15.02.1988

JUGOSLAWIENWundersame Wandlung

Auf Fälschung erkannten die Gutachter, deutsche wie jugoslawische. In Belgrad geriet das vom SPIEGEL veröffentlichte Waldheim-Telegramm in den politischen Grabenkampf. *
Vorigen Dienstag im Belgrader Internationalen Presseclub. Die Redaktion der Parteizeitung "Borba" stellte ein neu aufgelegtes Sachbuch vor: "Register des Todes", die Namenslisten von 11 219 überwiegend serbischen Kindern aus dem Kozara-Gebirge in West-Bosnien, die durch deutsche Besatzer und deren faschistische kroatische Gehilfen ermordet wurden.
In der anschließenden Pressekonferenz wurde nur nach einem gefragt: "Sind Sie bei Ihren Recherchen auch auf den Namen Kurt Waldheim gestoßen?"
Nach kurzem Zögern antwortete Jovan Kesar, Mitautor des Buches und Journalist bei der Abendzeitung "Vecernje novosti": "Konkret haben wir danach nicht gesucht. Aber ... als Mitglied im Stab des verantwortlichen Generals Stahl konnte er sich nicht mit der Übersetzung von Goethe und Schiller beschäftigt haben."
Seit zwei Wochen beschäftigt die jugoslawische Öffentlichkeit nichts so sehr wie Waldheims Rolle während seiner Kriegsjahre auf dem Balkan.
Das jugoslawische Nachrichtenmagazin "Nin" hat eine Serie gestartet, die
sich mit den politischen Hintergründen der Waldheim-Biographie auseinandersetzt. In "Politika" macht der langjährige Bonn-Korrespondent Bozidar Dikic - gestützt durch Aussagen überlebender Zeugen - Waldheim als Mitwisser von Geiselerschießungen an der italienischen Front in Montenegro verantwortlich.
Kaum weniger deutlich fragt der außenpolitische "Borba"-Kommentator, Slobodan Pavlovic, ob es sich die Regierung Jugoslawiens leisten könne, in einer derart zentralen Frage "neutral" zu bleiben.
Doch die "zentrale Frage" blieb auch in der vorigen Woche unbeantwortet, nachdem die internationale Historikerkommission ihren für Waldheim vernichtenden Abschlußbericht vorgelegt hatte.
Die nimmt darin auch zu jenem umstrittenen Telegramm Stellung, das Waldheim erstmals persönlich - unter Namensnennung - zu belasten schien und das der SPIEGEL in Photokopie abgedruckt hatte (Nr. 5/1988).
"Die Echtheit des Dokuments", so die Historiker am vorigen Montag, könne "nicht überprüft werden". Die von der Kommission beauftragte Sachverständige für slawische Sprachen, Zora Otalora, habe jedoch befunden, daß der Text "in Übereinstimmung mit dem im Ustascha-Staat üblichen Sprachgebrauch" stehe.
Ebenfalls noch am Montag erklärte Jugoslawiens Regierung, sie wolle sich zum Dokumentenstreit nicht äußern, das bleibe den Experten überlassen.
Im Auftrag des Hamburger "Stern" hatte sich indes ein Fachmann besonderer Spezialität an die Arbeit gemacht: Bernhard Haas vom Stuttgarter Landeskriminalamt, ein international ausgewiesener Schreibmaschinen-Experte. Sein Vater Josef Haas hatte in mühsamer Kleinarbeit über 300 000 verschiedene Schriftbilder zusammengetragen - eine der größten Sammlungen der Welt.
Junior Haas fällte über das vermeintliche Waldheim-Telegramm das Urteil, "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" seien Datum, Adresse und Text des kroatischen Schriftstücks auf einer Schreibmaschine getippt worden, die erst von 1949 an in der Tschechoslowakei produziert wurde.
Schon wenige Stunden später begann die Hamburger Staatsanwaltschaft Ermittlungen, weil ein Anfangsverdacht gegen "Unbekannt" wegen Betrugs und Urkundenfälschung sowie wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts gegeben sei.
Der Höhepunkt im Streit um Echtheit oder Fälschung des Waldheim-Telegramms, eine Affäre in der Affäre Waldheim, schien erreicht. Da meldeten Donnerstag die Medien aus Belgrad, auch nach den Untersuchungen einer jugoslawischen Expertenkommission - von deren Existenz bis dahin niemand gewußt hatte - handle es sich bei dem Telegramm "höchstwahrscheinlich" um eine Fälschung.
Bemühungen des SPIEGEL, mit Hilfe von jugoslawischen Regierungsstellen die Hintergründe des dunklen Spiels mit dem Waldheim-Telegramm aufzuhellen oder an das noch immer verschollene Original zu kommen, wurden abschlägig beschieden. Frau Malena Stojcev vom Bundesinformationsamt: _____" Es ist völlig illusorisch zu glauben, daß hier irgend " _____" jemand noch offiziell zum Fall Waldheim Stellung nimmt. " _____" Wir Jugoslawen haben alles gesagt, was zu sagen war, und " _____" damit punktum. " _____" Zu den Ergebnissen der Untersuchung hat die " _____" Historikerkommission Stellung genommen. Herr Waldheim hat " _____" etwas dazu gesagt, und es wäre einfach geschmacklos, wenn " _____" jetzt wir noch etwas dazu bemerken. Wenn die Kommission " _____" glaubt, sie brauche noch Dokumente, dann soll sie kommen. " _____" Die Archive in Jugoslawien sind offen für jedermann. " _____" Frage des SPIEGEL: "Also dürfen auch wir hinein?" " _____" Antwort: Im Prinzip ja, aber ich muß Sie darauf " _____" aufmerksam machen, daß diese Prozedur fünf Tage dauert. "
Wieso, blieb unklar. Wie der Leiter des jugoslawischen Instituts für Zeitgeschichte, Professor Venceslav Glisic, berichtet, waren schon während Waldheims Präsidentschafts-Wahlkampf Anfang 1986 alle Waldheim betreffenden Dokumente aus den Landesteilen Jugoslawiens zentral nach Belgrad geholt worden. Glisic: _____" Das war einfach notwendig geworden. Die " _____" jugoslawischen Journalisten glaubten, der Waldheim-Fall " _____" wäre so etwas wie Watergate, ein Suchspiel, an dem sich " _____" alle beteiligen können. Anfang 1987 wurde den " _____" jugoslawischen Journalisten von der Regierung untersagt, " _____" sich mit der Untersuchung von Waldheim-Dokumenten zu " _____" beschäftigen. "
Glisic, einer der angesehensten Historiker Jugoslawiens und wegen seines Hangs zur Gründlichkeit nicht jedermanns Freund, will die "Waldheim-Sammlung" im Kriegshistorischen Archiv in Belgrad persönlich gesichtet haben: "Es waren ganze Packen."
Gefunden, so der Historiker, habe er eine ganze Reihe von Dokumenten, "die im Zusammenhang mit Waldheim stehen". Aber es sei nicht eines dabei gewesen, das Waldheim als Kriegsverbrecher belastet.
Auf die Frage nach der vom SPIEGEL veröffentlichten Kopie blieb Glisic dennoch vorsichtig: "Ob es echt ist oder gefälscht, läßt sich meiner Meinung an Hand einer Kopie oder gar einer Veröffentlichung nicht bestimmen."
Diese Meinung teilt auch die Informationsamt-Funktionärin Stojcev: "Dazu braucht man das Original, und das ist bekanntlich nicht aufzufinden."
Seltsam, denn kurz zuvor hatte ein anderer Informations-Funktionär noch erklärt: "Das Originaldokument ist gefunden", eine Fälschung sei ausgeschlossen. Jetzt ging dieser Mann in Deckung. Worüber also brütete die ominöse jugoslawische
Kommission, die schließlich auf Fälschung plädierte?
Auch der angebliche Entdecker des Dokuments, der ehemalige Partisanen-Oberst Dusan Plenca, tauchte in unerreichbare Tiefen ab. Noch am vorletzten Sonntag hatte er in einer mehrstündigen Sendung des Belgrader Fernsehens angekündigt, er werde nicht nur das Original, sondern auch noch ganz andere, Waldheim belastende Dokumente präsentieren: "Heute ist das noch zu früh."
Zwei Tage später, am Dienstag, drohte er gar in einer Presseerklärung, er werde gegen jeden, der den Vorwurf erhebe, bei der dem SPIEGEL überlassenen Kopie handele es sich um eine Fälschung, per Beleidigungsklage vorgehen. Wo das angebliche Original steckt, sagte er noch immer nicht. Am folgenden Tag berief Plencas Chef, der Historiker Antun Miletic, Abteilungsleiter im militärhistorischen Archiv, das dem Verteidigungsministerium untersteht, überstürzt eine Experten-Kommission ein, die nach nur kurzer Beratung zu dem Schluß kam: "höchstwahrscheinlich eine Fälschung".
Und wieder einen Tag später beteuerte er gegenüber der Nachrichtenagentur "Associated Press", er habe das Original nie gesehen, vielmehr die Kopie von einem Kriegskameraden bekommen.
Ganz anderer Meinung war Luka Miceta, Autor der Waldheim-Serie in "Nin": "Es gibt das Original, und Plenca weiß hundertprozentig, wo es zu finden ist oder zumindest war. Er darf aus politischen Gründen nicht reden. Doch die Affäre Waldheim wird in Jugoslawien gelöst, und nirgendwo anders."
Zu dieser Überzeugung war wohl auch das Belgrader Außenministerium gekommen. Der Sprecher des AA, Botschafter Aleksandar Stanic, räumte ein, daß die Kriegsvergangenheit von Waldheim "nicht die alleinige interne Angelegenheit Österreichs" sei.
Die Überzeugungen, das umstrittene Dokument sei entweder gefälscht oder aus politischen Gründen aus dem Verkehr gezogen worden oder beides, halten einander in Belgrad die Waage - balkanisches Verwirrspiel, in dem Waldheim und das Waldheim-Dokument, Nationalheld Tito und die serbisch-kroatische Erbfeindschaft ein schier unentwirrbares Knäuel bilden.
Schon am Tag nach der Veröffentlichung im SPIEGEL waren die Blätter des Belgrader Verlagshauses "Borba" mit ganzseitigen Berichten auf dem Markt, die neben der SPIEGEL-Kopie auch noch ein weiteres Befehls-Telegramm der deutschen Kampfgruppe West-Bosnien (ohne den Namen Waldheim) zeigte. Zweifel an der Echtheit kamen nicht auf.
Autor Kesar von "Vecernje novosti": "Auch wir haben schon viele Kriegs-Dokumente aus der Quelle Plenca veröffentlicht, und nicht eines geriet in Verdacht. Es waren in jedem Fall Kopien, die Originale sind gar nicht zu beschaffen."
So sind Belgrader Historiker und Journalisten auch fast ohne Ausnahme davon überzeugt, daß auf keinen Fall Plenca der Fälscher sei. "Für solche Fälle gibt es Spezialisten, und die sitzen bei uns bei der Geheimpolizei."
Von mehreren Versionen, die in Belgrad gegeben werden, wie das Versteckspiel um die originale Fälschung oder das gefälschte Original gelaufen sein könnte, wird denn auch die folgende für denkbar gehalten:
Ex-Partisan Plenca mit freiem Zutritt zum Kriegshistorischen Archiv, auch zu den "Giftschränken", in denen - wie überall - besonders brisantes Material aufbewahrt wird, stieß vor etwa zwei Jahren auf Waldheim belastende Dokumente und machte sich Photokopien, von denen er eine dem SPIEGEL zukommen ließ.
Die Ferngespräche, die von Hamburg aus mit Plenca in Belgrad geführt wurden, blieben womöglich weder vertraulich noch geheim.
Folge: Als Plenca nach seinen Kontakten mit dem SPIEGEL im Archiv anrückte, um das Original seiner gezogenen Kopie wie versprochen wiederzufinden, war es - immer nach dieser einen Version - nicht mehr vorhanden.
Die Frage, wer ein Interesse hat am Verschwinden von Waldheim-Papieren, wird in Belgrad vergleichsweise offen beantwortet. Schon seit langem tobt in der politischen Führung des Vielvölkerstaates der Richtungskrieg um die Behandlung der Affäre Waldheim, und wie alles in Jugoslawien hat auch dieser Streit etwas mit den nationalen Gegensätzen zu tun (SPIEGEL 6/1988).
Im Kampf um die Vorherrschaft im Vielvölkerstaat ist Waldheim nur ein Vorwand, um den nationalen Gegner zu diskriminieren. Gegen Enthüllungen ist vor allem die kroatische Führung, angeführt vom ehemaligen Außenminister Josip Vrhovec, 62 - einem guten Waldheim-Freund. Auf der anderen Seite stehen die Serben unter ihrem jungen Parteichef Slobodan Milosevic, 46, der mit Waldheim-Enthüllungen hofft, dessen alte Freunde, die Tito-Garde, aufs Altenteil schicken zu können.
Bislang ist nicht abzusehen, wer sich bei diesem Ringen als der Stärkere erweist. Bis das entschieden ist, befürchteten noch vorige Woche Polit-Insider in Belgrad, bleiben auch jene Akten verborgen, die Waldheims Rolle bei den Kriegshandlungen in West-Bosnien beleuchten könnten und die seinerzeit in Belgrad sekretiert wurden.
Professor Manfred Messerschmidt, Mitglied der Historikerkommission, am vorigen Mittwoch: "Das Merkwürdige ist, daß ein ganz bestimmter Dokumentenbestand, nämlich der seiner eigenen Stabsabteilung, verschwunden ist."
Die Rätsel um das mutmaßliche Original und die mutmaßliche Fälschung des SPIEGEL-Dokuments und vielleicht weitere unter Verschluß gehaltene Dokumente dürfte erst gelöst werden, wenn sich das Belgrader Machtgerangel entwirrt.
Historiker Glisic sieht für diesen Gespenster- und Kulissenstreit immerhin eine zarte Morgenröte: "Es gibt in der Politik die wundersamsten Wandlungen."

DER SPIEGEL 7/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JUGOSLAWIEN:
Wundersame Wandlung

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling