30.11.1987

Die Kriechspur des Herrenmenschen

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Klaus Kinski und Werner Herzogs neuen Film „Cobra Verde“ *
Fünfmal haben Werner Herzog und Klaus Kinski zusammen einen Film gemacht, den ersten, "Aguirre, der Zorn Gottes", 1972, den letzten, "Cobra Verde", jetzt. Sie drehen mit Vorliebe in abgelegenen tropischen Gegenden, weil sie da ihre Kräche wie ein eingeübtes Ehepaar, vor staunenden Statisten der Dritten Welt und herbeizitierten schwitzenden Journalisten, spektakulär wie einst die Taylor und der Burton, veranstalten können: Kinski zetert und schäumt, verlangt nach Extravaganzen. Herzog duckt sich und genießt, die Crew leidet ängstlich; Herzogs Bruder, der Produzent Lucki Stipetic, murmelt: Was das alles wieder kostet!
Vielleicht war das nicht immer so, aber inzwischen hat man den Eindruck: Die Dreharbeiten müssen der schönere Film gewesen sein. Wahrscheinlich genauso abgefuckt und abgekartet wie das Resultat - aber wenigstens nicht nach einem festen Drehbuch verfertigt.
Auch diesmal war es wieder so: Kinski hat sich im Staub gewälzt und geschrien, wollte ein andres Auto, hat Filmrollen vernichten lassen, die ohne seine Erlaubnis gedreht worden waren hat Termine geschmissen, bis Herzog weinte und wimmerte. Ob das nun PR war oder als Szenen einer Ehe vonstatten ging - es ist völlig gleichgültig. Filmemachen mag prinzipiell ein sadistisches Geschäft sein, es zählt jedoch, um mit Kohl zu sprechen, was hinten rauskommt.
Und der Film, der dabei aber wirklich ganz hinten rausgekommen ist und den es jetzt im Kino zu vermeiden gilt, ist eigentlich nur eines: peinlich und eklig, ein schmutziges Stück Männerphantasie, klappriges Herrenmenschentum, geritten auf der Mähre Kinski.
Klapprig, weil Kinski als inzwischen Sechzigjährige mit blondgefärbtem Struwwelhaar und verknitterter Visage immer noch Jung Siegfried spielen möchte: das Auge blau, die Kraft unbändig, der Zorn gewaltig - ein Berserker, komisch wie aus der Transvestiten-Show, würde er sich, würde ihn Herzog nicht so lähmend ernst nehmen.
Die Geschichte des Films von der "grünen Schlange", der "Cobra Verde", geht auf Motive eines Romans von Bruce Chatwin zurück, mit denen Herzog und Kinski sehr frei umgesprungen sind. Erzählt wird die Geschichte eines südamerikanischen Banditen und Abenteurers, der Männer in Angst und Schrecken, Frauen in blinde Begeisterung versetzt.
Als er alle drei minderjährigen Töchter eines Zuckerbarons, der ihn als Sklaventreiber engagierte, schwängert - wortkarg, mürrisch und mit Gewalt, wie Frauen das bekanntlich so lieben -, wird er auf ein Himmelfahrtskommando nach Afrika geschickt. Er soll, der Film spielt zu Sklavenzeiten, neue Sklaven holen, und zwar aus einem Reich Afrikas, dessen Herrscher wahnsinnig ist und ihn vermutlich schnell umbringen wird. So, hoffen die südamerikanischen Barone die vor seinem Eros und seiner Rage zittern, sind sie ihn endgültig los. (Bald hofft der Zuschauer mit ihnen.)
Aber in Afrika, obzwar kurz in Lebensgefahr, wird Cobra Verde Vizekönig eines gegen seinen wahnwitzigen Bruder erfolgreich putschenden Prinzen. Er darf Sklaven einschiffen, Sklavinnen im Dutzend schwängern, bis er betrogen und ermattet in einer Welle am Strand verendet.
Die Geschichte dieses Desperados, der am Rande der Zivilisation mit seinem und jedem Leben va banque spielt, hat Herzog offensichtlich kaum interessiert, jedenfalls konnte er sie mit Kinski, dem er in seinem Film Handlung wie Leute als Teppich vor die bloßen Füße wirft, nicht verwirklichen.
Aus dem jungen Abenteurer wird ein groteskes Wrack der Selbstgefälligkeit und Selbstverherrlichung: Klaus Kinski, der sich von den Schwarzen immer wieder die Füße schlecken läßt, um zu erklären, wie sehr ihn alles anöde und einsam lasse. Man hält es nicht für möglich, daß der Film seinen Kitsch und seine Sentimentalität voll über einen afrikanischen KZ-Herrscher ergießt, der traurige Briefe schreibt, während die auf das Schiff wartenden Sklaven wundgescheuert und in Ketten in Verliesen dahinvegetieren und er mit der Geste eines großzügigen Gastgebers irgendeinem weißen Seemann eine junge Afrikanerin zwecks sexueller Nutznießung überläßt.
Das Groteske dabei: Hatten Herzogs frühere Kinski-Monster wenigstens den Wahn utopischer Ziele, Fitzcarraldo etwa, der eine Oper im Urwald bauen wollte, so ist der neue Kinski nur noch dabei, sich gequält zu langweilen und mit wulstig vorgeschobenen Lippen zu fragen, warum er nicht wenigstens Christus sei. Herzog jedenfalls _(Werner Herzog trägt Klaus Kinski ) _(huckepack. )
schenkt seinem Kinski alle Gefühle; die Opfer wähnen sich glücklich, seinen angeekelt verrichteten Gewaltakten zu Diensten zu sein.
Da überfällt Cobra Verde beispielsweise einen Zug mit einer verhangenen Sänfte. Er schießt einmal in die Luft, die Leute fliehen, nur in der Sänfte bleibt eine schwarze Dame zurück. Kinski schreit: "Geld oder Leben!" Da klettert die Schöne weißumschleiert aus der Sänfte, beginnt wie in einem Nachtklub für müde Geschäftsreisende auf der Straße zu tanzen, die Hüften zu schwenken bis er sich herabläßt, sie endlich zu nehmen. Frauen? Die wollen doch nur eines: von Kinski genommen werden. Egal ob sein mürrischer Charme etwa so frisch ist wie ein Gebiß im Glas.
Man erleidet den quälenden Ernst dieser menschenschinderischen Parodie und möchte aufatmen, als Kinski nach Afrika will und badend der Sonne entgegen ins Meer steigt. Man hofft eine Sekunde lang, er würde über das Wasser wandeln können, ein klappriger Heiland mit strohiger blonder Dornenkrone, aber diesen Abflug in die unirdische Komik wagt Herzog nicht - sosehr seine Kamera seinen Helden auch vergottet. So hat zuletzt Leni Riefenstahl den "Führer" gefilmt. Und in der Tat: Herzog dreht die Afrikaner so, wie die Riefenstahl die Nuba photographiert hat, prächtige Primitive, bestenfalls als Ornament der Masse tauglich, Staffage für die Grimassen eines Supermanns, folkloristische Sightseeingtour für Zivilisationsmüde.
Auch dafür gibt es einen grausigen Höhepunkt: Kinski als rasender Feldwebel ("Alles hört auf mein Kommando!") trainiert Afrikanerinnen (Frauen, mit blanker Brust, versteht sich, sonst aber schwer bewaffnet, sind die besseren Soldaten) zum Krieg, bis sie es kaum noch erwarten können, ihre männlichen Landsleute zu erschlagen: So scharf hat der Klaus seine Amazonen gemacht.
Und schließlich passiert, neben all den Macho-Posen und all den Herrenmenschenattitüden, die Kinski in seinen zwei bekannten Darstellungsmitteln (sadistisch schäumend oder masochistisch Staub fressend) austobt, das Ungeheuerlichste: Herzog setzt verkrüppelte Schwarze zu Dekor-Zwecken ein. Ohne daß sie etwas mit der Handlung zu schaffen hätten, läßt er sie als Kontrast, wie Kraken und Ungeziefer abphotographiert, durch das Bild kriechen, während Kinski seinen stummen übermenschlichen Kampf mit sich selbst ausficht.
Die Lichtgestalt, mit den vor Ekel geschürzten Lippen, noch im Scheitern groß, vom Schwängern minderjähriger Afrikanerinnen im Innern zutiefst nicht befriedigt - und die Menschen schwarz, spindeldürr, verwachsen, stumm, ohne Sinn und Verstand, aber bedrohlich am Strand auf ihn zukriechend: Es ist der zur Kinski-Schmiere verkommene Faschismus, den dieser Film ausdünstet - allen Feigenblatt-Verlautbarungen vom Ende der Sklaverei zum Trotz.
Werner Herzog trägt Klaus Kinski huckepack.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 49/1987
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