvorsitzender Gerd Schulte-Hillen die Entscheidung, werde "nicht in Bremen gewonnen".
Noch ist nicht sicher, ob sie überhaupt gewonnen werden kann. Die "Morgenpost"-Auflage stieg binnen Jahresfrist von rund 120000 auf 135000 verkaufte Exemplare. Pläne, schnell auf 200000 zu kommen, wurden nun auf "1988/89" (Clement) vertagt. Die erhoffte Ausdehnung über Hamburg hinaus, vielleicht ins ganze Bundesgebiet, liegt nun, so der Chefredakteur, "in weiter Ferne".
In Bremen sehen sich Politiker wie der Finanzsenator und gelernte Drucker Grobecker plötzlich in einer "verarmten und verödeten Presselandschaft". Nun überlegt er schon, ob die SPD in Bremen "ein wöchentliches Parteiblatt aufmachen" soll.
Denn die Sozialdemokraten bleiben, wenn auch noch die "taz" ihren munter und professionell gestrickten Lokalteil dichtmacht, mit dem lokalen Doppelmonopol des "Weser-Kurier" und der "Bremer Nachrichten" zurück, die beide im konservativen Verlag "Bremer Tageszeitungen AG" erscheinen.
Die Zusammenlegung ihrer Bremer Lokalseiten findet Verleger Herbert Ordemann mehr Kaufmann als Journalist, ganz in Ordnung. Nun könne man, statt getrennte Lokalteile zu machen, die "als einzelne nicht gut genug" seien, mit vereinter Redaktionsmannschaft "endlich gründlich arbeiten".
Verlagschef Ordemann über die Bremer Presse-Öde: "Pressepolitisch unbedenklich."
Und dann sind da auch noch die kostenlosen Anzeigenblätter "Weser-Report", zu 50 Prozent in CDU-Besitz, und der "Bremer Anzeiger". Und die verstehen unter Journalismus etwas Ähnliches wie die "Bild"-Zeitung, die in Bremen und Bremerhaven 113000mal an den einfachen Mann kommt.
Chefredakteur Clement (r.) am Dienstag letzter Woche bei der Verkündung des Einstellungsbescheids.

DER SPIEGEL 49/1987
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