25.01.1988

RUNDFUNKHeißes Bettgeflüster

Die CDU will den Sender Freies Berlin finanziell aushungern. Sie setzt auf den regierungshörigen Rias. *
Seine goldenen Tage erlebte der Sneder, als die Zukunft Berlins düster aussah. Es war die Zeit nach dem Mauerbau, in der aller Hader um den Sender Freies Berlin (SFB) verstummte.
"Beschämend" fand Axel Springers "Welt" damals, vor rund 26 Jahren, was auch der SPD-Pressedienst "nicht verstehen" konnte: Westdeutsche Finanzhilfe für das notleidende Frontstadtradio blieb aus. "Der SFB hat nicht genug Geld", entrüstete sich die "Bild"-Zeitung, "es wird Zeit, daß in diesem Lande mal wieder auf den Tisch gehauen wird."
Auch heute wird beim SFB wieder kräftig auf den Tisch gehauen. Doch schon seit langem geht es CDU-Politikern und den Blättern aus dem Springer-Verlag nicht mehr um Rückenstärkung für den Sender, "dessen Stimme", wie "Bild" 1962 schrieb, "den 16 Millionen Deutschen in der Zone immer noch Mut gibt". Sie wollen, wie SPD-Rundfunkrat Diether Huhn dieser Tage kritisierte, "den SFB runterreden" und nutzen dazu das leidige alte Thema: die Finanznot unterm Funkturm.
Übellaunig vermerken die Konservativen in West-Berlin und Bonn, daß die SFB-Programme nicht mehr nur als "Brücke nach drüben" (Berliner "Tagesspiegel") dienen wollen, sondern, ihrem demokratischen Auftrag gemäß, zur "kritischen Begleitung" des Zeitgeschehens beitragen. Berichterstattung etwa über Polizeieinsätze oder Korruptionsskandale, die der CDU nicht paßte, trug dem SFB abfällige Verurteilungen ein: Der Sender widme sich, giftete der Berliner CDU-Generalsekretär Klaus-Rüdiger Landowsky, vor allem "Blaulicht-Themen".
Eindeutig favorisieren die Parteichristen neuerdings einen regierungsabhängigen Propagandasender: den 1946 als "Rundfunk im amerikanischen Sektor" gegründeten Besatzungssender Rias. _(Oben: 1949 vor dem Bahnhof Zoo bei einer ) _(Sendung zur Bekanntgabe der ) _(Währungsreform; ) _(unten: im April 1987 im Rathaus ) _(Schöneberg. )
Unter Federführung von Bundeskanzler Helmut Kohl, bei dem sich Berlin-Bürgermeister Eberhard Diepgen kräftig ins Zeug legte, wurde der Rias großzügig mit westdeutschen Steuermitteln ausgestattet, um ihm ein neues Fernsehprogramm auch für die Bundesrepublik zu ermöglichen.
Die Abhängigkeit des Senders ergibt sich aus seinem Statut: Der Rias wird letztlich vom amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan über eine regierungsamtliche Muttergesellschaft in Washington gesteuert. Und seine Betriebsmittel erhält das deutsche US-Radio mittlerweile zu fast 95 Prozent von der Bonner Regierung, der Rest kommt aus den USA.
Solche Subventionen wurden dem SFB selbst zu Zeiten des Mauerbaus verweigert. Begründung der Union damals: Der SFB könnte "durch Bundesmittel in Abhängigkeit geraten".
Nun gilt das Gegenteil. Kohl-Regierung und Diepgen-Senat wollen sich offenkundig einen CDU-konformen, auch bundesweit präsenten Sender schaffen. Von CDU-Politikern wird der Rias bereits als zweite Berliner Landesrundfunkanstalt gehandelt und insgeheim als Nachfolgesender für den ungeliebten SFB favorisiert - Berlin, dessen Zeitungsmarkt von Springer-Blättern beherrscht wird, soll auch rundfunkpolitisch total eingeschwärzt werden.
Hinzu kommt, daß sich auch private Hörfunkprogramme, die über UKW auf Sendung gegangen sind, einer geradezu enthusiastischen Aufmerksamkeit bei der Berliner CDU-Prominenz erfreuen: das seit April 1987 sendende Radio "Hundert,6" des Filmemachers Ulrich Schamoni und das am Tag vor Silvester gestartete "Radio in Berlin", an dem die Medienkonzerne Springer, Bertelsmann, Holtzbrinck und Radio Luxemburg beteiligt sind.
Zum Start der Schamoni-Welle im letzten Frühjahr, bei dem Diepgens Senat fast vollzählig versammelt war, ließ Parteisekretär Landowsky erneut Abfälliges über den "Depressionsfunk" SFB hören.
Spezialität des neuen Senders, einer der inzwischen gängigen privaten Dudelwellen, ist das heiße mitternächtliche "Bettgeflüster". Radiosex-Onkel Frank Schmeichel, den die Berliner inzwischen "Samen-Frank" nennen, plaudert dabei mit Hörern telephonisch über deren Liebesleben oder andere erotische Seiten des Daseins. Der Schamoni-Funk, an dem erste Berliner Abschreibungsadressen aus der Geschäftswelt beteiligt sind, erreicht mittlerweile 19 Prozent der Radiohörer und liegt damit hinter den zweiten Programmen von SFB und Rias auf Platz drei.
Der Unionsclan, vorneweg Landowsky und der Regierende Diepgen, war auch dabei, als bei Shrimps und Champagner der Neujahrs-Start des Konzern"Radios in Berlin" gefeiert wurde. Das neue Programm für "konsumorientierte, aktive Leute", "Hedonisten, Aufstiegsorientierte und technokratisch Liberale", wie Programmchef Rolf Jablonski seine Zielgruppe umreißt, bringt den SFB-Intendanten Günter Herrmann inzwischen ins Grübeln: "Die Auswirkungen auf den Werbemarkt machen mir Sorgen."
Ähnliche Erfahrungen wie mit dem Privatfunk hatte der SFB schon mit dem Rias gemacht, als dessen zweites Hörfunkprogramm vor gut zwei Jahren zur Rock- und Popwelle für junge Leute umgebaut wurde - Hauptzweck sei dort "das Funktionieren der Jingle-Maschinen", spottete der "Evangelische Pressedienst".
Die stärker informationsorientierten SFB-Programme verloren schlagartig 29 Prozent ihrer Hörer und wurden zeitweise, erstmals in der Berliner Nachkriegsgeschichte, vom Rias überholt. _(Probeaufnahmen bei einem ) _(Feuerwehreinsatz. )
Beim SFB gab es daher Alarm, als sich der US-Sender anschickte, auch beim "modernsten Medium" mitzumischen, wie Rias-Intendant Bernhard Rohe (CDU) bestätigte. Am 4. Juli, dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, wird der "Rundfunk im amerikanischen Sektor", eine Filiale der United States Information Agency (USIA), sein Fernsehprogramm starten.
Auf dem Berliner Kanal 25 wird täglich um sechs Uhr, am Wochenende um acht, ein dreistündiges Rias-Frühstücksfernsehen beginnen. Am frühen Abend, um 17.50 Uhr, soll Rias-TV noch einmal 45 Minuten lang mit Informationen aufblenden - drahtlos in die Berliner Hausantennen. Rund 54 Millionen Mark wird das Betriebsjahr 1988 den Bund kosten, 3,5 Millionen Mark kommen aus den USA. Fernsehdirektor Gerhard Besserer (CDU) kündigte an, sein Sender werde sich auch "um die Ausstrahlung in der Bundesrepublik bemühen".
Ohne aktive Beihilfe der Bonner Politik wäre die Rias-Offensive nicht möglich. "Wir werden von der deutschen Bundesregierung ermutigt", plauderte USIA-Chef Charles Z. Wick vor einiger Zeit über die Londoner BBC aus, "in angemessener Weise darzustellen, was wir tun, was wir zur Verteidigung Deutschlands beitragen."
Die christdemokratische Vorzugsbehandlung verdankt der Rias seinem ungebrochenen Ruf als antikommunistischer Sender. In der Nachkriegszeit, bis in die sechziger Jahre hinein, sendeten Rias und SFB in den sogenannten Schicksalsfragen der Deutschland- und Ostpolitik ideologisch noch auf gleicher Welle. Der SFB agitierte damals, mit dem konservativen Chefkommentator Matthias Walden, gelegentlich sogar noch strammer gegen das Ulbricht-Regime als der Rias mit seinem populären sozialdemokratischen Bonner Korrespondenten Egon Bahr.
Während dann aber der Rias flexibel auf Kurs blieb und im Zeichen der Entspannung das Gefällig-Unterhaltende in den Vordergrund schob (Unterhaltungschef: "Dalli-Dalli"-Erfinder Hans Rosenthal), schlichen sich beim SFB auch linke Töne ins Programm.
Seit Intendant und Hobbypilot Franz Barsig Ende der siebziger Jahre seinen sozialdemokratischen Kampfauftrag gegen kritische Geister mit Absturz beendete und später auch CDU-Kandidat Lothar Loewe mit seiner chaotischen Hauruckpolitik im Sender scheiterte, ist die Berliner "Elendswelle" (Landowsky) in den Augen vieler führender Christdemokraten so gut wie erledigt.
Im besten Einvernehmen mit Charles Z. Wick, Reagans Vertrauensmann bei der USIA, mobilisierte Kohl den Rias mit moralischer und finanzieller Aufrüstung gegen den verarmten SFB, der derzeit eine Deckungslücke von 25 Millionen Mark zu verkraften hat. Auch der neue Senderchef Günter Herrmann, 56, ein aus dem Westdeutschen Rundfunk berufener Christdemokrat, tut sich mit dem Sparen schwer. Eine dreiköpfige SFB-Kommission hatte Herrmann dazu verdammt, den 300-Millionen-Etat um ein Prozent zu kürzen. Doch von solchen Dingen hat der oft kleinlich und belehrend wirkende Jurist (Jahresgehalt: 270 000 Mark) offenbar wenig Ahnung.
"Der kam in jede Sitzung mit einem neuen Konzept", erinnert sich Rundfunkrat Jürgen Grimming vom Berliner Journalistenverband. Noch toller trieb es Hörfunkdirektor Wolfgang Seifert, der so lange von einem "Sparhaushalt" redete, bis die Rundfunkräte seine Vorlagen als "regelrechtes Verwirrspiel" (Grimming) enttarnten: Er hatte darin Ausgabenerhöhungen von sage und schreibe 34 Prozent versteckt.
Ende letzten Jahres erreichte der Sparwille der SFB-Führung um Herrmann einen denkwürdigen Höhepunkt. Über das Hin- und Hergeschiebe der Etatvorlagen im Programmausschuß wurde die Vorsitzende Gabriele Wiechatzek (CDU) letzte Woche zur Rundfunkratsvorsitzenden gewählt, so wütend, daß sie mitten in der Sitzung mit zornrotem Gesicht aufsprang, ihre Unterlagen zusammenraffte und aus der verdatterten Runde davonstürmte.
Viel geschickter als die unbewegliche SFB-Führung operierten die Konkurrenten vom Rias. In aller Stille führte ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf (CDU), ein Handreicher Kohls, bei seiner Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten eine Rias-Vorlage ein, nach der die US-Tochter "praktisch als zweite Berliner Landesrundfunkanstalt behandelt werden möchte" (Schwarzkopf).
Der Rias will künftig für sein Fernsehprogramm Zugriff auf "Tagesschau"- und "Tagesthemen"-Material und andere aktuelle Filmbeiträge erhalten, die nur den Mitgliedern der Union der Europäischen Rundfunkanstalten zustehen. Die ARD, in ständigem Kontakt mit ihrem Mitglied SFB, lehnte nicht grundsätzlich ab, bot dem Rias sogar den dritten SFB-Fernsehkanal zur Mitbenutzung an.
Die Gegenforderung der Intendanten: Der Rias dürfe dort nur sein geplantes Frühstücksfernsehen ausstrahlen. Auf die Ausstrahlung ins Bundesgebiet und das Berliner Frühabendmagazin aber solle der Sender verzichten. Auch die Berliner SPD hat sich, um Schlimmeres zu verhüten, diesem Vorschlag angeschlossen und befürwortet eine engere Zusammenarbeit zwischen ARD und Rias.
Nach Ansicht des Berliner SPD-Vorsitzenden Walter Momper ist immer noch fraglich, ob die Rechnung aufgeht. Denn über das Ziel der Konservativen hat der Politologe keinen Zweifel: "Rias-TV soll der Totengräber des SFB werden."
Oben: 1949 vor dem Bahnhof Zoo bei einer Sendung zur Bekanntgabe der Währungsreform; unten: im April 1987 im Rathaus Schöneberg. Probeaufnahmen bei einem Feuerwehreinsatz.

DER SPIEGEL 4/1988
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