04.07.1988

DDRVon A bis D

Das Gesundheitswesen der DDR steckt in einer Krise: Ärzte wollen auswandern, Medikamente sind knapp. *
Die DDR", verkündete Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger vor einigen Wochen, "zählt zu den 15 Staaten mit der größten Arztdichte." 425 DDR-Bürger teilten sich derzeit einen Mediziner. Bis 1990 sollen es, so der Genosse Minister stolz, nur noch 380 sein.
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Von den über 40 000 Ärzten in der DDR haben nach seriösen Angaben 4500 ihren Staat per Ausreiseantrag wissen lassen, daß sie ihn auf immer Richtung Westen verlassen wollen.
Und die Zahl steigt. In keinem anderen Berufsstand ist die Unzufriedenheit verbreiteter als unter den ostdeutschen Ärzten. Sie stellen das größte Kontingent unter denen, die Verwandtenbesuche in der Bundesrepublik zum Absprung nutzen. Würden die Behörden allen Anträgen auf Emigration stattgeben, bräche, so ein Ost-Berliner Funktionär, "die medizinische Versorgung der Bevölkerung zusammen".
Daß vor allem Mediziner der Westen lockt, ist verständlich: In der DDR sind sie durchschnittlich besoldete Gehaltsempfänger in staatlichen Praxen, Polikliniken und Krankenhäusern, gegängelt von der Bürokratie und mißtrauisch überwacht von der SED. Die wenigsten dürfen als "Reisekader" an Fachkongressen im Westen teilnehmen, fürs berufliche Fortkommen zählt die ideologische Zuverlässigkeit häufig mindestens soviel wie das fachliche Können.
Doch das allein hat den allgemeinen Mediziner-Frust in der DDR nicht ausgelöst. Viele Ärzte sind ganz einfach verärgert über Mängel, Schlamperei und Korruption im sozialistischen Gesundheitswesen, vor allem bei der Versorgung mit Medikamenten.
Da in der DDR für alle in der Sozialversicherung Versicherten die Arzneien kostenlos sind, hat das Gesundheitsministerium ein verschachteltes System ausgeklüngelt, um den rapide steigenden Konsum an Tropfen, Zäpfchen und Pillen zu drosseln.
Alle Medikamente sind in vier "Nomenklaturen" von A bis D eingeteilt. Nur die etwa 300 Medikamente und etwa 1200 Hilfsmittel der Nomenklatur A (wie Verbandsmaterial) kann jeder Arzt verschreiben. Die Medikamente der Nomenklaturen B bis D dürfen nur von bestimmten Fachärzten verordnet und nur durch die zuständige Bezirksapotheke geliefert werden.
Die vom Ministerium herausgegebenen Arzneimittelinformationen enthalten zudem regelmäßig Hinweise, wie knapp gewordene Arzneimittel zu ersetzen sind - ohne Rücksicht auf die Patienten.
So empfahlen die Behörden etwa, das knappe ungarische Präparat Cavinton bei der Behandlung von zerebrovaskulärer Insuffizienz (Mangeldurchblutung des Gehirns) durch das DDR-Präparat Cerutil zu ersetzen - obwohl über dessen spezifische Wirksamkeit keine pharmakologisch-klinischen Untersuchungen vorliegen und Cerutil von den Patienten wegen starker vegetativer Begleiterscheinungen abgelehnt wird.
Zur "Verschreibungsökonomie" der Gesundheitsplaner gehört auch, daß Ärzte die teuren Medikamente der Nomenklatur C und D nur mit Zustimmung ihrer Vorgesetzten und per Sonderauftrag bestellen dürfen. Für bestimmte Erkrankungen, etwa Parkinson oder Diabetes, gibt es zudem jeweils nur eine zentrale Behandlungsstelle in der DDR, über die allein auch die spezialisierte medikamentöse Therapie mit Importpräparaten läuft. Die Folge sind Wartezeiten bis zu einem halben Jahr.
Bei der Arzneimittelversorgung zeigt sich zudem immer wieder die Unfähigkeit der sozialistischen Planwirtschaft, die vorhandenen Waren bedarfsgerecht auf das ganze Land zu verteilen. Während am einen Ende der DDR dringend benötigte Medikamente in einer Wochen dauernden bürokratischen Prozedur
beschafft werden müssen, verfallen sie etwa in der Metropole Berlin.
Im größten Krankenhaus der DDR, der Ost-Berliner Charite, fehlten nach Angaben des Chefapothekers Dr. Zier im Sommer 1987 einfache Medikamente gegen Durchfall und Durchblutungsstörungen sowie Anker-Plast-Spray und Capsicum-Pflaster. Zugleich drohten teure Mittel aus dem Westen, etwa das Herzmittel Cordalin, zu verfallen, weil sie zu wenig geordert wurden.
Das Chaos führte zu absurden Situationen. Ein 17jähriges Mädchen bekam Lanicort-Salbe gegen Schuppenflechte verschrieben. Da das aus Polen eingeführte Präparat der Nomenklatur A in der Apotheke am Stadtrand von Berlin nicht zu kriegen war, sondierte der Vater zunächst die Versorgungslage. "In den normalen Apotheken in Berlin", so die diskrete Auskunft, "sieht es schlecht aus. Aber das Regierungskrankenhaus in Buch hat das Zeug kiloweise."
Daraufhin schrieb der Vater eine Eingabe an das Gesundheitsministerium. Nach zehn Tagen bekam er tatsächlich Antwort: eine Entschuldigung für den durch polnische Lieferschwierigkeiten verursachten Salbenmangel und die Zusage, die zuständige Bezirksapotheke sei angewiesen, die Bürgerin umgehend mit Salbe zu versorgen.
Die jedoch war, als die Patientin mit dem Schreiben in der Apotheke erschien, keineswegs vorrätig, sondern erst nach nochmaliger Beschwerde - acht Wochen nach Ausstellung des Rezepts.
Im Mangel sind indes nicht alle Bürger gleich. Höhere Kader von Partei und Regierung verfügen über eigene Krankenhäuser, die mit Vorrang versorgt werden. In Buch am Rand von Ost-Berlin liegen nebeneinander eine Klinik für Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit, ein Spital für die obersten Hundert aus SED und Regierung sowie ein städtisches Krankenhaus für den Rest der Bevölkerung.
Von der Ost-Berliner Misere profitieren auch Geschäftsleute im Westen der Stadt. "Für die Kader", sagt der Vertreter einer West-Berliner Arzneimittelfirma, "wird alles beschafft und jeder Preis akzeptiert. Die Oberapotheker der Charite und des Regierungskrankenhauses in Buch sind jede Woche bei uns."
Um den Mangel der Massen wenigstens zu lindern, griffen die SED-Oberen zu einem bewährten Rezept: Sie lockerten die Bestimmungen für Geschenkpakete aus dem Westen. Im November 1987 veröffentlichte das Gesundheitsministerium eine Liste von 286 westlichen Arzneimitteln, die seither gegen Vorlage eines DDR-Rezeptes ins Land geschickt werden dürfen.
Einige westliche Pharmahersteller besaßen dieses Dokument allerdings schon im Frühjahr 1987: Sie hatten über die staatliche ostdeutsche Außenhandelsfirma Germed dafür gesorgt, daß sie selbst gebührend auf der Liste vertreten sind.

DER SPIEGEL 27/1988
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