06.06.1988

NATIONALELFFrüher gab's Erich

An müden Beinen wird es nicht liegen, falls die deutschen Fußballer bei der Europameisterschaft versagen: Mit reichlich Pillen und Medizinmännern ist gegen körperliche Schwäche vorgesorgt. *
Die Kurgäste im holsteinischen Malente waren am Mittwoch voriger Woche verwirrt. In der Zeitung hatten sie gelesen, daß die deutsche Nationalmannschaft in ihrem Trainingslager tüchtig Schweiß absondere, um Europameister zu werden. Doch auf dem Sportplatz zog, statt Matthäus, Völler und Klinsmann, nur eine Mähmaschine knatternd ihre Bahn.
Was die Zaungäste mit dem Spazierstock nicht wissen konnten: Professor Heinz Liesen, 47, hatte, wie jeden Morgen nach dem Waldlauf der Fußballprofis, deren Ohrläppchen angezapft und die Harnstoffwerte im Blut ermittelt. Nach dem Frühstück bestätigte die Analyse des Mediziners, was Teamchef Franz Beckenbauer "aus Erfahrung" schon vermutet hatte: Die meisten Spieler waren überbelastet. Also strich Team-Chef Beckenbauer das Vormittagstraining.
Die milde Welle ist neu. Wenn früher im deutschen Fußball das Training ausfiel, dann oft, weil dem Trainer, etwa nach einer unterhaltsamen Nacht, selber nicht wohl war. Schlechte Spielleistungen quittierten die Fußball-Lehrer der ersten beiden Bundesliga-Jahrzehnte gern mit Straftraining. Die sportmedizinische Betreuung erschöpfte sich in der Massage vor dem Spiel.
"Früher", so erinnert sich Beckenbauer, bestand die medizinische Abteilung der Nationalmannschaft aus einem Orthopäden, Professor Schoberth, und Masseur Deuser, "dem Erich mit seinem Handköfferchen".
Bei der Europameisterschaft tritt der DFB mit drei Physiotherapeuten, einem Internisten, einem Orthopäden und modernster medizinischer Ausrüstung an. Wir praktizieren, so Beckenbauer, "den totalen Professionalismus".
An müden Beinen jedenfalls werden die deutschen Ambitionen kaum scheitern. Drei Wochen vor dem Trainingslager ging Liesen allen EM-Kandidaten bereits ans Ohrläppchen und verordnete schriftlich Verhaltensregeln zur Hege und Pflege der kostbaren Körper. Der Doktor hat alles zu Beckenbauers Zufriedenheit erledigt: "Wir sind viel weiter als vor zwei Jahren", vor der Weltmeisterschaft.
Auf Beckenbauers Geheiß wurde Liesen, seit 1974 Hausarzt der Hockey-Nationalmannschaft, vor drei Jahren DFB-Medicus. Die Methoden und Empfehlungen des Professors für Innere Medizin stießen bei vielen Profis, die bis dahin ausschließlich von Orthopäden behandelt wurden, zunächst auf Skepsis.
Den Durchbruch schaffte Liesen mit der Spritze. Zur WM in Mexiko verabreichte er den Spielern insgesamt etwa 3000 Injektionen zur Prophylaxe, die das Immunsystem des Körpers kräftigen _(Bei der Blutabnahme. )
sollten. Da die Elf vor allem aufgrund ihrer physischen Robustheit bis ins Endspiel gelangte, sind Liesens Methoden in der DFB-Equipe seither anerkannt.
Auch auf die Trainingsdosierung und die Ernährung wirkte der Professor ein. Anfangs, so berichtet er, "war ich über die Mahlzeiten erschrocken". Auf den Tisch kam, was schmeckte. Heute gibt es überwiegend kohlenhydratreiche Kost. Nudeln und Reis haben blutige Steaks und Salat abgelöst; "und es schmeckt", so Torwart Eike Immel, "immer noch".
Dazu reicht der Sportmediziner sechs bis acht Tabletten täglich - eine Dosis, an der sich nicht nur die medizinischen Geister scheiden. Pierre Littbarski etwa glaubt, auch ohne die tägliche Pillenration dribbelstark zu sein: Weil er "nicht hundertprozentig überzeugt" ist, schluckt er nur ein Drittel der Menge.
Die meisten seiner Kollegen hingegen haben "volles Vertrauen" (Immel) in den Doktor, hat er ihnen doch "genau erklärt", daß die Präparate nur körpereigene Stoffe beinhalten: Weil der Hochleistungssportler übermäßig Nährstoffe wie Mineralien, Spurenelemente oder Vitamine verbrauche, müßte der Mangel eben ausgeglichen werden.
Nicht alle Fachleute folgen dieser Logik. In der vorletzten Woche erneuerten zwei Professoren ihre Vorwürfe gegen einen übermäßigen Pillenkonsum. Manfred Steinbach vom Bundesgesundheitsministerium kritisierte Kollegen, "die glauben, alles, was nicht verboten ist, ist erlaubt". Liesens Nährstoff-Nachschub sei zwar kein Doping, "aber es ist Doping-Mentalität".
Auch Manfred Donike, Bundesbeauftragter für Dopinganalytik, rügte: Wenn er Liesen sehe, "der mit der Immunstimulanzspritze durch die Gegend saust, fällt mir kein anderer Begriff ein als Scharlatan".
Solche Vorhaltungen "eines sportmedizinischen Laien" will Liesen nicht akzeptieren. Er wende lediglich die neuesten Erkenntnisse der Sportmedizin an: Wer sich permanent an der Belastungsgrenze bewege, sei anfälliger gegen Infekte.
Liesen kann darauf verweisen, daß er in Calgary jene Nordischen Kombinierer betreute, die überraschend die Goldmedaille gewannen. In Wahrheit stecke hinter der Kritik nur Neid.
Zumindest Donikes Einwände hält Liesen, der nach der Europameisterschaft "aus zeitlichen Gründen" als DFB-Arzt aufhören wird, für reichlich fadenscheinig: Der Biochemiker habe eine "seltsame Doppelmoral".
Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles startete Donikes Sohn als Radrennfahrer: "Am Abend vor dem Wettkampf", so Liesen, "hat Donike mir heimlich Vitamin-Ampullen in meine Rocktasche gesteckt" - mit der Bitte, sie seinem Sohn am Morgen zu injizieren.
Bei der Blutabnahme.

DER SPIEGEL 23/1988
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