30.11.1987

DOPINGSteril und impotent

Radikaler Kurswechsel im Sowjet-Sport: Die UdSSR-Presse veröffentlicht Doping-Fälle, Wissenschaftler und Funktionäre verlangen ein Ende der Manipulationen. *
Drei Jahre hatte Igor Papschew, sowjetischer Meister im Flossenschwimmen vom Klub Sibir in Nowosibirsk, sich nach Anweisungen seines Trainers mit muskelbildenden Präparaten namens Retabol gedopt. Als ihn 1986 Schmerzen in der Herzgegend peinigten, redete er offen über seine Ängste und deren Ursache. Der Schwimmer fiel in Ungnade, er mußte den Klub verlassen. Trainer und Funktionäre vertuschten die Affäre.
Doch die sowjetische Zeitung "Sowjetski sport" recherchierte den Fall und - absolut neu - veröffentlichte ihn auch. Fast zugleich beklagte in einem Interview mit der Moskauer Nachrichtenagentur "Nowosti" Professor Witalij Semjonow, der Leiter des Moskauer Testinstituts, daß "viele Sportler die Gefahren des Dopings ignorieren".
Auf ihrem Jahrestreffen im Oktober beschlossen die Sportführer des Ostblocks, "gemeinsam und so energisch wie möglich gegen Doping vorzugehen", Mißbrauch "durch langfristige Sperren, womöglich auf Lebenszeit", zu bestrafen. Zudem fordern sie "Dopingkontrollen während der gesamten Trainingsperiode".
Offenbar haben Perestroika und Glasnost den sensibelsten Sektor des sowjetischen Medaillensports erreicht. Die Wende an der Doping-Front markiert den bislang radikalsten Schwenk bei der Neuorientierung. Leistungssteigernde Medikamente und hormonelle Manipulationen gehörten in vielen Sportarten routinemäßig zur sportmedizinischen Vorbereitung sowjetischer Athleten-Kollektive auf bedeutende internationale Wettkämpfe.
Fast immer erschienen auch Sowjet-Athleten in veröffentlichten Listen überführter Doping-Sünder, etwa die Fünfkampf-Olympiasiegerin Nadeschda Tkatschenko oder der Olympiasieger im Modernen Fünfkampf Anatolij Starostin. Tatjana Kasankina, bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau Goldmedaillen-Gewinnerin im 1500-Meter-Lauf, ließ sich auf Anraten ihres Arztes bei einem Auslandsstart gar nicht erst auf die unerwartete Doping-Probe ein.
Auch bei Länderkämpfen drückten sich sowjetische Athleten bisweilen, ihr Testwasser abzuliefern. Als Kontrollen angekündigt wurden, sagten die Sowjets kurzfristig einen Länderkampf der Zehnkämpfer in Ahlen ab.
Vor der Abreise zu internationalen Meisterschaften wurde bislang in Labors geprüft, ob die Athleten einen Doping-Test bestehen könnten. Bei der medikamentösen Vorbereitung der Leichtathletik-Europameisterschaften 1982 in Athen muß den Sowjets eine folgenschwere Panne passiert sein: Kurz vor Beginn meldete die UdSSR nach dem prophylaktischen Test 26 schon im Programm ausgedruckte Teilnehmer wieder ab.
Außerdem betrieben sowjetische Athleten mit den in ihrem Lande leicht und preiswert käuflichen Anabolika profitablen Schmuggel. 1985 sperrte der sowjetische Verband die beiden Gewichtheber Anatolij Pissarenko und Alexander Kurlowitsch lebenslang. Sie waren vom kanadischen
Zoll mit Muskelpillen im Werte von 39000 Mark ertappt worden. Für Kurlowitsch dauerte lebenslang allerdings nur zwei Jahre. Im September 1987 durfte er schon wieder an den Weltmeisterschaften teilnehmen, er siegte.
Bei allen Manipulationen "hätten gewisse Sportmediziner", so Professor Semjonow, den gesundheitlichen Gefahren des Dopings "nicht die Bedeutung beigemessen, die sie verdient". Bis 1985 drang der vorzeitige Tod von knapp 50 sowjetischen Topathleten in den Westen durch. Ein Zusammenhang mit Doping ist zwar nicht nachweisbar, aber allen gemeinsam waren jahrelange pharmakologische Behandlung und frühes Lebensende.
"Jetzt kann ich reden", sagte der frühere Olympiasieger im Gewichtheben Jurij Wlassow, im Mai 1987. Überraschend war der als kritischer Geist bekannte Wlassow zum Präsidenten des sowjetischen Gewichtheber-Verbandes aufgerückt.
"Rekorde im Gewichtheben", erklärte er öffentlich, "sind heute ohne Anabolika nicht mehr möglich." Er frage sich, so Wlassow, ganz generell, ob der Preis, den die Athleten für Medaillen und Rekorde zahlen, nicht entschieden zu hoch sei.
Offenbar wurde die Botschaft verstanden. Im November lief in den sowjetischen Medien eine konzertierte Antidoping-Kampagne an."Sowjetski sport" enthüllte den Skandal von Nowosibirsk, wo sich die gesamte Schwimm-Mannschaft gedopt hatte. Den Trainer O. Solowjow machte das Blatt als Verantwortlichen namhaft.
Der Klubpräsident beteuerte, er sei für die Entlassung des Trainers gewesen, "aber das Klubkollektiv und das Parteikomitee haben mich nicht unterstützt". Kommentar der Zeitung: "Der Ergebniskult hinderte Kommunisten, die Machenschaften des Trainers zu erkennen."
Warnend berichtete "Sowjetski sport" auch über eine Athletin, die nach Anabolika-Mißbrauch steril geworden sei und über Athleten, die "total impotent" geworden waren. Zugleich beklagte Professor Semjonow in einem Interview, wie sich "der Wettkampf der Kräfte und des Geistes mehr und mehr in einen Wettbewerb pharmazeutischer Firmen verwandelt".
Der Aufruf der Ostblock-Sportführer zum "energischen Kampf mit dem Ziel, Doping im Sport endgültig auszumerzen", eröffnet zum erstenmal realistische Chancen, die Manipulationsseuche einzudämmen. Denn bislang hatten im Westen Appelle an Fairness, Warnungen vor gesundheitlichen Folgen und Sperren ihre Wirkung verfehlt.
"Wenn wir nicht schlucken, wie die aus dem Ostblock", rechtfertigte ein deutscher Heber beispielsweise den Dopingmißbrauch, "dann brauchten wir gar nicht erst anzutreten."

DER SPIEGEL 49/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DOPING:
Steril und impotent

Video 01:54

Helmkameravideo Klettertour mit spektakulärem "Abstieg"

  • Video "Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: Es wirkt lächerlich" Video 02:32
    Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: "Es wirkt lächerlich"
  • Video "Impeachment-Anhörung: Es war unangebracht, es war unangemessen" Video 03:21
    Impeachment-Anhörung: "Es war unangebracht, es war unangemessen"
  • Video "TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum" Video 02:16
    TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum
  • Video "DFB-Sieg gegen Nordirland: Der Eindruck bleibt bestehen" Video 02:31
    DFB-Sieg gegen Nordirland: "Der Eindruck bleibt bestehen"
  • Video "Trump über Impeachment-Verfahren: Ich habe noch nie von Vindman gehört" Video 00:56
    Trump über Impeachment-Verfahren: "Ich habe noch nie von Vindman gehört"
  • Video "Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität" Video 02:02
    Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität
  • Video "Pompeo zu israelischen Siedlungen: Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf" Video 01:38
    Pompeo zu israelischen Siedlungen: "Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf"
  • Video "Unwetter in Österreich: Lage entspannt sich, Gefahr bleibt" Video 00:55
    Unwetter in Österreich: Lage entspannt sich, Gefahr bleibt
  • Video "Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt" Video 02:08
    Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt
  • Video "Nach Pokal-Aus in Peru: Fans und Spieler greifen Schiedsrichter an" Video 01:00
    Nach Pokal-Aus in Peru: Fans und Spieler greifen Schiedsrichter an
  • Video "Smoggeplagtes Neu-Delhi: Zuflucht in der Sauerstoffbar" Video 01:38
    Smoggeplagtes Neu-Delhi: Zuflucht in der Sauerstoffbar
  • Video "Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine" Video 00:58
    Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine
  • Video "Prinz Andrews BBC-Interview zu Epstein: Der peinliche Prinz" Video 01:16
    Prinz Andrews BBC-Interview zu Epstein: Der peinliche Prinz
  • Video "Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße" Video 00:49
    Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße
  • Video "Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder" Video 05:18
    Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder
  • Video "Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem Abstieg" Video 01:54
    Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem "Abstieg"