30.11.1987

„Weizenfelder werden verdorren“

SPIEGEL-Interview mit dem Klimaforscher Hartmut Graßl *
SPIEGEL: Herr Professor Graßl, im Strahlenschutz der Erde, der atmosphärischen Ozon-Hülle, klafft über der Antarktis ein riesiges Loch das die Wissenschaftler jetzt erstmals gründlich untersucht haben. Signalisieren die Ergebnisse Gefahr für das Weltklima?
GRASSL: Das läßt sich nicht mehr wegdiskutieren. Es ist schon erschreckend, was man da in der Antarktis sieht. Die Schichten der Atmosphäre, die normalerweise das Ozon-Maximum tragen, sind dort vollständig ausgeräumt, da ist fast nichts mehr.
SPIEGEL: Schuld am Ozon-Abbau, sagen die Wissenschaftler, sind vor allem die Chlorfluorkohlenwasserstoffe, die in der Industrie vielfältige Verwendung finden; sie zertrümmern in der Stratosphäre die Ozon-Moleküle. Läßt sich das Tempo der Ozon-Verluste schon abschätzen?
GRASSL: Vorerst nur anhand von Modellrechnungen; danach geht es halt jedes Jahr ein Stückchen weiter nach unten. Umfangreiche Messungen laufen erst seit drei Jahren, daraus läßt sich in einem schwankenden System wie dem Ozon-Haushalt noch kein Trend ablesen. Aber auch wenn im nächsten Jahr die Ozon-Konzentration über der Antarktis ein paar Prozent höher läge, wäre das kein Grund zur Entwarnung. Was zählt, ist die langfristige Entwicklung.
SPIEGEL: Nach Überzeugung der Experten wird der Ozon-Abbau, zusammen mit der steigenden Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre zu einer Erwärmung des Weltklimas führen. Läßt sich für diesen "Treibhauseffekt" inzwischen ein Trend erkennen?
GRASSL: Bei der Temperatur haben wir jetzt einen festgenagelt, der zu den Modellrechnungen einer globalen Klimaerwärmung paßt. Von den bisher verflossenen achtziger Jahren, also 1980 bis 1986, gehören in der nördlichen Hemisphäre vier zu den wärmsten, seit man regelmäßig beobachtet. Das ist schon eine eindrucksvolle Aussage.
SPIEGEL: Wie groß ist der Temperaturanstieg, der dabei registriert wurde?
GRASSL: Das sind nur 0,6 oder 0,7 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt, aber für globale Maßstäbe ist dieser Zuwachs nicht von Pappe. Es könnte, wenn sich dieser Trend fortsetzt, regional zu neuen klimatischen Extremen mit unkalkulierbaren Folgen kommen.
SPIEGEL: Womit rechnen Sie konkret?
GRASSL: Stellen Sie sich beispielsweise vor, Hannover bekäme dieselben Niederschlagswerte, wie Nantes in Frankreich sie heute hat. Wenn man die Extremwert-Statistiken der beiden Städte aus den letzten 100 Jahren vergleicht, zeigt sich: Es kann in Hannover, weil es dort etwas kühler ist, nie so stark regnen wie in Nantes. Würden sich aber die Klimazonen etwas verschieben, könnte es in Hannover zu ähnlich heftigen Niederschlägen kommen - was für diese Region eine Katastrophe wäre, weil Kanäle, Bäche, Flußbetten, Deiche und Brücken für eine solche Flut nicht ausgelegt sind.
SPIEGEL: Soll heißen: Schon eine geringfügige Erwärmung des Weltklimas kann sich, lange vor dem oft beschworenen Klima-Gau, regional verheerend auswirken?
GRASSL: Aber natürlich. Machen wir noch ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, in München ändert sich nichts am Niederschlag, doch im Sommer ist es durchschnittlich ein Grad Celsius wärmer. Was passiert? Es gibt, wie heute, die üblichen Perioden, in denen vier Wochen lang kein Regen fällt. Nun aber werden diese vier Wochen zu einer Dürrekatastrophe, weil, infolge der höheren Temperatur, alle Flüssigkeit im Boden verdunstet. Weizenfelder werden verdorren, Wiesen zur Steppe vertrocknen, alles bei einem Temperaturanstieg von nur einem Grad Celsius.
SPIEGEL: Lassen sich solche Katastrophen für bestimmte Gebiete schon exakt vorhersagen?
GRASSL: Dafür fehlen bisher noch die Voraussetzungen. Zwar existieren Klimameßreihen, aus denen hervorgeht, wie bislang etwa die Dürre-Regionen in Europa verteilt sind; diese Daten muß man auswerten, wenn man einen Klimawandel frühzeitig erkennen will. Aber das macht keiner. Die Wetterdienste sind da überfordert, denen fehlt das Personal dafür.
SPIEGEL: Die Klimaforscher zeigen auch kein Interesse?
GRASSL: Noch vor zehn Jahren war den Wissenschaftlern eine solche Arbeit viel zu stumpfsinnig. Inzwischen ist es eine Frage geworden, die jeden interessiert. Nur, das erfordert Großcomputer.
SPIEGEL: Ziel all dieser Bemühungen ist ein Computer-Modell des Weltklimas. Liefern die bisher entwickelten Modelle schon verläßliche Aussagen?
GRASSL: Durchaus, zumindest was die Größenordnung der zu erwartenden Klimaänderung angeht. Wenn die Belastung der Erdatmosphäre so weitergeht, liegen wir sicher nicht sehr daneben mit der Annahme, daß sich das Weltklima im nächsten Jahrhundert um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius erwärmen wird. Regional gibt es Unwägbarkeiten, in manchen Gegenden könnte es auch kälter werden.
SPIEGEL: Wo liegen die Hauptschwächen der gegenwärtigen Klima-Modelle?
GRASSL: Vor allem in den Wolken - es ist nicht hinreichend klar, ob die Wolken im Prozeß der Klimaerwärmung mehr als Dämpfungsglied wirken oder als Verstärker.
SPIEGEL: Es bleibt aber, trotz vieler Mängel im Detail, bei der düsteren Prognose: Das Weltklima gerät aus den Fugen?
GRASSL: Dieses System ist so komplex, daß wir es nicht so schnell verstehen können, wie die Politiker es gern hätten. Gegenmaßnahmen können nicht erst beschlossen werden, wenn alles zweifelsfrei nachgewiesen ist. Wir schreiben ja auch für jeden Heizungsraum Feuerschutztüren vor, obwohl vielleicht nur jedes 2000. Haus abbrennt.

DER SPIEGEL 49/1987
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