11.04.1988

„Ich als ein Mafioso in Moskau ...“

SPIEGEL-Gespräch mit dem sowjetischen Schach-Chef Nikolai Krogius über den Konflikt mit Weltmeister Kasparow *
SPIEGEL: Nikolai Wladimirowitsch, Schachweltmeister Garri Kasparow hat Sie und andere Spitzenfunktionäre des sowjetischen und des internationalen Schach so scharf kritisiert, wie es noch niemand vor ihm gewagt hat. Bis vor kurzem geschah dies nur in westlichen, neuerdings geschieht dies auch in sowjetischen Medien. Und auch die Gegner Kasparows schweigen in Moskau nicht mehr.
Finden Sie es gut, daß es zu solchen Auseinandersetzungen kommt, oder gefiel es Ihnen früher besser, als es dergleichen hierzulande noch nicht gab?
KROGIUS: Da muß ich stark differenzieren. Geht es um die ausführliche Darlegung von Fragen des Schachlebens, um die Erörterung der verschiedensten Aspekte, auch solcher, über die früher vielleicht nicht gesprochen wurde, so stehe ich dazu positiv.
Aber leider muß ich sehr vieles von dem, was Kasparow redet und schreibt, negativ bewerten, ganz einfach, weil vieles sehr subjektiv ist oder überhaupt nicht stimmt. Es gibt da sehr viel Anlaß, den Kopf zu schütteln. Das gilt insbesondere für sein Buch "Politische Partie".
SPIEGEL: Kasparow nennt sein Buch ein Stück "Glasnost", ein Beispiel für die neue Offenheit, und behauptet, es gehe ihm um die "Perestroika", um die Umgestaltung der Gesellschaft auf dem Sektor Schach. Wird er diesem Anspruch gerecht?
KROGIUS: Es gibt kaum ein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite zu verurteilen ist. Auch bei Kasparow finden sich einige nützliche Gedanken, und nicht mit jeder Kritik schießt er über das Ziel hinaus. Aber kein Leser dieses Buches wird so naiv sein anzunehmen, daß es "Glasnost" und "Perestroika" in der sowjetischen Schachwelt lediglich dank Kasparow gibt und daß es hier sonst nur von Schurken und Verrätern wimmelt.
SPIEGEL: Kasparow schreibt von einer "Mafia", deren Machenschaften im Schachleben er bekämpfen will. Er zählt seinen Vorgänger Anatolij Karpow und Florencio Campomanes, den Präsidenten des Weltschachbundes, dazu, aber auch Sie, den höchsten sowjetischen Schachfunktionär. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie lasen, daß Sie zur "Mafia" gehören?
KROGIUS: Ich habe lachen müssen. Ich war ja auf einiges gefaßt, ich hatte mit nahezu jedem Epitheton gerechnet, aber das hat mich denn doch belustigt. Gott möge verhüten, dachte ich mir, daß Kasparow einmal in die Hände wirklicher Mafiosi fällt.
SPIEGEL: In der "Iswestija" kritisiert Kasparow, eine Gruppe einflußreicher Leute in Moskau versuche alles, damit er _(Mit Redakteuren Jörg R. Mettke und ) _(Werner Harenberg im Moskauer ) _(SPIEGEL-Büro. )
sich nur im westlichen Ausland als Weltmeister fühlen könne, aber nicht in der Sowjet-Union. Sind Sie damit auch wieder gemeint?
KROGIUS: Was er da erklärt, hat mit der Wirklichkeit, mit der Wahrheit nichts zu tun. Kasparow spricht sehr häufig nicht konkret. Was heißt denn überhaupt "sich nicht als Weltmeister fühlen"? Man kann sich krank fühlen, man kann sich gesund fühlen. Aber kann man sich "als Redakteur des SPIEGEL" oder "als Großmeister" fühlen oder nicht fühlen?
Und wenn er wieder von einer geheimnisvollen "Gruppe" spricht, die da am Werke sei, so ist das nur die Neuauflage der "Mafia".
Ich habe, wie gesagt, in meinem ganzen Leben noch keinen größeren Unsinn gehört als den, es gebe in Moskau eine Mafia und ich - Großmeister Krogius - sei hier ein lebendiger, von jedermann zu besichtigender Mafioso.
SPIEGEL: Ebenfalls in der "Iswestija" hat sich Kasparow dagegen gewehrt, daß seine Gegner ihn zu einem politischen Dissidenten stempeln wollen.
KROGIUS: Die Phantasie dieses jungen Mannes kennt keine Grenzen. Ich brauche diese Behauptung wohl nicht zu kommentieren.
SPIEGEL: Immerhin steht sie in der "Iswestija", in der Zeitung Ihrer Regierung.
KROGIUS: Es handelt sich doch ohne jeden Zweifel nicht um eine regierungsamtliche Mitteilung, sondern um die Äußerung von Kasparow in einem Interview.
SPIEGEL: Herr Krogius, Kasparow ist der Meinung, daß ihm viermal Unrecht zugefügt worden ist, und jedesmal waren Sie daran beteiligt. Der erste Titelkampf zwischen Karpow und Kasparow wurde im Februar 1985 nach 48 Partien und fünf Monaten auf Ihren Antrag hin vom Weltschachbund, der Fide, abgebrochen. Halten Sie diese Entscheidung noch immer für richtig?
KROGIUS: Als der sowjetische Schachverband diesen Antrag stellte, stand es 5 : 1 für Karpow, und es war kein Ende abzusehen. Wenn es noch viele Wochen weitergegangen wäre, hätten wir uns um die Gesundheit der Spieler sorgen müssen.
SPIEGEL: Wohl nur um die Gesundheit Karpows. Der hatte die beiden letzten Partien verloren, so daß es nur noch 5 : 3 stand, und "hing in den Seilen", wie ein Reporter schrieb. Aber in jeder Sportart muß derjenige aufgeben, der nicht mehr weiterkämpfen kann.
KROGIUS: Das Risiko war für beide Spieler zu groß, der Meinung bin ich noch heute. Wir haben viel Kritik einstecken müssen wegen unseres Antrages, beim Stand von 5 : 1 abzubrechen, die Fide noch mehr wegen des Abbruchs beim Stand von 5 : 3. Aber die Kritik wäre ohne jeden Zweifel noch viel, viel schärfer gewesen, wenn weitergespielt worden wäre und die Spieler schwere gesundheitliche Schäden auf Dauer davongetragen hätten. Es gibt dafür leider erschreckende Beispiele in der Schachgeschichte.
Warum vermeidet man, darüber zu sprechen? Außerdem hatte durch den Abbruch Kasparow einen Vorteil und nicht Karpow: Für ihn begann das nächste Match bei 0 : 0 und nicht bei 3 : 5.
SPIEGEL: Wir bleiben bei unserer Meinung, daß es ein Vorteil für Karpow war, nach zwei Verlustpartien hintereinander aufhören zu können.
Aber zu den anderen drei Fällen: Kasparow bekam jedesmal - wie er berichtet - Hilfe von Genossen aus der Parteispitze, von dem damaligen Politbüro-Mitglied Alijew, wie er aus Baku stammend, und von Jakowlew, der heute noch dem Politbüro angehört.
KROGIUS: Ich habe in keinem der drei Fälle bemerkt, daß Alijew oder Jakowlew sich damit befaßt oder gar zugunsten von Kasparow eingegriffen haben. Ich weiß nicht, ob Alijew und Jakowlew wissen, daß sie Kasparow unterstützt haben sollen.
SPIEGEL: Meinen Sie, Kasparow habe sich das aus den Fingern gesogen? Märchen darüber zu erzählen, was Genossen des Politbüros getan oder gelassen haben, wäre doch nicht ungefährlich.
KROGIUS: Ich weiß nichts von solchen Interventionen, und ich müßte doch davon wissen, wenn es sie gegeben hätte, nicht wahr? Alle diese Phantastereien sind ausschließlich durch Äußerungen Kasparows belegt.
SPIEGEL: Nun darf man sich einen solchen Eingriff sicher nicht so vorstellen, daß bei Ihnen das Telephon klingelt: "Hier Alijew, Genosse Krogius, handeln Sie wie folgt ..." Es wird in Moskau sehr hierarchisch gedacht, und die Weisung, eine Entscheidung zu korrigieren, würde Sie wohl auf einer Art außergewöhnlichem Dienstweg erreichen, über zwei, drei Genossen.
KROGIUS: Weder auf einem solchen außergewöhnlichen Dienstweg, wie Sie ihn fiktiv schildern, noch auf irgendeinem anderen Wege hat mich irgendeine Weisung Alijews oder Jakowlews erreicht.
SPIEGEL: Auch nicht über Ihren Vorgesetzten, Marat Gramow, den Vorsitzenden des Sportkomitees?
KROGIUS: Glauben Sie mir, wir haben die drei Fälle im Schachverband aus eigener Verantwortung entschieden.
SPIEGEL: Nun, wir können den Streit der Genossen Kasparow und Krogius um die Wahrheit weder schlichten noch klären. Die Genossen Alijew und Jakowlew danach zu fragen, macht keinen Sinn, weil solche Aktionen weder bestätigt noch dementiert werden.
Gehen wir kurz die drei Fälle durch. Wie hat Sie denn Kasparow - Fall eins - 1982 davon überzeugt, ihn nicht zu einem unbedeutenden Turnier nach Dortmund, sondern zu einem hochkarätigen Turnier ins jugoslawische Bugojno zu schicken?
KROGIUS: Der Schachverband von Aserbaidschan hatte eine Bitte geäußert ...
SPIEGEL: Also doch eine Intervention aus Baku.
KROGIUS: Nein. Erstens wurde nicht Alijew tätig, und zweitens ist ein solches Votum eines Schachverbandes nicht eine Intervention, sondern ein ganz normaler interner Vorgang des Schachlebens. Und solche Korrekturen, daß man jemanden zu einem anderen Turnier im Ausland schickt, als zunächst vorgesehen war, gibt es öfter.
SPIEGEL: In dem Streit um diese Auslandsreise haben Sie laut Kasparow zu ihm den mittlerweile berühmt-berüchtigten Satz gesagt: "Im Moment haben wir schon einen Weltmeister und brauchen keinen anderen."
KROGIUS: Ich könnte mich etwa so geäußert haben, obwohl ich einen solchen Satz nicht im Gedächtnis habe. Aber es kommt auf den Kontext an.
SPIEGEL: Wie Kasparow den Satz zitiert, versteht man ihn so: Dem Funktionär Krogius ist der umgängliche Karpow lieber als der aufsässige Kasparow, also läßt er den jungen Mann aus Baku nicht allzu schnell nach oben kommen.
KROGIUS: Der Kontext macht klar, wie der Satz in Wirklichkeit gemeint war. Seinerzeit ist Kasparow allzu forsch, allzu selbstbewußt und allzu aggressiv aufgetreten, als sei er schon Weltmeister mit entsprechenden Rechten. Darauf habe ich dann wohl mit einer humorvollen Bemerkung dieser Art reagiert.
Wissen Sie, ich kann Kasparow eigentlich gar nicht übelnehmen, daß er mich so zitiert. Denn zu seinen Schwächen gehört, daß er ein Mensch völlig ohne Humor ist. Wahrscheinlich hat er meinen lustigen Spruch bierernst genommen und mich seither seinen Gegnern zugeordnet.
SPIEGEL: Warum - Fall zwei - haben Sie Kasparow im Sommer 1983 beim Kandidaten-Halbfinale in den USA, in
Pasadena, gegen den Exilrussen Kortschnoi nicht antreten lassen? Kortschnoi wurde kampflos zum Sieger erklärt. Wäre es dabei geblieben, wäre Kasparow vielleicht heute noch nicht Weltmeister, er hätte ein, zwei Jahre später von vorn anfangen müssen, um sich für einen Titelkampf zu qualifizieren.
KROGIUS: Alles, was Kasparow über die möglichen Gründe andeutet, ist reine Phantasie.
SPIEGEL: Er nimmt wohl an, Karpow habe eingegriffen, weil ihm ein Titelkampf gegen den alten Kortschnoi lieber gewesen sei als gegen den jungen Kasparow.
KROGIUS: Quatsch. Wir haben Pasadena ganz einfach deshalb nicht akzeptiert, weil beide Spieler sich für Rotterdam als Spielort ausgesprochen hatten und der Weltschachbund kein Recht hatte, sich darüber hinwegzusetzen und für Pasadena zu entscheiden. Übrigens hat Kasparow selbst ein Telegramm an die Fide geschickt, in dem er Pasadena kategorisch ablehnte.
SPIEGEL: Damals wollte Kasparow nach Pasadena fahren, dafür gibt es Belege. Hat er das Telegramm selbst verfaßt oder hat er es nur unterschrieben, vielleicht unterschreiben müssen?
KROGIUS: Nein, Kasparow hat es aus eigener Initiative abgelehnt, in Pasadena zu spielen.
SPIEGEL: Aber Sie sind dann doch nicht konsequent geblieben.
KROGIUS: Doch, wir sind nicht nach Pasadena gegangen.
SPIEGEL: Sie mußten mit dem Weltschachbund und mit Kortschnoi verhandeln, damit das Halbfinale von Pasadena annulliert und in London neu angesetzt wurde. Das hat Sie 210 000 Dollar gekostet.
KROGIUS: Es war ein Kompromiß. Der Weltschachbund war für, der sowjetische Schachverband war gegen Pasadena, man einigte sich auf London.
SPIEGEL: Am dritten Fall war der SPIEGEL in gewisser Weise beteiligt. Wegen der Äußerungen von Kasparow, die er Anfang Juni 1985 in einem SPIEGEL-Gespräch gemacht hatte, kam es zu einer Aktion Ihrerseits und am Ende zu einer Sitzung am 9. August in Moskau, auf der Sie Kasparow zur Rechenschaft ziehen wollten.
KROGIUS: An diesem Beispiel läßt sich sehr deutlich zeigen, wie Kasparow mit der Wahrheit umgeht. Von dieser Sitzung ...
SPIEGEL: Halt, halt, so weit sind wir noch nicht. Vor dieser Sitzung hatten Sie - so Kasparow - erörtert, ihn als Strafe für sein SPIEGEL-Gespräch zu disqualifizieren, die Weltmeisterschaft nicht fortzusetzen und Karpow kampflos zum Sieger zu erklären. Und noch vor der Sitzung sollen die Spitzengenossen Alijew und Jakowlew entschieden haben, daß so nicht verfahren werden darf.
KROGIUS: Eine Disqualifikation hat nie zur Debatte gestanden. Aber lassen Sie mich fortfahren. Kasparow behauptet doch, von dieser Sitzung wie überhaupt von der ganzen Sache gebe es keine Unterlagen, die seien allesamt verschwunden.
SPIEGEL: Ja, das behauptet er.
KROGIUS (zieht ein Schriftstück aus seiner Mappe und hält es hoch): Und was ist das hier? Es ist das Protokoll der Sitzung vom 9. August 1985. Weder von einer Disqualifikation noch von irgendeiner anderen fürchterlichen Strafe steht da auch nur ein einziges Wort.
SPIEGEL: Würden Sie uns das Protokoll geben? Wir würden es gern lesen und einen Auszug veröffentlichen. KROGIUS: Ich darf es Ihnen nicht geben, aber ich lese Ihnen gerne vor, was Sie interessiert.
SPIEGEL: Was wurde denn Kasparow vorgeworfen?
KROGIUS: Es wurde ihm zu wenig Respekt vor dem Schachverband und vor einzelnen Schachspielern vorgeworfen. Und Kasparow äußerte sich, so steht es hier im Protokoll, aber eben leider nicht in seinem Buch "Politische Partie" (liest vor): "Ich akzeptiere die Kritik und bin bereit, in allen Punkten um Entschuldigung zu bitten."
SPIEGEL: Wäre Kasparow denn bestraft worden, wenn er keine Selbstkritik geübt hätte?
KROGIUS: Wir wollten unserem jungen, talentierten Schachspieler den Rat geben, nicht solche inkorrekten Bemerkungen zu machen. Wenn er irgend etwas zu beanstanden hat, dann muß er das im Schachverband offen sagen.
SPIEGEL: Offenheit - "Glasnost" - nur intern, ist das nicht ein überholter Standpunkt?
KROGIUS: Ich bin für die Wahrheit, immer und überall, aber besonders in den zwischenmenschlichen Beziehungen muß es maßvoll und taktvoll zugehen. Wenn man einen Streit in der Familie schlichten kann, lohnt es nicht, ihn vor der Welt auszutragen. Darüber denkt man am Rhein wahrscheinlich genauso wie an der Wolga.
SPIEGEL: Sie haben unsere Frage noch nicht beantwortet, was geschehen wäre, wenn Kasparow seine Reue nicht zu Protokoll gegeben hätte.
KROGIUS: Das kann man jetzt schwer sagen. Vielleicht hätte der Verband eine Rüge erteilt.
SPIEGEL: Aber nun ist doch Kasparow in seinem Buch und in Interviews danach viel weiter gegangen als seinerzeit in dem SPIEGEL-Gespräch. Als Mafioso in Moskau hat er Sie zum Beispiel damals noch nicht bezeichnet. Logischerweise müßten Sie doch auch wegen des Buches, wegen manch späteren Interviews gegen ihn vorgehen. Konkret: Wird es wegen des Buches auch eine solche Sitzung geben wie damals im August 1985?
KROGIUS: Schwer zu sagen. Vielleicht gibt es eine Sitzung nicht nur wegen des Buches. Vielleicht gibt es auch gar keine Sitzung; das hängt von der Mehrheitsmeinung im Verband ab. Vielleicht gibt es nur eine Art Privatgespräch.
SPIEGEL: Herr Krogius, der Streit zwischen dem besten Schachspieler und dem höchsten Schachfunktionär der Sowjet-Union ist noch nicht zu Ende, vielleicht beginnt er sogar erst richtig. In einigen wichtigen Fragen denkt Kasparow total anders als Sie, insbesondere was Macht und Geld betrifft. Wir wollen nur einige herausgreifen.
Geht es um Macht im Weltschach, so geht es meist um Campomanes, den Präsidenten der Fide. Er ist in Kasparows Augen ein noch größerer Finsterling, als Sie es sind. Sie aber haben Ende 1986 bei der Generalversammlung im arabischen Dubai die Wiederwahl von Campomanes durchgesetzt.
KROGIUS: Es gibt jetzt 125 Mitglieder der Fide, weit mehr als in der Zeit,
bevor Campomanes Präsident wurde. Weltweit wird dem Schach erheblich mehr Aufmerksamkeit gewidmet, vor allem von den Massenmedien. In vielen Ländern stellen Regierungen oder private Sponsoren mehr Mittel als früher zur Verfügung. An all diesen Entwicklungen hat Campomanes wesentlichen Anteil. Sein Elan, sein Sachverstand, sein Herz für Schach sind beispielhaft. Wahrscheinlich ist er einer der besten Fide-Präsidenten, die es je gab. Wie Kasparow denken nur sehr wenige über Campomanes.
SPIEGEL: Darüber könnten wir lange mit Ihnen streiten. Aber lassen Sie uns über Geld reden. Haben Sie, hat der sowjetische Schachverband den Weltmeister zu Unrecht um einige hunderttausend Schweizer Franken gebracht?
Kasparow hat sich öffentlich darüber beschwert, daß er nur einen Bruchteil seines Preisgeldes von der Schachweltmeisterschaft erhalten hat, die Ende vorigen Jahres in Sevilla stattfand. 80 Prozent habe das sowjetische Sportkomitee kassiert.
KROGIUS: Es handelt sich nicht um 80, sondern um 70 Prozent, das nur zur Klarstellung. Aber vielleicht sollte ich ganz präzise sagen, wohin das Geld aus Sevilla geflossen ist.
SPIEGEL: Ja, bitte.
KROGIUS: Es handelt sich um insgesamt 2 850 000 Schweizer Franken. 20 Prozent gingen an den Weltschachbund zur Unterstützung von Entwicklungsländern. Es verbleiben 2 280 000 Franken. Davon beansprucht das staatliche Sportkomitee Steuern in Höhe von 70 Prozent gleich 1,6 Millionen. Den Rest von 30 Prozent müssen sich Kasparow und Karpow teilen, weil das Match ja remis ausging. Das macht für jeden knapp 350 000 Franken.
SPIEGEL: Und wie haben die beiden Spieler diese Summe erhalten, in Franken oder in Rubel?
KROGIUS: Je zur Hälfte in Devisen und in Rubel.
SPIEGEL: Wird für die beiden Schachstars eine Ausnahme von der Vorschrift gemacht, die jedem Bürger des Landes den Besitz von Devisen verbietet?
KROGIUS: Sowjetbürgern ist es nicht verboten, für ihre Arbeit ausländische Währung zu erhalten, sei es für Tätigkeit im Ausland, als literarische Honorare oder als Erbschaft. Die Valuta kann dann hier bei der Bank für Außenwirtschaft deponiert werden.
SPIEGEL: Es blieb ja wirklich nicht allzuviel übrig, wenn man bedenkt, daß es um den höchsten Titel ging und daß sich beide Spieler monatelang auf einen solchen Kampf vorbereiten müssen.
KROGIUS: Die Kosten für die Entwicklung von Karpow und Kasparow zu Schachspielern der Weltspitze hat von ihren Kindertagen an bis heute der sowjetische Staat getragen. Aus der Staatskasse
wurde ihre Ausbildung, wurden ihre Lehrer, Trainer und Sekundanten, ihre Reisen im In- und Ausland, ihre Bibliotheken usw. usw. bezahlt. Da halte ich es nur für gerecht, daß die Sportler, die nun zu Weltstars geworden sind, dem Staat einen Teil des in sie investierten Geldes zurückerstatten. 30 Prozent des Gewinngeldes haben sie behalten, das ist ein ansehnlicher Betrag.
SPIEGEL: Zum Einfluß des Weltmeisters hier in Moskau. Wie wir Kasparow kennen, werden Sie sich darauf einstellen müssen, daß er bestimmen oder zumindest in hohem Maße mitbestimmen will, wie sich das Schachleben in der Sowjet-Union entwickeln wird. In Ihrem Lande hat der Weltmeister eine wichtige Stellung und viel Macht, nicht wahr?
KROGIUS: Es gibt da eine gewisse Tradition, aber der Einfluß des jeweiligen Weltmeisters wird sehr oft übertrieben dargestellt. Ich meine, jeder sollte sich im wesentlichen auf sein Gebiet beschränken.
Goethe war ja zum Beispiel als Minister auch für die Armee zuständig, und er war meines Wissens sogar auf diesem Sektor ein guter Minister, obwohl er in der Kunst eines Feldherrn ganz sicher nicht bewandert war. Ich kann gegen Kasparow auf dem Schachbrett heute nicht viel ausrichten, und er ist in fast allen Fragen, mit denen ich jetzt zu tun habe, ein Dilettant und kann dort keinerlei Autorität beanspruchen.
SPIEGEL: Kasparow sieht das alles anders. Und er meint wohl, daß es im sowjetischen Schach ungefähr so sein soll wie in der Kommunistischen Partei. Wenn dort der Mann an der Spitze wechselt, wird das Personal zum großen Teil ausgetauscht. Demnach gibt es für Sie eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder schwenken Sie auf Kasparows Kurs ein, oder Sie müssen um Ihren Posten fürchten.
KROGIUS: Erstens hat die Kommunistische Partei damit gar nichts zu tun; auf solche "Mannschaftswechsel" verstehen sich westliche Regierungen viel besser. Zweitens sehe ich mich nicht vor dieser Alternative.
Wie könnte ich auf Kasparows Kurs einschwenken? In manchen Punkten stimme ich ihm zu, in anderen nicht, weil für mich an erster Stelle die Interessen des sowjetischen Schachlebens stehen. Es ist schade, daß Kasparow sein Talent an eingebildete Probleme vergeudet. Das Schachspiel könnte nur gewinnen, wenn sich Kasparow statt dessen mit schöpferischen Fragen beschäftigen würde.
SPIEGEL: Herr Krogius, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN
Schach und Fußball *
sind in der Sowjet-Union die beiden populärsten Sportarten. 4,5 Millionen Menschen sind in Schachklubs organisiert (in der Bundesrepublik 87 000) und spielen in den Palästen der Jungen Pioniere und in Klubhäusern des Komsomol, der Armee, der Gewerkschaften und anderer Organisationen.
Nach Schätzungen sitzt überdies jeder zweite Sowjet-Bürger in seiner Freizeit zumindest gelegentlich am Schachbrett (von den Bundesbürgern nur jeder vierte). In vielen Schulen ist Schach ein Unterrichtsfach. Alljährlich beteiligen sich eine Million Jugendliche an einem Wettkampf "Weißer Turm".
32 der 100 weltbesten Schachspieler leben in der Sowjet-Union. Es gibt dort mehr Großmeister als in irgendeinem anderen Land. Sie beziehen eine Art Gehalt von 200 bis 300 Rubel im Monat, sind damit besser gestellt als Lehrer und mindestens so gut wie Ärzte. Sie müssen sich am Schachleben mit Simultanvorstellungen, Lehrgängen und Fachbeiträgen beteiligen. Ein Dutzend Spitzenspieler hat aus Turnieren im Westen weit höhere Einnahmen als zu Hause.
Schachweltmeister waren seit Kriegsende - mit einer Ausnahme - sowjetische Spieler, von Michail Botwinnik bis zu Garri Kasparow, der im November 1985 mit 22 Jahren jüngster Champion der Schachgeschichte wurde.
Die Reihe hatte 1972 lediglich der Amerikaner Bobby Fischer unterbrochen, der im isländischen Reykjavik den Weltmeister Boris Spasski (der heute in Paris lebt und für Frankreich spielt) besiegte und danach seinen Titel nicht verteidigte, sondern kampflos Anatolij Karpow überließ.
Einer der Sekundanten Spasskis in dem "Jahrhundertmatch" gegen Fischer
war Großmeister Nikolai Krogius, der jahrelang zu den besten Spielern der Welt gehörte.
Krogius, 57, ist promovierter Psychologe. Sein Standardwerk "Psychologie im Schach" erschien in mehreren Sprachen (deutsch in Ost-Berlin 1983).
Seit sieben Jahren ist er im Staatskomitee für Körperkultur und Sport der für Schach verantwortliche Spitzenfunktionär. Der Schachverband hat einen ehrenamtlichen Präsidenten, Krogius führt hauptamtlich die Geschäfte.
Er hat weit mehr Macht als westliche Sportfunktionäre. Der Verband ist verantwortlich für die "politisch-moralische Erziehung" der Schachspieler. Kein Sowjet-Profi darf ohne das Plazet des Verbandes ins Ausland reisen.
Krogius ist außerdem Vizepräsident des Weltschachbundes, in dem oft die von ihm vertretene Sowjet-Union den Kurs bestimmt.
Mit Redakteuren Jörg R. Mettke und Werner Harenberg im Moskauer SPIEGEL-Büro.
Von J. R. Mettke und W. Harenberg

DER SPIEGEL 15/1988
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